Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

23.10.2021

09:59

Preisträger des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises im Interview

Markus Brunnermeier: „Auf die Resilienz der ganzen Gesellschaft kommt es an“

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Der Gewinner des diesjährigen Wirtschaftsbuchpreises erklärt, was sein Ansatz zur aktuellen Krisenbewältigung beiträgt – und wieso er in Sachen Klimawandel optimistisch ist.

Der Ökonom ist Preisträger des diesjährigen Deutschen Wirtschaftsbuchpreises. (c) Uta Wagner

Markus Brunnermeier

Der Ökonom ist Preisträger des diesjährigen Deutschen Wirtschaftsbuchpreises.

Markus Brunnermeier zeigt in seinem Buch, wie Staaten besser mit Krisen umgehen können. Der Ökonom skizziert in „Die resiliente Gesellschaft – Wie wir künftige Krisen besser meistern können“ die Idee eines „resilienten Gesellschaftsvertrags“.

„Man muss gewisse Risiken eingehen, wenn man glaubt, dass dies langfristig zu höherem Wachstum führt“, sagt Brunnermeier. Für die Umweltpolitik bedeute dies, neue Technologien zu erforschen.

„Das wird kosten, klar. Auf der anderen Seite sind bei den Privaten derzeit die Sparraten hoch, die Investitionen aber sehr niedrig. Es gibt also genügend Finanzreserven, die man für wichtige Investitionen und ein neues Ökosystem nutzen kann“, sagt er. „Wir waren doch immer im Henne-Ei-Problem gefangen, wenn es um Zukunftsfelder ging. Nichts geschah. Jetzt können wir gar nicht anders!“

Um die Aufgaben, die der Gesellschaft heute gestellt werden, zu bewältigen, sei es die Covid-19-Pandemie oder der Klimawandel, komme es auf die Resilienz aller an – was er nicht gleichbedeutend mit Robustheit verstanden wissen will. Wichtig sei dabei auch, so Brunnermeier, „dass der Staat die Bürger mitnimmt und kommuniziert – sodass die Gefahren, auf die man verweist, gar nicht erst hochkommen“.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Brunnermeier, geboren in Landshut, lehrt Volkswirtschaft an der Princeton University in den USA. Mit seinen Thesen gewann Markus Brunnermeier den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2021.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Brunnermeier, das Wort Resilienz ist in aller Munde. Was hat Sie motiviert, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
    Ich habe mich seit Langem damit beschäftigt. Ganz einfach, weil manches, was volatiler aussieht, gar nicht so bedrohlich ist – und manches, was stabil wirkt, in Wahrheit ganz viele Risiken birgt. Resilienz bedeutet, bei Krisen flexibel zu sein und schnell zurückzufedern.

    Und die Coronakrise hat Sie bewegt, dieses Buch zu veröffentlichen?
    Die Pandemie ist eine Herausforderung ganz neuen Typs für die Gesellschaft, die grundlegende Fragen aufwirft. Die Überprüfung der Resilienz war jetzt der rote Faden. Im Kern war es mir vorher darum gegangen, die Erkenntnisse der von mir im März 2020 initiierten „Princeton Webinar Series“ mit führenden Wissenschaftlern und Ökonomen festzuhalten.

    Die Pandemie stellte auf einmal jeden Einzelnen vor die Frage, wie er resilienter werden kann, etwa durch Impfungen.
    Individuen können sehr resilient sein, was auch sehr wichtig ist. Aber als Antwort auf Krisen wie Covid-19 zählt die Resilienz der ganzen Gesellschaft, was die Interaktion zwischen den Leuten ins Zentrum stellt.

    Inwiefern trägt Ihr Ansatz dazu bei, aktuelle Krisen besser zu verstehen?
    Vor der Finanzkrise 2008 schien die Wirtschaft in gutem Zustand zu sein. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Typischerweise ist die Wirtschaft bei einer Finanzkrise nicht sehr resilient. Nach dem Einbruch dauert es lange, zum alten Zustand zurückzufinden. Anders ist es, wenn die Zentralbank mit einer restriktiven Zinspolitik gegen eine Überhitzung kämpft – dann bessern sich nach einer kurzfristigen Rezession die Zustände wieder.

    Und wie ordnen Sie hier die Covid-19-Krise ein, die anderthalb Jahre lang die Weltwirtschaft beeinträchtigt hat?
    Es gab hier, anders als bei der Finanzkrise, keine große Blase, die es zu korrigieren galt. Nach einem solchen Schock wie dem Ausbruch eines Virus erholt man sich relativ schnell wieder. Und die Politik konnte die alten Instrumente aus der Zeit nach 2008 entstauben und wieder benutzen. Die amerikanische Notenbank hat 2020 durch den massiven Ankauf von Wertpapieren einen tiefen Crash verhindert. Und vor allem hat diesmal die Fiskalpolitik mit Milliardenprogrammen viel schneller und nachhaltiger gehandelt. Corona war ja auch nicht die Schuld von irgendjemanden. Die Bereitschaft, auszuhelfen und aggressiv heranzugehen, war da größer.

