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04.07.2022

04:00

Anlagestrategie

Das Ende der goldenen Jahre für die deutschen Vermögensverwalter

Von: Ingo Narat

PremiumDie deutschen Vermögensverwalter verdienten 2021 so viel Geld wie nie. Doch der Trend ist gekippt: In diesem Jahr droht ein starker Rückgang der Gewinne.

Die fallenden Kurse an den Märkten bremsen das Wachstum der Vermögensverwalter. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Kurstafel in Frankfurt

Die fallenden Kurse an den Märkten bremsen das Wachstum der Vermögensverwalter.

Frankfurt So gut ging es den Asset-Managern noch nie. Auf 4,4 Milliarden Euro schätzen die Experten von McKinsey den Gewinn für die deutschen Branchenvertreter im vergangenen Jahr. „Ein Rekordjahr mit einem enormen Gewinnanstieg von einer Milliarde Euro“, sagt Philipp Koch, Co-Leiter Asset-Management bei dem Beratungshaus.

Doch die Bonanza scheint zu Ende: Das laufende Jahr sehe deutlich weniger rosig aus, betont Koch. Dazu würden vor allem die fallenden Kurse an Aktien- und Anleihemärkten sowie damit verbundene Einnahmerückgänge beitragen.

Daher dürfte das noch Ende vergangenen Jahres verwaltete Kapital von 4,5 Billionen Euro schrumpfen. „Dann sind fünf bis zehn Prozent weniger Gewinn denkbar“, glaubt Koch. Ein Betrag unter vier Milliarden Euro wäre keine Überraschung.

Ein Rückgang in ähnlicher Größenordnung sei auch in Westeuropa für die Branche mit einem taxierten Kapitalbestand von 27,3 Billionen Euro inklusive konzerneigener Gelder denkbar. Hier liege die Gewinnerwartung bei 28 Milliarden Euro. Betrachte man ausschließlich die für Dritte verwalteten Gelder, was dann mit den deutschen Zahlen vergleichbar sei, liege die Gewinnschätzung bei 24 Milliarden Euro.

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    Die McKinsey-Prognosen hängen stark von der weiteren Börsenentwicklung ab. Lutz Johanning hält die scharfe Korrektur an den Märkten noch nicht für überwunden. Der Finanzprofessor an der WHU Otto Beisheim School of Management glaubt: „Wenn eine Rezession und eine Euro-Krise dazukommen, könnten die Gewinne der Vermögensverwalter im laufenden Jahr auch 25 Prozent fallen.“

    Grafik

    Die großen deutschen Anbieter DWS, Allianz Global Investors, Union Investment und Deka lehnten Gesprächsanfragen zu den Gewinnaussichten ab. Allerdings meldete beispielsweise die börsennotierte DWS für das erste Quartal einen um 14 Prozent auf 689 Millionen Euro gesunkenen Ertrag im Vergleich zum Vorquartal. Erstmals seit zwei Jahren zogen Anleger netto Kapital ab.

    Ziemlich genau zum Jahreswechsel begannen die Trends an den wichtigen Märkten zu kippen. Der Umschwung war getrieben durch steigende Inflation, die Zinswende der US-Notenbank und die Folgen des Ukrainekriegs. Das führte zur ungewöhnlichen Situation, dass die Kurse sowohl an den Aktien- als auch an den Anleihemärkten zu fallen begannen.

    DWS, Allianz Global Investors und Co.: Die Einnahmen fallen automatisch

    Schon die reinen Marktbewegungen drücken aus mehreren Gründen auf die Einnahmen der Verwalter. Zunächst zahlen die Investoren einen fixen prozentualen Anteil des verwalteten Kapitals an den Verwalter. Im Privatkundengeschäft betragen die Jahresgebühren etwa für Aktienfonds meist ein bis zwei Prozent. Wenn das Kapital bei Börsenrückschlägen schrumpft, streicht daher auch der Asset-Manager weniger ein. Dabei ist das Geschäft mit Privatkunden rund vier Mal profitabler als das mit institutionellen Anlegern, wie McKinsey vorrechnet.

    Über die fixierten Jahresgebühren hinaus sind zusätzliche Erfolgsgebühren immer populärer geworden. Dann nehmen die Verwalter Extrabeträge ein, wenn sie mit ihren Strategien mehr Ertrag abliefern als eine zum Vergleich herangezogene Messlatte wie etwa ein Aktienindex. Das wird in schlechter laufenden Märkten wie in diesem Jahr schwieriger werden, glaubt McKinsey-Mann Koch.

    Verwalter profitieren nicht nur von Altbeständen, sondern auch von neu zufließenden Geldern. Das verwaltete Kapital stieg im vergangenen Jahr massiv um eine halbe auf 4,5 Billionen Euro. Davon waren 0,2 Billionen Euro den Börsengewinnen zuzurechnen. Mit 0,3 Billionen entfiel noch mehr auf Nettoinvestments. „Das ist der höchste jemals gemessene Zufluss“, sagt Koch.

