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04.02.2019

08:45

Kurseinbruch

Wirecard-Chef Braun wehrt sich gegen Vorwürfe: „Es gibt kein Risiko“

Von: Sönke Iwersen, Daniel Schäfer, Frederic Spohr

Nach dem Kursabsturz der Vorwoche versucht Wirecard-Chef Braun, die Aktionäre zu beruhigen. Eine unabhängige Entkräftung der Vorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister steht noch aus.

Wirecard-Chef Markus Braun erwartet Rekordzahlen fürs 1. Quartal dpa

Wirecard-Chef Markus Braun

Der Wirecard-Vorstandschef und -Gründer hält das größte Paket an dem Unternehmen mit einem Anteil von 7,05 Prozent.

Düsseldorf, FrankfurtSchon das Inhaltsverzeichnis lässt Leser erschauern, jedenfalls solche, die zu den Aktionären des Münchener Finanzdienstleisters Wirecard zählen. „Mögliche Vergehen“ lautet das fünfte Kapitel eines Berichts, den die renommierte Anwaltskanzlei Rajan & Tann am 4. Mai 2018 über Vorgänge in der Wirecard AG verfasste. Dann folgen: „Fälschung von Dokumenten oder Konten, Betrug, Untreue, Korruption und Geldwäsche.“

All diese Themen, so hielt die auf Compliance spezialisierte Kanzlei aus Singapur fest, machten weiteres Handeln unabdingbar. Der Wirecard-Mitarbeiter, der sie aufgeworfen habe, sei glaubwürdig. „Es gibt ernste Sorge über möglicherweise gravierende Konsequenzen“, stand in der Zusammenfassung des Anwaltsberichts. „Wir empfehlen ausdrücklich eine vollumfängliche Untersuchung, angesichts a) der Höhe der betroffenen Geldsummen, b) die Schwere der Natur der Vergehen.“

Acht Monate lang wusste niemand außer Wirecard und den Anwälten von diesem Bericht – und den Vorgängen, auf denen er basierte. Doch dann berichtete die britische Zeitung Financial Times Mitte vergangener Woche über die Vorwürfe des Mitarbeiters - und der Aktienkurs von Wirecard stürzte zeitweise um 20 Prozent ab.

Nach einem zweiten Bericht der FT über den Verdacht krimineller Machenschaften am Freitag fiel der Kurs abermals drastisch. Die Wochenbilanz: Bis Freitagabend hatten die Wirecard-Aktien an der Börse sechs Milliarden Euro an Wert verloren. 30 Prozent Minus innerhalb von 48 Stunden – für einen Dax-Wert ein eigentlich unvorstellbarer Absturz.

Drei Tage lang wirkte die Wirecard-Führung bei dieser Drohkulisse relativ hilflos. „Falsch, ungenau, irreführend und diffamierend“, nannte das Unternehmen den Bericht der Financial Times am Mittwoch, ohne zu sagen, was denn richtig wäre. Jetzt äußert sich erstmals Wirecard-Vorstandschef Markus Braun zu den Vorwürfen: „Die ganze Geschichte ist eine Non-Story“, sagt der Chef und Wirecard-Großaktionär am Sonntagabend dem Handelsblatt. „Wir haben alles aufgearbeitet. Es gibt keinerlei Risiko. Wir mussten in der Buchhaltung keinerlei Korrekturen oder Anpassungen vornehmen.“

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Die Wirecard-Aktie lag am Montagnachmittag nach der Wirecard-Stellungnahme bei 132 Euro – und somit wieder 22 Prozent im Plus.

Am Freitagnachmittag erhielt das Handelsblatt Einsicht in den als „hoch vertraulich“ gekennzeichneten Bericht der Kanzlei Rajah & Tann. Auf Fragen nach einer Stellungnahme dazu bot Wirecard das klärende Gespräch an.

Das Papier aus Singapur existiere, sei aber überholt. Richtig sei, dass es sich um „ein Thesenpapier“ handele und die Untersuchungen der Kanzlei nahezu abgeschlossen seien. Es seien keine Beweise gefunden worden. Die Vorwürfe beträfen angeblich unkorrekte Buchungen und mutmaßliche Fälschung von Dokumenten. Alles in allem stehe laut dieses Mitarbeiters eine Summe von rund 13 Millionen Euro in Frage.

