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06.06.2019

09:29

Aktienvergleich

Teure US-Aktien gegen preiswerte EU-Werte – Fake oder Fakt?

Von: Ulf Sommer

US-Aktien sind deutlich höher bewertet, das größere Potenzial schlummert in europäischen Werten. Ein Branchenvergleich sorgt aber für Überraschungen.

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Europäisch-amerikanischer Aktienvergleich: „Die Bilanz für Europa ist verheerend“

Handelsblatt Live: Europäisch-amerikanischer Aktienvergleich: „Die Bilanz für Europa ist verheerend“

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Düsseldorf Europas Aktien sind preiswerter und haben Nachholbedarf gegenüber US-Aktien“, lautet eine gängige Empfehlung an Anleger. Was ist davon richtig, und gibt es tatsächlich preiswerte Aktien mit Nachholbedarf?

Die Fakten: Wer heute einen Fonds oder ETF auf die Aktien der 500 größten amerikanischen Konzerne kauft, bezahlt die Unternehmen und heruntergerechnet ihre Aktien im Durchschnitt mit dem 17-fachen Jahresnettogewinn.

Europäische Aktien gibt es günstiger für den 14-fachen Gewinn. Das ist ein Abschlag von gut 17 Prozent für europäische Werte. Allerdings: Historisch betrachtet sind Europas Aktien immer schon etwas günstiger zu haben gewesen – ob mit oder ohne Finanz- oder Euro-Krise. Wirklich teuer sind mit diesen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) die Aktien damit in beiden großen Regionen nicht.

Deutlich größer ist Europas Abschlag indes, wenn es um die Substanz geht. Wer alle Vermögensgegenstände der Firmen zusammenrechnet, also den Buchwert ermittelt, und diesen in Relation zum Börsenwert setzt, kommt in Europa auf den Faktor 1,7. Das heißt, die Konzerne und ihre Aktien kosten an der Börse den 1,7-fachen Wert ihrer gesamten Substanz.

Die 500 größten amerikanischen Unternehmen aber kosten den 3,3-fachen Buchwert, also fast doppelt so viel. Bei dieser Bewertung kommt Europa auf einen Abschlag von fast 50 Prozent. Das ist außergewöhnlich – und so viel wie seit mehr als fünf Jahrzehnten nicht mehr.

Europa ist damit also tatsächlich preiswerter – aber trotzdem noch nicht unbedingt kaufenswerter. Denn niedrigere Bewertungen entstehen nicht aus einer Laune der Anleger heraus, sondern haben immer eine tiefere Ursache, die es zu hinterfragen gilt.

Die Gewinne in den Vereinigten Staaten sind seit dem Tiefpunkt in der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt sehr viel rasanter gestiegen. Im laufenden Jahr können die 500 größten US-Konzerne mit umgerechnet gut 900 Milliarden Euro Nettogewinn rechnen, die 500 größten in Europa nur mit 580 Milliarden Euro.

Grafik

Noch 2007, also im letzten Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise, lag Europa mit 537 Milliarden Euro Gewinn vorn. Amerikas Konzerne kamen nur auf 432 Milliarden Euro. In der anschließenden Krise brachen die Erträge dies- und jenseits des Atlantiks scharf ein, anschließend ging es aber nur für die Amerikaner steil nach oben. Europa verspielte seinen Vorsprung nachhaltig.

Während Amerikas Konzerne bereits 2010 mehr verdienten als im Jahr 2007, brauchten Europas Unternehmen dafür bis 2018. Die rasanteren Gewinnzuwächse in den USA honorieren Anleger mit stärker steigenden Kursen und höheren Bewertungen. Aus einem einfachen Grund: Je schneller die Unternehmen ihre Gewinne steigern, desto rascher verringern sich auch ihre hohen Bewertungen.

Krise nach der Krise sorgt für Unterschiede

„Seit dem Tiefpunkt des Marktes im Jahr 2009 erzielten US-Aktien doppelt so hohe Erträge wie ihre europäischen Konkurrenten“, beobachtet der britische Fondsmanager Niall Gallagher, der beim Schweizer Vermögensverwalter GAM europäische Aktienfonds steuert.

Die Gewinnschere, also das Auseinanderdriften der Gewinne in den USA und Europa, resultiert vor allem aus der Krise nach der Krise: Im Anschluss an die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise gerieten hochverschuldete Länder wie Spanien in Schieflage, und das überschuldete Euro-Land Griechenland stand sogar am Rand der Pleite.

