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10.09.2022

17:00

Wirtschaftsbuchpreis 2022

Wie eine Abkehr vom Auto gelingen könnte

Von: Anja Holtschneider

Die Verkehrswende kommt – und kommt nicht. Die Verkehrsexpertin Katja Diehl fordert in ihrem Buch „Autokorrektur“ die Abkehr von der totalen Fixierung auf den Pkw.

Stau in Berlin imago images/photothek

Verkehr in Berlin

In Deutschland verlaufen laut Bundesverkehrsministerium rund 830.000 Kilometer Straßen, aber nur 38.600 Kilometer Schienen.

Düsseldorf Mit ihrer Forderung provoziert Katja Diehl bewusst: „Jede:r sollte das Recht haben, ein Leben ohne ein eigenes Auto führen zu können.“ In ihrem Buch „Autokorrektur. Mobilität für eine lebenswerte Welt“ hinterfragt die Verkehrsexpertin Diehl die Allmachtstellung des Autos in Deutschland. Die Hamburgerin legt nicht nur dar, wie das Auto zum Verkehrsmittel Nummer Eins werden konnte, sondern zeigt auch die Zwänge auf, die Menschen immer wieder vom Auto abhängig machen. Keine Überraschung also, dass die Verkehrswende noch nicht passiert ist.

Diehl kämpft seit 15 Jahren für das Thema. Sie ist Bundesvorständin des Verkehrsclubs Deutschland, produziert einen Mobilitäts-Podcast, wirkt als Expertin in verschiedenen Ausschüssen und setzt sich besonders für die Mobilitätsbedürfnisse von Frauen ein.

Um eine #Autokorrektur, wie Diehl es nennt, zu fordern, muss man verstehen, woher die Autoversessenheit der Deutschen kommt. Diehl nimmt den Leser mit zurück in eine Zeit, als das Auto noch nicht den heutigen Heiligenstatus hatte.

Sie seziert das von der Autolobby seit der Nachkriegszeit sorgfältig aufgebaute Bild des besten aller Verkehrsmittel – und zeigt den Leserinnen und Lesern, welche Privilegien sie den Autos im Laufe der Zeit eingeräumt haben. Die Verdrängung von Fahrradfahrern und Fußgängern auf einen schmalen Bürgersteig, während das Auto seinen eigenen Raum, die Straße, bekommen hat. Und die beanspruchen auch noch einen Parkplatz direkt vor der eigenen Tür.

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    Die Folge: Das Auto dominiert Deutschland. Die Zahlen sprechen für Diehls These. Im Land verlaufen laut Bundesverkehrsministerium rund 830.000 Kilometer Straßen, aber nur 38.600 Kilometer Schienen.

    Katja Diehl: Autokorrektur. Mobilität für eine lebenswerte Welt.
    S. Fischer
    Frankfurt 2022
    272 Seiten
    18,00 Euro

    Diehl widmet sich ausführlich den Privilegien des Autos – dem fehlenden Tempolimit oder dem Dienstwagen-Privileg. Aber keinesfalls darf das Buch als alleinige Kritik am Auto verstanden werden. „Ich wende mich mit meinem Buch und meiner Arbeit unter dem Hashtag #Autokorrektur nicht gegen das Auto – ich wende mich vielmehr den Menschen zu, die im Auto sitzen“, schreibt Diehl. Anstatt Mobilität rein wirtschaftlich zu sehen, müsse der Mensch wieder in den Fokus rücken.

    Deshalb zeigt Diehl, wie die Konzentration auf das Auto die Mobilität bestimmt und wer vor allem davon profitiert. Es ist keine große Überraschung, dass das vor allem Männer sind. Sie haben öfter Dienstwagen, sie bewältigen öfter alles mit dem Auto, sie planen Städte und Verkehr.

    Frauen hingegen haben andere Bedürfnisse, übernehmen mehr Care-Arbeit und haben dadurch einen anderen Ablauf. Anstatt wie die meisten Männer von A nach B zu fahren, fahren sie oft noch über C und D. Strecken, die sie oft mit einem schlecht ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr oder dem Rad zurücklegen müssen.

    Ganz ohne Auto geht es nicht

    Das ist schon in den Städten ein Problem – vom ländlichen Raum ganz zu schweigen. „Wir brauchen Alternativen, die so komfortabel sind wie ein eigenes Auto“, schreibt Diehl. Aber nicht jeder kann sich ein Auto leisten. Ein Mittelklassewagen kostet durchschnittlich 300 Euro im Monat. Deshalb plädiert Diehl dafür, die Kosten wieder auf ein gleichberechtigtes Niveau für alle zu bewegen. Damit Autofahren bezahlbarer wird. Denn ganz ohne Auto geht es auch künftig nicht.

    Immer wieder wendet sich Diehl mit Fragen direkt an die Leserinnen und Leser: „Musst du wirklich Auto fahren? Warum willst du diesen Weg mit dem Auto zurücklegen?“ Fragen, die sie unter anderem 40 Menschen gestellt hat. Menschen, die aufgrund von Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung das Auto anders nutzen als der durchschnittliche weiße, heterosexuelle Mann. Es kommen dabei interessante Perspektiven zum Vorschein; für viele Menschen, so beschreibt es Diehl, sei das Auto nur das verhasste Transportmittel zum Zweck.

    Immer wieder fehlt es an Inklusion, am Willen, echte Alternativen zu schaffen, damit die Menschen auf das Auto verzichten könnten. Diese Herangehensweise ist ein Charakteristikum für Diehl: Sie möchte nicht über die Menschen reden, sondern mit ihnen.

    Und da offenbart sich der Kern des Buchs: Diehl gibt eine kluge, gut erzählte Zusammenfassung davon, warum die Verkehrswende bislang scheiterte. Aber sie erzählt nichts bahnbrechend Neues. Muss sie auch nicht. Denn die Autorin regt zur Selbstreflexion an, zum Hinterfragen von gelernten Bewegungsmustern und fordert jeden Einzelnen zum Handeln auf, damit die Verkehrswende gelingt.

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