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Lewis, Piketty, Thiel & Co.

Welches Wirtschaftsbuch sich wirklich lohnt

Michael Lewis hat für „Flash Boys“ den Wirtschaftsbuchpreis 2014 erhalten. Damit hat er sich gegen bekannte Autoren wie Thomas Piketty, Heinz Bude und Peter Thiel durchgesetzt. Rezensionen zu den Wirtschaftsbüchern 2014.

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Heinz BudeDie Angst und das Geld„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des neuen Buchs des Soziologen Heinz Bude. Dieser dort beschriebenen Angst, welche die österreichische Band „Ja, Panik“ schon vor einigen Jahren auf eben jene Weise besang, spürt Bude nach. Er sieht sie als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.Als Ursprung der Angst sieht Bude den außengeleiteten Charakter, den er als kennzeichnend für unsere Zeit sieht. Er ist abhängig von der Beurteilung durch andere, seine Stellung in der Welt ermittelt er durch den Vergleich mit anderen. Das macht ihn so anfällig für die Sorge. Die gesellschaftliche Mitte, im deutschen Sozialstaat eigentlich wirtschaftlich abgesichert wie historisch nie zuvor. Dennoch quält sie die Angst vor dem Abstieg, erfährt sie ihren Status als prekär. Daher ist „der klassische Angsttyp moderner Gesellschaften“ der „Aufsteigertyp männlichen Geschlechts“.Das korrespondiert mit dem Problem, dass viele um wenige Spitzenposten konkurrieren, unklar aber ist, welche Leistung gefragt ist. Dabei droht für Bude der Wettbewerb die Gesellschaft zunehmend in Gewinner und Verlierer zu spalten. Eine Wettbewerbsgesellschaft aber brauche, fordert Bude, auch die mittleren Ränge, wenn nicht aus der Angst Verbitterung und Resignation entstehen soll. Dem gegenüber steht eine Ökonomie, in der in der Euro-Krise das Geld ebenfalls keine Sicherheit bietet, sondern wiederum ein Quell der Angst ist. „Aus einem System des Vertrauens wird dann mit einem Schlag ein System der Angst“, schreibt Bude.Politisch nutze das der jeweiligen Amtsinhaberin, deren Kunst darin besteht, Probleme pragmatisch zu bewältigen, „aber sie schläfert zugleich die Angst ihrer Klientel ein, indem sie alle Erfahrungen und Befürchtungen ausklammert, die Angst auslösen könnten“. Eine Beschreibung, die an Angela Merkel denken lässt. Einen echten Ausweg aus der Angst weist Bude nicht. Er legt vielmehr nahe, dass die Angst zum Leben gehört, ja, sie sogar eine Kehrseite hat: die Hoffnung auf Veränderung. Der Soziologie-Professor malt das Bild der Angst in weiten Zügen, setzt es zusammen aus Phänomenen wie den NSA-Enthüllung von Edward Snowden, dem NSU-Terror, dem Pisa-Test und Thilo Sarrazin: eine kompakte Momentaufnahme unserer Zeit um das Motiv der Angst. Bude liefert Denkanstöße, keine Lösungen. Christoph KapalschinskiBibliografieHeinz BudeGesellschaft der AngstHIS Hamburger Edition, 16,00 Euro 150 Seiten, ISBN 9783868542844

Heinz Bude

Die Angst und das Geld

„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des neuen Buchs des Soziologen Heinz Bude. Dieser dort beschriebenen Angst, welche die österreichische Band „Ja, Panik“ schon vor einigen Jahren auf eben jene Weise besang, spürt Bude nach. Er sieht sie als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.

Als Ursprung der Angst sieht Bude den außengeleiteten Charakter, den er als kennzeichnend für unsere Zeit sieht. Er ist abhängig von der Beurteilung durch andere, seine Stellung in der Welt ermittelt er durch den Vergleich mit anderen. Das macht ihn so anfällig für die Sorge. Die gesellschaftliche Mitte, im deutschen Sozialstaat eigentlich wirtschaftlich abgesichert wie historisch nie zuvor. Dennoch quält sie die Angst vor dem Abstieg, erfährt sie ihren Status als prekär. Daher ist „der klassische Angsttyp moderner Gesellschaften“ der „Aufsteigertyp männlichen Geschlechts“.

Das korrespondiert mit dem Problem, dass viele um wenige Spitzenposten konkurrieren, unklar aber ist, welche Leistung gefragt ist. Dabei droht für Bude der Wettbewerb die Gesellschaft zunehmend in Gewinner und Verlierer zu spalten. Eine Wettbewerbsgesellschaft aber brauche, fordert Bude, auch die mittleren Ränge, wenn nicht aus der Angst Verbitterung und Resignation entstehen soll. Dem gegenüber steht eine Ökonomie, in der in der Euro-Krise das Geld ebenfalls keine Sicherheit bietet, sondern wiederum ein Quell der Angst ist. „Aus einem System des Vertrauens wird dann mit einem Schlag ein System der Angst“, schreibt Bude.

Politisch nutze das der jeweiligen Amtsinhaberin, deren Kunst darin besteht, Probleme pragmatisch zu bewältigen, „aber sie schläfert zugleich die Angst ihrer Klientel ein, indem sie alle Erfahrungen und Befürchtungen ausklammert, die Angst auslösen könnten“. Eine Beschreibung, die an Angela Merkel denken lässt. Einen echten Ausweg aus der Angst weist Bude nicht. Er legt vielmehr nahe, dass die Angst zum Leben gehört, ja, sie sogar eine Kehrseite hat: die Hoffnung auf Veränderung. Der Soziologie-Professor malt das Bild der Angst in weiten Zügen, setzt es zusammen aus Phänomenen wie den NSA-Enthüllung von Edward Snowden, dem NSU-Terror, dem Pisa-Test und Thilo Sarrazin: eine kompakte Momentaufnahme unserer Zeit um das Motiv der Angst. Bude liefert Denkanstöße, keine Lösungen. Christoph Kapalschinski

Bibliografie
Heinz Bude
Gesellschaft der Angst
HIS Hamburger Edition, 16,00 Euro
150 Seiten, ISBN 9783868542844

Kerstin BundPlädoyer für Arbeit mit SinnSo manchem Personaler bescheren die Anfang 20- bis Anfang 30-Jährigen regelrechte Sorgenfalten. Vor allem jenen, die bisher nur von ihnen gelesen haben: Als Traumtänzer werden die Jungen in unzähligen Artikeln und Büchern beschrieben, als verwöhnte Weicheier, die keine Karriere machen wollen, denen die Freizeit wichtiger ist als der Job, die schon nach einer Auszeit fragen, bevor sie auch nur einen Tag gearbeitet haben, und flugs die Firma wechseln, wenn ihnen im Büro oder Labor etwas nicht passt. Das alles vereint ein Schlagwort: Generation Y, gesprochen wie das englische „Why“ (deutsch: warum). Warum, das hat sich auch Kerstin Bund, Jahrgang 1982 und damit selbst Teil dieser Generation, gefragt. Warum all diese Klischees über ihre Generation? Die Autorin, im Hauptberuf Wirtschaftsredakteurin, will in ihrem Buch „Glück schlägt Geld“ damit aufräumen und ihre Sicht auf ihre Altersgenossen darlegen.Und die sieht so aus: Die Jungen seien nicht faul, wollten aber anders arbeiten. Sie wollten nicht nach abgesessener Zeit, sondern nach Leistung beurteilt werden — egal wo sie die erbringen. Eine Arbeit mit Sinn und viel Feedback sind ihnen wichtig. Hinzu kommt: Die alten Insignien der Macht, vom geräumigen Eckbüro mit ausreichend Fenster-Rastern bis zum dunklen Dienstwagen, interessieren nicht mehr. Selbstbestimmung sei das neue Statussymbol.Bund weiß aber auch, dass nicht alle vermeintlichen Klischees genau das sind. Dass ihre Generation die „anspruchsvollste und verwöhnteste aller Zeiten“ ist, sieht auch sie. Nur: die Jungen könnten es sich leisten. Weniger Kinder, immer mehr Ältere — das gibt ihnen die Macht, die Arbeitswelt zu verändern. Weil Fachkräfte in einigen Branchen schon rar sind und die Firmen händeringend Nachwuchs suchen, müssen Arbeitgeber kompromissbereit sein, ob sie wollen oder nicht. Für Bund steht allerdings fest: Was die Jungen von Job und Chef fordern, wünschen sich auch viele Ältere wie zum Beispiel gleiche Chancen für Frauen und Männer. Sie sagen es nur nicht so laut. Von der neuen Berufswelt, die die Generation Y fordert, werden aber auch sie profitieren. Stefani HergertBibliografieKerstin BundGlück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollenMurmann Publishers, 19,99 Euro 200 Seiten, ISBN 3867743398

