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26.11.2021

19:48

Aktienmärkte

Wie gefährlich wird die neue Coronavariante für die Märkte? Das sagen Anlagestrategen

Von: Ingo Narat, Andreas Neuhaus, Anke Rezmer

Eine neue Virusvariante aus dem südlichen Afrika hat Anleger geschockt. Der Dax verbucht den größten Tagesverlust des Jahres. So bewerten Aktienstrategen die neue Lage.

Die Bären geben an diesem Tag den Ton an der Börse an. dpa

Bär und Bulle an der Börse in Frankfurt am Main

Die Bären geben an diesem Tag den Ton an der Börse an.

Frankfurt, Düsseldorf Die neue Coronavariante in Südafrika hat Anlegerinnen und Anleger weltweit überrascht. In Japan schloss der Leitindex Nikkei am Freitag mit den größten Verlusten seit fünf Monaten, in Europa sackten der Dax und der EuroStoxx50 zeitweise so stark in die Tiefe wie zuletzt beim Börsen-Crash im März 2020, als die erste Pandemie-Welle Rezessionsängste geschürt hatte.

Der deutsche Leitindex ging 4,2 Prozent im Minus bei 15.257 Punkten aus dem Handel - was den größten Tagesverlust seit Jahresbeginn bedeutet. Für sein europäisches Pendant ging es 4,7 Prozent nach unten. In den USA rutschte der S&P-500-Index im verkürzten Handelstags nach Thanksgiving 2,3 Prozent ab.

Auslöser für den Kursrutsch ist eine in Südafrika entdeckte neue Coronavirusvariante. Sie könnte Experten zufolge ansteckender sein als der aktuell grassierende Typ Delta und resistenter gegen die bisherigen Impfstoffe. Die Weltgesundheitsorganisation WHO untersucht bereits, ob die Variante mit dem Namen B.1.1.529 als besorgniserregend eingestuft werden muss.

Unter Anlegern sorgt das für Verunsicherung: Das Nervenbarometer VDax sprang am Freitag um gut 70 Prozent in die Höhe auf 31,3. Je höher dieser Index notiert, desto höhere Kursschwankungen erwarten Profianleger in den kommenden 30 Tagen. Das bisherige Jahreshoch von 33,5 stammt von Ende Januar.

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    Das Handelsblatt hat bei Aktienstrategen nachgefragt: Wie schätzen Sie die Lage ein? Ihr Blick auf die Situation ist differenziert, einige empfehlen sogar, den Kursrutsch zu gezielten Nachkäufen zu nutzen.

    Wie weit werden die Kurse fallen?

    „Das Auftreten einer Virusvariante, gegen die die bisherigen Impfstoffe wirkungslos sind, war immer das absolute Worst-Case-Szenario an den Finanzmärkten“, erklärt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Sollte dieser Fall eintreten, wäre weltweit wieder mit Lockdowns in zahlreichen Ländern zu rechnen.

    In diesem Fall würden die Aktienmärkte noch deutlich stärker korrigieren, die Erholungsperspektive wäre unsicher. „Die entscheidende Frage ist deshalb“, sagt Emmanuel Cau, Head of European Equity Strategy bei Barclays, „ob die derzeitigen Impfstoffe gegen die Varianten wirksam bleiben oder nicht“.

    Solange aber Unklarheit bezüglich der Ansteckungsraten und des Impfschutzes herrscht, bleibt die Unsicherheit hoch, sagt, Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Ob die gesehene Marktreaktion ein angemessenes Abbild auf die neue Gefahr durch die Mutante liefere, bezweifelt Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege bei der DWS. „Die Theorie effizienter Märkte stößt bei einer Pandemie schnell an ihre Grenzen, meint er – insbesondere, wenn noch so wenig über die neue Variante bekannt sei. „Virologen haben den Wertpapierhändlern hier vielleicht doch einiges voraus.“ Es müsse sich erst noch herausstellen, „inwieweit der stabile Fundamentalausblick Schaden nimmt“, meint auch Halver.

    Jürgen Hackenberg, Fondsmanager bei Union Investment, geht ebenfalls davon aus, dass die Märkte erst über die kommenden Tage eine Bewertung vornehmen. „Kurzfristig sind deshalb weitere Rückschläge nicht auszuschließen.“

    Martin Lück, Blackrock-Chefanlagestratege für Deutschland, Österreich, Schweiz und Osteuropa, beobachtet, dass Anleger mehr und mehr die Gefahr einer deutlichen Wachstumsdämpfung infolge der eskalierenden Pandemielage einpreisen. Neue Einschränkungen könnten die Gewinnerwartungen vieler Unternehmen nach unten drücken. „Dann werden die ohnehin hoch bewerteten Aktienmärkte anfälliger für Kurskorrekturen, und es sieht so aus, als würden wir den Beginn einer derartigen Korrektur gerade beobachten.“

    Harald Eggerstedt, Investmentexperte bei Faros Consulting, einem Unternehmen, das institutionelle Investoren bei der Auswahl ihrer Geldverwalter berät, glaubt dagegen nur an eine begrenzte Korrektur: „Die Großanleger dürften investiert bleiben, taktisches Agieren und Aussteigen würde nichts bringen, denn die Negativzinsen bleiben ja.“ Das heißt: Auch mit einer neuen Coronavariante fehlen die Anlagealternativen.

