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04.12.2018

04:00

Aktienmärkte

Warum die Kursgewinne im Dax eher Strohfeuer als Jahresendrally sind

Von: Peter Köhler, Anke Rezmer

Der Leitindex kommt im Dezember gut aus den Startblöcken. Folgt eine Jahresendrally? Aktienstrategen verweisen auf einige ungelöste Probleme.

Dax-Kursgewinne: Mehr Strohfeuer als Jahresendrally dpa

Anzeigetafel in Frankfurt

In welche Richtung steuert der Dax gen Jahresende?

FrankfurtDas Börsenjahr 2018 schien bereits gelaufen. Der deutsche Leitindex Dax hatte sich seit dem Frühjahr in erratischen Ausschlägen immer weiter nach unten bewegt. Im November verlor der Index den vierten Monat in Folge. Seit seinem Hoch im Januar ist das Börsenbarometer zeitweise um über 18 Prozent auf sein Jahrestief bei 11 066 Punkten abgesackt.

Die Investoren fürchteten, dass der seit mehr als neun Jahren andauernde Konjunkturaufschwung endet. Hinzu kamen rund um den Globus politische Probleme. Doch am Montag schienen die Ängste vergessen: Zum Wochenstart sprangen die Aktienkurse in die Höhe.

Der Dax startete mit einem deutlichen Plus von knapp drei Prozent auf rund 11 500 Punkte in den Handel. Sein Euro-Zonen-Pendant Euro Stoxx 50 kletterte anfänglich um rund zwei Prozent, und US-Aktien setzten ebenfalls mit einem Sprung nach oben ein. „Vordergründig sieht es nach Entspannung für die Aktienmärkte aus“, sagt Felix Herrmann, Anlagestratege für Deutschland beim US-Fondsanbieter Blackrock.

Der Grund für den Schwenk: Am Rande des G20-Gipfels in Argentinien haben die USA und China einen vorläufigen Kompromiss im belastenden Handelsstreit geschlossen. Aktienexperten mahnen allerdings vor zu viel Euphorie. Eine echte Einigung zum Thema Zölle stehe noch aus. Außerdem führten die internationalen Problemherde bereits jetzt dazu, dass die Gewinne der Firmen aus dem Dax gesunken seien.

Am Wochenende vereinbarten US-Präsident Donald Trump und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping, dass die für Anfang Januar angedrohte nächste Runde von Strafzöllen erst einmal verschoben wird. Binnen 90 Tagen wollen die beiden größten Volkswirtschaften der Welt ihre Streitigkeiten beilegen und in dieser Zeit auf Zollerhöhungen verzichten.

Dax-Umfrage: „Der Startschuss für eine Jahresendrally ist gefallen“

Dax-Umfrage

„Der Startschuss für eine Jahresendrally ist gefallen“

Die Reaktion der Anleger auf den Waffenstillstand im Handelsstreit zwischen den USA und China ist ein typisches Signal für weiter steigende Kurse.

Außerdem sollen Autos, die von den USA nach China exportiert werden, nun doch nicht mit 40 Prozent verzollt werden. Von dieser Nachricht profitierten zum Wochenstart vor allem Aktien von Autobauern. In Europa kletterten die Kurse von BMW, Daimler, Fiat-Chrysler und VW um bis zu fünf Prozent. Der Branchen-Subindex Stoxx 600 Automobiles & Parts legte im Tagesverlauf um gut drei Prozent zu.

Auch im Schuldenstreit zwischen Italien und der EU klang es zuletzt versöhnlicher. Bei den Verhandlungen um den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union gab es ebenfalls Fortschritte.

Strategen rechnen nun damit, dass die Aktienmärkte bis zum Jahresende etwas an Boden gutmachen können. „In den vergangenen Wochen haben vor allem die Themen Handelskonflikt zwischen den USA und China, der EU-Budgetstreit mit Italien und der Brexit die Stimmung der Investoren auf Moll gestimmt“, sagt Stefan Freytag, Vorstand des Deutsche Oppenheim Family Office der Deutschen Bank.

Wenn sich eines der größeren Themen konstruktiv lösen lasse, wie es sich jetzt beim Handelskonflikt abzeichne, könne der Aktienmarkt sehr schnell um fünf Prozent steigen. Einen Spurt bis auf 12 000 Punkte hält Joachim Schallmayer, Chef-Anlagestratege bei der Dekabank, für möglich.

Welche Details folgen im Handelsstreit?

In Jubelstimmung verfallen die Strategen aber nicht. Die großen US-Aktienindizes könnten sich 2018 zwar noch ins Plus retten, meint etwa Herrmann von Blackrock. Für Europa glaubt er aber nicht mehr an ein positives Aktienjahr. Benjardin Gärtner, Aktienchef beim Fondshaus Union Investment, hält eine nachhaltige Jahresendrally für unwahrscheinlich. „Vieles spricht für ein Strohfeuer“, sagt er.

Christian Kahler von der DZ Bank traut dem Dax nur bis zu 11.600 Punkte zu. Aus Sicht des Aktienexperten sind die wichtigen Belastungsfaktoren für die Börsen nicht beseitigt – allenfalls beiseitegeschoben. Beim Handelsstreit sei abzuwarten, auf was sich die USA mit China wirklich einigten. Bisher hätten die beiden Ländern lediglich Zeit gewonnen.