Kerstin Bund

Plädoyer für Arbeit mit Sinn

So manchem Personaler bescheren die Anfang 20- bis Anfang 30-Jährigen regelrechte Sorgenfalten. Vor allem jenen, die bisher nur von ihnen gelesen haben: Als Traumtänzer werden die Jungen in unzähligen Artikeln und Büchern beschrieben, als verwöhnte Weicheier, die keine Karriere machen wollen, denen die Freizeit wichtiger ist als der Job, die schon nach einer Auszeit fragen, bevor sie auch nur einen Tag gearbeitet haben, und flugs die Firma wechseln, wenn ihnen im Büro oder Labor etwas nicht passt. Das alles vereint ein Schlagwort: Generation Y, gesprochen wie das englische „Why“ (deutsch: warum). 

Warum, das hat sich auch Kerstin Bund, Jahrgang 1982 und damit selbst Teil dieser Generation, gefragt. Warum all diese Klischees über ihre Generation? Die Autorin, im Hauptberuf Wirtschaftsredakteurin, will in ihrem Buch „Glück schlägt Geld“ damit aufräumen und ihre Sicht auf ihre Altersgenossen darlegen.

Und die sieht so aus: Die Jungen seien nicht faul, wollten aber anders arbeiten. Sie wollten nicht nach abgesessener Zeit, sondern nach Leistung beurteilt werden — egal wo sie die erbringen. Eine Arbeit mit Sinn und viel Feedback sind ihnen wichtig. Hinzu kommt: Die alten Insignien der Macht, vom geräumigen Eckbüro mit ausreichend Fenster-Rastern bis zum dunklen Dienstwagen, interessieren nicht mehr. Selbstbestimmung sei das neue Statussymbol.

Bund weiß aber auch, dass nicht alle vermeintlichen Klischees genau das sind. Dass ihre Generation die „anspruchsvollste und verwöhnteste aller Zeiten“ ist, sieht auch sie. Nur: die Jungen könnten es sich leisten. Weniger Kinder, immer mehr Ältere — das gibt ihnen die Macht, die Arbeitswelt zu verändern. Weil Fachkräfte in einigen Branchen schon rar sind und die Firmen händeringend Nachwuchs suchen, müssen Arbeitgeber kompromissbereit sein, ob sie wollen oder nicht. 

Für Bund steht allerdings fest: Was die Jungen von Job und Chef fordern, wünschen sich auch viele Ältere wie zum Beispiel gleiche Chancen für Frauen und Männer. Sie sagen es nur nicht so laut. Von der neuen Berufswelt, die die Generation Y fordert, werden aber auch sie profitieren. Stefani Hergert

Bibliografie
Kerstin Bund
Glück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollen
Murmann Publishers, 19,99 Euro
200 Seiten, ISBN 3867743398

Yvonne HofstetterDie Machtergreifung der intelligenten MaschinenDieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht.Die Autorin Yvonne Hofstetter verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Sie ist Geschäftsführerin von Teramark Technologies, einem Unternehmen, das Systeme für die Auswertung großer Datenmengen entwickelt. Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit kann man ihr also kaum vorwerfen.Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie. Unsere Smartphones seien wie mobile Sensoren: „Alles, was wir unseren Helferlein anvertrauen, erzählen sie weiter.“Die dabei entstehenden riesigen Datenmengen sind das Herzstück des „Informationskapitalismus“, des neuen Zeitalters, in das wir laut Hofstetter gerade eintreten. Wer sie auswertet, kann die Handlungen von Menschen vorhersagen und sogar steuern. Besonders gut darin sind lernfähige Computersysteme, Hofstetter nennt sie „intelligente Maschinen“. Durch sie bekommen einige Menschen gerade große Macht. „Unsere Demokratie und Grundrechte sind in Gefahr“, warnt Hofstetter.Wie die Maschinen und ihre Schöpfer ticken, erklärt die Autorin anschaulich. Ihr Buch ist ein tiefgründiges und doch zu jeder Zeit leicht verständliches Grundlagenwerk für die Welt von Big Data. Mit zahlreichen Beispielen und Anekdoten erläutert sie Werkzeuge und Begriffe der Datenwissenschaft wie Bayessche Statistik und „missionskritische Systeme“.Besonders ausführliche Kapitel widmet Hofstetter dem Militär und den Finanzmärkten, den Geburtsorten der intelligenten Maschinen. Das Militär wertet bereits seit Jahrzehnten große Datenmengen automatisiert aus, um die Schwachstellen des Gegners zu finden. Selbstständige Handelsprogramme verdienen in Investmentbanken inzwischen einen großen Teil der Gewinne. Im Krieg und an der Börse lassen sich die Risiken der Technologie laut Hofstetter daher schon heute beobachten: Kampfschiffe, die aus Versehen zivile Flugzeuge abschießen, und mysteriöse Börsencrashs zeigen, was passiert, wenn mächtige Computerprogramme falsch bedient oder mit fehlerhaften Daten gefüttert werden.Trotz der düsteren Szenarien bleibt das Buch optimistisch. Hofstetter betont immer wieder die „enormen Chancen, die die digitale Revolution für Wachstum und Wohlstand“ bietet. Doch um die zu nutzen, brauche es Regeln und Kompetenzen. Der Bürger in der digitalen Gesellschaft müsse verstehen, wofür seine Daten genutzt werden können. Gleichzeitig sei es Aufgabe des Staates, den Bürgern einen echten Datenschutz zu ermöglichen, etwa durch internationale Algorithmenabkommen. Und auch Programmierer dürften sich ihrer Verantwortung nicht entziehen, fordert Hofstetter. Sie müssten sich immer wieder fragen, wo die moralischen Grenzen der Technik liegen. Einer Technik, die das Potenzial hat, alles zu verändern. Malte BuhseBibliografieYvonne Hofstetter Sie wissen alles – Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssenC. Bertelsmann, 19,99 Euro 352 Seiten, ISBN 3570102165

Yvonne Hofstetter

Die Machtergreifung der intelligenten Maschinen

Dieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht.

Die Autorin Yvonne Hofstetter verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Sie ist Geschäftsführerin von Teramark Technologies, einem Unternehmen, das Systeme für die Auswertung großer Datenmengen entwickelt. Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit kann man ihr also kaum vorwerfen.

Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie. Unsere Smartphones seien wie mobile Sensoren: „Alles, was wir unseren Helferlein anvertrauen, erzählen sie weiter.“

Die dabei entstehenden riesigen Datenmengen sind das Herzstück des „Informationskapitalismus“, des neuen Zeitalters, in das wir laut Hofstetter gerade eintreten. Wer sie auswertet, kann die Handlungen von Menschen vorhersagen und sogar steuern. Besonders gut darin sind lernfähige Computersysteme, Hofstetter nennt sie „intelligente Maschinen“. Durch sie bekommen einige Menschen gerade große Macht. „Unsere Demokratie und Grundrechte sind in Gefahr“, warnt Hofstetter.

Wie die Maschinen und ihre Schöpfer ticken, erklärt die Autorin anschaulich. Ihr Buch ist ein tiefgründiges und doch zu jeder Zeit leicht verständliches Grundlagenwerk für die Welt von Big Data. Mit zahlreichen Beispielen und Anekdoten erläutert sie Werkzeuge und Begriffe der Datenwissenschaft wie Bayessche Statistik und „missionskritische Systeme“.

Besonders ausführliche Kapitel widmet Hofstetter dem Militär und den Finanzmärkten, den Geburtsorten der intelligenten Maschinen. Das Militär wertet bereits seit Jahrzehnten große Datenmengen automatisiert aus, um die Schwachstellen des Gegners zu finden. Selbstständige Handelsprogramme verdienen in Investmentbanken inzwischen einen großen Teil der Gewinne. Im Krieg und an der Börse lassen sich die Risiken der Technologie laut Hofstetter daher schon heute beobachten: Kampfschiffe, die aus Versehen zivile Flugzeuge abschießen, und mysteriöse Börsencrashs zeigen, was passiert, wenn mächtige Computerprogramme falsch bedient oder mit fehlerhaften Daten gefüttert werden.

Trotz der düsteren Szenarien bleibt das Buch optimistisch. Hofstetter betont immer wieder die „enormen Chancen, die die digitale Revolution für Wachstum und Wohlstand“ bietet. Doch um die zu nutzen, brauche es Regeln und Kompetenzen. Der Bürger in der digitalen Gesellschaft müsse verstehen, wofür seine Daten genutzt werden können. Gleichzeitig sei es Aufgabe des Staates, den Bürgern einen echten Datenschutz zu ermöglichen, etwa durch internationale Algorithmenabkommen. Und auch Programmierer dürften sich ihrer Verantwortung nicht entziehen, fordert Hofstetter. Sie müssten sich immer wieder fragen, wo die moralischen Grenzen der Technik liegen. Einer Technik, die das Potenzial hat, alles zu verändern. Malte Buhse

Bibliografie
Yvonne Hofstetter
Sie wissen alles – Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen
C. Bertelsmann, 19,99 Euro
352 Seiten, ISBN 3570102165

Christoph KeeseDie Vermessung der neuen WeltVielleicht liest sich dieses Buch am besten auf einer Alm. Mit Kirchenläuten und Kuhglockenbimmeln im Hintergrund, im Vordergrund ein klarer See, auf dem die Sonne gerade untergeht. Weit weg von allem Modernen, Schnellen, Digitalen. Die perfekte Idylle.Und dann kommt Christoph Keese.Auf einmal ist da Hektik, Trubel, Moderne. Da sind da junge Deutsche, die aus ihrer gründerfeindlichen Heimat flüchten und nur im Silicon Valley Schutz finden. Da sind Raubtierkapitalisten, die nur das Monopol kennen und keine Konkurrenz dulden. Da sind Zukunftsforscher, die ganze Menschen in die Cloud hochladen wollen - und das ernst meinen. Das Silicon Valley in all seiner Schönheit und mit all seinen hässlichen Seiten: Du oder ich, Jetzt oder Nie, Tempo ist alles und Zögern verboten. Einmalig.Ein halbes Jahr hat Keese, der ehemalige Chefredakteur der Welt-Gruppe und heutige Springer-Manager für „Public Affairs“, im Valley verbracht. Er beginnt seine Reise ganz harmlos: Februar 2013, Keese sitzt mit seiner Familie seit 13 Stunden im Flieger. Die Kinder schlafen auf seinen Knien, sanft durchsticht die Maschine die dicken Wolken über der San Francisco Bay.Gut 300 Seiten später, ein weiterer Flieger. An Bord: wieder Keese und seine Familie. Ihre Zeit im Valley ist um, sie sind auf dem Weg nach Berlin. Doch die Welt ist nicht mehr die selbe und Keese fragt sich, ob er nicht bleiben sollte - aus Verantwortung für seine Kinder und ihre bessere Zukunft in Kalifornien.Dazwischen liegt ein erstaunliches Porträt einer Region, die Keese nicht ohne Respekt das „mächtigste Tal der Welt“ nennt. Er sollte hier für Springer die Zukunft vermessen und fand dabei Antworten für Europa: Wieso es Quatsch ist, das Valley kopieren zu wollen. Warum sich die neue Leitkultur der Welt gerade hier herausbildet. Und was Europa jetzt tun kann, um den Anschluss daran nicht zu verlieren.Es geht munter hin und her, vor und zurück. Etwa, wenn Keese den Leser an seinem Leben teilhaben lässt, an seinen Joggingstrecken oder Lieblingsrestaurants. Nur um sogleich zwei Gänge raufzuschalten. Zu mitdenkenden Zahnbürsten und digitalen Lebewesen. Auf den ersten Blick mag das trivial sein. Auf den zweiten erzeugt es Nähe. Authentizität. Keese reportiert - im besten Sinne seiner Leser.So lullt er sein Leser geschickt ein, nur um sie sogleich aus ihrem Alpen-Panorama-Idyll wieder hochzuscheuchen: Europa muss jetzt handeln. Sonst handeln andere für uns. Man glaubt ihm. Simon BookBibliografieChristoph Keese Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommtKnaus, 19,99 Euro 320 Seiten, ISBN 978-3-8135-0556-6

Christoph Keese

Die Vermessung der neuen Welt

Vielleicht liest sich dieses Buch am besten auf einer Alm. Mit Kirchenläuten und Kuhglockenbimmeln im Hintergrund, im Vordergrund ein klarer See, auf dem die Sonne gerade untergeht. Weit weg von allem Modernen, Schnellen, Digitalen. Die perfekte Idylle.

Und dann kommt Christoph Keese.

Auf einmal ist da Hektik, Trubel, Moderne. Da sind da junge Deutsche, die aus ihrer gründerfeindlichen Heimat flüchten und nur im Silicon Valley Schutz finden. Da sind Raubtierkapitalisten, die nur das Monopol kennen und keine Konkurrenz dulden. Da sind Zukunftsforscher, die ganze Menschen in die Cloud hochladen wollen - und das ernst meinen. Das Silicon Valley in all seiner Schönheit und mit all seinen hässlichen Seiten: Du oder ich, Jetzt oder Nie, Tempo ist alles und Zögern verboten. Einmalig.

Ein halbes Jahr hat Keese, der ehemalige Chefredakteur der Welt-Gruppe und heutige Springer-Manager für „Public Affairs“, im Valley verbracht. Er beginnt seine Reise ganz harmlos: Februar 2013, Keese sitzt mit seiner Familie seit 13 Stunden im Flieger. Die Kinder schlafen auf seinen Knien, sanft durchsticht die Maschine die dicken Wolken über der San Francisco Bay.

