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18.09.2022

08:45

Rezension

20 Jahre Euro: vom Papier zu digitalem Cash

Von: Frank Wiebe

Die Bundesbank feiert das europäische Bargeld mit einem Sammelband, der einige überraschende Perspektiven mit sich bringt.

Die Befürchtung, dass Kryptowährungen den Euro verdrängen könnten, ist groß. Doch im Buch „20 Jahre Euro“ eröffnen die Autoren positive Perspektiven.

Bitcoin und Euro

Die Befürchtung, dass Kryptowährungen den Euro verdrängen könnten, ist groß. Doch im Buch „20 Jahre Euro“ eröffnen die Autoren positive Perspektiven.

Frankfurt Mehr als 30 zum Teil prominente Autoren, mehr als 500 Seiten, ein weit gespanntes Themenspektrum von technischen Fragen der Bargeldbearbeitung bis zu Bitcoins und Stablecoins: Die Bundesbank hat ein gewaltiges Buch herausgebracht, um „20 Jahre Euro“, wie der Titel lautet, zu feiern. Genauer gesagt: 20 Jahre Euro-Bargeld, die Einheitswährung hatte ja zuvor schon drei Jahre als Buchgeld existiert.

Herausgeber Johannes Beermann, im Vorstand der Bundesbank fürs Bare zuständig, schreibt im Vorwort: „Euro-Bargeld ist mittlerweile zu einem greifbaren Symbol von wirtschaftlicher Integration und Stabilität gereift und neben dem US-Dollar ein weltweit bedeutendes Zahlungsmittel.“

Um Bargeld geht es auch in erster Linie in dem Sammelband. Auf den ersten Blick wirkt das rückwärtsgewandt angesichts der Tatsache, dass zum Beispiel in London Menschen leben, die gar nicht mehr wissen, wie die heimischen Münzen und Scheine aussehen, weil sie sie nie benutzen; Schweden ist ein weiteres Beispiel für eine weitgehend bargeldlose Gesellschaft. In der Tat gehen viele Beiträge auch mindestens so sehr zurück in die Vergangenheit wie in die „Zukunft unseres Geldes“, wie der Untertitel verspricht.

Auf der anderen Seite behandeln einige Beiträge sehr ausführlich die Digitale Zentralbank, auch unter dem Kürzel CBDC (Central Bank Digital Currency) bekannt. Dieses Geld ist außer auf den Bahamas fast überall noch in der Konzeptions- oder zum Beispiel in China schon in der Pilotprojektphase.

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    Es gilt aber als eine Art elektronisches Bargeld, für das ähnlich wie bei Scheinen unmittelbar die Notenbank haftet. Interessant ist in dem Zusammenhang ein recht detaillierter Beitrag des chinesischen Zentralbankers Fan Yifei über CBDC in China.

    Insofern reicht der Fokus auf Bares also von den lydischen Münzen im sechsten Jahrhundert vor Christus bis zu den Plänen für künftiges Zentralbankgeld. Der US-Volkswirtschaftler Barry Eichengreen liefert eine knappe Geschichte von der Erfindung des Bargelds bis hin zu verschiedenen Varianten von Kryptowährungen.

    Johannes Beermann: 20 Jahre Euro. Zur Zukunft unserers Geldes.(Hrsg.)
    Siedler Verlag
    München 2022
    526 Seiten
    32,00 Euro

    Dabei kommt er zu dem Schluss: „Die Zukunft des Papiergeldes mag ungewiss sein, aber die Rolle des Staates und der Zentralbank bei der Regulierung des Zahlungsverkehrs ist es nicht.“ Von den Träumen der Bitcoin-Anhänger, diese Institutionen überflüssig zu machen, hält er also nichts.

    Zu den Autoren gehören viele Persönlichkeiten der älteren Generation wie Otmar Issing, Theo Waigel, Hans Eichel , Hans Jürgen Papier oder Peter Sloterdijk. Frauen sind in der Minderheit. Die Auswahl der Beiträge bietet eine bunte Mischung. Etliche Kapitel aus Ländern in allen Weltteilen präsentieren eher fachliche Details zur Verbreitung und Verarbeitung von Bargeld.

    Dabei sind offenbar drei Trends weit verbreitet: Es wird immer weniger mit Bargeld bezahlt, das macht dessen Nutzung tendenziell unwirtschaftlich, außerdem steigt häufig der Umlauf von Scheinen trotzdem noch, weil sie im jeweiligen Ausland verwendet oder einfach zur Wertaufbewahrung genutzt werden.

    Zur Sprache kommen aber auch psychologische, philosophische und soziologische Sichtweisen aufs Bargeld. Die Psychologin Julia Pitters etwa mahnt: „Da das Konstrukt des Bargelds von Menschen und für Menschen erfunden wurde, dürfen rein ökonomische oder technische Argumente die menschlichen Bedürfnisse in diesem Zusammenhang nicht überlagern.“

    Mit Verweis auf die Währungsreform 1948 und das „Begrüßungsgeld“ für DDR-Bürger 1989 hebt sie den „Symbolcharakter gemeinsamer Erinnerungen“ des Bargelds hervor. Und sie verweist auf den „Aspekt der Inklusion“. Niemand sei bei diesem Zahlungsmittel aufgrund seines Status, seiner Kreditwürdigkeit, Sprache oder digitalen Kompetenzen ausgegrenzt. Eine gute Pointe, weil Bitcoin und andere Kryptowährungen häufig auch als Mittel zur finanziellen Inklusion angepriesen werden.

    Mehr zum Thema Euro:

    Der Philosoph Peter Sloterdijk glänzt wie gewohnt vor allem durch süffisante Formulierungen. Er verspricht zunächst, die „Innenansichten eines Portemonnaies“ zu präsentieren, spricht vom „Menschen als zweibeinigem und zweiarmigem Aufrechtläufer“ und von „Kleidung als Fortsetzung der epidermischen Wärmeregulierung“, um irgendwann zum Thema zu kommen.

    Am Ende wird dann deutlich, dass er sich wegen steigender Staatsschulden und der möglichen Ausnutzung Deutschlands durch andere Länder sorgt: „Man bekommt es daher – zumal innerhalb der Europäischen Union – vor allem mit Ländern zu tun, die mit ihrer akuten Neigung zum Bankrott die solventeren Partner via Entgegenkommen der Zentralbank zu Hilfeleistungen im eigenen Interesse nötigen.“

    Als solide, empirisch gestützte Arbeit kommt dagegen eine Studie der Soziologin Viviana A. Zelizer über die Zahlungsgewohnheiten während der Pandemie daher. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass in dieser Zeit die Bereitschaft zu spenden deutlich zugenommen hat.

    Zum Teil nehmen Autoren das Stichwort „Geld“ auch zum Anlass, über ganz andere, aber damit verwandte Themen zu schreiben. Ifo-Chef Clemens Fuest etwa plädiert für einen pragmatischen, aber zugleich auf Grundsätzen basierenden Umgang mit den Staatsschulden im Euro-Raum.

    Er sieht die vertraglich vereinbarten Kennzahlen zur Verschuldung nicht als straffe und vor allem auch nicht als durchsetzbare Regeln, wie sich auch bei Verletzungen durch Deutschland gezeigt habe. Aus seiner Sicht sind sie aber wichtige Diskussionspunkte für mögliche politische Hilfen für einzelne Länder und tragen so indirekt über die Reaktionen der Kapitalmärkte zur Stabilität bei

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