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09.07.2022

15:10

Rezension

Von Adenauer bis Thatcher: Was Politiker von großen Staatenlenkern lernen können

Von: Torsten Riecke

In seinem neuen Buch zieht der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger aus dem Lebenswerk von sechs historischen Persönlichkeiten Lehren für heute.

Kissinger beleuchtet in seinem Buch das Lebenswerk verschiedener historischer Persönlichkeiten und nimmt gleichzeitig Bezug zu der aktuellen Situation zwischen der Ukraine und Russland. action press, imago, [M]

Henry Kissinger, Margaret Thatcher, Richard Nixon und Konrad Adenauer

Kissinger beleuchtet in seinem Buch das Lebenswerk verschiedener historischer Persönlichkeiten und nimmt gleichzeitig Bezug zu der aktuellen Situation zwischen der Ukraine und Russland.

London Wie lautet das Erfolgsrezept für einen Bestseller? Erstens: Man nehme einen weltbekannten Autor. Zweitens: Man nehme ein Thema, das gerade in der überall spürbaren Orientierungslosigkeit der aktuellen Zeitenwende große Aufmerksamkeit verspricht.

Henry Kissingers neuestes Buch, das im englischen Original den Titel „Leadership“ trägt, übererfüllt diese Kriterien. Der 99-jährige „Yoda“ der internationalen Diplomatie nimmt den Leser mit auf eine historische Zeitreise, die vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Krieg in der Ukraine reicht. Kissinger geht es nicht um Chronologie, sondern darum, welche Lehren heutige Staatenlenker aus der Geschichte ziehen sollten.

Sein Buch ist im Grunde ein Handbuch für „Staatskunst“ – so der deutsche Titel. Als Reisebegleiter hat er deshalb fünf Staatsmänner und eine Staatsfrau ausgewählt, die alle auf ihre Weise für ihr Land und darüber hinaus prägend waren – und die für ihn „Leadership“-Qualitäten hatten.

Konrad Adenauer verankerte (West-)Deutschland nach dem verlorenen Krieg im politischen Westen Europas. Charles de Gaulle machte Frankreich erneut zu einer „Grande Nation“. Anwar el-Sadat schloss als Präsident Ägyptens einen historischen Frieden mit Israel.

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    Singapurs langjähriger Premier Lee Kuan Yew machte aus seinem Stadtstaat eine florierende Wirtschafts- und Finanzmetropole. Richard Nixon öffnete mit seinem Besuch in Peking vor 50 Jahren das Tor nach China. Und die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher krempelte mit dem Vereinigten Königreich auch gleich das ökonomische Denken ihrer Zeit um.

    Henry Kissinger, Staatskunst
    C. Bertelsmann Verlag
    München 2022
    608 Seiten
    38 Euro
    Übersetzung: H. Dedekind, H. Dierlamm, K. Dürr, A. Lerz, K. Petersen, S. Reinhardus, K. Schuler, T. Stauder. C

    Ihnen allen gemeinsam ist nach Ansicht Kissingers nicht nur, dass sie von einer Epoche (1914 bis 1945) geprägt wurden, die der Autor als den „zweiten dreißigjährigen Krieg“ bezeichnet. Sie alle kamen aus der Mittelschicht und brachten Tugenden wie Selbstdisziplin und Patriotismus mit in ihre Ämter.

    Wichtiger sei, so schreibt der frühere US-Außenminister, dass sie sich nicht scheuten, harte Wahrheiten direkt und offen auszusprechen – ohne Rücksicht auf eine Konsenspolitik. Sie alle hätten die Eigenschaften des pragmatischen „Staatsmanns“ mit denen eines visionären „Propheten“ vereint.

    Für Kissinger belegt das Sextett den Übergang von der Aristokratie der Metternich-Epoche zur Meritokratie, wo nicht Herkunft, sondern Leistungen zählen. Die wichtigsten Eigenschaften der Staatskunst seien es, so schreibt der Amerikaner, mutig „unter komplexen und schwierigen Optionen eine Richtung zu wählen“ und mit Charakterstärke diesen Kurs beizubehalten, dessen Nutzen und Risiken im Moment der Entscheidung nur unvollständig abgeschätzt werden könnten.

    „Es ist dieses intuitive Erfassen der Richtung, das Staatenlenker in die Lage versetzt, Ziele zu definieren und eine Strategie festzulegen.“ Kissinger legt die Latte für die Staatskünstler sehr hoch, und nicht alle, die er ausgewählt hat, schaffen in den Augen des neutraleren Betrachters den Sprung in die „Hall of Fame“ für transformative Führer.

    Die größten Zweifel kommen bei Richard Nixon. Der 37. Präsident der USA war zweifellos eine historische Figur – nur dient er kaum als Vorbild für heutige Staatschefs. Der Name Nixon ist auf ewig mit der Watergate-Affäre verbunden und mit dem Missbrauch staatlicher Macht durch einen isolierten, manisch misstrauischen und notorisch machtbesessenen Regierungschef.