Gut 300 Seiten später, ein weiterer Flieger. An Bord: wieder Keese und seine Familie. Ihre Zeit im Valley ist um, sie sind auf dem Weg nach Berlin. Doch die Welt ist nicht mehr die selbe und Keese fragt sich, ob er nicht bleiben sollte - aus Verantwortung für seine Kinder und ihre bessere Zukunft in Kalifornien.

Dazwischen liegt ein erstaunliches Porträt einer Region, die Keese nicht ohne Respekt das „mächtigste Tal der Welt“ nennt. Er sollte hier für Springer die Zukunft vermessen und fand dabei Antworten für Europa: Wieso es Quatsch ist, das Valley kopieren zu wollen. Warum sich die neue Leitkultur der Welt gerade hier herausbildet. Und was Europa jetzt tun kann, um den Anschluss daran nicht zu verlieren.

Es geht munter hin und her, vor und zurück. Etwa, wenn Keese den Leser an seinem Leben teilhaben lässt, an seinen Joggingstrecken oder Lieblingsrestaurants. Nur um sogleich zwei Gänge raufzuschalten. Zu mitdenkenden Zahnbürsten und digitalen Lebewesen. Auf den ersten Blick mag das trivial sein. Auf den zweiten erzeugt es Nähe. Authentizität. Keese reportiert - im besten Sinne seiner Leser.

So lullt er sein Leser geschickt ein, nur um sie sogleich aus ihrem Alpen-Panorama-Idyll wieder hochzuscheuchen: Europa muss jetzt handeln. Sonst handeln andere für uns. Man glaubt ihm. Simon Book

Bibliografie
Christoph Keese
Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt
Knaus, 19,99 Euro
320 Seiten, ISBN 978-3-8135-0556-6

Michael LewisDer AnklägerManchmal sagt seine Wirkung deutlich mehr über die Qualität eines Buches aus als sein Inhalt. Bei Michael Lewis „Flashboys“ ist das so. Das Buch, eine einzige Anklage gegen die moderne Technik an den Finanzmärkten und computergestützten Börsenhandel, war noch nicht ganz erschienen, da überboten sich US-Politiker und Finanzaufseher schon in der Forderung von Konsequenzen: Das Algo-Trading, also der Börsenhandel über super schnelle, Algorithmen getriebene, Computerprogramme gehöre verboten! Der Finanzindustrie gehöre auf die Finger geklopft! Lewis ist gelungen, was nur wenigen Autoren in dieser unübersichtlichen Welt gelingt: Er hat mit einer klaren Haltung eines der wesentlichen Probleme des Finanzkapitalismus identifiziert und dieses mit einer klaren Botschaft (Die Sitten an den Märkten ruinieren uns noch alle!) nahezu belletristisch zu Papier gebracht. Michael Lewis ist nicht nur einer der besten Vertreter jener Autoren-Gattung, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Sachbuch und Belletristik, bewusst großzügig auslegen – er ist auch eine Art Chef-Ankläger gegen die internationale Finanzindustrie. Flashboys, das sind nun der Kanadier Brad Katsuyama, der Ire Ronan Ryan und ein paar andere Trader von der Wall Street. Sie fragen sich, warum sie bei ihren Aktienkäufen und -verkäufen immer zu spät sind und mehr zahlen oder weniger einnehmen. Bis sie hinter das Geheimnis kommen: die „Flash Boys“ entschlüsseln als eine Art Undercoveragenten das System des Hochfrequenzhandels. Gegen die Börsengeschäfte in Lichtgeschwindigkeit, generiert von Hochleistungscomputern und Datennetzen, haben „normale“ Händler keine Chance. Lewis dröselt dieses Thema so auf, dass es auch der letzte versteht: Präzise, spannend, schillernd. Der Wirtschaftsjournalist, der als Investmentbanker arbeitete, hat so nach „The Big Short“ und „Boomerang“ zum dritten Mal die Finanzkrise aufgearbeitet. Während die ersten beiden Bücher noch auf fast uneingeschränktes Lob stießen, provoziert dieses Kritik. Dabei ist Lewis nicht von seinem Schema abgewichen: Er hat sich Protagonisten aus dem echten Finanzleben gesucht, sie begleitet und in reportageartigen Kapiteln seine Schlüsse aus deren Wirken gezogen. Dass das Teile der Finanzbranche so aufbrachte, sagt vermutlich mehr über sie als über das Buch. Sven PrangeBibliografieMichael Lewis Flash Boys – Revolte an der Wall StreetCampus Verlag, 24,99 Euro 288 Seiten, ISBN 3593501236

Michael Lewis

Der Ankläger

Manchmal sagt seine Wirkung deutlich mehr über die Qualität eines Buches aus als sein Inhalt. Bei Michael Lewis „Flashboys“ ist das so. Das Buch, eine einzige Anklage gegen die moderne Technik an den Finanzmärkten und computergestützten Börsenhandel, war noch nicht ganz erschienen, da überboten sich US-Politiker und Finanzaufseher schon in der Forderung von Konsequenzen: Das Algo-Trading, also der Börsenhandel über super schnelle, Algorithmen getriebene, Computerprogramme gehöre verboten! Der Finanzindustrie gehöre auf die Finger geklopft!

Lewis ist gelungen, was nur wenigen Autoren in dieser unübersichtlichen Welt gelingt: Er hat mit einer klaren Haltung eines der wesentlichen Probleme des Finanzkapitalismus identifiziert und dieses mit einer klaren Botschaft (Die Sitten an den Märkten ruinieren uns noch alle!) nahezu belletristisch zu Papier gebracht. Michael Lewis ist nicht nur einer der besten Vertreter jener Autoren-Gattung, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Sachbuch und Belletristik, bewusst großzügig auslegen – er ist auch eine Art Chef-Ankläger gegen die internationale Finanzindustrie.

Flashboys, das sind nun der Kanadier Brad Katsuyama, der Ire Ronan Ryan und ein paar andere Trader von der Wall Street. Sie fragen sich, warum sie bei ihren Aktienkäufen und -verkäufen immer zu spät sind und mehr zahlen oder weniger einnehmen. Bis sie hinter das Geheimnis kommen: die „Flash Boys“ entschlüsseln als eine Art Undercoveragenten das System des Hochfrequenzhandels. Gegen die Börsengeschäfte in Lichtgeschwindigkeit, generiert von Hochleistungscomputern und Datennetzen, haben „normale“ Händler keine Chance. Lewis dröselt dieses Thema so auf, dass es auch der letzte versteht: Präzise, spannend, schillernd.

Der Wirtschaftsjournalist, der als Investmentbanker arbeitete, hat so nach „The Big Short“ und „Boomerang“ zum dritten Mal die Finanzkrise aufgearbeitet. Während die ersten beiden Bücher noch auf fast uneingeschränktes Lob stießen, provoziert dieses Kritik. Dabei ist Lewis nicht von seinem Schema abgewichen: Er hat sich Protagonisten aus dem echten Finanzleben gesucht, sie begleitet und in reportageartigen Kapiteln seine Schlüsse aus deren Wirken gezogen. Dass das Teile der Finanzbranche so aufbrachte, sagt vermutlich mehr über sie als über das Buch. Sven Prange

Bibliografie
Michael Lewis
Flash Boys – Revolte an der Wall Street
Campus Verlag, 24,99 Euro
288 Seiten, ISBN 3593501236