Wie es in solchen Fällen üblich sei, habe zunächst die lokale Compliance-Abteilung die Vorwürfe untersucht. Dies sei so auch vorgesehen und zeige, dass die Compliance bei Wirecard funktioniere. Die Pflichterfüllung sei sogar noch weiter gegangen. Obwohl die Compliance-Abteilung zum Schluss gekommen sei, dass die Vorwürfe nicht zu halten waren, schaltete sie eine unabhängige und renommierte Kanzlei ein: Rajah & Tann.

Noch kein finales Ergebnis der Untersuchung

Am 4. Mai legte die Kanzlei den schon erwähnten ersten Bericht vor. Der Whistleblower, im Bericht nur „Bobby“ genannt, sei glaubwürdig. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, müsse das Unternehmen mit ernsten Konsequenzen rechnen – und dies nicht nur in Singapur, sondern möglicherweise auch in Deutschland. Am 18. Mai 2018 erhielt Rajah & Tann den Auftrag, alles gründlich zu untersuchen.

Die Konzernführung in München habe zu diesem Zeitpunkt immer noch nichts von der Sache gewusst, heißt es von Wirecard. Die Untersuchung lag in der Verantwortung der Compliance-Abteilung. Und deren Ergebnis sei von dritter, unabhängiger Seite überprüft worden.

Und mit welchem Ergebnis? Das liege final zwar noch nicht vor, heißt es München. Es sei aber davon auszugehen, dass keine Beweise gefunden würden.

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In die Wartezeit platzte der Artikel der Financial Times. Wieder einmal, knurrten die Münchener. Derselbe Journalist, der in der vergangenen Woche über den Whistleblower in Singapur berichtete, veröffentlichte Anfang 2016 einen Artikel, der auf einem Bericht des Rechercheinstituts Zatarra basierte. Die Wirecard-Aktie brach damals um ein Viertel ein, obwohl niemand je etwas von Zatarra gehört hatte.

Das war auch schwer möglich. Zatarra schaltete seine eigene Webseite erst kurz vor Erscheinen des Artikels frei. Das Unternehmen hatte seinen Sitz angeblich auf den Britischen Jungferninseln, war aber weder telefonisch noch per E-Mail zu erreichen. Der mehr als 100seitige Bericht enthielt wildeste Anschuldigungen und ein dramatisches Kursziel: Null Euro. Es verging keine Stunde, bis der Bericht der Financial Times erschien und auf Zatarra Bezug nahm.

Mehr als eine Milliarde Euro an Börsenwert ging bei Wirecard damals verloren. Das Unternehmen erstattete Strafanzeige wegen Kursmanipulation. Die Staatsanwaltschaft kam fast drei Jahre später zu dem Schluss, dass die unbelegten Vorwürfe von Zatarra einen kriminellen Hintergrund hatten. Gegen den Chef von Zatarra wurde ein Strafbefehl verhängt.

Wirecard-Aktionäre sind solchen Kummer gewohnt. Immer wieder in den vergangenen zehn Jahren konterkarierten dramatische Vorwürfe die glänzenden Geschäftszahlen. Noch im September 2018 stand die Aktie bei 195 Euro, dann fiel sie bis zum Jahresende auf 127 Euro. Im Januar berichtete der Vorstand von exzellenten Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn. Die Aktie stieg auf 166 Euro. Am Freitagabend waren es noch 109 Euro.

Wird der neuerliche Kurseinbruch ähnliche Folgen wie im Fall Zatarra haben? Die Entscheidung steht noch aus. Keiner der Vorwürfe des Mitarbeiters habe sich bestätigt, sagt eine Wirecard-Sprecherin. „Unsere Compliance hat alles untersucht. Nichts hatte Bestand. Auch die externe Kanzlei Rajah & Tann habe ein klares Statement zu dem Fall abgegeben.

Nicht ganz so klar allerdings, wie es sich Wirecard hätte wünschen können. Dem Handelsblatt liegt das kurze Schreiben von Rajah & Tann an Wirecard von Sonntag vor. Darin heißt es wörtlich: „Die Untersuchung läuft. Bis zum heutigen Tag haben wir noch keine abschließenden Feststellungen über kriminelles Fehlverhalten von Führungskräften oder Mitarbeitern des Unternehmens getroffen.“

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Ein Freispruch ist das nicht. Auffällig ist auch, mit welcher Leichtigkeit Wirecard über den vorläufigen Bericht von Rajah & Tann aus Mai 2018 spricht. „Mehr ein Thesenpapier“ sei dies gewesen, heißt es aus München. Es habe damals lediglich auf Aussagen des Whistleblower basiert.

