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24.10.2022

09:35

Rethink Work

Vom Hartz-IV-Kind zur Unternehmensberaterin: Natalya Nepomnyashcha über ihren sozialen Aufstieg in Deutschland

Von: Kirsten Ludowig

PremiumAls sie aufs Gymnasium will, wird sie ausgelacht. Heute ist sie Beraterin bei EY. Im Podcast „Handelsblatt Rethink Work“ erzählt die Gründerin von Netzwerk Chancen ihre Geschichte.

Natalya Nepomnyashcha Daniel Hardge

Natalya Nepomnyashcha

Die 32-Jährige, die in Kiew geboren wurde, sieht sich als Vorkämpferin für Chancengleichheit und soziale Diversität in Deutschland.

Düsseldorf Saubere Fliesen, der Geruch von Reinigungsmittel und viele schneeweiße Waschbecken – das ist Natalya Nepomnyashchas erste Erinnerung an Deutschland. Es ist der 6. März 2001. Zusammen mit ihren Eltern macht sie halt in einem Einkaufszentrum in Dresden, um sich zu waschen. Einen Tag vorher waren die drei in einem Reisebus aus der Ukraine nach Deutschland aufgebrochen.

Ihr Bild von Deutschland? „Dass alles ordentlich ist, sauber und mit rechten Dingen zugeht“, erzählt die heute 32-Jährige im Podcast „Handelsblatt Rethink Work“. „Ein bisschen ein Schlaraffenland.“

Damals ahnt sie noch nicht, wie hart es für sie in ihrer neuen Heimat werden wird. In Kiew war sie eine Musterschülerin, in Augsburg, wo sie mit ihrer Familie ankommt, ist sie ein elfjähriges Mädchen, das kein Wort Deutsch kann, in einem „Ghetto-Viertel“ wohnt und von Hartz IV lebt. Ihre Eltern konnten ihr nicht helfen. „Sie haben sich selbst zurechtfinden müssen“, sagt sie. Sie sind noch immer arbeitslos und kaum integriert. Damit habe sie sich abgefunden, so Nepomnyashcha.

Natalya Nepomnyashcha im Interview über Diversität in Deutschland

Mit 13 Jahren geht sie auf eigene Faust zum Konrektor des benachbarten Gymnasiums und fragt, ob sie nach den Ferien dorthin wechseln darf. Schließlich ist sie auf der Realschule eine der Besten, will unbedingt das Abitur machen und studieren. „Er hat mich ausgelacht“, erzählt sie. „Das hat mich natürlich wahnsinnig geprägt.“ Sie findet, dass vor allem das mehrgliedrige Schulsystem abgeschafft gehört und jeder und jede in der Schule individuell gefördert werden sollte. Nur so könne man gleiche Bildungschancen schaffen.

Als sie 17 Jahre alt ist, zieht sie von zu Hause aus. Gegen den Willen ihrer Eltern und ohne Geld, aber mit einem genauen Plan im Kopf, wie und wo sie ohne Abitur trotzdem studieren kann. Sie schafft „über 300 Umwege“ den Master-Abschluss in England.

Zurück in Deutschland geht sie „total naiv“ nach Berlin, in der Hoffnung, einen Job in der Politikberatung zu finden – vergebens. Einmal, erzählt sie, habe man ihr ins Gesicht gesagt, dass man sie nicht einstellen würde, weil keiner ihren Namen aussprechen könne. „Ich habe sehr viele Tränen vergossen, weil ich wirklich Angst hatte, genauso langzeitarbeitslos zu werden wie meine Eltern.“

Was sie angetrieben hat? „Ich hatte schon immer ein starkes Gerechtigkeitsbedürfnis und wollte unbedingt erfolgreich sein“, sagt Nepomnyashcha. Und: „Ich habe mich geschämt.“

Gründerin von Netzwerk Chancen setzt sich für sozialen Aufstieg ein

Heute ist Natalya Nepomnyashcha 32 Jahre alt, Unternehmensberaterin bei EY und Gründerin von Netzwerk Chancen. Das Start-up setzt sich für Chancengleichheit und sozialen Aufstieg in Deutschland ein, denn der sei für Unternehmen mit Blick auf Diversity „nicht sexy“, weil nicht nach außen erkennbar. Ob unter den weißen Männern auf Vorstandsbildern soziale Aufsteiger seien, das sehe man schließlich nicht.

Nichtsdestotrotz glaubt Nepomnyashcha, dass die Chancen für den sozialen Aufstieg in Deutschland über die Jahre etwas größer geworden sind, vor allem wegen des Fachkräftemangels. Sie findet aber auch, dass „wir alle als Gesellschaft noch viel an unserem Bildungssystem arbeiten müssen und auch daran, dass sich Unternehmen weiter öffnen und versuchen, für alle möglichen Lebensläufe, Geschichten und Menschen offen zu sein“.

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