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21.01.2020

15:43

Altersvorsorge

Mehr Rente mit Aktien

Von: Ulrich Lohrer

Wegen des Zinstiefs sinken Sofortrenten. Finanzberater und Wissenschaftler empfehlen Entsparpläne mit Aktien. Das setzt aber eine genaue und individuelle Analyse des Bedarfs voraus.

München Galt die private Rentenversicherung früher als sichere Vorsorge mit verlässlicher Rendite, so hat sich die Lage grundlegend geändert. Erhielt ein 63-Jähriger, der 1999 in eine Sofortrente 50.000 Euro einzahlte, im Schnitt 272 Euro pro Monat garantiert, waren es zehn Jahre später 202 Euro und 2019 nur noch 147 Euro. Dabei stellten sich dieser Auswertung des Branchendienstes map-report nur noch 19 Anbieter. Die meisten Versicherer weigerten sich, die Werte offenzulegen.

Der Vorteil von Sofortrenten: Die Rente wird auch dann gezahlt, wenn der Versicherte ein biblisches Alter erreicht. Um das eingezahlte Kapital wieder zurückzubekommen, muss er länger leben als die von Versicherungen kalkulierte durchschnittliche Lebenserwartung. Dann müssten 65-Jährige die Sofortrente mindestens 25 Jahre und zwei Monate erhalten. Die durchschnittliche Restlebensdauer einer 65-jährigen Frau beträgt aber nur 20,5 Jahre, die eines 65-jährigen Mannes gar nur 17,3 Jahre.

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Aufgrund der Anlagevorschriften haben Anbieter klassischer Rentenversicherungen derzeit kaum Spielraum. Sie investieren vor allem in festverzinsliche Wertpapiere. Die höchsten Garantierenten versprechen Direktversicherungen mit den geringsten Verwaltungs- und Vertriebskosten. So zahlt Europa (Tarif E-SR) einer 65-jährigen Person für 500.000 Euro aktuell eine Garantierente von 1657 Euro pro Monat inklusive Inflationsausgleich.

Niedrigzinsen bleiben

Dass sich das Zinsumfeld in absehbarer Zeit ändern wird, davon ist kaum auszugehen. Philip Lane, seit Juni 2019 Chefvolkswirt der EZB, will im Fall einer schwächeren EU-Wirtschaft die Leitzinsen sogar tiefer in den negativen Bereich senken. Die Leitzinsen bestimmt zwar der EZB-Rat. Weil dort die Notenbanker hochverschuldeter EU-Staaten unter der Leitung von Christine Lagarde über die Mehrheit verfügen, sind Zinserhöhungen vorerst kein Thema.

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    Finanzprofis beschäftigen sich daher zunehmend mit Alternativen zu einer klassischen Rentenversicherung. „Der Fokus der Finanzberatung liegt zwar meist auf der Ansparphase, doch die Auszahlungsphase ist mindestens ebenso wichtig – gerade vor dem Hintergrund der immer längeren Lebenserwartung und der damit verbundenen längeren Rentenbezugsdauer“, sagt Rolf Tilmes, Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland (FPSB Deutschland). Dabei spielen Entnahmepläne mit Anlagen wie Aktien eine wichtige Rolle. Auch Finanzberater empfehlen solche Auszahlpläne: „Ich berate etwa einmal in der Woche Anleger zum Auszahlplan, und etwa jeder zweite meiner Kunden im Ruhestand verfügt über einen Entnahmesparplan“, sagt Florian Herfurth, Finanzberater in Kempten.

    Mehr Infos zu Entsparplänen

    Nur wenige Banken bieten Entnahmepläne an

    Viele Banken und Broker bieten günstige oder kostenfreie Sparpläne auf ETFs an. Anders sieht es bei Entnahmeplänen aus: Anleger müssen für laufende Auszahlungen jedes Mal eine Einzelorder durchführen. Bei einigen Banken sind Entnahmepläne jedoch kostenfrei. So können Anleger bei der Consorsbank für Investmentfonds ab einer Summe von 10.000 Euro und ab einer Mindestauszahlung von 25 Euro monatliche oder vierteljährliche Auszahlungen durchführen. Sbroker bietet Entnahmepläne ab einer Auszahlung von 50 Euro und einer Mindestsumme von 10.000 Euro monatlich, alle zwei, drei oder sechs Monate sowie jährlich an. Das Angebot gilt für Fonds, ETFs, ETCs, Zertifikate oder Aktien. Der Entnahmeplan ist für klassische Fonds kostenfrei, bei anderen Finanzprodukten fällt jedoch eine Ordergebühr von 2,5 Prozent an.