Erst auf Nachfrage räumt Wirecard ein, dass der Whistleblower auch Dokumente vorlegte. Und eine Lektüre des Berichts von Rajah & Tann zeigt, dass sogar in größerem Umfang Unterlagen gesichtet wurden. Die E-Mail-Konten von drei Mitarbeitern seien ausgewertet worden, schreiben die Anwälte. „Es liegen Beweise vor, die Bobbys Angaben bestätigen.“

Augenscheinlich seien Dokumente gefälscht worden. „Wenn dies bewusst geschah, könnte dies geschehen sein, um andere Taten zu verdecken, zum Beispiel Untreue, Korruption und Geldwäsche“. Jedenfalls, so die Conclusio, wirft „die Art und Weise, wie Dokumente und Vereinbarungen erstellt (und verfälscht) wurden, ernste Fragen auf.“

Polizei in Singapur prüft Vorwürfe

Nicht nur für die Anwaltskanzlei werfen die Vorgänge Fragen auf. In Singapur kündigte die Polizei am Montagmorgen an, nach den FT-Berichten eine Untersuchung zu der Angelegenheit gestartet zu haben. „Die Polizei prüft die Angelegenheit“, teilte eine Sprecherin der Polizei dem Handelsblatt auf Anfrage mit.

In welche Richtung ermittelt wird, wollte die Sprecherin nicht sagen. Und in den USA will sich die auf Massenklagen spezialisierte New Yorker Kanzlei Kaplan Fox der Sache Wirecard annehmen und den Vorgang selbst untersuchen. „Wenn Sie in Wirecard investiert haben und die Untersuchung mit uns besprechen wollen, kontaktieren Sie uns bitte unter…“ schreiben die Anwälte. Fast gleichlautende Aufrufe kamen am Freitag von mehreren weiteren US-Kanzleien.

Ein Wettlauf hat begonnen. US-Kanzleien buhlen um jeden Aktionär, der sich einer Sammelklage gegen Wirecard anschließen möchte. In den USA haben Gerichte und Unternehmen mit solchem Vorgehen leidvolle Erfahrungen. Die Kanzleien versuchen, möglichst große Gruppen zusammenzutrommeln – und mit ihnen riesige Schadensersatzansprüche anzuhäufen. Bei sechs Milliarden Verlust an Marktkapitalisierung scheint dies bei Wirecard leicht möglich. Anwälte in den USA sind bei diesen Verfahren besonders motiviert – sie erhalten einen großen Teil der erstrittenen Zahlungen selbst.

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Für Vorstandschef Braun aber sind die wichtigsten Fragen schon geklärt. In wenigen Wochen werde auch die externe Kanzlei ihren Bericht vorliegen, dann sei der Spuk vorbei. Und was sagt Braun den Aktionären, deren Wirecard-Portfolio sich gerade um 30 Prozent nach unten anpasste?

„Wir bedauern natürlich, was in der vergangenen Woche passiert ist“, sagt Braun. „Aber wir lassen uns nicht ablenken. Ich selbst stehe für Innovation und Aufbau. Unsere Aktionäre haben in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt eine jährliche Wertsteigerung von 25 Prozent gesehen. Ich denke, das spricht für sich.“

Das klingt nach Kaufempfehlung. Oder gibt es weitere Risiken, die den Kurs der Aktie ins Rutschen bringen könnten? Schlummern in anderen Anwaltskanzleien Vorwürfe wie der aus Singapur? Auch auf diese Frage antwortet Wirecard-Chef Markus Braun mit Bestimmtheit. „Nein. Es gibt keine weiteren Vorgänge. Unsere Aktionäre werden ein starkes Jahr 2019 erleben.“

Kommentare (1)

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Herr Jürgen Popp

04.02.2019, 10:22 Uhr

Braun hat recht, das Unternehmen entwickelt sich großartig. Wo aber liegt das Problem ?
Jeder in der Branche weiß, dass Wirecard seine Umsätze nicht mit dem macht, was sie propagieren, sondern mit ganz anderen Schwerpunktbereichen. Die Zahlen stimmen und die Firma wächst, aber die Geschäftsfelder stimmen nicht mit dem überein was propagiert wird. Das führt ständig zu Mißverständnissen und Angriffen. Wircard wird aber seine Zahlen liefern. Glückwunsch !

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