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01.10.2022

09:00

Wirtschaftsbuchpreis 2022

Aufklärungsarbeit zum Thema Geldwesen

Von: Norbert Häring

PremiumDer Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mayer erzählt die ältere und jüngere Geschichte des Geldes und der Geldkrisen nicht einfach nach, sondern beleuchtet sie mit der Lampe seiner Geldtheorie.

Das Handeln der Zentralbank ordnet Mayer der Modernen Monetären Theorie zu. Doch das sei nicht unbedingt der richtige Weg. dpa

Europäische Zentralbank

Das Handeln der Zentralbank ordnet Mayer der Modernen Monetären Theorie zu. Doch das sei nicht unbedingt der richtige Weg.

Frankfurt Bei einer jährlichen Geldentwertung von fast zehn Prozent hält kaum noch jemand den Wert des Geldes für selbstverständlich. Alle, die Geld übrig haben, fragen sich, wie es weitergeht – und was sie tun können, um einem Abschmelzen ihres Geldvermögens oder gar einer Geldreform zu entgehen.

Für sie und für alle, die einfach nur verstehen wollen, was vorgeht, hat Thomas Mayer „Das Inflationsgespenst“ geschrieben. Mayer hat für den Internationalen Währungsfonds und verschiedene Investmentbanken gearbeitet. Bekannt wurde er als Chefvolkswirt der Deutschen Bank, eine Position, die er nach Ausbruch der Finanzkrise aufgab.

Im aktuellen Buch lässt er seine Desillusionierung über die gesellschaftliche Nützlichkeit einer Tätigkeit im Finanzsektor durchblicken. Seit 2014 ist er Gründungsdirektor und Leiter des Research-Instituts des Vermögensverwalters Flossbach von Storch.

Mayer ist aber nicht nur sehr langjähriger Praktiker der Finanzmärkte auf hoher Ebene, er ist auch ein versierter Theoretiker des Geldsystems. Diese beiden Perspektiven vereint er in seinem Buch, in dem er die Hintergründe der derzeitigen Geldmisere tiefgründig ausleuchtet.

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    „Eine Weltgeschichte von Geld und Wert“ heißt treffend der Untertitel seines anspruchsvollen Werks. Mayer erzählt die ältere und jüngere Geschichte des Geldes und der Geldkrisen nicht einfach nach, sondern beleuchtet sie mit der Lampe seiner Geldtheorie.

    Thomas Mayer: 
Das Inflationsgespenst

    ecoWing
    Elsbethen 2022
    400 Seiten
    28 Euro

    Diese Theorie ist eine – man muss es zugeben – eher randständige Theorierichtung namens Österreichische Schule, die aber, anders als die dominante neoklassische Theorie, eine vernünftige Erklärung zu bieten hat, wie das Geld in die Welt kommt.

    Nämlich indem private Banken es schaffen, und zwar dadurch, dass sie Kredit geben oder Wertpapiere kaufen und den Kreditnehmern oder Verkäufern dafür auf deren Bankkonto einen Geldbetrag gutschreiben. Einen Geldbetrag, der vorher noch nicht existierte, der so neu in Umlauf kommt. Es gibt noch eine zweite, ebenso randständige ökonomische Theorie, die Gleiches zu bieten hat, der Postkeynesianismus und die damit in Zusammenhang stehende Moderne Monetäre Theorie.

    Die Unterschiede: Die Österreichische Schule ist konservativ, marktgläubig und staatskritisch. Ihre Vertreter würden das Geld am liebsten privatisieren. Bei Mayer äußert sich das in einem Faible für private Kryptowährungen wie Bitcoin.
    Der Postkeynesianismus ist das progressive, staatsgläubige und eher marktskeptische Gegenstück. Er kommt bei Mayer nicht gut weg.

    Mit einiger Berechtigung ordnet er das Handeln der Zentralbanken im Umgang mit den Krisen der letzten 15 Jahre als praktische Anwendung der Rezepte der Modernen Monetären Theorie ein. Danach haben die Zentralbanken die Staatsausgaben zu finanzieren, während es dem Staat obliegt, durch Variieren der Staatsausgaben die Inflation im erwünschten Bereich zu halten. Dass Mayer und insgesamt die Österreichische Schule das dem Staat nicht zutrauen, versteht sich fast von selbst.

    Mehr zum Thema:

    Wer genügend ökonomische Vorbildung besitzt, um Mayers geldtheoretischen Ausführungen folgen zu können, für den liefert dieses Buch eine Fülle historischen Anschauungsmaterials dafür, wie Geldkrisen entstanden und abgelaufen sind. Darin liegt die Stärke des Buchs.

    Bei seinen Prognosen zur Zukunft des Euros und bezüglich von Strategien zur Bewahrung des eigenen Geldvermögens bleibt Mayer eher vage. Für das wahrscheinlichste Szenario scheint er ein lange anhaltendes Siechtum der Währungsunion zu halten, bei hoher Inflation und schwacher wirtschaftlicher Dynamik. Sein Rezept: Aktien und Immobilien kaufen und wohl auch Bitcoin.

    Aber Prognosen und Empfehlungen abzugeben ist erkennbar nicht das Hauptinteresse, das Mayer mit diesem Buch verfolgt. Die Frage, ob jetzt noch die Zeit für Aktien und Immobilienkäufe ist, wo die Kurse deutlich bröckeln und sich die Berichte von einem drohenden Einbruch der Immobilienmärkte häufen, bleibt ebenso unerörtert wie die Frage, ob es deutsche, europäische oder außereuropäische Anlageobjekte sein sollten, in die man sein Geld in Sicherheit bringt.

    Mayer geht es vor allem darum, über das Geldwesen aufzuklären – angesichts der selbst bei Experten verbreiteten falschen Vorstellungen ein dringendes und verdienstvolles Unterfangen.

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