Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

30.07.2022

10:00

Buchrezension

Vom Komiker zum Kriegspräsidenten: Der Weg des Wolodimir Selenski

Von: Tobias Gürtler

Noch vor drei Jahren hatte Wolodimir Selenski keinerlei politische Erfahrung vorzuweisen, jetzt führt er die Ukraine durch den Krieg. Ein neues Buch will nun den „ungeschminkten“ Präsidenten zeigen.

Der ehemalige Komiker ist erst 2019 zum ukrainischen Präsidenten gewählt worden. Nun muss er sich als Staatsoberhaupt im Krieg gegen Russland beweisen. dpa

Wolodimir Selenski

Der ehemalige Komiker ist erst 2019 zum ukrainischen Präsidenten gewählt worden. Nun muss er sich als Staatsoberhaupt im Krieg gegen Russland beweisen.

Düsseldorf Am 24. Februar 2022 um kurz vor 4 Uhr spricht Wolodimir Selenski in eine Kamera des ukrainischen Staatsfernsehens – „nicht als Präsident, sondern als Bürger der Ukraine“, wie er sagt. Hinter ihm eine gelb-blaue Flagge, daneben zeichnen sich verschwommen die Umrisse des ukrainischen Staatsgebiets auf einem Bildschirm ab.

Selenski steht aufrecht, der Anzug sitzt, seine Miene ist starr. „An der Grenze zu Russland stehen heute ihre Truppen, fast 200.000 Soldaten“, sagt er dann. „Wenn wir angegriffen werden, dann werden wir uns zur Wehr setzen. Es könnte einen großen Krieg in Europa geben.“

Als Selenski nur wenige Stunden später erneut vor die Kamera tritt, ist aus dem Konjunktiv Gewissheit geworden. „Heute haben wir 137 Bürger verloren“, muss er jetzt verkünden. Die Krawatte aus der Nacht hat der ukrainische Präsident abgelegt. Es wird sein vorerst letzter Auftritt im Anzug sein.

Seit jener Nacht Ende Februar nämlich, in der Realität wurde, was lange niemand mehr für möglich halten wollte – ein Angriffskrieg mitten in Europa –, tritt der 44-Jährige wahlweise in olivgrünen T-Shirts oder Pullovern auf, trägt schusssichere Weste über der braunen Jacke.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Er, der selbst nie im Militär gedient hat und bis 2019 keinerlei politische Erfahrung hatte, ist derjenige, der die Ukraine in den Kampf mit dem russischen Aggressor führt. Und er, der bis vor drei Jahren hauptberuflich Schauspieler war, weiß nicht nur ganz genau, welcher Worte es dafür bedarf, sondern eben auch, wie er sich dabei optisch am besten in Szene setzt.

    Ein anderer Mensch

    Selenskis gegenwärtige Rolle als Anführer des ukrainischen Volks, als Kriegspräsident und als „aktiver Player in der Weltpolitik, dessen Wort Gewicht hat“, fügt sich geradezu organisch ein in all die anderen Rollen, die der ukrainische Präsident in seinem Leben bis jetzt verkörpert hat. So scheint es dem Leser nach der Lektüre von Sergii Rudenkos „politischer Biografie“ des ukrainischen Präsidenten.

    Und doch sei diesmal alles anders, stellt der Autor fest: Vor dem Krieg habe „ jeder öffentliche Auftritt Selenskis an seine Vergangenheit als Schauspieler“ erinnert. „Die Pausen, die Mimik, die Tonlage seiner Stimme, die Gesten.“ Allem habe „etwas übermäßig Theatralisches und Aufgesetztes“ angehaftet. Mit dem Beginn des Kriegs aber sei all das verschwunden. „Wir haben einen anderen Menschen vor uns. Einen Menschen mit echten Gefühlen. Den ersten Mann der ukrainischen Nation, die Stimme seines vom Krieg bedrohten Volkes in der Welt.“

    Es ist große Bewunderung, die in der ersten veröffentlichten Biografie über Wolodimir Selenski mitschwingt – immer dann, wenn es um das Handeln des ukrainischen Präsidenten während des Krieges geht. „Präsident Selenski nahm Putins Fehdehandschuh würdig auf“, heißt es schon im ersten Kapitel. „Der Mut, mit dem Wolodimir als Oberkommandeur der Streitkräfte dem russischen Angriff die Stirn bietet, hat die Ukrainer und Ukrainerinnen schlicht beeindruckt, unter ihnen zuallererst auch die Gegner des sechsten Präsidenten.“

    Bemerkenswert ist das deshalb, weil es von diesen Gegnern vor Kriegsbeginn nicht wenige in der Ukraine gab. Und weil auch der Autor selbst, Chefredakteur des ukrainischen Informationssenders Espreso.tv, vor Februar 2022 vermutlich vieles war, aber kein Selenski-Fan.

