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24.06.2021

11:49

Ex-Mönch

Anselm Bilgri: „Die Mitarbeiter sind oft viel kompetenter als der Chef“

Von: Carina Kontio

Der ehemalige Mönch im Kloster Andechs spricht im Mindshift-Podcast darüber, wie ein Geistlicher Unternehmensberater wird, einen Mann heiratet und was gute Chefs auszeichnet.

Düsseldorf Er war 30 Jahre lang Benediktinermönch, sogar Prior und Wirtschaftsleiter des weltberühmten Klosters Andechs. Jetzt ist er nicht mehr Teil der römisch-katholischen Kirche und mit einem Mann verheiratet.

Als Anselm Bilgri, der mit 21 Mönch wurde (Bilgri: „Da war schon ein bisschen dicke Luft zu Hause“), 2005 dem Klosterleben den Rücken kehrte („Mein Papa hat mich dann sofort nach meinem Klosteraustritt wieder in seinen Erbvertrag eingesetzt“), musste er zum ersten Mal weltliche Dinge erledigen, die andere mit 18 tun: die erste eigene Wohnung mieten, ein Konto eröffnen, im Supermarkt einkaufen und in seiner Heimatstadt München shoppen gehen.

In der neuen Folge von Handelsblatt Mindshift sprechen wir mit dem Ex-Mönch über seinen Wandel vom konservativen, marienverehrenden jungen Katholiken zum radikalen Kirchenkritiker. „Ich wollte nie der große Vorkämpfer für homosexuelle Gleichberechtigung sein, aber wenn mir die Rolle zukommt, dann fülle ich sie auch aus.“ Bilgri arbeitet heute als Unternehmensberater, Speaker und Bestsellerautor.

Anselm Bilgri erklärt im Mindshift-Podcast auch, wieso homosexuellen Paaren in der katholischen Kirche kein Segen erteilt werden darf, Panzern, Landepisten, Kühen, Hunden und Katzen, Feuerwehrautos, Boutiquen und Hotels aber schon. „Der Grund dafür, warum die römisch-katholische Kirche das ablehnt, liegt in ihrer Sexualmoral, die ja eigentlich eine Ehemoral ist. Also im klassischen Verständnis darf es Sex nur in der Ehe zwischen Mann und Frau geben“, so Bilgri.

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    „Wenn ich eine Landepiste segne oder Tiere, dann ist es dieser eine Gegenstand. Bei einer homosexuellen Partnerschaft würde aber nicht nur das Paar gesegnet, sondern auch die Verbindung, die sie eingehen.“

    Ich weiß auch nicht, warum die Kirche da nicht fähig ist, über ihren Schatten zu springen. Vermutlich einfach, weil da in Rom lauter alte Männer sitzen, die sich das nicht anders vorstellen können. Anselm Bilgri

    Inzwischen ist Anselm Bilgri zur alt-katholischen Kirche übergetreten, die, ihrem Namen zum Trotz, weit moderner und liberaler ist. Gleichgeschlechtliche Ehen können geschlossen werden, es gibt Frauen im Priesteramt, verheiratete Priester und auch offene Kritik an der Unfehlbarkeit des Papstes. Bilgri: „Ich weiß auch nicht, warum die Kirche nicht fähig ist, über ihren Schatten zu springen.“

    Wie sich Mitarbeiter:innen motivieren lassen

    Außerdem möchten wir von ihm wissen, welchen Rat Manager:innen aus der Wirtschaft bei ihm suchen („Für Führungskräfte ist nach wie vor das Problem: Wie gehe ich mit Mitarbeitern um, und zwar so, dass sie motiviert sind. Aber gleichzeitig muss man manchmal auch Unangenehmes sagen oder sogar tun ...“).

    Er erzählt, wie viel Kraft es kostet, wenn Menschen im Job ihre Sexualität verheimlichen müssen und wie man als Führungskraft mit Menschen umgehen muss, damit sie gerne mitarbeiten („Das geht dann nur durch Offenheit und Ehrlichkeit und indem man zugibt, dass man nicht der große Zampano ist, der über allem steht, sondern dass einem vieles selbst auch nicht leichtfällt“).

    Bilgri spricht beim Thema Leadership aus eigener Erfahrung, denn im Kloster Andechs wurde er schon in jungen Jahren zum Wirtschaftsleiter (Anm.: Cellerar) befördert. In Handelsblatt Mindshift erinnert er sich: „Ich habe, als ich das erfahren habe, dass mein Abt mich zum Cellerar ernennen will, ein paar Schulkameraden von mir angerufen, weil viele von uns Betriebswirtschaft studiert haben. Und einer, der damals bei Roland Berger gearbeitet hat, der sagte zu mir: ,Weißt du, du hast uns studierten Betriebswirten gegenüber einen großen Vorteil. Du musst die ganze Theorie nicht aus deinem Kopf rauspulen. Mit gesundem Menschenverstand müsste es auch gehen.'“

    Es gibt ja immer wieder die Gerüchte, dass Homosexuellen-Partys im Vatikan abgehalten werden, unter den Kardinälen mit den Seminaristen. Ich habe voriges Jahr das Buch eines französischen Journalisten gelesen, der das lang und breit kolportiert hatte. Mir kam es in der Masse unwahrscheinlich vor, aber wenn nur die Hälfte davon stimmt, dann ist es umso weniger verständlich, warum man das dann nach außen verurteilt. Anselm Bilgri

    Für Bilgri eine prägende Zeit, in der er nicht nur den Klosterbetrieb zu wirtschaftlichem Erfolg geführt, sondern auch viel über sich selbst gelernt hat. „Wenn Sie als 32-Jähriger plötzlich Chef werden von so einem Betrieb, da haben Sie auch Angst vor den Mitarbeitern, weil Sie plötzlich in Verantwortung sind. Diese Angst wird dann oft überspielt durch besonders heftiges Agieren. Und zu lernen, dass man das gar nicht braucht, dass man auch souverän, ja normal mit den Leuten reden kann, das hat einige Jahre gedauert“, erzählt der Unternehmensberater heute.

    Sein Erfolgsrezept als Führungskraft: Kommunikation auf Augenhöhe. „Die Mitarbeiter sind ja oft viel kompetenter als der Chef“, so Bilgri. „Das anzuerkennen und zu sagen: ,Gut, meine Aufgabe ist, euch den Weg freizuschaufeln, damit ihr gut arbeiten könnt.' Wenn einer das erkennt und bereit ist, bei sich selber umzusetzen, dann ist wahnsinnig viel gewonnen.“

    Außerdem wollten wir von Anselm Bilgri wissen:

    • Was können Manager:innen von den Benediktinern lernen?
    • Wie müsste sich die katholische Kirche verändern, damit Sie wieder eintreten?
    • Suchen Unternehmer:innen auch den religiös-spirituellen Aspekt in Sachen Führung?

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    Wenn Sie nach dem Hören Lust auf noch mehr Denkanstöße haben und vielleicht auch selbst aktiv werden wollen, möchten wir Ihnen die LinkedIn-Gruppe von The Shift ans Herz legen – die Diversity-Initiative der Handelsblatt Media Group und unser Partner für diese Podcast-Folge.
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