Felix MartinFalsches Verständnis von GeldDie entscheidende Frage stellte Königin Elisabeth II. bei ihrem Besuch der London School of Economics, kurz nach der Lehman-Brothers-Pleite: „Weshalb hat keiner von Ihnen die Krise vorhergesehen?“, wollte sie wissen. Diese Frage treibt die Wirtschaftswissenschaften auch sechs Jahre später noch immer um. Der Brite Felix Martin, Volkswirt, Altphilologe und Fondsmanager, glaubt, der Lösung einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein. Das falsche Verständnis von Geld, das sich in den vergangenen 300 Jahren in der Volkswirtschaftslehre durchgesetzt habe, sei für die Weltfinanzkrise verantwortlich zu machen. Die Rolle des Buhmanns in seinem sehr lesenswerten Buch kommt dabei dem großen englischen Philosophen John Locke zu.Bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert habe es über die Natur des Geldes durchaus noch unterschiedlich Ansichten gegeben. Es war umstritten, ob der Wert des Geldes von dem Edelmetall abhing, aus dem die Münzen bestanden, oder von der Kreditwürdigkeit und der Autorität des Souveräns, der den Nennwert der Münze festlegte.Martin beginnt seinen originellen und lehrreichen historischen Streifzug zu diesem Thema in Mesopotamien, gelangt über das antike Griechenland bis ins Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Dabei standen die Anhänger der Kreditgeldtheorie kurz vor dem Sieg. 1695 setzte sich in England jedoch die Meinung John Lockes durch, wonach das Pfund nicht lediglich eine Währungseinheit sei, sondern eine Einheit der Ware Silber selbst und es seinen Wert daher nur dem Substanzwert des Silbers verdanke. Einer Inflation durch eine Münzverschlechterung, das heißt, eine Verringerung des Edelmetallgehalts bei gleichbleibendem Nennwert, war damit zwar ein Riegel vorgeschoben. Zugleich wurde von Locke jedoch fälschlicherweise jede realwirtschaftliche Wirkung der Geldpolitik negiert. Geld galt fortan lediglich als Tauschmittel, das keinerlei Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen habe. Martin zufolge nahm hier die verhängnisvolle Dichotomie der dominierenden klassischen makroökonomischen Theorie ihren Anfang, wonach monetäre und reale Größen einer Volkswirtschaft unabhängig voneinander sind. So entwickelten die Ökonomen ein Modell, in dem Geld, Banken und Finanzmärkte keine Rolle spielten, weil sie annahmegemäß keinen Einfluss auf die Realwirtschaft haben, in Martins Augen der „blinde Fleck des Kapitalismus“.Martins Reformvorschläge sind radikal: Er fordert, endlich eine problemadäquate ökonomische Theorie zu entwickeln, die der modernen Rolle von Kreditgeld im Wirtschaftsgeschehen Rechnung trägt. Und er verlangt, die Macht der Geschäftsbanken zu beschränken. Mittel dazu sei ein Währungssystem, das auf Vollgeld basiert. Seine gesellschaftspolitischen Anliegen reichen noch weiter: Martin sieht das eigentliche Ziel der Geldpolitik nicht in der Geldwertstabilität, sondern in einer gerechten Gesellschaft. Angesichts der zunehmenden Ungleichheit in der Vermögensverteilung plädiert er für eine höhere Inflationsrate oder eine „direkte Restrukturierung der Schuldenlast“, das heißt, einen Schuldenschnitt. Um diese Ziele zu erreichen, sollten die Zentralbanken nicht unabhängig sein. Jörg LichterBibliografieFelix Martin Geld, die wahre Geschichte – Über den blinden Fleck des KapitalismusDVA Dt.Verlags-Anstalt, 22,99 Euro 427 Seiten, ISBN 3421045925

Felix Martin

Falsches Verständnis von Geld

Die entscheidende Frage stellte Königin Elisabeth II. bei ihrem Besuch der London School of Economics, kurz nach der Lehman-Brothers-Pleite: „Weshalb hat keiner von Ihnen die Krise vorhergesehen?“, wollte sie wissen. Diese Frage treibt die Wirtschaftswissenschaften auch sechs Jahre später noch immer um. Der Brite Felix Martin, Volkswirt, Altphilologe und Fondsmanager, glaubt, der Lösung einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein. Das falsche Verständnis von Geld, das sich in den vergangenen 300 Jahren in der Volkswirtschaftslehre durchgesetzt habe, sei für die Weltfinanzkrise verantwortlich zu machen. Die Rolle des Buhmanns in seinem sehr lesenswerten Buch kommt dabei dem großen englischen Philosophen John Locke zu.

Bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert habe es über die Natur des Geldes durchaus noch unterschiedlich Ansichten gegeben. Es war umstritten, ob der Wert des Geldes von dem Edelmetall abhing, aus dem die Münzen bestanden, oder von der Kreditwürdigkeit und der Autorität des Souveräns, der den Nennwert der Münze festlegte.

Martin beginnt seinen originellen und lehrreichen historischen Streifzug zu diesem Thema in Mesopotamien, gelangt über das antike Griechenland bis ins Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Dabei standen die Anhänger der Kreditgeldtheorie kurz vor dem Sieg. 1695 setzte sich in England jedoch die Meinung John Lockes durch, wonach das Pfund nicht lediglich eine Währungseinheit sei, sondern eine Einheit der Ware Silber selbst und es seinen Wert daher nur dem Substanzwert des Silbers verdanke.

Einer Inflation durch eine Münzverschlechterung, das heißt, eine Verringerung des Edelmetallgehalts bei gleichbleibendem Nennwert, war damit zwar ein Riegel vorgeschoben. Zugleich wurde von Locke jedoch fälschlicherweise jede realwirtschaftliche Wirkung der Geldpolitik negiert. Geld galt fortan lediglich als Tauschmittel, das keinerlei Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen habe.

Martin zufolge nahm hier die verhängnisvolle Dichotomie der dominierenden klassischen makroökonomischen Theorie ihren Anfang, wonach monetäre und reale Größen einer Volkswirtschaft unabhängig voneinander sind. So entwickelten die Ökonomen ein Modell, in dem Geld, Banken und Finanzmärkte keine Rolle spielten, weil sie annahmegemäß keinen Einfluss auf die Realwirtschaft haben, in Martins Augen der „blinde Fleck des Kapitalismus“.

Martins Reformvorschläge sind radikal: Er fordert, endlich eine problemadäquate ökonomische Theorie zu entwickeln, die der modernen Rolle von Kreditgeld im Wirtschaftsgeschehen Rechnung trägt. Und er verlangt, die Macht der Geschäftsbanken zu beschränken. Mittel dazu sei ein Währungssystem, das auf Vollgeld basiert. Seine gesellschaftspolitischen Anliegen reichen noch weiter: Martin sieht das eigentliche Ziel der Geldpolitik nicht in der Geldwertstabilität, sondern in einer gerechten Gesellschaft. Angesichts der zunehmenden Ungleichheit in der Vermögensverteilung plädiert er für eine höhere Inflationsrate oder eine „direkte Restrukturierung der Schuldenlast“, das heißt, einen Schuldenschnitt. Um diese Ziele zu erreichen, sollten die Zentralbanken nicht unabhängig sein. Jörg Lichter

Bibliografie
Felix Martin
Geld, die wahre Geschichte – Über den blinden Fleck des Kapitalismus
DVA Dt.Verlags-Anstalt, 22,99 Euro
427 Seiten, ISBN 3421045925