    Sergii Rudenko: Selenskyj. Eine politische Biografie
    Hanser Literaturverlage
    München 2022
    224 Seiten
    24 Euro
    Übersetzung: Beatrix Kersten, Jutta Lindekugel

    Das Buch erschien auf Ukrainisch bereits vor einem Jahr, also weit vor Kriegsbeginn. Für die internationale Fassung, heißt es vom Verlag, habe der Autor das Manuskript bis April 2022 aktualisiert. Wer nun die Passagen, die nach dem Erscheinen der Ursprungsfassung spielen, streicht, bleibt mit einem durchweg schummerigen Blick zurück.

    Mit dem zwiespältigen Eindruck, dass hier jemand an der Macht ist, der Gutes im Sinn hat, sein politisches Handwerk aber weder versteht noch verstehen will. Jemand, der als De-facto-Alleinherrscher der Ukraine vieles verändern wollte, aber kaum etwas veränderte. Und jemand, dessen Partei in den vergangenen Jahren, so alarmistisch formuliert es Rudenko, „zur Titanic mutierte, deren Untergang wohl nur durch den von Russland entfesselten Krieg 2022 verhindert wurde“.

    Das Buch solle „weder moralisieren noch Vorurteile bedienen oder gar manipulieren“, schreibt der Autor im Vorwort. „Mir war es schlicht darum zu tun, den sechsten Präsidenten der Ukraine ungeschminkt zu porträtieren.“ Wie nun also sieht dieser „Selenski ohne Make-up“– so der Titel der ukrainischen Originalausgabe des Buchs – aus?

    Karriere auf der Showbühne

    Er ist zunächst niemand, den noch bis vor wenigen Jahren jemals jemand in einem politischen Amt verortet hätte – so viel bleibt schon einmal festzuhalten. Dass wirklich jedes Kapitel des Buchs, das vor Selenskis Präsidentschaft spielt, einen oder mehrere Sätze beinhaltet, die diesen Umstand verdeutlichen, kommt auf Dauer zwar arg repetitiv daher. Allerdings, so viel ist dem Autor zugutezuhalten: Der Weg des sechsten ukrainischen Präsidenten an die politische Macht ist nun einmal wirklich höchst ungewöhnlich.

    Er beginnt 1978 in der ukrainischen Industriestadt Krywyj Rih. Selenski wird dort, in „einer der schmutzigsten Städte der damaligen UdSSR“, geboren, verbringt mehrere Jahre seiner Kindheit in der Mongolei. Zurück in der Ukraine schließt er die Schule ab. Der Vater, ein Ingenieur, drängt ihn in eine sichere Ausbildung, lehnt ein Stipendium in Israel ab, stellt sich vehement gegen ein geisteswissenschaftliches Studium in Kiew.

    Letztlich studiert Selenski Jura an der Hochschule, an der sein Vater lehrt. Aber nur aus Alibigründen: Schon zu Schulzeiten beschreiben Lehrer Selenski als ein „fleißiges, intelligentes Kind, das es vor allem auf die Bühne zieht“. Tatsächlich wird er nach seinem Abschluss keinen einzigen Tag als Jurist arbeiten– sondern auf die Showbühne drängen.

    Selenskis Karriere im Showgeschäft beginnt im „Klub der Witzigen und Schlagfertigen“, einem im Fernsehen ausgestrahlten Teamwettbewerb mit komödiantischen Einlagen. Später gründet er mit befreundeten Kollegen die Kabarettgruppe Kwartal 95, tourt mit ihr durch Osteuropa, eröffnet mit ihr eine Fernsehproduktionsgesellschaft.

