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30.09.2021

11:09

Podcast „Mindshift“

„Positives Denken kann tödlich sein“ – Ex-Geisel über den Umgang mit Krisen

Von: Carina Kontio

Marc Wallert überlebte 140 Tage als Geisel unter Extrembedingungen im philippinischen Dschungel. Heute berät er Unternehmen dazu, wie sie durch schwierige Zeiten kommen.

Düsseldorf Wenn jemand über Krisen sprechen kann, dann dieser Mann: Der Göttinger Marc Wallert überlebte 140 Tage als Geisel unter Extrembedingungen im philippinischen Dschungel. Mitten im Urlaubsparadies wurden er und seine Eltern im Jahr 2000 von islamistischen Terroristen entführt und mit 18 anderen Geiseln verschleppt. Psychoterror statt Tauchurlaub.

„Plötzlich brach Panik aus. Hinter uns schrie jemand, es fielen Stühle um, es war ein riesiges Durcheinander. Als ich mich umgedreht habe, standen lauter bewaffnete Männer hinter uns, und einer davon zielte mit seiner Bazooka genau auf meinen Kopf“, erzählt Marc Wallert in der neuen Folge von Handelsblatt Mindshift von dem Moment der Entführung auf der Hotelterrasse.

Die Kidnapper waren schwer bewaffnet, drohten mit Enthauptung und forderten pro Geisel eine Million Dollar Lösegeld. „Man hat uns ganz oft gesagt: Ihr seid in zwei Tagen wieder frei“, erzählt Wallert. „Wenn man sich dann auf übermorgen freut und nicht frei kommt, dann ist man natürlich mental in einem absoluten Tief.“

Der Fall hat damals die ganze Welt in Atem gehalten, denn die Entführer haben immer wieder Journalisten zur „Pressekonferenz“ in ihr Camp gelassen. Wallert: „Es ging zum Glück nicht darum, uns zu quälen. Wir waren für sie, so sagten sie es, ihre Instrumente in ihrem Krieg.“ Bizarr: In unmittelbarer Nähe startete damals die TV-Produktion der Reality-Show „Das Inselduell“.

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    Die Situation war dramatisch, rückblickend erzählt Wallert: „Ich war, als ich noch im Dschungel saß, überzeugt: Wenn ich das hier überlebe, kann mich im Alltag nichts mehr stressen.“

    Aber tatsächlich war es nicht der Dschungel, der den Manager in eine Lebenskrise trieb: Nur zwei Wochen nach der Freilassung saß er bereits wieder in seiner Firma und managte internationale Umstrukturierungen. Fünf Jahre lang ging das gut. Doch dann rutschte der zahlengetriebene High Performer in einen Burn-out. Erst da machte es Klick, und er fing an, sein Leben noch einmal ganz neu zu sortieren.

    Optimismus alleine ist nicht immer die Antwort auf Krisen und Stress, sondern manchmal braucht man eine gute Portion Realismus. Dass man wirklich sagt: Ich muss auch mit Risiken umgehen. Ich schaue konkret hin, mache mir einen Plan B und stelle mich wirklich genau darauf ein, denn auch das braucht es in Krisen. Marc Wallert

    Heute sagt Wallert, der inzwischen als Bestsellerautor und Redner arbeitet: „Wer glücklich sein will, braucht außer Optimismus vor allem Krisen.“ Aber er warnt auch, allzu positives Denken könne tödlich sein. Das klingt erst einmal ziemlich schräg, aber der größte Fehler, den viele Menschen machten, sei, dass sie nach Krisen einfach „aufstehen, Krönchen richten und weitermachen“ wie immer.

    „Aufstehen ist schon wichtig. Aber vorher sollte man vielleicht mal kurz innehalten und überlegen, Mensch, was hat mich denn niedergeschlagen?“, erklärt der Resilienzexperte. „Sich fragen: Was kann ich daraus lernen, vor allem über mich? Was kann ich in mir verändern, damit ich nicht an derselben Stelle wieder hinfalle, wo ich vorher schon ein paar Mal aufgestanden bin.“

    Zusammen mit 20 weiteren Geiseln wurde Marc Wallert von Terroristen auf eine philippinische Insel verschleppt und dort für 140 Tage im Dschungel gefangen gehalten. Stephanie Wolff

    Marc Wallert vor 21 Jahren im philippinischen Dschungel

    Zusammen mit 20 weiteren Geiseln wurde Marc Wallert von Terroristen auf eine philippinische Insel verschleppt und dort für 140 Tage im Dschungel gefangen gehalten.

    In dieser Folge von Handelsblatt Mindshift nimmt uns Marc Wallert mit auf eine Reise durch seine Krisen und erzählt, wie er sie bewältigt hat („Eine der ganz wichtigen Strategien war Akzeptanz. Mein Schicksal anzunehmen und nicht zu lange damit zu hadern“). Er verrät, wie sich Krisen von Unternehmen, aber auch von jedem persönlich, in Chancen verwandeln lassen („Es gibt keine Patentrezepte für Resilienz“), wie er Menschen vor einem Burn-out bewahrt und wie ihm Galgenhumor im Dschungel geholfen hat, nicht den Kopf zu verlieren. Viel Spaß beim Zuhören.

    Außerdem wollten wir von Marc Wallert wissen:

    • Welche Parallelen gibt es zwischen der Coronakrise und deiner Entführung?
    • Was ist eigentlich Resilienz?
    • Wo lauern Fallstricke im Krisenmanagement?
    • Wie führt man heterogene Teams durch unsichere Zeiten?

    Marc Wallert: Stark durch Krisen. Von der Kunst nicht den Kopf zu verlieren.
    Econ, 280 Seiten, 18 Euro, ISBN-13 9783843725453

    Mehr:

    Gründerin Verena Hubertz: „Wir sind im Parlament kein Spiegelbild der Gesellschaft.“ MdB statt CEO: Warum die erfolgreiche Gründerin von Kitchen Stories für die SPD in den Bundestag will – und wie es ist, für den Wahlkampf wieder bei den Eltern zu wohnen.

    Blinde Anwältin Pamela Pabst: „Selbst Mörder können sympathisch sein.“ Sie verteidigt Mörder, Räuber und Vergewaltiger – gesehen hat Pamela Pabst ihre Klienten noch nie. Sie ist Deutschlands erste blinde Strafverteidigerin.

    Adesso-Manager Rüdiger Striemer: „Für mich hat eine psychiatrische Klinik jeden Schrecken verloren.“ Der Adesso-Manager litt unter Depressionen und Angstattacken. Im Mindshift-Podcast spricht er über seinen Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück.

    Enise Lauterbach: „Als Migrantin fühlte ich mich wie ein Alien.“ Die ehemalige Chefärztin hängt mitten in der Pandemie ihren Job an den Nagel und gründet ein Unternehmen. Im Mindshift-Podcast spricht sie über Mut und digitalisierte Medizin.

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