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12.06.2022

08:00

Rezension

Erkennungsmerkmal weiße Sneaker: Wie die neue Politiker-Generation tickt

Von: Teresa Stiens

Die Politiker der Generation X sind anders als ihre Vorgänger. Was sie außer ihrem Schuhwerk noch unterscheidet – und was sie verbindet –, stellt Anna Sauerbrey in ihrem Buch vor.

Der SPD-Generalsekretär gehört zur neuen Generation der Politiker – laut ihm erkennbar an den Sneakern. Was die Generation noch ausmacht, stellt Anna Sauerbrey in ihrem Buch vor. imago images/Political-Moments

Kevin Kühnert

Der SPD-Generalsekretär gehört zur neuen Generation der Politiker – laut ihm erkennbar an den Sneakern. Was die Generation noch ausmacht, stellt Anna Sauerbrey in ihrem Buch vor.

Wer sind die Leute, die unser Land regieren? Wie unterscheidet sich die Generation der Baerbocks, Lindners und Habecks von ihren Vorgängern? Die Journalistin Anna Sauerbrey widmet sich in ihrem Buch „Machtwechsel“ genau diesen Fragen und bekommt dabei beeindruckend nahe Porträts des politischen Führungsteams in Berlin zu Papier.

Sie erzählt von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, der mit seinen zerrissenen Jeans seine türkischstämmigen Eltern zur Weißglut trieb, die hart arbeiteten, um ihren Kindern vernünftige Kleidung kaufen zu können. Sie lässt Carsten Schneider, den Ostbeauftragten der Bundesregierung, erzählen, wie er als Teenager nach der Wende ohne seine Eltern allein in Erfurt zurückblieb, weil er die Mutter ins westdeutsche Kassel nicht begleiten wollte. Und sie schließt mit Robert Habeck und dem „Schweinswalfrieden von Eckernförde“, bei dem der heutige Bundeswirtschaftsminister einen Kompromiss zwischen Fischern und Tierschützern aushandeln konnte.

Das Besondere daran ist, dass Sauerbrey nicht allein persönliche Geschichten über die wichtigsten Politikerinnen und Politiker des Landes erzählt, sondern diese jeweils in relevante gesellschaftspolitische Fragen einbettet. Cem Özdemirs Hintergrund etwa, das zeigt die Autorin auf, ist auf den ersten Blick die typische Erzählung eines türkischstämmigen Einwandererkindes. Eine Zuschreibung, die bei Özdemir häufig im Vordergrund steht.

Doch es gibt auch andere Lesarten: „Man kann Özdemirs Biografie mit gutem Recht als Geschichte eines sozialen Aufstiegs erzählen“, schreibt Sauerbrey. Oder auch einfach als Werdegang eines typischen Grünen. Subtil führt sie so in die Debatte über Identität und Zuschreibungen im Politikbetrieb ein. Eine Herleitung, die ihr auch an anderer Stelle elegant gelingt.

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    Scheitern an der Generationenfrage

    Um Identitätspolitik und die Merkmale von Politikergenerationen geht es auch bei der Vorstellung des Buchs in der Berliner Urania-Gesellschaft, bei der Kevin Kühnert eingeladen ist. Auch den SPD-Generalsekretär hat Sauerbrey für ihr Buch getroffen. „Ich kann mit Identitätspolitik nicht viel anfangen“, sagt Kühnert am Mittwochabend.

    Auch er wird als schwuler Mann häufig mit diesem einen Merkmal in Verbindung gebracht. Kühnert versucht auf der Bühne gemeinsam mit der Autorin eine Annäherung an die Frage, die Sauerbrey auch in ihrem Buch umtreibt.

    Gibt es ein verbindendes Merkmal der Politikergenerationen? Wie unterscheiden sich die Politiker der Ampelregierung, die Sauerbrey der Generation X zurechnet, von ihren Vorgängern?
    Eine mögliche Antwort trägt Kühnert, der selbst allerdings einer jüngeren Generation angehört, an den Füßen. „Weiße Sneaker sind so etwas wie ein Erkennungszeichen vieler Politiker der Generation X – und zwar parteiübergreifend“, schreibt Sauerbrey.

    Anna Sauerbrey: Machtwechsel
    Rowohlt Berlin
    Berlin 2022
    320 Seiten
    22 Euro

    Weiße Turnschuhe im Bundestag zu tragen, in Abgrenzung zu den traditionell bevorzugten schwarzen Lederschuhen, macht sie als Zeichen einer neuen Lässigkeit aus, die viele Politikerinnen und Politiker heute mitbringen. Die Schuhe seien nicht mehr anstößig, sondern stünden für die „habituelle und inhaltliche Annäherung der vier Parteien im demokratischen Zentrum, für die Durchlässigkeit und Gesprächsbereitschaft der Generation X“, schreibt Sauerbrey.

    Zeitlich ist das Buch entstanden, bevor der Krieg in der Ukraine ausbrach und die Pläne der Ampelkoalition ein Stück weit über den Haufen warf. Inwieweit dieses einschneidende Ereignis die im Frieden aufgewachsenen jüngeren Politiker prägt und spaltet, ist bei Sauerbrey also noch nicht Thema.

    Die Idee eines Nachworts dazu verwarf sie. „Auch jetzt fällt es noch schwer zu beurteilen, wie gut die neue Bundesregierung rückblickend dastehen wird“, sagt sie.

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    Trotz all der spannenden Geschichten, die in „Machtwechsel“ erzählt werden und das Buch für Interessierte des Berliner Politikbetriebs sehr lesenswert machen, schafft es die Autorin allerdings nicht, ihre eigene Frage über die weißen Turnschuhe hinaus befriedigend zu beantworten. Annäherungen an die Frage, was Generationen aus soziologischer Sicht sind und wie sie geprägt werden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die verbindenden Merkmale einer Altersklasse in Grenzen halten.

    Der Anspruch, den sie im Vorspann formuliert, ein „Gruppenporträt der politischen Generation X“ zu schreiben, ist sehr hoch. Denn, wie sie später feststellt, die neuen Führungskräfte unterscheiden sich in ihren Erfahrungen, Hintergründen und politischen Ansichten doch so stark, dass ein einheitliches Bild kaum zu zeichnen ist.

    Vielmehr ist das Buch eine gelungene Sammlung spannender Einzelporträts, die viel über die heutige politische Führungsriege und aktuelle gesellschaftliche Debatten aussagen. Das Problem mit den Generationenzuschreibungen fasst Kevin Kühnert bei der Buchvorstellung zusammen: „Es gibt kein unsichtbares Band, das alle Politiker unter 40 verbindet.“ Er selbst sei den Genossen in den Seniorengruppen oft näher als vielen Gleichaltrigen anderer Parteien

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