    Was spricht langfristig für steigende Kurse?

    Was aus Sicht der Experten gegen eine ausgeweitete Korrektur spricht, ist die Wechselwirkung zwischen einer neuen Coronavariante und der Geldpolitik. Denn: „Bei anhaltenden Virusängsten würden die Notenbanken ihre geldpolitischen Straffungen verschieben“, sagt Faros-Experte Eggerstedt.

    Ähnlich argumentiert auch Halver von der Baader Bank: Sollte eine neue Coronavariante die konjunkturelle Erholung stören, würde das zugleich die Notwendigkeit für zügige geldpolitische Einschränkungen mindern. Und gerade die Aussicht auf eine geringere geldpolitische Unterstützung hatte die Stimmung an den Aktienmärkten zuletzt gedämpft.

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    Vor allem Inflationssorgen hatten die weltweiten Notenbanken zuletzt beschäftigt. Sollte aber durch eine neue Coronavariante die weltweite Nachfrage fallen, würde das, unterstützt durch einen niedrigeren Ölpreis, auch den Preisdruck abmildern, erklärt Stefan Rondorf, Anlagestratege bei der Allianz-Fondstochter AllianzGI. Das wiederum würde den Druck auf die Zentralbanken senken, ihre Geldpolitik zu verschärfen. „Dies könnte Panikverkäufen im Verlaufe der nächsten Wochen entgegenwirken“, sagt Rondorf.

    Eggerstedt warnt allerdings vor einem Szenario, in dem sich der Pessimismus verselbstständigt. „Dann würde sich der Gedanke breitmachen: Die Notenbanken haben die Märkte bereits so stark stimuliert, da können sie eigentlich nicht mehr nachlegen.“

    Der Kursrutsch als Einstiegschance?

    Überwiegend sehen die Experten den aktuellen Kursrutsch eher als Chance. „Anleger sollten besonnen bleiben und nicht in Hektik verfallen“, rät daher Union-Investment-Experte Hackenberg. „Neue Coronamaßnahmen können die wirtschaftliche Erholung immer wieder beeinflussen und abmildern. Bisher waren das aber stets nur temporäre Effekte, die den mittelfristigen Ausblick für die meisten Unternehmen nicht deutlich verändert haben.“

    Barclays-Mann Cau empfiehlt zwar eine stärkere Absicherung nach unten, sieht aber gleichzeitig, dass Anleger über genügend Cash-Reserven verfügen, um Kursrücksetzer für Nachkäufe zu nutzen.

    Auch Deka-Experte Kater sieht deshalb in einem deutlicheren Rücksetzer eher die Chane, langfristige Positionen aufzubauen. Schließlich würden im Falle einer gefährlichen Virusvariante Stabilisierungsprogramme der Regierungen verlängert werden: „In einem solchen Fall wird sich die Weltwirtschaft wieder erholen.“ Sollte es umgekehrt in den kommenden Tagen von den Gesundheitsbehörden Entwarnung geben, so Kater, „werden die Aktienkurse schnell wieder nach oben schießen“.

    DWS-Stratege Kreuzkamp wertet die Virusmutante B.1.1.529 aktuell eher als Auslöser für eine Börsenentwicklung, die sonst vielleicht früher oder später aus anderen Gründen stattgefunden hätte. Die Lage sollte sich zumindest in den kommenden Wochen wieder beruhigen, meint er - jedenfalls „solange an der erhofften Ausprägung der für die robusten Märkte wichtigen Parameter – Gewinnwachstum, Inflation und Zentralbankpolitik – nicht gezweifelt wird“.

    Rücksetzer, auch deutlicheren Ausmaßes, „bis zu 15 Prozent muss jeder Anleger von den jüngsten Rekordniveaus aus jederzeit auf der Rechnung haben“, bekräftigt Christian Kahler, Chef-Anlagestratege der DZ Bank. Für den Dax bedeutete das vom Stand vor dem schwarzen Freitag aus betrachtet ein Niveau von rund 13400 Punkten. Beim noch höher gelaufenen S&P500 hält Kahler ein solches Rückschlagsrisiko noch für größer. „Das sollte aber niemanden schrecken“, meint der Stratege. So lange die Inflation, der aktuell nach wie vor größte Sorgenfaktor für Investoren neben der Pandemie, nicht dauerhaft auf extremen Niveaus bleibe, seien das Gelegenheiten, günstiger einzusteigen.

    „Nur, wenn Inflation sich stärker entwickelt, könnte das dem Aktienmarkt richtig weh tun.“ Davon gehen die meisten Strategen aber bisher nicht aus. Die Hälfte des aktuellen Preisiniveaudrucks komme von den Energiepreisen, sagt Michael Holstein. Chef-Volkswirt der DZ Bank. Hier rechnet er mit einer Normalisierung im Frühjahr.

    Halver von der Baader Bank sieht derzeit vor allem bei zwei Branchen Potenzial – sogar unabhängig von der weltkonjunkturellen Großwetterlage. Denn Klimaschutz als „neues langfristiges Megathema“ und die Geschäftsmodelle im Hightech-Sektor wie „Digitalisierung, Industrieautomatisierung, Künstliche Intelligenz, Quantenkommunikation und -informatik – bleiben ohnehin nachhaltige Gewinnquellen“.

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