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05.08.2021

10:30

Podcast „Mindshift“

Adesso-Manager Rüdiger Striemer: „Für mich hat eine psychiatrische Klinik jeden Schrecken verloren“

Von: Carina Kontio

Der Adesso-Manager litt unter Depressionen und Angstattacken. Im Mindshift-Podcast spricht er über seinen Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück.

Düsseldorf Rüdiger Striemer, damals Vorstand des börsennotierten IT-Dienstleisters Adesso, hielt sich immer für stark. Bis er sich, Mitte 40 und auf dem Höhepunkt seiner Karriere, selbst in die Psychiatrie einwies.

„Die Situation wurde von Tag zu Tag immer schlimmer, bis ich eines Nachts wach wurde und eine wahnsinnige Panikattacke hatte. Mein Puls und mein Blutdruck waren wahnsinnig hoch. Ich habe am ganzen Körper gezittert, war schweißnass“, berichtet der Topmanager in der neuen Folge von Handelsblatt Mindshift. „Dann habe ich meine Nachbarin aus dem Bett geklingelt, zu der ich eine sehr freundschaftliche Beziehung habe, und wir haben den Notarzt angerufen, der mir eine Valium reingehauen hat. Dann habe ich gesagt: „Gisela, fahre mich bitte morgen zur Klinik.“

Mitten im Wald lernt er über acht Wochen in der Klinik, was ihn auf diese Talfahrt geschickt hat, woher seine Panikstörungen kommen und dass eigentlich gar nichts Schlimmes daran ist, sich professionell helfen zu lassen, wenn die Seele erkrankt ist.

Für mich hat es da gar keine Alternative gegeben und mir war schon immer klar, dass eine psychische Erkrankung eine Erkrankung ist, die man behandeln kann - genauso wie ein gebrochenes Bein oder einen Herzinfarkt. Und ich bin sozusagen unschuldig. Deswegen habe ich auch gar nicht verstanden, wieso ich das verheimlichen soll. Rüdiger Striemer

Wieder zu Hause, mutet er sich direkt am nächsten Tag eine lange Vorstandssitzung zu, „in dem Bewusstsein, dass meine Symptome sehr wahrscheinlich zurückkehren werden. Und dass das dann keine Katastrophe ist“, sagt Rüdiger Striemer in der neuen Podcast-Folge.

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    Denn: „Meine Angststörung hat sich ja langsam aufgebaut. Und die wird sich auch erst langsam wieder abbauen. Das Bewusstsein dafür oder auch die Akzeptanz dafür, dass es Rückschläge geben wird, ist ganz wichtig für die Therapie.“

    Striemer arbeitet nach seiner Rückkehr noch drei Jahre lang weiter als Co-Vorstandschef des IT-Beratungsunternehmens. Erst dann schaltet er einen Gang runter und kalibriert sein Arbeitsleben neu. „Nachdem ich sicher war, dass ich ganz gut therapiert bin, dass es mir besser geht, dass ich es gut zurückgeschafft habe in meinen Job, habe ich mir die Zeit genommen, zu überlegen: Ist das wirklich der Job, den ich will? Der zu mir passt und zu dem ich passe?“, sagt er.

    „Dann bin ich ganz bewusst alleine ein paar Tage zur Ostsee gefahren, habe aufs Wasser gestarrt und das Ergebnis war: Nein, ich möchte meinen Job verändern.“ Heute arbeitet Striemer als Leiter Internationalisierung eine Ebene unter dem Vorstand und fühlt sich dort richtig wohl. Seine Erfahrungen hat er auch in einem Buch verarbeitet.

    Rüdiger Striemer: Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück.
    Piper, 256 Seiten, EAN 978-3-492-30892-2

    Angst vor einem Rückfall hat der Manager keine. „Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es noch mal passiert. Aber dann gehe ich halt noch mal in eine Klinik. Für mich hat so eine psychiatrische Klinik jeden Schrecken verloren, weil am Ende des Tages war ja diese Phase, diese zwei Monate in meinem Leben, wahnsinnig wichtig und haben mir auch echt geholfen“, sagt er.

    In einem sehr persönlichen Interview erzählt Striemer offen über seine Krankheit, wie er sich wieder zurück in sein altes Leben gekämpft hat und wie es ihm heute, zehn Jahre nach der Psychiatrie, geht.

    Außerdem wollten wir von Rüdiger Striemer wissen:

    • Hatten Sie Angst, Ihren Job zu verlieren, weil man Sie als nicht belastbar abstempelt?
    • Wo ziehen Sie die Grenze zwischen schlecht drauf sein und einer Krankheit?
    • Was machen Sie heute, wenn es Ihnen wieder schlechter geht?
    • Was geht gar nicht im Umgang mit depressiven Mitarbeitern?
    • Was tun Sie als Chef im Umgang mit erkrankten Mitarbeitern?

    Beratung und Seelsorge in schwierigen Situationen

    Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

    Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

    Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

    Weitere Folgen finden Sie hier:

    Enise Lauterbach: „Als Migrantin fühlte ich mich wie ein Alien“. Die ehemalige Chefärztin hängt mitten in der Pandemie ihren Job an den Nagel und gründet ein Unternehmen. Im Mindshift-Podcast spricht sie über Mut und digitalisierte Medizin.

    Anna-Lena Hodenberg: „Digitale Gewalt ist die größte Gefahr für unsere Demokratie“. Die ehemalige Fernsehjournalistin hilft mit der Organisation HateAid Opfern von digitaler Gewalt. Im Mindshift-Podcast spricht sie darüber, warum Menschen im Netz hassen.

    Peter Tauber: „Ich war so schwach, dass ich nicht wusste, woher die Kraft zum Weiterleben kommt“. Der ehemalige CDU-Generalsekretär spricht im Mindshift-Podcast über die Schattenseiten der Politik, Scheitern, Schmerzgrenzen und sein vorzeitiges Karriereende.

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