    Die Gruppe ist bekannt für derbe, mitunter vulgäre Witze – nicht wenige davon werden ihm politische Gegner später immer wieder vorhalten. Ein Beispiel, das schon vor Selenskis politischen Ambitionen für einen Eklat in der Ukraine sorgt: 2016 vergleicht Selenski sein Heimatland auf einem Comedyfestival in Lettland mit einer deutschen Pornodarstellerin – beiden gemein sei, scherzt er mit Blick auf den ukrainischen Schuldenstand: „Sie kriegen nie genug und am liebsten von beiden Seiten.“

    Es sei „schon verblüffend, dass jenes Volk, auf dessen Erde so viele der besten Satiriker und Humoristen des 20. Jahrhunderts geboren wurden, jetzt also über einen Selenski lacht“, lautet daraufhin die vernichtende Kritik des bekannten Fernsehjournalisten Witalj Portnikow.

    Allem Skandal zum Trotz: Spätestens ab Mitte der 2010er-Jahre ist Selenski einer der größten Stars des ukrainischen Showgeschäfts. Der große Durchbruch kommt mit der Hauptrolle in der von ihm selbst konzipierten Comedyserie „Diener des Volkes“, die ab 2015 auf dem ukrainischen Fernsehsender 1+1 Rekordquoten einfährt und auch international Erfolg hat. Selenski spielt darin einen grundaufrichtigen Geschichtslehrer, der ganz ohne politische Erfahrung zum Präsidenten der Ukraine gewählt wird und das Land zum Positiven verändert.

    Politischer Außenseiter

    „Als ich zwei Folgen von ‚Diener des Volkes‘ gesehen hatte und von meinem Bekannten gehört habe: ‚So einen Präsidenten sollten wir haben!‘, begriff ich, dass [diese Serie] zu einem Instrument der Machtergreifung wurde“, zitiert Rudenko den Politikanalysten Wiktor Bobyrenko. Hat Selenski, als er „Diener des Volkes“ konzipiert, also bereits im Sinn, dass er das Drehbuch einmal zur Realität machen könnte? Das vermutlich nicht. Zumindest aber hätte das Team um ihn schon damals versucht, „herauszufinden, ob es sich lohnen könnte, in die Politik zu gehen“.

    Bobyrenko prophezeit schon kurz nach der Ausstrahlung der ersten Staffel erstaunlich genau, was nun folgen würde: „Selenski spielt in drei Staffeln von ‚Diener des Volkes‘ mit. Baut eine Partei auf. Sagt, es werde jetzt wie im Film. (...) Und schon haben wir einen neuen Präsidenten.“

    Ganz so einfach wie hier dargestellt ist Selenskis Wechsel vom Showgeschäft in die Politik nicht. Zwar gibt er tatsächlich parallel zur Ausstrahlung der dritten Staffel der Fernsehserie seine Kandidatur als ukrainischer Präsident bekannt. Wirklich an einen Sieg des Außenseiters glauben seinerzeit aber nicht einmal engste Vertraute des Wahlkämpfers. „Lassen wir ihn halt seinen Spaß haben“, so deren Tenor. Der Politiker Roman Besmertnyi nennt die Kandidatur des Schauspielers gar „eine Schande und eine Demütigung für die Nation“.

    Immer vor Ort: Der Präsident der Ukraine besichtigt beschädigte Gebäude in der Region Mykolajiw. dpa

    Wolodimir Selenski

    Immer vor Ort: Der Präsident der Ukraine besichtigt beschädigte Gebäude in der Region Mykolajiw.

    Der Tag, an dem Selenski zum ernst zu nehmenden Rivalen des amtierenden Präsidentin Petro Poroschenko wird, ist der 19. April 2019, an dem sich dieser in Selenskis Arena begibt, ihn ausgerechnet in einer Stadionshow vorführen zu können glaubt. Selenski bringt den Amtsinhaber vor 20.000 Zuschauern in Kiew dazu, vor ihm auf die Knie zu gehen. Mit dem skriptreifen Satz „Ich bin nicht Ihr Gegner, ich bin Ihr Urteil“ setzt er den Schlusspunkt hinter die Debatte. Er wird ihn am 30. April 2019 bis ins Amt des Präsidenten tragen – mit stolzen 73,22 Prozent der Wählerstimmen.