    Bei einem Entsparplan bestimmt der Anleger im Gegensatz zur Sofortrente die Höhe der Kapitalentnahme und die Art der Investition. Der Anleger trägt das Risiko, entweder das Kapital vorzeitig zu verbrauchen oder mit einer zu geringen Auszahlung einen zu niedrigen Lebensstandard zu haben. Ein Entnahmeplan zielt darauf ab, das Kapital während des Ruhestands optimal für den eigenen Konsum zu nutzen oder einen Teil davon zu vererben. Für eine risikofreie Anlage, etwa in Bundesanleihen, ist derzeit eine positive Rendite nicht zu bekommen. Mit einer riskanteren Anlage ist aber eine höhere Rendite möglich, um damit das Langlebigkeitsrisiko zu kompensieren und einen höheren Lebensstandard zu verwirklichen.

    Weltweit streuen

    Eine bekannte Daumenregel zum Entnahmeplan ist die Vier-Prozent-Regel des amerikanischen Finanzplaners William Bengen. Demnach können im ersten Jahr vier Prozent des Kapitals entnommen werden, und die Entnahme kann jedes Jahr etwa in Höhe der Inflationsrate steigen. Das Kapital, das zu 60 Prozent in Aktien und zu 40 Prozent in Anleihen investiert ist, reicht dann mit hoher Wahrscheinlichkeit über 30 Jahre. Bei einer halben Million Euro wäre gemäß dieser Regel im ersten Ruhestandsjahr eine Entnahme von 20.000 Euro drin.

    Auch die Wissenschaft beschäftigt sich eingehend mit Entnahmeplänen. Professor Martin Weber und Dr. Philipp Schreiber von der Universität Mannheim haben anhand von Vergangenheitsdaten die Vier-Prozent-Regel überprüft. Der von Bengen angesetzte Entnahmezeitraum von 30 Jahren ist plausibel, weil nur fünf Prozent der 65-jährigen Männer eine Lebenserwartung von 95,8 Jahren, (bei Frauen: 97,8 Jahre) haben. Die Simulationen einer Dax-Anlagestrategie bestätigten im Schnitt die Vier-Prozent-Regel und ergaben ein Endvermögen von 4,2 Millionen Euro. Allerdings wurde in 14 Prozent aller Simulationen das Kapital bereits vor Ende der 30 Jahre aufgezehrt.

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    Alternativ zur Dax-Anlage überprüften die Wissenschaftler eine weltweite Anlagestrategie, die zu 60 Prozent in Aktien-, zu 25 Prozent in Renten- und zu 15 Prozent in Rohstoff-ETFs investiert. Dann war das Endvermögen mit zwei Millionen Euro zwar niedriger, aber das Pleiterisiko betrug nur 1,8 Prozent. „Über einen Entnahmeplan aus einem breit diversifizierten Weltportfolio kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Lebensstandard im Alter verbessert oder zudem das Kapital vermehrt werden“, sagt Schreiber. Wer dagegen Wertschwankungen völlig ausschließen will und davon ausgeht, ein biblisches Alter zu erreichen, für den spricht eher die Sofortrente. „Für jede Variante gibt es Vor- und Nachteile, abhängig von den individuellen Bedürfnissen und den persönlichen Lebensumständen“, so FPSB-Experte Tilmes.

    Für Finanzberater ist eine genaue Analyse des Bedarfs und der Risikoneigung der Kunden die Basis für eine passende Anlagestrategie. „Ob ich einen Entnahmeplan mit relativ hohem Aktienanteil empfehle, hängt auch davon ab, ob der Kunde sich damit wohlfühlt“, sagt Herfurth. Auch der Gesundheitszustand und der Wunsch, Angehörigen Vermögen zu vererben, spielt eine Rolle. Bei der Vergütung sollte der Finanzberater eine Honorarvergütung oder einen Servicevertrag vereinbaren. Dabei sei der Aufwand für eine regelmäßige Überprüfung abgegolten. „Anpassungen können sich beispielsweise beim Tod des Partners, der Geburt eines Enkels oder bei Verschlechterung des Gesundheitszustands ergeben“, so Herfurth.

    Anlagestrategie, Auszahlmodus und Kosten bestimmen auch die Wahl der Depotbank. Wer als Ruheständler in der Auszahlphase Kosten spart, kann sich über einen größeren finanziellen Spielraum freuen.

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