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08.10.2022

11:00

Wirtschaftsbuchpreis 2022

Weckruf an den Erfindergeist 

Von: Corinna Nohn

PremiumKatrine Marçal beschreibt erschreckend deutlich, wie die Welt bislang brillante Ideen von Frauen ignoriert – und erhebliches Potenzial vergibt. 

Lange Zeit durften Frauen in der Arbeitswelt nicht mitreden und ihre Ideen wurden ignoriert. Dabei könnten Frauen viel bewirken. Imago/Westend61

Junge Frau

Lange Zeit durften Frauen in der Arbeitswelt nicht mitreden und ihre Ideen wurden ignoriert. Dabei könnten Frauen viel bewirken.

Düsseldorf Programmieren war einst ein schlecht bezahlter Job, als ihn vor allem Frauen ausübten, die in den USA übrigens „computer“ hießen. Der Benziner hätte das Rennen gegen das E-Auto schon längst verloren – wäre der elektrische Antrieb vor gut 100 Jahren nicht als feminin abgewertet worden. Und Reisende hätten nicht bis spät ins 20. Jahrhundert auf den Markteintritt des Rollkoffers warten müssen, wenn das menschliche Handeln nicht von Rollenklischees gelenkt wäre wie jenes, dass es männlich ist, Koffer zu schleppen. 

Klingt das alles zu verrückt, um wahr zu sein? Es sind Episoden aus „Die Mutter der Erfindung“, dem jüngsten Buch der schwedischen Wirtschaftsjournalistin Katrine Marçal. Sie schildert solche Beispiele und die dahinterliegenden wirtschaftlichen Bremswirkungen auf so anschauliche und charmante Art, dass man fast vergisst, was das bedeutet: Viele brillante Ideen von Frauen wurden und werden einfach ignoriert. Frauen durften über Jahrhunderte nicht mitreden, mitentscheiden, miterfinden, wie Marçal teilweise minutiös recherchiert und belegt hat. 

Mit fatalen Folgen. So viel Potenzial, das die Menschen – obgleich Erfindergeist und Innovationskraft zu den Schlagworten der vergangenen Jahre gehören – einfach verschenken, weil die Hälfte der Weltbevölkerung ausgeschlossen wird. Übrigens hat sich mit der Frage, warum der Rollkoffer erst 5000 Jahre nach Erfindung des Rads ins Rollen kam, bereits Nobelpreisträger Robert Shiller kopfkratzend befasst.

Katrine Marçal: 
Die Mutter der Erfindung

Rowohlt Berlin
Berlin2022
304 Seiten
22 Euro

Aber erst Marçal kam auf die Idee, die Verbindung zu tief verwurzelten Gender-Bias zu ziehen. Was also haben wir verpasst? Und was kostet uns das alles?  

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    So eine Analyse jahrhundertelangen Vergeudens könnte anstrengend sein, ist es aber bei Marcal keine Seite lang. Zum einen, weil die Autorin so viele unbekannte Geschichten aufgetan hat, dass auch wirtschaftsaffine Leser immer wieder innehalten und sich über neue Erkenntnisse freuen können. Vor allem aber hat Marçal keine Klageschrift verfasst. Ihre Ausführungen sprechen in ihre Klarheit und Kausalität für sich. 

    Die 1983 geborene Autorin spannt den Bogen weiter zu der Frage: Was müsste sich denn ändern? Zwei Dinge stechen hier hervor: unsere Sicht auf das, was eine Technologie und was eine Erfindung ist.

    Denn warum sprechen wir von der Bronzezeit, aber nicht von der Keramikzeit? Warum betrachten wir weiche Dinge wie Stoffe nicht als Technologien? Warum müssen Innovationen am besten zerstörerisch sein? 

    Ein Schlüssel zur Lösung liegt darin, Frauen endlich ausreichend Kapital zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es nicht nur um den „gender pay gap“. Hierzu führt Marçal aus, dass oft die Bezahlung für Arbeiten steigt, sobald die Jobs für Männer interessant werden.

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    Etwa in der Technologiebranche, in der die Autorin, Tochter einer schwedischen Programmiererin, quasi aufwuchs. Der Begriff „computer“ war vor gut 100 Jahren übrigens Synonym für eine Datenverarbeiterin – es gab hier keine Männer! –, und „kilogirl“ bezeichnete eine Datenverarbeitungsaufgabe, für die eine solche Frau 1000 Stunden benötigte. 

    Vor allem aber geht es um Kapital, um Ideen in Unternehmungen umzumünzen. In dem Kapitel, in dem die Autorin auf die Finanzierungslücke für Gründerinnen eingeht – je nach Land gehen mal 90, mal 98 Prozent des Wagniskapitals ausschließlich an Männer –, wird es einem dann doch ein wenig schauerlich.  

    Doch das Beispiel mit der Tech-Branche zeigt ja, dass Geschlechterbilder und gesellschaftliche Ansichten wandelbar sind. Nicht zuletzt sind wir solchen Entwicklungen nicht ausgeliefert, sondern steuern sie seit jeher selbst.

    Einen Anreiz, sinnvolle, menschenfreundlichere und gerechtere Innovationsgeschichte zu schreiben, könnte die Künstliche Intelligenz (KI) geben. Denn sie könnte viele Jobs vernichten – allerdings nicht jene, in denen emotionale Intelligenz, jene als feminin einsortierten „Soft Skills“ oder körperliche Tätigkeiten wie Pflege gefragt sind.

    Tätigkeiten, die derzeit vor allem schlecht bezahlte Frauen ausüben. Sprich: Je höher die Frauenquote in einem Beruf, desto geringer das Risiko, dass die Arbeit künftig von Robotern ausgeführt wird. Es ist Zeit, diese Tätigkeiten wertzuschätzen – genauso wie jede gute Erfindung auf dieser Welt. 

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