Mariana MazzucatoWas der Staat besser kann als die UnternehmenAuf den ersten Blick scheint Mariana Mazzucato „Das Kapital des Staates“ ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Die Rolle des Staates besteht vor allem darin, „geduldiges“ Kapital zur Verfügung zu stellen und so langfristige Entwicklungen zu ermöglichen.Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv. Und sie warnt: „Je mehr wir die Rolle des Staates in der Wirtschaft kleinreden, desto weniger kann er seine Rolle erfüllen und ein relevanter Akteur sein, und desto weniger wird es ihm gelingen, Top-Talente anzuziehen.“Besonders anschaulich ist das Kapitel über das iPhone. Dort listet die Autorin sorgfältig auf, wie viele Erfindungen Apple für sein wichtigstes Produkt nutzt, die irgendwann mit staatlichen Fördergeldern unterstützt worden sind. Sie spricht von der „sichtbaren Hand“ des Staates und widerspricht dem Mythos, ausschlaggebend für die Erfolge von Firmen wie Apple oder Google seien allein „Garagenbastler und Wagniskapitalgeber“. Das Silicon Valley ist für sie weniger ein Beispiel für den Erfolg des freien Unternehmertums als für das Militär als Mutter aller Innovationen: Aus einem System, das die Kommunikation bei einem Atomkrieg aufrecht erhalten sollte, wurde das Internet.Folgerichtig stellt sie die Frage, ob der Staat seinen gerechten Anteil an den Gewinnen erhält. Die Antwort: „Es ist viel von Partnerschaften zwischen dem Staat und dem privaten Sektor die Rede, aber oft ist nur der Einsatz kollektiv, und die Gewinne bleiben privat.“ Als Beispiele nennt sie auch die Pharmabranche und die Erzeugung alternativer Energie.Sie fordert eine direkte Beteiligung des Staates an den Gewinnen aus Entwicklungen, die vom Staat mitfinanziert werden. Dieses Geld soll in einen „nationalen Innovationsfonds“ fließen, mit dem dann weitere Entwicklungen bezahlt werden. Außerdem schlägt sie vor, dass der Staat weitgehende Rechte an von ihm unterstützten Patenten bekommt, um sicherzustellen, dass „umfassend“ und „gerecht“ Lizenzen vergeben werden.Mazzucatos Buch ist eine wertvolle Kritik an der ideologischen Verklärung privaten Unternehmertums und an schubladenartigen ordnungspolitischen Kategorien. Auf der anderen Seite übertreibt sie es manchmal aber auch und unterschätzt die Bedeutung von Gestalten wie Apple-Gründer Steve Jobs: Der hat eine ganz neue Konsumwelt geschaffen – und das ist letztlich entscheidender als die Summe der technischen Innovationen, die in seinen Produkten verbaut sind.Das Buch ist leicht und relativ schnell zu lesen, aber zugleich gut belegt, fast 50 Seiten umfassen die Bibliografie, die Anmerkungen und das Register. Frank WiebeBibliografieMariana Mazzucato Das Kapital des Staates – Eine andere Geschichte von Innovation und WachstumKunstmann, 22,95 Euro 302 Seiten, ISBN 3956140001

Mariana Mazzucato

Was der Staat besser kann als die Unternehmen

Auf den ersten Blick scheint Mariana Mazzucato „Das Kapital des Staates“ ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Die Rolle des Staates besteht vor allem darin, „geduldiges“ Kapital zur Verfügung zu stellen und so langfristige Entwicklungen zu ermöglichen.

Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv. Und sie warnt: „Je mehr wir die Rolle des Staates in der Wirtschaft kleinreden, desto weniger kann er seine Rolle erfüllen und ein relevanter Akteur sein, und desto weniger wird es ihm gelingen, Top-Talente anzuziehen.“

Besonders anschaulich ist das Kapitel über das iPhone. Dort listet die Autorin sorgfältig auf, wie viele Erfindungen Apple für sein wichtigstes Produkt nutzt, die irgendwann mit staatlichen Fördergeldern unterstützt worden sind. Sie spricht von der „sichtbaren Hand“ des Staates und widerspricht dem Mythos, ausschlaggebend für die Erfolge von Firmen wie Apple oder Google seien allein „Garagenbastler und Wagniskapitalgeber“. Das Silicon Valley ist für sie weniger ein Beispiel für den Erfolg des freien Unternehmertums als für das Militär als Mutter aller Innovationen: Aus einem System, das die Kommunikation bei einem Atomkrieg aufrecht erhalten sollte, wurde das Internet.

Folgerichtig stellt sie die Frage, ob der Staat seinen gerechten Anteil an den Gewinnen erhält. Die Antwort: „Es ist viel von Partnerschaften zwischen dem Staat und dem privaten Sektor die Rede, aber oft ist nur der Einsatz kollektiv, und die Gewinne bleiben privat.“ Als Beispiele nennt sie auch die Pharmabranche und die Erzeugung alternativer Energie.

Sie fordert eine direkte Beteiligung des Staates an den Gewinnen aus Entwicklungen, die vom Staat mitfinanziert werden. Dieses Geld soll in einen „nationalen Innovationsfonds“ fließen, mit dem dann weitere Entwicklungen bezahlt werden. Außerdem schlägt sie vor, dass der Staat weitgehende Rechte an von ihm unterstützten Patenten bekommt, um sicherzustellen, dass „umfassend“ und „gerecht“ Lizenzen vergeben werden.

Mazzucatos Buch ist eine wertvolle Kritik an der ideologischen Verklärung privaten Unternehmertums und an schubladenartigen ordnungspolitischen Kategorien. Auf der anderen Seite übertreibt sie es manchmal aber auch und unterschätzt die Bedeutung von Gestalten wie Apple-Gründer Steve Jobs: Der hat eine ganz neue Konsumwelt geschaffen – und das ist letztlich entscheidender als die Summe der technischen Innovationen, die in seinen Produkten verbaut sind.

Das Buch ist leicht und relativ schnell zu lesen, aber zugleich gut belegt, fast 50 Seiten umfassen die Bibliografie, die Anmerkungen und das Register. Frank Wiebe

Bibliografie
Mariana Mazzucato
Das Kapital des Staates – Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
Kunstmann, 22,95 Euro
302 Seiten, ISBN 3956140001

