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07.07.2022

19:44

Rezension

„King of Stonks“: Netflix-Serie rechnet mit der Finanzwelt ab

Von: Claudia Panster

Inspiriert vom Wirecard-Skandal erzählen die Macher des Sechsteilers eine Geschichte von Betrug und Größenwahn. Dafür haben sie sich auch reale CEOs als Vorbilder genommen.

Matthias Brandt als Magnus A. Cramer in „King of Stonks“ bei einer Poolparty. Netflix

„King of Stonks“

Matthias Brandt als Magnus A. Cramer in „King of Stonks“ bei einer Poolparty.

Düsseldorf Schon am Ende der ersten Folge wird Felix Armand festgenommen. Soll es das etwa schon gewesen sein mit einer der beiden Hauptfiguren? Keineswegs, so viel sei schon verraten. Die erste von sechs Folgen der Netflix-Serie „King of Stonks“ setzt Höhepunkte und ist doch erst der Auftakt zu einem wahren Feuerwerk an satirischem Können.

Inspiriert ist die Serie vom Wirecard-Skandal. Sie stammt aus der Feder der Produzenten der Bildundtonfabrik (btf), Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann. „Es ging uns weniger um die genauen Fakten als vielmehr um die Psychologie der Figuren“, sagte Käßbohrer dem Handelsblatt. „Dieser Ansatz“, ergänzt Murmann, „hat uns auch befreit, weil im Entstehungsprozess der Serie ständig neue Fakten ans Licht gekommen sind. Da hätten wir uns gar nicht dran halten können.“

In der Serie geht die Geschichte so: Als Köpfe des Fintech-Unternehmens Cablecash legen die Hauptfiguren Magnus A. Cramer und Felix Armand den größten Börsengang der deutschen Geschichte hin, merken dann aber schnell, dass sie den Ansprüchen und Erwartungen nicht gerecht werden können. Sie erfinden Kunden, Investoren, Bilanzen, fälschen so gut wie alles, was möglich und nötig ist, um die Blase nicht platzen zu lassen.

Dabei kommen ihnen mal Investoren aus der Porno-Industrie, mal die italienische Mafia und auch der österreichische Geheimdienst in die Quere. Wunderbar absurd wird es auch, wenn ihr Edelmitarbeiter namens „Thai-Klaus“ in die Szenerie tritt.

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    Überhaupt: Gearbeitet wird in diesem Unternehmen nie. Zumindest sieht man nichts davon. Hier wird ständig gefeiert – im Büro, im Garten oder auf der Poolparty.
    Großartig umgesetzt ist „King of Stonks“ von Regisseur Jan Bonny, grandios gespielt von Thomas Schubert in der Rolle des COO Felix Armand und einem überragenden Matthias Brandt als CEO Magnus A. Cramer.

    Reale CEOs als Inspiration

    Die Serie spielt in Düsseldorf. Dort, wo man gerne zeigt, was man hat – oder vorgibt zu haben. Vor allem Cramers Größenwahn steigt ins Unermessliche. Ausgestattet mit einer überdimensionalen, weiß blinkenden Zahnleiste und einem noch größeren Ego, liefert er die Show. Ob vor den eigenen Mitarbeitern oder auf dem Global Economic Forum in Genf: Cramer johlt, grunzt und furzt sogar.

    Ja, diese Serie ist auch vulgär. Hier wird flatuliert, gepinkelt und onaniert, was das Zeug hält – sogar hinter dem Steuer.

    Die Produzenten sind überzeugt, dass es in den männlich geprägten hiesigen Chefetagen tatsächlich so zugeht, nur nicht ganz so offensichtlich. „Und dann freuen die Typen sich diebisch, dass die Öffentlichkeit es nicht mitbekommt“, sagt Käßbohrer. Satire scheint da ein probates Mittel, den Zuschauern solche Einblicke zu geben.

    „Sobald die Menschen Macht bekommen“, sagt Käßbohrer, „denken sie, dass sie tun und lassen können, was sie wollen.“ In ihrer Recherche zur Serie haben Murmann und er Vorstandschefs regelrecht studiert. „Es gibt ganz viele CEOs in der deutschen Wirtschaft, die wir als Inspiration genommen haben“, sagt Murmann. „Da gibt es in allen Bereichen spektakuläre Narzissten.“

    In Cramer gipfeln diese Beobachtungen. Eines der absoluten Highlights der Serie ist sein Auftritt beim Düsseldorfer Karneval. Auf der alljährlichen Cable-Car-Rosenmontagsparty verkleidet sich Cramer, wie könnte es anders sein, als Prinz Karneval.

    King of Stonks
    Läuft auf: Netflix
    6 Folgen á 45 Minuten.

    Seiner Frau, die von seinem Gehabe zunehmend genervt ist, entgegnet er, die Fasanenfedern an seiner Mütze schwenkend: „Ist ja jetzt auch nicht so, als wäre ich irgendein verrückter Sonnenkönig, der jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.“
    Cramer zur Seite gestellt ist der biederer daherkommende Felix Armand, der Denker im Unternehmen. Auf der Bühne flüstert er Cramer über einen Knopf im Ohr die richtigen Worte ein, er fädelt die Betrügereien ein, verstrickt sich aber auch in Machtspielchen mit ihm. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohneeinander.

    Mehr zum Thema:

    Der Titel der Serie, Stonks, zeugt in doppeltem Sinne von Kreativität und Feinsinnigkeit. Steht das Kunstwort doch zum einen in Finanzkreisen für den englischen Begriff „Stocks“ (Aktien) – und mit seiner bewusst falsch gewählten Schreibweise für finanzielle Fehlgriffe.

    Zum anderen erinnert Stonks nicht ganz zufällig auch an „Schtonk“, eine der bekanntesten Betrugsgeschichten des deutschen Films. Auch den haben sich die Produzenten in Vorbereitung auf die Serie angeschaut, erzählen sie.

    „King of Stonks“ ist eine schnell erzählte Serie, regelmäßig unterbrochen von einer Erzählstimme, die Hintergrundinformationen zu Protagonisten und Vorgängen liefert. Der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge lässt auf eine zweite Staffel hoffen – und manchen CEO vielleicht auch zittern.

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