Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.08.2022

16:14

Dax-Sentiment

Anleger zweifeln an der Nachhaltigkeit der Rally – Dax steigt wegen fehlender Verkäufer

Von: Jürgen Röder

Die Anlegerstimmung ist zum ersten Mal seit Jahresbeginn nicht mehr negativ, sondern neutral. Was das für die kommenden Handelstage bedeuten dürfte.

Dax-Umfrage: Anleger sehen Kursniveau als Kaufchance dpa

Bulle und Bär vor der Börse Frankfurt

Es ist eine von hoher Unsicherheit geprägte Marktphase.

Düsseldorf Ein Blick auf die Nachrichtenlage und die Dax-Entwicklung in der vergangenen Woche zeigt eine Diskrepanz. Wirklich positive Überraschungen gab es wenige. Lediglich viele Meldungen, die nicht so schlimm waren wie befürchtet.

So fielen die Quartalszahlen der Unternehmen nicht so schwach aus wie erwartet. Und die Zinsentscheidung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) blieb mit einem Schritt von 0,75 Prozentpunkten im Rahmen der Prognosen. Dennoch ist der deutsche Leitindex Dax in der vergangenen Woche um 1,7 Prozent gestiegen, der US-Index Dow Jones sogar um 2,8 Prozent.

Verantwortlich für diese Entwicklung waren vermutlich keine Langfristanleger, die üblicherweise nach guten Nachrichten mit dem Aufbau neuer Positionen beginnen. Verantwortlich waren offenbar Verkäufer, die sich nicht weiter von ihren Aktien getrennt haben, weil es in der abgelaufenen Woche keine neuen Hiobsbotschaften mehr gab. Das allein reichte schon für eine positive Aktienmarktentwicklung.

Bereits vor einer Woche konstatierte Sentimentexperte Stephan Heibel, dass der deutsche Leitindex in der ersten Phase der Erleichterungsrally steckt. Ob die weitere Entwicklung ausreicht, damit die Aktienmärkte wieder in einen heftigen Rally-Modus umschalten, bleibt abzuwarten. Die Teilnehmer der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment haben daran zumindest ihre Zweifel. Das lässt sich beispielsweise aus den Daten der Stuttgarter Börse ablesen. Denn dort sichern sich verstärkt Anleger gegen fallende Kurse ab.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Für den Sentimentexperten Heibel hingegen ist es nicht das erste Mal, „dass der Boden einer Korrektur dadurch erfolgt, dass es keine Verkäufer mehr gibt“.

    Und es wäre nicht untypisch, wenn die Aktienmärkte sich fortan schrittweise weiter erholten, unterbrochen von Verschnaufpausen, in denen die Probleme wie Ukrainekrieg, Inflation und Lieferkettenstörungen erneut in den Vordergrund treten. Doch sukzessive könnte es für diese negativen Entwicklungen Lösungen geben. Dann dürften die Aktienmärkte deutlich höher als heute stehen.

    Grafik

    Laut Heibel bleibt jedoch der Unterschied zwischen Deutschland und den USA. Während in der Bundesrepublik infolge des Gasmangels ein kalter Winter droht und Industrien möglicherweise ihre Produktion einschränken müssen, dominiert in den USA die Freude über die bereits gedämpfte Inflation.

    Der Ukrainekrieg ist für die US-Amerikaner weit weg, Lieferkettenprobleme lösen sich dort wieder auf. Und Energieknappheit kennt man in den USA nicht. „Im Gegenteil, dort gibt es noch immer zu viel Gas, weil das größte Gasterminal nach einem Vorfall im Juni noch immer repariert werden muss“, sagt der Sentimentexperte.

    Das Gas, das nicht verflüssigt werden kann, muss nun zu Dumpingpreisen auf dem heimischen Markt verbraucht werden.

    Dax-Sentiment-Umfragedaten im Detail

    Weniger die Meldungen als vielmehr die Aktienmarktentwicklung beruhigen die Anleger. Das Aktiensentiment drehte erstmalig seit Jahresbeginn ins Plus. Der Wert liegt bei plus 0,1. Damit ist die Stimmung erstmals wieder neutral.

    Auch die Verunsicherung schwindet, obwohl sie mit einem Wert von minus 1,0 noch nicht völlig verflogen ist. Das volatile Marktgeschehen in den vergangenen Monaten hat zu tiefe Spuren hinterlassen, als dass man sich nach zwei positiven Börsenwochen schon wieder selbstzufrieden präsentieren könnte.

    So bleibt die Erwartung an die Dax-Entwicklung in drei Monaten mit einem Wert von plus 0,7 moderat positiv. Zwar dominieren die Bullen, doch wirklicher Optimismus ist das noch nicht. Die Investitionsbereitschaft ist auf plus 2,9 gesprungen – Anleger sehen also weitere Chancen für die kommenden Wochen.

    Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, ist weiter gefallen und notiert mittlerweile bei einem Wert von minus 6,5. Es werden wieder deutlich mehr Put-Hebelprodukte als Absicherung gegen fallende Kurse gekauft als Call-Derivate auf den Dax. Das ist ein Zeichen dafür, dass Privatanleger dem Kursanstieg nicht so recht trauen. Es fehlt die Überzeugung, dass es am deutschen Aktienmarkt bereits eine Bodenbildung gegeben hat.

    Das Put/Call-Verhältnis an der Frankfurter Terminbörse Eurex hingegen, an der institutionelle Investoren handeln, zeigt mit einem Wert von 1,4 eine eher neutrale Positionierung an.

    In den USA sinkt das Put/Call-Verhältnis an der Chicagoer Terminbörse CBOE auf 0,95. US-Profis setzen zunehmend auf weiter steigende Kurse. Während in Deutschland die Angst vor Energieproblemen im kommenden Winter weiter auf der Stimmung lastet, scheint man in den USA den Ukrainekrieg langsam als gegeben hinzunehmen.

    US-Fondsanleger haben ihre Investitionsquote um zwei Prozentpunkte auf 47 Prozent leicht erhöht. Damit bleibt die Quote weiterhin niedrig, denn ein Niveau ab 70 Prozent gilt als normal.

    Das Bulle/Bär-Verhältnis der US-Privatanleger ist auf minus zwölf angestiegen, bleibt damit weiterhin pessimistisch. Der Stimmungsanstieg ist allein auf die rückläufige Zahl der Bären zurückzuführen. Das Lager der Neutralen ist um vier Prozentpunkte auf 32 Prozent angewachsen.

    Der anhand technischer Markdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Märkte zeigt mit einem Wert von 42 Prozent nur noch sehr geringe Angst an. Andere kurzfristige technische Indikatoren signalisieren, dass kurzfristig eher eine Verschnaufpause zu erwarten ist.

    Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment mit mehr als 7000 Teilnehmern stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anlegerinnen und Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anlegerinnen und Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

    Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren, und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×