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24.07.2019

17:52

Börsenwert

Amazon und Microsoft sind erstmals wertvoller als alle deutschen Aktien zusammen

Von: Ulf Sommer

Amazon und Microsoft kosten an der Börse 2047 Milliarden Dollar. Das ist mehr als die 763 börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen.

Unter dem Vorstandschef Satya Nadella hat sich Microsoft in Zukunftsbranchen wie der Cloud und der Künstlichen Intelligenz weit nach vorn gearbeitet. AP

Satya Nadella

Unter dem Vorstandschef Satya Nadella hat sich Microsoft in Zukunftsbranchen wie der Cloud und der Künstlichen Intelligenz weit nach vorn gearbeitet.

Düsseldorf Mit 60 Milliarden Dollar hat Apple im vergangenen Geschäftsjahr so viel verdient wie kein anderes Unternehmen auf der Welt. Anleger honorieren das mit steigenden Kursen. Eine Apple-Aktie kostet 209 Dollar, alle zusammen 961 Milliarden Dollar. Am wertvollsten ist Apple damit aber nicht.

Grund dafür sind eher stagnierende als steigende Umsätze. Die großen Perspektiven mit neuen lukrativen Wachstumsfeldern fehlen. An der Börse zählen aber nun einmal weniger die vergangenen Gewinne, sondern weit mehr die Spekulationen auf eine (noch) bessere Zukunft. Wenn es darum geht, dann dominieren zwei andere amerikanische Konzerne. Der Onlinehändler Amazon ist 982 Milliarden Dollar wert, der Cloud- und Softwareriese Microsoft kommt sogar auf 1 065 Milliarden Dollar.

Beide zusammen erreichen 2,047 Billionen Dollar – und sie sind damit nach Handelsblatt-Berechnungen erstmals wertvoller als alle 763 deutschen börsennotierten Unternehmen. Diese kommen zusammengerechnet auf 2,027 Billionen Dollar. Das sind umgerechnet 1,8 Billionen Euro. Davon wiederum entfällt mit knapp 1,2 Billionen Euro ein Großteil auf die 30 Dax-Konzerne.

Noch mehr als Apple überzeugen die beiden weltweit wertvollsten Unternehmen durch ihre rasante Entwicklung. Binnen fünf Jahren steigerte Microsoft seinen Nettogewinn von zwölf auf 39 Milliarden Dollar, Amazon schaffte nach roten Zahlen im vergangenen Geschäftsjahr einen Jahresnettogewinn von 10,1 Milliarden Dollar – für 2019 erwarten Analysten knapp 14 Milliarden Dollar.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist die Amazon-Aktie um 35 Prozent, die Microsoft-Aktie um 16 Prozent gestiegen. Mit einer Nettoumsatzrendite von 31 Prozent wirtschaftet Microsoft rentabler als alle großen deutschen Unternehmen. Der ursprünglich in der IT beheimatete Handelsriese Amazon verspricht seinen Kunden, die Waren am selben Tag nach Hause zu liefern.

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Damit bestimmt das 1994 vom Informatiker Jeff Bezos gegründete und bis heute geführte Unternehmen den Takt in der Branche. Ob die großen Wettbewerber wie Alibaba in China oder kleinere wie Thalia im Buchhandel und Galeria Kaufhof im Konsummarkt – alle orientieren sich an Amazon und seinem Kundenservice.

Lange Zeit schien es, dass Anleger einer ähnlichen Euphorie wie in Zeiten der Dotcom-Blase vor 20 Jahren erlegen sind und die Amazon-Aktie in einem Hype nach oben getrieben haben. Jahrelang präsentierte der auf aggressives Wachstum bedachte Konzern seinen Aktionären tiefrote Zahlen, weil die Einnahmen immer gleich in neue IT-Systeme und den Bau neuer Standorte flossen. Die Geduld und vor allem der Mut der Anleger zahlten sich jedoch aus: Der Firmengewinn stieg in den vergangenen Jahren schneller als der Kurs, sodass die Aktie inzwischen zumindest einen Teil ihrer hohen Bewertung abgebaut hat.

Überraschender Aufstieg

Noch mehr als bei Amazon überrascht der Aufstieg von Microsoft. Lange Zeit hieß es, das von Bill Gates vor 44 Jahren gegründete Unternehmen habe gegenüber Google, Facebook und Co. den Anschluss verloren, weil Microsoft zu sehr an seinen Erfolgsprodukten Windows und Office klammere – und so neue Trends und Wachstumsmärkte verpasse.