Thomas PikettyÜber die UngleichheitWohl kaum ein ökonomisches Buch ist in diesem Jahr so umstritten wie „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des Franzosen Thomas Piketty. Das Erscheinen der englischen Übersetzung im April hat die Debatte über eine angeblich wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen kräftig angeheizt. Hat Piketty doch Argumente für eine Protestbewegung geliefert, die unter dem Stichwort „Occupy“ die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich rund um den Globus ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt hat.Als sich im August die Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau trafen, waren Pikettys Thema und Thesen in aller Munde. Der 43-jährige Professor an der Paris School of Economics und an der École des Hautes Études en Sciences Sociales wird inzwischen gar als Anwärter für der Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. Im Zentrum seines Werkes steht die Behauptung, der Kapitalismus tendiere zu einer immer größer werdenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen. Triebkraft sei die Tatsache, dass die Kapitalerträge langfristig stärker wachsen als die gesamte Volkswirtschaft.Damit erschüttert er die Grundfesten der Ökonomie – methodisch wie inhaltlich. Methodisch, weil Piketty sich einerseits der Instrumente der modernen Ökonomie bedient, also der empirischen Analyse von unerschöpflichen Datenreihen, andererseits aber auch auf die Mittel der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft und der Anthropologie zurückgreift.Inhaltlich betritt Piketty Neuland, weil er die Basis der Legitimation der Marktwirtschaft infrage stellt. Die Chancengleichheit, das Wohlstandsversprechen, letztlich die Gerechtigkeit – aus seiner Sicht in unserem derzeitigen System alles Illusionen.Zunächst wurde das Buch in der ökonomischen Zunft wie eine Heilslehre gefeiert. Kurz darauf jedoch meldeten sich immer mehr Kritiker zu Wort. Die härtestes Attacke wurde von der „Financial Times“ gefahren, die Piketty methodische Fehler bei der Einkommensermittlung und unzulässige Schlussfolgerungen vorwarf. Kürzlich meldeten sich die beiden US-Wissenschaftler Daron Acemoglu und James Robinson ebenfalls mit Kritik. Ihr Vorwurf: Der Franzose versuche wie Marx eine Weltformel für den Kapitalismus zu finden und übersehe dabei die Rolle von Institutionen und Politik. IWF-Chef Christine Lagarde kritisierte ihren Landsmann hingegen für seinen Vorschlag einer globalen Vermögenssteuer, die sie für „völlig unrealistisch“ hält.Piketty selbst hat auf die Welle der Kritik gelassen reagiert. Den Angriff der „Financial Times“ wies er in einer zehnseitigen Erklärung Punkt für Punkt zurück. Sein Hauptargument: Keiner der Kritikpunkte ändere etwas an seiner Hauptthese, dass die Ungleichheit im Kapitalismus ständig zunehme und den Zusammenhalt der Gesellschaften gefährde.Der große Verdienst des Franzosen besteht darin, dass er den Blick der Ökonomie zum richtigen Zeitpunkt wieder stärker auf Verteilungsfragen gelenkt hat. Gerade beim Übergang vom industriellen zum digitalen Zeitalter ist die Frage, wie die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts verteilt werden, aktueller denn je. Torsten RieckeBibliografieThomas Piketty Das Kapital im 21. JahrhundertC.H. Beck, 29,95 Euro 832 Seiten, ISBN 978-3-406-67131-9

Thomas Piketty

Über die Ungleichheit

Wohl kaum ein ökonomisches Buch ist in diesem Jahr so umstritten wie „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des Franzosen Thomas Piketty. Das Erscheinen der englischen Übersetzung im April hat die Debatte über eine angeblich wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen kräftig angeheizt. Hat Piketty doch Argumente für eine Protestbewegung geliefert, die unter dem Stichwort „Occupy“ die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich rund um den Globus ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt hat.

Als sich im August die Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau trafen, waren Pikettys Thema und Thesen in aller Munde. Der 43-jährige Professor an der Paris School of Economics und an der École des Hautes Études en Sciences Sociales wird inzwischen gar als Anwärter für der Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. Im Zentrum seines Werkes steht die Behauptung, der Kapitalismus tendiere zu einer immer größer werdenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen. Triebkraft sei die Tatsache, dass die Kapitalerträge langfristig stärker wachsen als die gesamte Volkswirtschaft.

Damit erschüttert er die Grundfesten der Ökonomie – methodisch wie inhaltlich. Methodisch, weil Piketty sich einerseits der Instrumente der modernen Ökonomie bedient, also der empirischen Analyse von unerschöpflichen Datenreihen, andererseits aber auch auf die Mittel der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft und der Anthropologie zurückgreift.

Inhaltlich betritt Piketty Neuland, weil er die Basis der Legitimation der Marktwirtschaft infrage stellt. Die Chancengleichheit, das Wohlstandsversprechen, letztlich die Gerechtigkeit – aus seiner Sicht in unserem derzeitigen System alles Illusionen.

Zunächst wurde das Buch in der ökonomischen Zunft wie eine Heilslehre gefeiert. Kurz darauf jedoch meldeten sich immer mehr Kritiker zu Wort. Die härtestes Attacke wurde von der „Financial Times“ gefahren, die Piketty methodische Fehler bei der Einkommensermittlung und unzulässige Schlussfolgerungen vorwarf. Kürzlich meldeten sich die beiden US-Wissenschaftler Daron Acemoglu und James Robinson ebenfalls mit Kritik. Ihr Vorwurf: Der Franzose versuche wie Marx eine Weltformel für den Kapitalismus zu finden und übersehe dabei die Rolle von Institutionen und Politik. IWF-Chef Christine Lagarde kritisierte ihren Landsmann hingegen für seinen Vorschlag einer globalen Vermögenssteuer, die sie für „völlig unrealistisch“ hält.

Piketty selbst hat auf die Welle der Kritik gelassen reagiert. Den Angriff der „Financial Times“ wies er in einer zehnseitigen Erklärung Punkt für Punkt zurück. Sein Hauptargument: Keiner der Kritikpunkte ändere etwas an seiner Hauptthese, dass die Ungleichheit im Kapitalismus ständig zunehme und den Zusammenhalt der Gesellschaften gefährde.

Der große Verdienst des Franzosen besteht darin, dass er den Blick der Ökonomie zum richtigen Zeitpunkt wieder stärker auf Verteilungsfragen gelenkt hat. Gerade beim Übergang vom industriellen zum digitalen Zeitalter ist die Frage, wie die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts verteilt werden, aktueller denn je. Torsten Riecke

Bibliografie
Thomas Piketty
Das Kapital im 21. Jahrhundert
C.H. Beck, 29,95 Euro
832 Seiten, ISBN 978-3-406-67131-9

Philip RoscoeKosten-Nutzen-Rechnung für die MenschenWissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? Angesehene Ökonomen wissen es. 15.200 Dollar, haben sie geschätzt, sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Zwei Drittel einer Leber sind um einiges teurer: 37.600 Dollar. Wie sie darauf kommen? Die Forscher preisen ein, dass ein Spender ein Risiko bei der Organentnahme hat, nichts verdient in der Zeit, in der er sich von der Operation erholt, und nach der Spende schlechter lebt als vorher. Philip Roscoe, der die Rechnung in seinem Buch „Rechnet sich das?“ auseinandernimmt, kann wenig damit anfangen. Der Managementprofessor an der schottischen Universität St. Andrews argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt. Die Ökonomie erschaffe erst jenen Menschen, über den sie theoretisiere: „den egoistischen, berechnenden und sogar unehrlichen“. „Der große Fehler der modernen Ökonomie bestand darin, dass sie vergaß, dass sie selbst Bestandteil der Welt ist, dass sie ins tägliche Leben schwappt und es gestaltet und verändert“, schreibt er. Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Er belässt es aber nicht bei einer unterhaltsamen und verständlichen Analyse verschiedener Beispiele, sondern erläutert auch Alternativen. So greift er für das Beispiel der Nierentransplantation auf die bekannte Idee einer „Verrechnungsstelle“ zurück. Viele, die eine neue Niere brauchen, haben jemanden, der ihnen diese spenden würde. Nur passen die genetischen Merkmale eben oft nicht. In der Verrechnungsstelle aber sind alle, die eine Niere brauchen und ihre Spender erfasst. Damit könne man Tauschketten organisieren, die Spende aus Nächstenliebe bliebe erhalten. Diese Theorie sei demokratisch, nehme die öffentliche Diskussion ernst und sei weit entfernt von der „blinden Ideologie“ derer, die überzeugt seien, ein Organmarkt werde es schon richten. Stefani HergertBibliografiePhilip Roscoe Rechnet sich das? – Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer machtHanser, 21,90 Euro 316 Seiten, ISBN 3446440372

Philip Roscoe

Kosten-Nutzen-Rechnung für die Menschen

Wissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? Angesehene Ökonomen wissen es. 15.200 Dollar, haben sie geschätzt, sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Zwei Drittel einer Leber sind um einiges teurer: 37.600 Dollar. Wie sie darauf kommen? Die Forscher preisen ein, dass ein Spender ein Risiko bei der Organentnahme hat, nichts verdient in der Zeit, in der er sich von der Operation erholt, und nach der Spende schlechter lebt als vorher. 