    Kritik auch am Westen

    Dass Kissinger eher leichtfüßig darüber hinweggeht, mag auch damit zu tun haben, dass er als Nixons Nationaler Sicherheitsberater und späterer Außenminister seinem damaligen Chef viel zu nah war, um ihn historisch an den richtigen Platz zu setzen. Es liegt aber auch daran, dass der Doyen der amerikanischen Außenpolitik ein Vertreter des machtpolitischen Realismus ist, dem es vor allem um globale Machtgleichgewichte und nationale Interessen geht und der innenpolitische Krisen wie Watergate allzu oft als Störungen für die wichtigeren Geschicke der Weltenlenker betrachtet.

    Die Kapitel über Adenauer und de Gaulle enthalten wenig Neues. Kissinger hat sie wohl eher flüchtig gekannt, aber mit keinem von beiden so enge Beziehungen gepflegt, wie er das zum Beispiel mit Sadat, Lee oder auch mit der britischen Premierministerin Thatcher getan hat.

    Die „Eiserne Lady“ machte dabei aus ihrer Abneigung gegenüber den Deutschen keinen Hehl, und so ist es ein wenig verwunderlich, dass Kissinger sowohl Adenauer als auch Thatcher für ihre recht unterschiedliche Haltung zu einem vereinigten Europa preist.

    Lob verdient der Amerikaner aber dafür, dass er die Geschichte als Menschenwerk von prägenden Persönlichkeiten darstellt und weniger als Ergebnis anonymer Kräfte. Dieser eher menschliche Blickwinkel kam lange Zeit bei vielen Historikern zu kurz und erlebt erst durch Putins Krieg in der Ukraine eine – wenn auch traurige – Wiederauferstehung.

    Für die heutigen Zeitgenossen dürften vor allem Kissingers Gedanken zum Verhältnis des Westens mit Russland und China interessant sein. Kissinger hat in vielen Interviews deutlich gemacht, dass am Ende des aktuellen Konflikts in der Ukraine eine Verhandlungslösung stehen müsse, die auch die Sicherheitsinteressen Russlands berücksichtige. „Die russische Außenpolitik übersetzt einen mystischen Patriotismus in ein imperiales Anspruchsgehabe, das aber mit einem dauerhaften Unsicherheitsgefühl verbunden ist“, analysiert Kissinger.

    Kissinger betrachtet auch künftiges Verhältnis zwischen USA und China

    Die russische Unsicherheit lasse sich letztlich aus der seit Langem empfundenen strategischen Verwundbarkeit für Invasionen über die osteuropäische Ebene ableiten. „Die Invasion in die Ukraine im Februar 2022, dieser ungeheuerliche Verstoß gegen das internationale Recht, ist daher großenteils der Auswuchs eines gescheiterten strategischen oder nur halbherzig geführten Dialogs“, kritisiert der 99-Jährige auch den Westen. Auch wenn Putins Reich durch die westlichen Sanktionen erheblich geschwächt werde, befähigten Russlands nukleare und Cyber-Kapazitäten das Land weiterhin zu Weltuntergangsszenarien.

    Mehr Raum widmet Kissinger dem künftigen Verhältnis der USA zu China. „In den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China lautet die Kernfrage, ob und wie zwei derart unterschiedliche Konzepte nationaler Größe friedlich nebeneinander existieren können“, schreibt der in Deutschland geborene Amerikaner.

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    Die entscheidende Rolle im Ringen der Großmächte spielen für den Autor neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. Kissinger hatte im vergangenen Jahr zusammen mit dem früheren Google-Chef Eric Schmidt und dem Wissenschaftler Daniel Huttenlocher vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Buch unter dem Titel „The Age of AI“ veröffentlicht.

    „In einer Welt, in der eine zunehmend wirkmächtige Technologie die menschliche Zivilisation entweder beflügeln oder aber zerlegen kann, gibt es keine endgültige Lösung für den Konkurrenzkampf der Großmächte“, prophezeit der Autor. Ein ungehemmtes technologisches Wettrennen, basierend auf einer Ideologisierung der Außenpolitik, in der jede Seite von den bösartigen Absichten der anderen Seite überzeugt sei, werde letztlich einen ähnlich verheerenden Teufelskreis gegenseitigen Misstrauens erzeugen, der seinerzeit den Ersten Weltkrieg ausgelöst habe.

    Kissingers Ausblick ist denn auch eher pessimistisch: „Es erscheint heute durchaus möglich, dass die liberale und auf universell geltenden Regeln beruhende Ordnung (…) in der Praxis für unbestimmte Zeit durch eine zumindest teilweise entkoppelte Welt ersetzt werden wird.“ Eine solche Aufspaltung könne dazu führen, dass sich die Suche nach Einflusssphären an den Rändern intensiviere.

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