    Brunnermeiers Werk stach für die Jury aus den bisherigen Corona-Analysen heraus. (c) Uta Wagner

    Markus K. Brunnermeier und Hans-Jürgen Jakobs

    Brunnermeiers Werk stach für die Jury aus den bisherigen Corona-Analysen heraus.

    Von rascher Gesundung kann man bei der westlichen Wirtschaft nach dem Finanzcrash nicht reden. Wir haben uns mit Nullzinsen, ja sogar Minuszinsen, sozusagen dauerhaft im Provisorium eingerichtet – das „neue Normalität“ heißt.
    Ja, deswegen ist es müßig, von der Geldpolitik mehr Resilienz zu erfordern. Der Spielraum ist nicht mehr da. Den hat jetzt die Fiskalpolitik, bei so niedrigen Zinsen ist der Schuldendienst ja auch sehr günstig zu bedienen. Niedrigzinsen können allerdings kein Dauerzustand sein. Wenn sich Schulden weiter aufbauen, wächst die Gefahr, dass die Zinsen irgendwann steigen – und es dann zu Verwerfungen kommt. In den Schwellenländern sehe ich da eine Gefahr.

    Und in Europa und Deutschland?
    Wir hatten nach der Euro-Krise glücklicherweise Reserven aufgebaut. Jetzt müsste die Politik versuchen, die Schulden zurückzufahren und neue Reserven für den nächsten Schock zu schaffen. Nur dann ist man resilienter.

    Wie soll eine um Resilienz bemühte Gesellschaft solche Kapitalpuffer aufbauen, wenn sie gleichzeitig mit mehreren gigantischen Herausforderungen konfrontiert ist: Klimakatastrophe, digitale Disruption, Wirtschaftskriege, Inflationsgefahr? Da wird der Staat nicht sparen, sondern investieren müssen.
    Man muss gewisse Risiken eingehen, wenn man glaubt, dass dies langfristig zu höherem Wachstum führt. Für die Umweltpolitik bedeutet dies, neue Technologien zu erforschen. Das wird kosten, klar. Auf der anderen Seite sind bei den Privaten derzeit die Sparraten hoch, die Investitionen aber sehr niedrig. Es gibt also genügend Finanzreserven, die man für wichtige Investitionen und ein neues Ökosystem nutzen kann. Wir waren doch immer im Henne-Ei-Problem gefangen, wenn es um Zukunftsfelder ging. Nichts geschah. Jetzt können wir gar nicht anders!

    Sie sind zuversichtlich, was die gesellschaftliche Resilienz in Sachen Klima angeht?
    Ja, ich bin da optimistisch. Konsum zu drosseln und Wachstum abzuwürgen würde der Umwelt übrigens nicht helfen. Im Lockdown ist der CO2-Ausstoß nur um 5,8 Prozent gesunken. Sehen Sie: Aus manchen Risiken kommt man leicht wieder heraus, andere sind wie eine Falle. Einige wiederum können zu Kipppunkten führen, von denen aus sich die Zustände grundsätzlich wandeln – zum Beispiel, wenn sich der Golfstrom abschwächen würde.

    Mehr zum Wirtschaftsbuchpreis 2021:

    Die Pandemie hat vielen die Abhängigkeit von Lieferanten in Ländern wie China vorgeführt. Auch jetzt fehlen überall im Westen Rohstoffe und Vorprodukte. Bedeutet mehr Resilienz künftig weniger Globalisierung?
    Der neuen Lage kann man mit „Re-Shoring“ begegnen, also mit dem Plan, operative Geschäfte wieder zurückzuholen. Der geeignetere Ansatz ist „Multi-Sourcing“: Dabei organisiert man sich die Stoffe und Produkte von mehreren Firmen in unterschiedlichen Kontinenten. In der Praxis machen Firmen beides, für die globale Resilienz wäre „Multi-Sourcing“ besser. Wir wollen ja auch, dass Schwellenländer weniger CO2 emittieren – dann muss dort eben investiert werden.

    Voraussetzung ist jedoch, dass wichtige Rohstoffe international überhaupt zur Verfügung stehen – und nicht, wie aktuell, von einer angehenden Weltmacht wie China strategisch verknappt werden. Dann ist es mit der Resilienz schnell vorbei.
    Kurzfristig ist das ein Problem. Langfristig werden die Ingenieure neue Technologien erfinden, sodass diese Rohstoffe nicht mehr gebraucht werden. Man sieht das in der Batterie-Technologie. Da arbeiten viele daran, Rohstoffe, die China monopolisiert hat, zu ersetzen. Das kann natürlich bis zu 20 Jahre dauern. Im Umfeld müssten die Staaten geostrategisch korrigieren. Es geht nicht, dass der eine „America first“ sagt, der andere „China first“ und der Nächste „Europe first“. Zu befürchten ist aber, dass es genauso kommt. Europa muss sich positionieren und moderierend einwirken.