Philip Roscoe, der die Rechnung in seinem Buch „Rechnet sich das?“ auseinandernimmt, kann wenig damit anfangen. Der Managementprofessor an der schottischen Universität St. Andrews argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt. 

Die Ökonomie erschaffe erst jenen Menschen, über den sie theoretisiere: „den egoistischen, berechnenden und sogar unehrlichen“. „Der große Fehler der modernen Ökonomie bestand darin, dass sie vergaß, dass sie selbst Bestandteil der Welt ist, dass sie ins tägliche Leben schwappt und es gestaltet und verändert“, schreibt er.

Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Er belässt es aber nicht bei einer unterhaltsamen und verständlichen Analyse verschiedener Beispiele, sondern erläutert auch Alternativen. 

So greift er für das Beispiel der Nierentransplantation auf die bekannte Idee einer „Verrechnungsstelle“ zurück. Viele, die eine neue Niere brauchen, haben jemanden, der ihnen diese spenden würde. Nur passen die genetischen Merkmale eben oft nicht. In der Verrechnungsstelle aber sind alle, die eine Niere brauchen und ihre Spender erfasst. Damit könne man Tauschketten organisieren, die Spende aus Nächstenliebe bliebe erhalten. Diese Theorie sei demokratisch, nehme die öffentliche Diskussion ernst und sei weit entfernt von der „blinden Ideologie“ derer, die überzeugt seien, ein Organmarkt werde es schon richten. Stefani Hergert

Bibliografie
Philip Roscoe
Rechnet sich das? – Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer macht
Hanser, 21,90 Euro
316 Seiten, ISBN 3446440372

Peter ThielQuerdenken statt NachahmenWenn der Millionen-Investor Peter Thiel ein Buch schreibt, dann geht es zwangsläufig um die großen Fragen. Was sollte einen Mann auch sonst beschäftigen, der mit Mitte 30 schon mehr Geld hatte, als er je würde ausgeben können? In „Zero to One” will der PayPal-Gründer nicht weniger als eine Strategie dafür entwerfen, „wie wir den Plan der Welt neu schreiben“. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Studenten Blake Masters, der Thiels Ausführungen über Start-ups im Rahmen einer Vorlesung an der Universität Stanford mitschrieb. Natürlich liegt für Thiel die Lösung von Problemen wie Überbevölkerung, Armut oder Klimawandel in neuen Technologien. Aber gerade hier habe es seit den 1950er-Jahren „kaum echten Fortschritt“ gegeben, kritisiert er. Schnellere Computer und Smartphones lenkten die Menschen nur ab, seien aber nicht mehr wegweisend. Junge Gründer und ihre Start-ups – in die setzt der Investor seine Hoffnung. Sie müssten radikal umdenken. Wer nur versuche, Bill Gates, Larry Page, Sergey Brin oder Mark Zuckerberg zu kopieren, habe nichts gelernt. Programmierer, Ingenieure und Erfinder müssten die Kühnheit haben, auch unpopuläre Ideen zu vertreten. „Besser dreist als trivial sein“, konstatiert Thiel. „Ein schlechter Plan ist besser als kein Plan.“ Manchmal trägt Thiel ein wenig dick auf. Etwa dann, wenn der Philosophie-Absolvent beweisen muss, dass er seinen Francis Bacon, Friedrich Nietzsche oder Karl Marx auch gelesen hat. Doch seine Ausführungen sind einleuchtend, erfrischend radikal und immer dann besonders stark, wenn der Querdenker mit den Gewissheiten von Silicon Valley abrechnet. Viele Firmen bewegten sich seit dem Dotcom-Aus nur in kleinen, vermeintlich sicheren Schritten voran, kritisiert Thiel. Sie kopierten lieber ein Produkt, für das es schon einen Markt gibt, als etwas Originelles zu entwerfen. Doch das schaffe nur Konkurrenz und Konkurrenz vernichte Profit, weil die Rivalen sich immer stärker im Preis unterbieten müssten. Thiel rät Jungunternehmern: „Wenn du tust, was noch keiner gemacht hast, und wenn du dich besser anstellst als jemand anderes, hast Du ein Monopol. Jedes Geschäft ist genau so erfolgreich, wie es dieses Monopol besitzt.“ Natürlich geht es in „Zero to One“ auch um Thiel selbst, den verehrten wie gefürchteten Einzelkämpfer, den Silicon Valley-Außenseiter. Britta WeddelingBibliografiePeter Thiel Zero to One – Wie Innovation unsere Gesellschaft rettetCampus Verlag, 22,99 Euro 200 Seiten, ISBN 3593501600

Peter Thiel

Querdenken statt Nachahmen

Wenn der Millionen-Investor Peter Thiel ein Buch schreibt, dann geht es zwangsläufig um die großen Fragen. Was sollte einen Mann auch sonst beschäftigen, der mit Mitte 30 schon mehr Geld hatte, als er je würde ausgeben können? In „Zero to One” will der PayPal-Gründer nicht weniger als eine Strategie dafür entwerfen, „wie wir den Plan der Welt neu schreiben“. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Studenten Blake Masters, der Thiels Ausführungen über Start-ups im Rahmen einer Vorlesung an der Universität Stanford mitschrieb. 

Natürlich liegt für Thiel die Lösung von Problemen wie Überbevölkerung, Armut oder Klimawandel in neuen Technologien. Aber gerade hier habe es seit den 1950er-Jahren „kaum echten Fortschritt“ gegeben, kritisiert er. Schnellere Computer und Smartphones lenkten die Menschen nur ab, seien aber nicht mehr wegweisend. Junge Gründer und ihre Start-ups – in die setzt der Investor seine Hoffnung. Sie müssten radikal umdenken. Wer nur versuche, Bill Gates, Larry Page, Sergey Brin oder Mark Zuckerberg zu kopieren, habe nichts gelernt.

Programmierer, Ingenieure und Erfinder müssten die Kühnheit haben, auch unpopuläre Ideen zu vertreten. „Besser dreist als trivial sein“, konstatiert Thiel. „Ein schlechter Plan ist besser als kein Plan.“ Manchmal trägt Thiel ein wenig dick auf. Etwa dann, wenn der Philosophie-Absolvent beweisen muss, dass er seinen Francis Bacon, Friedrich Nietzsche oder Karl Marx auch gelesen hat. Doch seine Ausführungen sind einleuchtend, erfrischend radikal und immer dann besonders stark, wenn der Querdenker mit den Gewissheiten von Silicon Valley abrechnet. 

Viele Firmen bewegten sich seit dem Dotcom-Aus nur in kleinen, vermeintlich sicheren Schritten voran, kritisiert Thiel. Sie kopierten lieber ein Produkt, für das es schon einen Markt gibt, als etwas Originelles zu entwerfen. Doch das schaffe nur Konkurrenz und Konkurrenz vernichte Profit, weil die Rivalen sich immer stärker im Preis unterbieten müssten. Thiel rät Jungunternehmern: „Wenn du tust, was noch keiner gemacht hast, und wenn du dich besser anstellst als jemand anderes, hast Du ein Monopol. Jedes Geschäft ist genau so erfolgreich, wie es dieses Monopol besitzt.“ Natürlich geht es in „Zero to One“ auch um Thiel selbst, den verehrten wie gefürchteten Einzelkämpfer, den Silicon Valley-Außenseiter. Britta Weddeling

Bibliografie
Peter Thiel
Zero to One – Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet
Campus Verlag, 22,99 Euro
200 Seiten, ISBN 3593501600

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