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12.11.2022

10:27

Rezension

Aufstieg und Schattenseiten der Erfolgsmaschine Youtube

Von: Stephan Scheuer

PremiumInnerhalb von 17 Jahren hat sich Youtube vom Portal mit Katzenvideos zu einem der mächtigsten Medienunternehmen der Welt gewandelt. Ein Buch liefert Hintergründe.

Die Plattform erzielte im vergangenen Jahr mehr als 28 Milliarden Dollar an Werbeeinnahmen. REUTERS

Youtube

Die Plattform erzielte im vergangenen Jahr mehr als 28 Milliarden Dollar an Werbeeinnahmen.

San Francisco Das Videoportal Youtube hat global verändert, wie Bewegtbild wahrgenommen wird. Die Plattform steht für das Versprechen, dass jeder ein Milliardenpublikum erreichen kann. Das Kinderlied „Babyshark“ allein hat mehr als elf Milliarden Aufrufe generiert.

Vom Silicon Valley aus formte ein kleines Team um die drei Gründer Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim ein globales Medienimperium. Ein wichtiger Grund: Im Gegensatz zu vielen anderen Portalen beteiligte Youtube schon kurz nach der Gründung 2005 die Videoersteller an den Werbeeinnahmen. Allein für das vergangene Jahr wies die Plattform gewaltige 28 Milliarden Dollar an Werbeerlösen aus.

Der Journalist Mark Bergen zeichnet in seinem Buch „Youtube. Die globale Supermacht“ (englischer Originaltitel: „Like, Comment, Subscribe“) den Aufstieg von Youtube nach. Er beschreibt die Anfänge in einem von Ratten verseuchten Büro, den 1,65 Milliarden Dollar teuren Verkauf an Google ein Jahr nach der Gründung bis zur heutigen Größe. Jede Minute werden mehr als 500 Stunden an Videomaterial auf Youtube hochgeladen.

Der Journalist von der Nachrichtenagentur Bloomberg beschreibt in seinem Buch auch, wie stark Youtube das Internet prägt. „Kein Unternehmen hat mehr dazu beigetragen, die Online-Aufmerksamkeitsökonomie zu schaffen, in der wir heute alle leben“, schreibt Bergen.

Der Algorithmus der Plattform füttert die Zuschauerschaft mit immer neuen Vorschlägen, um sie so lange wie möglich an die Plattform zu binden. Diese Aufmerksamkeit verwandelt Youtube in Geld.

Youtube als Profitmaschine

Auch in Deutschland ist Youtube sehr beliebt. Im vergangenen Jahr brachte es das Portal auf 48 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, in diesem Jahr sollen es bereits 52 Millionen sein, wie aus Berechnungen des Statistikportals Statista hervorgeht.

Für den Google-Konzern Alphabet war Youtube über Jahre eine Profitmaschine. Der Betrieb der Server war effizient. Gleichzeitig schaltete sich die Konzernmutter kaum in die Inhalte auf der Plattform ein.

Das hat sich geändert. Durch die Verbreitung von Hass, Gewalt und Verschwörungstheorien steht Youtube heute für die Schattenseiten der Internetportale. Die gemeinnützige Mozilla-Stiftung wertete für eine Studie Daten von 22.722 Nutzerinnen und Nutzern der Plattform aus. Dabei kam heraus, dass sich unerwünschte Inhalte kaum fernhalten lassen.

Selbst wenn Nutzer aktiv Videos wie Hassrede, Kriegsszenen oder Verkehrsunfälle als „unerwünscht“ markierten, wurden ihnen weiter viele vergleichbare Videos angezeigt. Mozilla vermutet, dass Youtube bewusst seinen Algorithmus auf maximale Aufmerksamkeitsdauer auslegt – egal, was sich die Nutzerschaft wünscht.

Grafik

Die Recherchen von Bergen gehen in eine ähnliche Richtung. Er zeigt, wie Youtube an dem umstrittenen Star Felix Kjellberg festhält, als dieser antisemitische und rassistische Aussagen tätigt.

Bergen stellt dem die Einnahmen von Kjellberg über seinen Youtube-Kanal PewDiePie entgegen. Allein in der Zeit von 2012 bis 2019 habe Kjellberg rund 38,8 Millionen Dollar mit Werbung verdient und Youtube 23 Millionen.

Die Situation wurde jedoch noch dramatischer. Im März 2019 erlebte Neuseeland den schlimmsten Terroranschlag in seiner Geschichte. Ein bewaffneter Mann erschoss 51 Menschen und streamte seine Tat live – zunächst auf Facebook. Anschließend tauchten auch Kopien auf Youtube auf. Während der Morde sagte der Mann: „Denkt daran, den Kanal PewDiePie zu abonnieren.“

Mark Bergen: YouTube Die globale Supermacht
Droemer Knaur Verlag
München 2022
544 Seiten
24,00 Euro

In einer Analyse kam Neuseelands Regierung später zu dem Schluss, dass Youtube eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung des Angreifers gespielt hatte. Bei den Verhören habe der Täter ausgesagt, dass Youtube eine wichtige „Inspiration“ für ihn gewesen sei.

Als auch in den USA der Druck auf Youtube gestiegen sei, habe die langjährige Chefin Susan Wojcicki reagiert und strengere Regeln für die Plattform erlassen, schreibt Bergen. Ihr sei es auch zu verdanken, dass Youtube nicht ähnlich negativ wahrgenommen werde wie Facebook.

Wojcicki wird auch immer wieder als aussichtsreiche Kandidatin für den Chefposten beim Google-Mutterkonzern Alphabet gehandelt. Dennoch fällt Bergen letztlich ein ernüchterndes Urteil über die Spitzenmanagerin: „Nur wenige im Silicon Valley oder in Hollywood würden Wojcicki als Visionärin bezeichnen oder das heutige Youtube als Brutstätte der Innovation.“

Sie steuere das Portal zwar sei acht Jahren sicher. Youtube stehe unter ihr aber weder für Innovation noch für Transparenz. Das liege vielleicht auch daran, dass ihre Macht begrenzt sei, vermutet Bergen. „Selbst wenn sie wollte, könnte Wojcicki das Unternehmen wahrscheinlich nicht vollständig in eine bestimmte Richtung lenken.“ Youtube habe letztlich ein Eigenleben entwickelt.

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