    In Ihrem Buch zitieren Sie die Fabel von Jean de La Fontaine, wonach das Schilfrohr im Sturm flexibler sei als die alte Eiche, die birst…
    …das ist der mir sehr wichtige Unterschied zwischen Resilienz und Robustheit.

    Aber was bedeutet das für Staatsformen? Ist eine Autokratie wie China mit langfristiger Planung der Weltherrschaft auf einmal Demokratien überlegen, in denen die Konzepte mit den Regierungs- und Wirtschaftschefs alle paar Jahre wechseln?
    Das glaube ich nicht. Autoritäre Staaten stehen nach außen gut da, aber wenn dann der Nachfolger des allmächtigen Führers kommt, kippen sie erst einmal um. Autoritäre Staaten sind anfällig gegenüber Fehlern von übermächtigen Staatslenkern. Man denke nur an Maos Kulturrevolution, die viel Hunger und Armut mit sich brachte. Demokratien sind da viel resilienter.

    Was war für Sie während der Arbeit an dem Buch die überraschendste Erkenntnis?
    Am weitreichendsten sind die Empfehlungen für einen Gesellschaftsvertrag, der Resilienz sichert – in der Abgrenzung zu Robustheit und Risikobereitschaft. Wichtig ist, dass der Staat die Bürger mitnimmt und kommuniziert – sodass die Gefahren, auf die man verweist, gar nicht erst hochkommen.

    Wie müsste sich das politische System in dieser Hinsicht ändern?
    Jede Krise lässt sich nicht abschätzen. Der Staat braucht ein gutes Monitoringsystem und flexible Instrumente. Das Gute dabei: Eine resiliente Strategie ist einfacher zu kommunizieren als eine Krisenvermeidungsstrategie. Ein guter Resilienzmanager steht immer als Held da, ein Krisenbewältiger dagegen kämpft mit der Akzeptanz, da er den Menschen viel abverlangt. Es ist auch wichtig, wer in den Medien als Vorbild erscheint: ein innovativer Typ wie Elon Musk oder ein prinzipientreuer CEO, der partout an seinen Strategien festhält? Flexibilität, Agilität ist das Wichtigste. Das beginnt in der Schulausbildung. Unternehmerisches Denken hilft.

    Wer hat denn den höheren Resilienzgrad: die USA, in denen Sie arbeiten, oder Deutschland, wo sie geboren sind?
    Die Amerikaner reagieren am Anfang einer Krise oft schwach. So war es auch in der Pandemie. Dann aber kommen sie zurück wie ein Stehaufmännchen. Die Mentalität hier ist so, dass man bankrottgehen kann und danach umso stärker sein Comeback hat. Wer hingegen in Deutschland scheitert, ist stigmatisiert.

    Markus Brunnermeier: Die resiliente Gesellschaft. Wie wir künftige Krisen besser meistern können.
    Aufbau Verlag
    Berlin 2021
    336 Seiten
    24 Euro

    Die größte wirtschaftspolitische Gefahr sind aktuell die auf breiter Front steigenden Preise. Wie fällt da Ihr Rat aus?
    Die Inflation ist da, und es scheint so, als würde sie sich verfestigen. Europa muss sich entscheiden, ob es der amerikanischen expansiven Geldpolitik weiter folgt. Ich halte es da lieber mit der Deutschen Bundesbank. Sie hat sich bewusst in den 1970er-Jahren dafür entscheiden, nicht die Rezepte der USA zu kopieren, sondern auf Stabilität zu setzen. Die Europäische Zentralbank müsste ihr folgen. Wird sie aber am Ende auch so handeln? Europa hat den Vorteil, rund vier Monate hinter der Entwicklung in den USA zu liegen. Man sieht leicht, was auf die Wirtschaft zukommt, und kann besser reagieren.

    Zur Resilienz der Menschen in der Zukunft eröffnen Sie am Schluss Ihres Buches eine erstaunliche Vision. Da optimieren sich die Menschen auf einmal in einer neuen Roboterwelt mit Chips, die in den Schädel implantiert werden.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass Maschinen immer intelligenter werden und wir Menschen in 20, 30 Jahren Chips im Kopf haben, um mit ihnen mitzuhalten. Wenn Sie so wollen, ist das Smartphone in der Hand auch schon eine Erweiterung des Gehirns. Diese Funktionen werden dann einfach integriert.

    Für manche ist das eine Horrorvision. Die ethischen Grundlagen hierfür fehlen.
    Angenommen, einige Länder werden diese Technik einsetzen. Dann stellt sich für Europa sofort die Frage: Machen wir das auch? Oder erleiden wir Nachteile bei Produktivität, Wachstum und Wettbewerb? Diese Debatte muss jede Gesellschaft führen. Das gilt auch für Maßnahmen des Geoengineerings, wenn einzelne Länder die Sonneneinstrahlung so manipulieren könnten, dass weniger CO2 anfällt. Wir werden künftig eher mehr internationale Kooperation brauchen als weniger. Aber es gilt auch: Man sollte der Zukunft zugewandt sein, sonst verliert man sie.

    Herr Brunnermeier, vielen Dank für das Interview.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×