Ohnehin gebe es in dem Handelskonflikt nur eine Teillösung, ergänzt Gärtner von Union: „Wichtige strukturelle Fragen – etwa zum Schutz geistigen Eigentums – sind weiterhin offen.“ Außerdem sind nicht wenige Anleger seiner Ansicht nach verunsichert vor den in Kürze anstehenden Verhandlungen zwischen der EU und den USA über Zölle auf Autos. „Es gibt Befürchtungen, dass sich Donald Trump in Sachen Zollpolitik im kommenden Jahr etwas von China ab- und der EU zuwendet“, sagt Kahler.

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Auch der Schuldenstreit zwischen der EU und Italien gilt als ungelöst. Obwohl es nach einem Etappensieg für die EU aussehe, da die populistische Regierung nun ein etwas geringeres Haushaltsdefizit anstrebe, bleibe die politische Lage instabil, meint Herrmann. Der Stratege hält Neuwahlen im kommenden Jahr für möglich.

Bei den Verhandlungen über einen geordneten Austritt Großbritanniens aus der EU haben sich die Europapolitiker zwar mit der britischen Regierungschefin Theresa May auf eine Brexit-Vereinbarung geeinigt. Doch der Widerstand im eigenen Land gilt nach wie vor als groß. Dass May die Vereinbarung am 11. Dezember möglicherweise nicht durchs Parlament bringt, sehen die Strategen der NordLB als „schwerwiegendes politisches Risiko“.

Überdies „sind die Auswirkungen des Brexits noch völlig unklar“, sagt Gärtner. Das wird seiner Ansicht nach für Unsicherheit in den ersten Monaten 2019 sorgen: Die Vorstände werden vorsichtiger, wenn es um die Investitionspläne geht. „Das drückt wiederum auf die Stimmung an den Kapitalmärkten“, meint er. Belastend wirke auch der wieder aufgeflammte militärische Konflikt zwischen der Ukraine und Russland.

Schlechte Konjunkturindikatoren voraus

Zusätzlich zu allen ungelösten politischen Problemen droht das Fundament für weiter steigende Aktienkurse wegzusacken. „Das globale Konjunkturbild ist nicht mehr makellos, wir befinden uns in der Spätphase des langjährigen Aufschwungs“, sagt Gärtner von Union Investment.

Die Marktteilnehmer schauten auf Warnzeichen, die einen Abschwung ankündigten – das bedeute stärkere Kursschwankungen. Sowohl die Konjunktur als auch die Firmengewinne hätten ihren Zenit aber wahrscheinlich überschritten, meinen auch die Dekabank-Strategen – sie bleiben vorsichtig mit Blick auf die kommenden Monate.

Schon in dieser Woche rechnen die Strategen der NordLB mit weiteren enttäuschenden Daten: Zahlen zur Industrieproduktion und Auftragseingängen der deutschen Wirtschaft dürften ihrer Ansicht nach klarmachen, dass der konjunkturelle Durchhänger nicht überwunden sei.

Bereits an den aktuellen Gewinnen der Dax-Firmen lässt sich nach Aussage Kahlers von der DZ Bank klar ablesen, wo der Aktienmarkt steht. Bis zum Ende des dritten Quartals seien Analysten davon ausgegangen, dass Firmen aus dem Dax mit stagnierenden Gewinnen durch das Jahr kämen.

Doch nach seinen aktuellen Berechnungen sind die Gewinne bereits im Durchschnitt um sechs Prozent gesunken. Dazu hätten die Autobauer mit ihrem Problem rund um Dieselabgastests beigetragen, aber auch weitere Belastungsfaktoren wie die Zölle. Gerade hat der Stratege daher seine Prognose für den Dax bis Ende 2019 deutlich heruntergenommen: von 13. 300 auf nur noch 12.000 Punkte.

Kommentare (1)

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Herr Andre Peter

04.12.2018, 08:49 Uhr

Oh Schreck, oh Schreck, oh Schreck lass nach - es war nur ein Strohfeuer, also kein Kaminfeuer, kein Feuer, dass uns alle dauerhaft wärmt, oh da hab ich jetzt Angst und muss weinen!
Was mach ich nur mit all meiner Liquidität? Da tu ich doch alles auf mein Sparbuch, da bin ich sicher und verliere pro Jahr nur die tatsächliche Inflation! So ein paar Prozent pro Jahr sollte mir die trügerische Sicherheit schon wert sein!
@Köhler, Rezmer:
Auf ihre Angst vor dem Strohfeuer kann man nur ironisch reagieren!
Wer Liquidität hat, kauft einfach die wunderschön günstigen Aktien mit niedrigem KGV und schöner Dividendenrendite - das ist immer noch besser als 5 Billionen auf Sparbüchern oder sonstigen Anlagen ohne Rendite zu halten.
Herr Merz hat recht - es ist unbedingt notwendig den Deutschen klar zu machen, dass nur mit Unternehmensanteilen die Sicherheit im Alter eine Chance hat - notfalls auch staatlich gefördert.

Inzwischen tönen aber ängstliche Botschaften nicht nur von den grünen Journalien, sondern auch vom Handelsblatt! Handelsblatt - was ist aus Dir geworden?

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