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03.09.2022

16:31

Wirtschaftsbuchpreis 2022

Kai-Fu Lee und Qiufan Chen entwerfen Zukunftsszenarien für das Jahr 2041

Von: Thomas Jahn

Wie verändert Künstliche Intelligenz unser Leben? Eine KI-Koryphäe und ein Schriftsteller wollen neue Technologien nachvollziehbar machen.

Lee hebt in seiner Analyse unter anderem die Vor- und Nachteile des Autonomen Fahrens hervor. dpa

VW-Konzeptentwurf für Autonomes Fahren

Lee hebt in seiner Analyse unter anderem die Vor- und Nachteile des Autonomen Fahrens hervor.

Düsseldorf Neuronale Netze, synthetische Daten, Generative Adversarial Networks, Level 5 – alles Fachbegriffe aus der Welt der Künstlichen Intelligenz (KI), die wir nicht oder wenig verstehen. Dabei werden sie einen maßgeblichen Einfluss auf unser Leben haben – und laut der Beratung Pricewaterhouse-Coopers schon bis 2030 eine Wertschöpfung von 15,7 Billionen Dollar generieren.

Wie aber können wir unser Verständnis von KI und ihren Auswirkungen verbessern? Diese Frage stellte sich Kai-Fu Lee, ein renommierter KI-Experte, der früher bei Microsoft, Apple und zuletzt als Chinachef von Google arbeitete. Sein Buch „AI Superpowers“ war ein Bestseller.

Zusammen mit dem chinesischen Science-Fiction-Autor Qiufan Chen entwickelte der gebürtige Taiwanese die Idee für ein ungewöhnliches Buch: „KI 2041 – Zehn Zukunftsvisionen“. Der Computerwissenschaftler erstellte eine „Technologiekarte“, wie er es ausdrückt, an der Chen seine insgesamt zehn Geschichten orientiert.

Schon das Inhaltsverzeichnis des Buchs liest sich in der Tat wie eine Karte der Zukunft: von Deep Learning über Virtuelle Realität oder selbstfahrende Autos sind dort alle wichtigen KI-Themen vertreten. In jeder Geschichte stehen Menschen und ihr Verhältnis zur KI im Mittelpunkt – im Guten wie im Schlechten. So weigert sich in Indien die junge Nayana, sich ihre große Liebe von einer KI-App ausreden zu lassen. Ein Zwillingspaar in Korea kommt sich durch KI-Lehrer trotz verschiedener Charakterzüge und Lebenswege näher.

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    Nach jeder Geschichte von Chen erläutert Lee in einer „Analyse“ die Technologie, die im Mittelpunkt stand. So nutzt in „Götter hinter Masken“ ein Fälscher in Nigeria sogenannte „Generative Adversarial Networks“ (GAN), um seine manipulierten Videos immer besser werden zu lassen.

    Kai-Fu Lee, Qiufan Chen: KI 2041. Zehn Zukunftsvisionen.
    Campus Verlag
    Frankfurt 2022
    534 Seiten
    26 Euro

    Bei den „Erzeugenden Gegnerischen Netzwerken“ treten wie beim Tennismatch Neuronale Netze gegeneinander an, um sich beim Erzeugen und Erkennen von Manipulationen bei Videos, Bildern oder Stimmen immer weiter zu überbieten. Lee erklärt anschaulich die Idee von GAN und gibt zu verstehen, was man schon lange ahnte: dass wir schon bald unseren Augen nicht mehr trauen dürfen.

    Der Grundzug des Buchs ist trotz aller Manipulationsmöglichkeiten optimistisch. „Wie die meisten Technologien ist KI an sich weder gut noch schlecht“, schreibt Lee im Vorwort. Das sei bei allen grundlegenden Innovationen so gewesen. Langfristig würden die positiven gesellschaftlichen Auswirkungen auch bei KI stärker zu Buche schlagen. „Denken Sie nur an den enormen Nutzen von Elektrizität, Mobiltelefonen und Internet.“

    Klar zeigen die Autoren die Licht- und Schattenseiten jeder Technologie auf. Etwa in der Geschichte „Der heilige Fahrer“, die in Sri Lanka spielt und von selbstfahrenden Autos handelt. In seiner Analyse hebt Lee die bekannten Vorteile von KI-gesteuerten Autos hervor: weniger Verkehrstote, mehr freie Lebenszeit, weniger Parkhäuser.

    Aber genauso verschweigt er nicht die Probleme: Zu kompliziert, zu schwierig sind die möglichen Verkehrssituationen, um schon bald alle von einer KI gemeistert werden zu können. Das sogenannte Level 4 und 5, das fast vollständige Lenken des Fahrzeugs durch KI, wird frühestens 2041 zur Marktreife gebracht werden – 32 Jahre nachdem Google sein Projekt mit autonomen Fahrzeugen kommerziell anging.

    Auch diskutiert Lee andere wichtige Fragen: Wer haftet bei Unfällen? Der Hersteller, die Software-Ingenieure oder der Halter? Keine Technologie kann sich ohne rechtliche Klarheit durchsetzen. Was passiert bei unvorhergesehenen Ereignissen wie Naturkatastrophen? Wie soll das sogenannte „Weichenstellungsproblem“ gelöst werden? Dabei muss sich die KI bei Unfällen in Sekundenschnelle für eine Option entscheiden: ausweichen und Person A gefährden oder nichts tun und Person B und C in Gefahr bringen? Was ist, wenn A ein Kind ist?

    Die Vorteile von autonomer Fahrtechnik sind laut Lee offensichtlich. Jedes Jahr sterben weltweit 1,35 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen, aller Voraussicht nach kann KI die Zahl drastisch senken. Dazu: Im Schnitt verbringen wir viel Zeit im Auto, die „frei verfügbare Lebenszeit“ werden könnte.

    Es ist ein spannendes Experiment, das Lee und Chen abliefern. Die Geschichten sind etwas technologielastig geschrieben, aber sie erfüllen eine ganz wesentliche Aufgabe: die Auswirkung von KI und ihren vielfältigen Anwendungen anschaulich zu machen.

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