Diese Turbulenzen führten zu weniger Konsum und Investitionen, worunter die Konzerngewinne litten. Doch das ist vorbei. „Die Wettbewerbsfähigkeit und die Staatshaushalte verbesserten sich enorm“, urteilt Gallagher. Strukturreformen in Spanien, Frankreich und anderen Euro-Ländern wirkten sich vorteilhaft für die Unternehmen aus. 2017 stiegen nach Handelsblatt- Berechnungen die Gewinne der Top 500 in Europa im Schnitt um 51 Prozent, in den USA „nur“ um 18 Prozent.

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Im abgelaufenen Geschäftsjahr kletterten Europas Gewinne um weitere sechs Prozent, in Amerika stagnierten sie. Setzt sich dieser Trend fort, dürfte sich der Bewertungsabschlag reduzieren – also Europas Aktienmärkte besser entwickeln als in den USA.

Die Aussichten: Ganz so gradlinig verläuft die Entwicklung aber wohl nicht. In den vergangenen Monaten reduzierten Analysten ihre Gewinnschätzungen für das laufende Geschäftsjahr für die Unternehmen in Europa stärker als für US-Unternehmen.

„Die Euro-Zone hat einen enttäuschenden Start ins zweite Quartal 2019 hingelegt“, analysierte IHS-Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson aus der Befragung von Einkaufsmanagern in europäischen Konzernen. „Sorgenkind bleibt die Industrie.“ Angesichts der sich seit dem Spätherbst 2018 eintrübenden Wachstumserwartungen wäre es deshalb nicht überraschend, wenn sich die Gewinne der amerikanischen Konzerne, die stärker auf ihren großen und nach wie vor robusten Binnenmarkt orientiert sind, 2019 besser entwickeln als die der europäischen Konzerne.

Große Bewertungsunterschiede

Ein drittes aufeinanderfolgendes Jahr mit einem höheren Gewinnplus in Europa erscheint unwahrscheinlich. Deshalb laufen Europas Aktienmärkte weiterhin schlechter als in den USA. In den vergangenen zwölf Monaten legte der S&P 500 in den USA um zwei Prozent zu, der Stoxx 600 in Europa verlor vier Prozent.

Der Blick ins Detail: Zwischen den Unternehmen in verschiedenen Branchen klaffen große Bewertungsunterschiede. So überzeugten die Aktien europäischer Lebensmittel- und Getränkehersteller im laufenden Jahr bisher mit einem Kursplus von fast 20 Prozent.

„In Erwartung eines anhaltenden niedrigen Wachstums in Europa flüchten sich Investoren offenbar bereits in Aktien von Unternehmen mit konjunkturunabhängigen Geschäftsmodellen“, erklärt Deutsche-Bank-Chefanlagestratege Ulrich Stephan die starke Performance der Aktien eher langsam wachsender Unternehmen.

Die Branche wird inzwischen mit einem KGV von 22 gehandelt. Für die Aktien bekannter Namen mit großen Marken wie Nestlé in der Schweiz oder Coca-Cola und Pepsi in den USA bezahlen Anleger mehr als den 20-fachen Jahresnettogewinn. Auch die Konsumbranche ist teuer.

Im Dax kostet Adidas den 27-fachen Gewinn und Beiersdorf den 31-fachen. Solch hohe Bewertungen erinnern an den Höhepunkt der Technologieblase vor zwei Jahrzehnten. Umgekehrt sind etliche Konzerne in der dynamischen Technologiebranche niedriger bewertet.

Den iPhone- Hersteller Apple und heruntergerechnet jede Aktie bezahlen Anleger mit dem 16-fachen Jahresnettogewinn. Etwas preiswerter ist Oracle. Der große Wettbewerber von SAP kostet den 15-fachen Gewinn. IBM und Intel gibt es für den zehnfachen Wert. Der Blick in die Branchen zeigt, dass Anleger Aktien von Unternehmen bevorzugen, die verlässliche Erträge in guten wie in schlechten Konjunkturzeiten einfahren. Das ist ein typisches Zeichen für die Suche nach Sicherheit.

Kommentare (1)

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Herr Andre Peter

06.06.2019, 12:40 Uhr

Die Deutschen besitzen nur 15% an den Dax-Unternehmen. Amerikaner besitzen 30% und die Engländer 20%, die restlichen Europäer 15 %. Insofern können internationale Investoren sehr günstig Einfluss auf die europäische bzw deutsche Wirtschaft nehmen. Die steuerliche Benachteiligung für deutsche Investoren in Aktien im Vergleich zu Immobilien oder Gold führt dazu, dass zu wenig in deutsche Aktien investiert wird. Dies schadet den Wohlstand in Deutschland.

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