Ähnlich wie der einstige Handyriese Nokia in Europa galt auch Microsoft als Auslaufmodell. Doch unter Vorstandschef Satya Nadella hat sich Microsoft in Zukunftsbranchen wie der Cloud und der Künstlichen Intelligenz weit nach vorn gearbeitet. Allerdings hätten Amazon und Microsoft wohl niemals ihren Börsenwert so rasch so stark gesteigert, wenn nicht die gesamte Wall Street mitspielen würde.

Die großen Börsenindizes Dow Jones, S&P und Nasdaq eilen von einem Rekordhoch zum nächsten. „Die Top-US-Konzerne sind derzeit in vielen Branchen das Maß der Dinge“, urteilt Alexander Kron, Mitglied der Geschäftsführung beim Wirtschaftsprüfer EY. Amerikanische Unternehmen profitieren vom großen und prosperierenden Heimatmarkt und von der hervorragenden Entwicklung der US-Technologiekonzerne.

Dem haben Europa und seine größte Volkswirtschaft Deutschland wenig entgegenzusetzen: Das Wirtschaftswachstum schwächelt, und viele Konzerne sind in tief greifenden Umbruchphasen, darunter die Banken und Autobauer mit ihren Zulieferern. Hinzu kommt der von US-Präsident Donald Trump ausgelöste Handelsstreit mit Zöllen und Gegenzöllen, worunter die vielen hoch globalisierten deutschen Unternehmen besonders leiden.

Die Folge: Deutsche Aktien entwickeln sich schlechter als amerikanische. Das gilt auf kürzere Sicht wie für zwölf Monate. Hier legten US-Aktien im Schnitt um sieben Prozent zu, deutsche Titel verloren knapp fünf Prozent. Auf Sicht von zehn Jahren ist der Unterschied noch größer: US-Aktien stiegen um über 200 Prozent, deutsche um gut halb so viel.

Dominanz der US-Unternehmen

Keineswegs überzeugen Amerikas Unternehmen nur durch rasante Kurssteigerungen und ihren hohen Börsenwert. Dieser ist auch fundamental untermauert: Sieben der zehn Unternehmen mit dem weltweit höchsten Nettogewinn haben ihren Sitz in den USA. „Europa mit Deutschland im Zentrum ist ein starker Industriestandort – und gerade die klassischen Industriebranchen haben derzeit zu kämpfen“, beobachtet Kron. „Hohe Investitionen in die Digitalisierung der Produkte und der Produktion, eine lahmende Weltkonjunktur und eine – angesichts hoher politischer und konjunktureller Risiken – geringe Investitionsbereitschaft aufseiten der Unternehmen bremsen die Entwicklung.“

Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt sind allesamt amerikanisch: Neben Microsoft und Amazon sind dies der iPhone-Riese Apple, Alphabet als Holding der Suchmaschine Google und das soziale Netzwerk Facebook. Diese „Big Five“ stehen mit ihrem Börsenwert von 4,3 Billionen Dollar für gut 15 Prozent der gesamten Börsenkapitalisierung der 500 größten US-Konzerne, wie sie im weltweit größten Börsenindex S&P 500 notieren. Diese fünf treiben den S&P seit Jahren nach oben: Allein in diesem Jahr stieg der S&P um 21 Prozent auf aktuell gut 3000 Punkte.

Seit Jahren hinken die Aktien der deutschen Unternehmen hinterher. Dass sich dieser Trend eines Tages umkehrt, ist weit und breit nicht in Sicht. Deutschland hat nur wenige Unternehmen, die in Zukunftsbranchen unterwegs sind. Im Dax stehen dafür wohl am ehesten Europas größter Softwareanbieter SAP und der digitale Zahlungsabwickler Wirecard. Der Dax-Neuling ist mit 18,6 Milliarden Euro inzwischen vier Milliarden Euro wertvoller als die Deutsche Bank. SAP ist mit 139 Milliarden Euro Deutschlands wertvollster Konzern.

Mehr: US-Aktien sind deutlich höher bewertet, das größere Potenzial schlummert in europäischen Werten. Lesen Sie hier, warum der Branchenvergleich für Überraschungen sorgt.

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