    So positiv werde es kaum bleiben. „Im laufenden Jahr dürften die Nettozuflüsse geringer sein, sogar Abflüsse sind denkbar“, glaubt der McKinsey-Mann. Tatsächlich meldete der europäische Fondsverband für das erste Quartal dieses Jahres bereits Abflüsse aus den meist auf Privatanleger zielenden Produkten.

    Ein einfaches Geschäftsmodell

    Der absehbare Umschwung im laufenden Jahr könnte einen sehr langfristigen Trend beenden. Praktisch seit der Finanzkrise stiegen die Kurse an den Märkten für Aktien und Anleihen. Das zog fast automatisch Kapital und Gewinne der Verwalter mit nach oben. „Ein unfassbar einfaches Geschäftsmodell“, nennt es ein Berater.

    Das freundliche Umfeld könnte nun der Vergangenheit angehören. Dieser Meinung ist beispielsweise Joe Sullivan. „Wir reden über eine alte Branche mit zu vielen Mitspielern und immer noch hohen Gewinnen“, sagt der Chef der 550 Milliarden Dollar verwaltenden US-Gesellschaft Allspring Global Investments. Er ist auch eher skeptisch, was die weiteren Börsenperspektiven angeht.

    Noch klarer wird George Muzinich. „Die Asset-Manager müssen erkennen, dass die guten Zeiten vorbei sind“, sagt der Leiter der 50 Milliarden Dollar betreuenden Gesellschaft Muzinich & Co. Mit den „guten Zeiten“ meint er die Jahre seit dem Ende der Finanzkrise: „Bei Tiefzinsen gab es Geld umsonst, was alle Märkte anheizte.“

    Wenn die Verwalter nun unter Druck geraten, könnten Käufe und Verkäufe in der Branche zunehmen. Koch hat bereits in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres Rekordaktivitäten mit 270 Übernahmen und Fusionen gezählt, bei denen 3,5 Billionen Dollar an verwaltetem Kapital bewegt wurden.

    Allspring-Chef Sullivan glaubt ebenfalls an eine Marktbereinigung: „Es dürfte mehr Transaktionen geben; auch wir sind offen für weitere Aufkäufe.“ In Europa betonte kürzlich der große französische Asset-Manager Amundi, Zukäufe seien ausdrücklich Teil der langfristigen Wachstumsstrategie.

    Jüngere Meldungen scheinen die Prognosen zu erhärten. Vor einem Jahr griff Goldman Sachs Asset Management bei NN Investment Partners zu. In diesem Jahr erwarb Franklin Templeton Investments den alternativen Verwalter Alcentra von BNY Mellon. Aus deutscher Sicht bekundete auch die DWS unter ihrem früheren Chef Asoka Wöhrmann immer wieder Zukaufsabsichten.

    Die Fondstochter der Deutschen Bank hat regelmäßig Zukaufabsichten geäußert. Reuters

    DWS-Logo

    Die Fondstochter der Deutschen Bank hat regelmäßig Zukaufabsichten geäußert.

    Aus der deutschen Perspektive sei eine verdeckte Konsolidierung längst im Gange, meint ein Verwalter. Die größten Asset-Manager würden praktisch alle Neugelder auf sich ziehen. „Zwei Drittel aller Häuser haben keine signifikanten Zuflüsse oder verlieren sogar Gelder – teils seit Jahren“, sagt der Kenner. Sein Fazit: „Viele leben vom Kapitalbestand; genau das wird schwieriger werden, wenn die Märkte nach unten gehen.“

    Das Umfeld für Transaktionen hat sich bereits stark verändert. Die überdurchschnittlichen Kursverluste der gelisteten Asset-Manager spiegeln das wider. Wissenschaftler Johanning sieht es nüchtern: „Die Börse handelt Erwartungen, sodass die Kurse und die Bewertungen die schlechteren Perspektiven widerspiegeln. So viel Fantasie sehen die Investoren hier also nicht.“

    Billiger nach Kursverlusten

    Der MSCI-Weltaktienindex verlor seit seinem Top im vergangenen Jahr rund 19 Prozent. Die börsennotierten Geldverwalter traf es weit härter. Das weltgrößte Haus Blackrock kam mit einem Minus von 33 Prozent noch glimpflich davon. Andere Asset-Manager wie die deutsche DWS liegen 38 Prozent, eine britische Jupiter oder eine amerikanisch-britische Janus Henderson 47 Prozent tiefer.

    Entsprechend preiswert erscheinen die Aktien, setzt man die Kurse zu den prognostizierten Gewinnen ins Verhältnis. Die Aktien des Weltindexes werden mit 15 auf Basis der geschätzten diesjährigen Gewinne gehandelt. Nur Blackrock schafft die 16. DWS, Amundi, Franklin Resources, Invesco und andere liegen zwischen sieben und neun. Mit Blick auf die tiefe Branchenbewertung meint Johanning dann auch: „Zumindest aus dieser Perspektive erscheint es günstig für potenzielle Aufkäufer.“

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