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01.05.2022

08:31

Rezension – „Enkelfähig Wirtschaften“

Deutsche Familienunternehmen – eine bedrohte Spezies?

Von: Anja Müller

Mittelständische Unternehmen halten die Wirtschaft am Laufen – aber die Probleme scheinen größer denn je. Das Buch „Enkelfähig Wirtschaften“ ist ein wichtiges Plädoyer.

Mittelständisches Unternehmen imago/Andreas Prost

Maschinenbau

Familienunternehmen stellen rund 95 Prozent aller deutschen Unternehmen. Deshalb brauchen sie mehr Aufmerksamkeit, fordern die Autoren von „Enkelfähig Wirtschaften“.

Düsseldorf Wir sind stolz auf Goethe, Schiller, Porsche, Mercedes und die Familienunternehmen!“ Mit diesem Satz wollen Tom Rüsen, Fabian Kienbaum und Arndt Kirchhoff mit der Autorin Viktoria Steiner vor allem eines erreichen: dass Familienunternehmen als Wesenskern der deutschen Wirtschaft den Stellenwert bekommen, der ihnen zusteht.

Als Teil der Kultur, der Gesellschaft, des Erfolgs. In Festreden zwar oft betont, aber in diesem Kontext noch einmal wichtig: Die deutschen Familienunternehmen beschäftigen knapp 60 Prozent der Arbeitnehmer, sorgen für mehr als 50 Prozent des gesamten Umsatzes hierzulande – und ja sie stellen rund 95 Prozent aller deutschen Unternehmen.

Und selbst wenn es in ihrem Buch nur sehr zwischen den Zeilen durchdringt: Diese Spezies ist bedroht – und das, obwohl sehr viele von ihnen schon seit vielen Generationen wirtschaften. Im Durchschnitt sind Familienunternehmen 108 Jahre alt. Das heißt: Der Durchschnitt hat bereits zwei Weltkriege überstanden.

Das ist wichtig zu erwähnen, wenn nach 77 Jahren wieder Krieg in Europa herrscht. Den industriellen Familienunternehmen hat Deutschland viel zu verdanken, doch es wird zu wenig gewürdigt, finden die Autoren. Auch das bedroht die Spezies. Was nicht im kollektiven Gedächtnis ist, kann auch nicht wichtig sein.

Damit rennen sie natürlich bei den Familienunternehmern offene Türen ein, aber die wollen sie mit ihrem Buch gar nicht ansprechen. Es geht vielmehr darum, die Sensibilität in der Gesellschaft des Landes der Dichter und Denker für Familienunternehmen zu erhöhen, ja, und auch stolz auf sie zu sein.

Mittelständige Unternehmen vernachlässigt

Was im Ausland auch gern als „German Mittelstand“ bewundert wird, wird in Politik und Öffentlichkeit gern vernachlässigt. So erinnern die Autoren zum Beispiel daran, wie der damalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier mal eben in seiner Industriestrategie die mittelständischen Familienunternehmen vergessen hatte.

Tom A. Rüsen, Fabian Kienbaum, Arndt G. Kirchhoff, Victoria Steiner: Enkelfähig wirtschaften.
Hanser Verlag
München 2022
184 Seiten
20 Euro

Und tatsächlich könnten auch Schüler, Studenten, Lehrer das Buch gut verstehen. Es richte sich, sagt Tom Rüsen, Direktor am Wittener Institut für Familienunternehmen, an all die Menschen, die nur die bösen Patriarchen und die nichtsnutzigen Erben aus den Krimis oder Vorabendserien kennen, oder diejenigen, die sich über Familienzwiste in Unternehmerfamilien herrlich unterhalten lassen. „Ja, und auch gern an den Arzt im Rotary Club, an Betriebsräte, neue Führungskräfte, Politiker in der Heimat und in Berlin“, ergänzt Rüsen.

Es ist richtig, dass überall Nachholbedarf darin besteht, zu verstehen, was die deutschen Familienunternehmen ausmacht, und um besser zu verstehen, wo sie umsteuern müssen. Mit sehr leichter Feder hat Viktoria Steiner es vermocht, ein Buch zu verfassen, das man in zwei Stunden durchlesen kann.

Den Kenner wird es allerdings kaum schlauer machen, und, das ist das Problem des Buches, es wird womöglich all diese wichtigen potenziellen Leser – von der Schülerin bis zum Arzt – nicht erreichen. Sie brauchen es noch einfacher, noch sachlicher, noch unterhaltsamer, noch kürzer.

Dabei haben die Autoren viel zu sagen. Sie analysieren sehr treffend und leicht verständlich aus der Innen- und Vogelperspektive, dass, wer verstehen will, wie die deutsche Wirtschaft tickt, wissen muss, was Familienunternehmen tun. Und was sie bislang (leider) gelassen haben.

Mittelständisches Unternehmen dpa

Metallverarbeitung

Mittelständische Unternehmen sind durch den Ukrainekrieg gefährdet. Besonders die hohen Energiekosten machen vielen zu schaffen.

Denn bereits ohne den Angriffskrieg Putins in der Ukraine wussten die Autoren, von wo die Disruptionen auch nach einem Krieg noch weiter drohen: aus den Familien, durch Digitalisierung, Diversität und Nachhaltigkeit.
Moment! Heißt „Enkelfähig wirtschaften“ nicht auch, nachhaltig zu sein? Ja und nein. In dem Buch wird klar, dass die Familienunternehmen ihre eigene Nachhaltigkeit schon immer im Blick hatten, aber eben nicht genug die ihrer Umgebung.

Es ist auch wichtig zu verstehen, was die deutschen Familienunternehmen von denen anderer Länder unterscheidet. Sie sind hierzulande größer, industrieller, internationaler, und – das muss man wissen – viele produzieren noch in Deutschland, auch wenn es anderswo günstiger wäre.

Durch die nun enorm gestiegenen Energiepreise geraten die Familienunternehmen gerade jedoch in große Probleme. Sie sind alles andere als sogenannte Kapitalistenschweine, belassen Gewinne in den Unternehmen, um in Krisenzeiten handlungsfähig zu sein.

Gerade jetzt, in Zeiten des Krieges, wird es ihnen helfen zu überleben. Wie das Handelsblatt vor einigen Wochen schrieb: Der Krieg bedroht das Geschäftsmodell Deutschlands, ergo das Geschäftsmodell der Familienunternehmen.

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Die Autorin hat aus vier Zoom-Meetings mit den drei Herren ein leicht zu lesendes Buch gemacht, das nach einer Fortsetzung schreit. Nach der Lektüre ist der wirtschaftsinteressierte wohlwollende Leser bestätigt worden, aber nur wenig schlauer geworden. Dennoch macht das Buch Appetit auf mehr – mehr Tiefgang, zwar genauso gut lesbar, aber eben auch mehr Zielgruppe und mehr Zukunft.

Es ist das absolute Verdienst der Autoren, den richtigen Moment erwischt zu haben, in dem die Spezies Familienunternehmen wirklich bedroht ist und zugleich beweisen kann, dass vor allem sie es ist, die mit Knappheiten umgehen kann, eben weil sie langsamer auf Trends, aber sehr schnell auf Krisen reagiert.

Die geneigten Leser müssen die Autoren davon nicht überzeugen, sondern alle anderen.

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