    Allerdings: Das Land hatte „für einen Kandidaten gestimmt und einen ganz anderen Präsidenten bekommen“, zitiert Rudenko einen ehemaligen Mitstreiter des ukrainischen Präsidenten. Seine eigene politische Karriere sei im Grunde mit den gleichen Mängeln behaftet wie die seines Vorgängers, über den er im Wahlkampf noch ein hartes „Urteil“ fällte. Sie sei genauso begleitet von Korruptionsvorwürfen und habe „Freundschaften und Seilschaften mit politischer Macht“ verwoben.

    Tatsächlich wird Selenski, angetreten als „Anti-System-Politiker, der sich anschickte, das System zu zerschlagen“, schnell selbst Teil jenes Systems. Auch deshalb, weil sich dieses nicht so einfach wie gedacht zerschlagen lässt. Seine Entourage, sein sogenanntes Dreamteam, das dem „als politische Persönlichkeit ja noch nicht existierenden“ Selenski während des Wahlkampfs sein „präsidentielles Image verpasst“ hatte, lässt er nach dem Wahlsieg nach und nach gehen. Bis heute ist es eine schier unaufhörliche Personalrochade, die sich rund um den ukrainischen Präsidenten zuträgt.

    Selenskis kurzzeitiger Generalstaatsanwalt Ruslan Rjaboschapka fällt hierzu im Buch ein vernichtendes Urteil: „Ab dem Zeitpunkt, da er sich fest im Sattel wähnte, seine Präsidentschaft nicht mehr als bedroht ansah“, habe der Präsident begonnen, „sich derer zu entledigen, die ihm nicht mehr genehm waren“. Oleksij Hontscharuk, den Selenski als Ministerpräsident ebenfalls vor die Tür setzte, derweil attestiert diesem eine „sehr primitive“ Vorstellung von Wirtschaft und „Nebel im Kopf“.

    Fehlender Zugang

    Hier allerdings wird auch ein großes Problem des Buchs deutlich: Autor Rudenko sprach ausschließlich mit ehemaligen Weggefährten des Präsidenten, die in den allermeisten Fällen nicht allzu viel Positives über ihn zu berichten haben. Der fehlende Zugang zu Selenski selbst oder Quellen, die ihm bis heute nahestehen, ist im Text immer spürbar.

    Spätestens dann, wenn der Autor vorgibt, sich an Selenskis Privatleben heranzupirschen, und dabei nicht mehr vorweisen kann als nichtssagende, ungekürzt wiedergegebene Facebook-Beiträge von Ehefrau Olena, kommt kurzzeitig jeglicher journalistische Anspruch abseits des Boulevardesken abhanden.

    Mehr zum Thema:

    Wenngleich Rudenko die Begründung für sein Versäumnis gleich mitliefert, wenn er über Selenskis ehemalige Pressesprecherin schreibt, sie habe Journalisten ignoriert und Selenski vor der Presse abgeschirmt: Alles in allem kommt der Autor seinem eigenen Anspruch, Selenski „ungeschminkt“ zu zeigen, deshalb nie wirklich nahe. Zu sehr bleiben die Schilderungen an der Oberfläche.

    Zudem – und zumindest dieses Manko ist definitiv nicht dem Autor anzulasten – wird das entscheidende Kapitel von Selenskis „politischer Biografie“ ja gerade erst geschrieben. Das erkennt auch Rudenko im letzten Kapitel seines Buchs an – hält dabei aber unbeirrt an seinem Bild vom „Selenski ohne Make-up“ fest: Der ukrainische Präsident stehe „vor einer gewaltigen Prüfung des Schicksals“, heißt es dort.

    „Er ist es, der Ukrainerinnen und Ukrainer durch diesen Krieg führen muss. Durch ihre Tränen der Verzweiflung, durch die Wut und den Hass auf die Besatzer, mit ihrem Glauben an den Sieg und in ihrer Trauer über die Toten. Nein, das ist nicht, was er im Sinn hatte, als er die Bulawa, das präsidentielle Zepter, entgegennahm. Doch genau diese Prüfung hat uns den wahren Selenski gezeigt. Den ohne Drehbuch und Schminke.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×