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15.10.2022

13:30

Wirtschaftsbuchpreis 2022

Zwischen Egoismus und Altruismus: Warum es oft schwer fällt, moralisch zu handeln

Von: Tobias Gürtler

PremiumArmin Falk ergründet die moralischen Fallstricke der Marktwirtschaft. Dabei gibt er Fingerzeige für eine Gesellschaft, die sich nicht mehr vor Verantwortung drücken kann.

Gegen die „unerwünschten und zum Teil heftigen Nebenwirkungen“ des Kapitalismus helfen laut Falk nur staatliche Eingriffe und Regulierungen. imago images/Mary Evans

Börsenspekulant Gordon Gekko aus den "Wall Street"-Filmen

Gegen die „unerwünschten und zum Teil heftigen Nebenwirkungen“ des Kapitalismus helfen laut Falk nur staatliche Eingriffe und Regulierungen.

Düsseldorf Sind nicht alle Menschen „gute Menschen“? Zumindest würden die allermeisten das vermutlich von sich behaupten. Dass an dieser Stelle aber eine große Lücke zwischen Selbstwahrnehmung und gelebter Realität der menschlichen Spezies klafft, zeigt sich in all der Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Und daran, dass beispielsweise der Klimawandel nahezu ungebremst voranschreiten kann, obwohl seit Jahrzehnten klar ist, was es bräuchte, um ihn einzudämmen.

Warum fällt den Menschen so viel schwerer, ein „guter Mensch“ zu sein, als sie es sich selbst eingestehen wollen? Und was lässt sich unternehmen, um dem Guten auf die Sprünge zu helfen? Diesen beiden Leitfragen folgt der Verhaltensökonom Armin Falk in seinem neuen Buch.

Dass es keine populärwissenschaftliche Veröffentlichung unter vielen ist, legt schon ein Blick in die Forschungsvita des Autors nahe: Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit psychologischen Aspekten der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts – mit dem Kern dieses Buchs also. So kommt es, dass sich ein Gros der Kapitel nicht aus wiedergekäuten Abhandlungen anderer Autoren, sondern aus eigenen Experimenten speist.

Aber was macht einen „guten Menschen“ überhaupt aus? Eine Frage, die nur auf den ersten Blick küchenphilosophische Exkurse herausfordert. Denn die Antwort darauf könnte einfacher kaum sein: Ein guter Mensch ist jemand, der das Gemeinwohl über den eigenen Vorteil stellt. Anders formuliert: „Ein Verhalten ist moralisch, wenn es positive Effekte auf 
andere Menschen erzeugt.“ Es ist dieser gesellschaftliche „Minimalkonsens“, der Falk als „Arbeitsdefinition“ des Guten dient.

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    „Unser Alltag ist eine einzige Zumutung“, schreibt der Autor in diesem Zusammenhang – nur halb im Spaß: „Er fordert uns auf, immer wieder zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, zwischen Altruismus und Eigennutz.“ Eine Abwägung, vor der jeder von uns hundertfach in der Woche steht – und die eben allzu oft nicht zugunsten der Allgemeinheit ausfällt.

    Armin Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein

    Siedler Verlag
    München 2022
    336 Seiten
    24 Euro

    Das liegt zum einen daran, dass der Mensch, wie Falk schreibt, „von moralischen Stolperfallen umgeben“ ist. Zum anderen daran, dass ein je nach Persönlichkeitsausprägung bemessenes Maß an Egoismus der menschlichen Natur ganz einfach zugrunde liegt. Es sei letztlich „das Wechselspiel aus Situation und Persönlichkeit“, das bestimmt, ob jemand seinen eigenen Vorteil über das Gemeinwohl stellt.

    Falk seziert diese moralischen Fallstricke des Alltags ausgiebig – anhand zahlreicher Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte und anhand eigener und anderer Forschungsarbeit. Am Ende steht stets ein immergleicher Zielkonflikt: „den Nutzen der ‚guten Tat‘ mit den damit verbundenen Kosten abzuwägen“.

    Auch gesellschaftliche Normen spielen eine wichtige Rolle, die Beziehung zur Person, der gegenüber es sich moralisch zu verhalten gilt – und, ganz entscheidend: das gefühlte Maß an persönlicher Verantwortung. Die „Diffusion von Verantwortung“ ist eines der zentralsten Hindernisse für moralisches Verhalten. Und dieser Effekt, der sich in viel gehörten Aussagen wie „Wenn ich es nicht tue, macht es ein anderer“ oder „Ich allein kann doch eh nichts bewirken“ äußert, ist eines der unbestreitbaren Übel der westlichen, kapitalistischen Gesellschaft. Wenn man so will: der Ursprung allen Übels in der modernen Marktwirtschaft.

    Die Moral gerate in Märkten „zwischen die Räder, weil sich keiner so richtig verantwortlich fühlt“, schreibt Falk. „Weil es immer noch einen anderen geben könnte, der die Dinge regelt, weil wir Anweisungen folgen und Verantwortung delegieren. Oder weil wir im komplexen Gefüge von arbeitsteiliger Produktion, internationalen Vertriebs-, Liefer- und Handelsbeziehungen und schließlich im unüberschaubar vielfältigen Konsumangebot den Überblick verlieren.“

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    Also Märkte abschaffen? So weit geht Falk nicht. Und doch widerspricht er klipp und klar dem neoliberalen Wirtschaftscredo vom Markt, der alles regeln kann. Nur staatliche Eingriffe 
und Regulierungen könnten die „unerwünschten und zum Teil heftigen Nebenwirkungen“ des Kapitalismus eingrenzen.

    Im abschließenden Kapitel des Buchs gibt Falk weitere wichtige Fingerzeige in Richtung einer moralischeren Gesellschaft. Und die sind nicht immer leicht zu verdauen – gerade, weil sie mit der Diffusion von Verantwortung brechen wollen. Es brauche bewusste Aufklärung, fordert der Autor. Und es gelte „raus[zu]kommen aus der selbsterschaffenen Wohlfühlecke, in der wir es uns trotz egoistischen Verhaltens mit einem guten Selbstbild gemütlich machen“.

    Ein erster Schritt dahin und ein Ratschlag, den sich Falk womöglich bewusst verkniffen hat – immerhin gehört zum „guten Menschen“ ja auch ein gesundes Maß an Bescheidenheit: Setzen Sie dieses Buch auf Ihre und anderer Leselisten.

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