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16.05.2022

16:04

Dax-Sentiment

Trotz Angst und Panik unter den Anlegern könnte das Schlimmste an den Börsen vorbei sein

Von: Andreas Neuhaus

Die letzten Verkaufswilligen könnten sich von ihren Aktien getrennt haben. In der Vergangenheit stiegen danach die Kurse. Eins sollten Anleger aber beachten.

Dax-Umfrage: Anleger sehen Kursniveau als Kaufchance dpa

Bulle und Bär vor der Börse Frankfurt

Eine von hoher Unsicherheit geprägte Marktphase.

Düsseldorf Der deutsche Aktienindex Dax hat in der vergangenen Woche 2,6 Prozent zugelegt. Dass davon kaum jemand Notiz zu nehmen scheint, zeigt, wie schlecht die Stimmung an den Börsen ist. Das bestätigt auch die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter 6000 Privatanlegerinnen und -anlegern. Hier notiert die Stimmung seit nunmehr 18 Wochen im negativen Bereich. Das ist die längste Negativserie seit Beginn der Umfrage im Jahr 2014.

Allein in der vergangenen Woche brach zweimal Panik an den Märkten aus: Am Montag rutschte der Dax von seinem Tageshoch um rund 300 Punkte ab und schloss auf seinem Tagestief 2,1 Prozent tiefer. Am Donnerstag brach der Leitindex bis zu seinem Tagestief um 2,5 Prozent ein.

Am Dienstag und Mittwoch sowie am Freitag erholte sich der Dax zwar mit einer Aufwärtsbewegung von 3,3 und 2,1 Prozent. „Doch die Erholung kommt bei den Anlegern noch nicht an, wie das vorläufige Ergebnis unserer Umfrage zeigt“, sagt Sentimentexperte Stephan Heibel, der die Umfrage für das Handelsblatt auswertet.

Das Sentiment, das die allgemeine Stimmung unter den Befragten abbildet, liegt zwar mit einem Wert von minus 4,8 leicht über den minus 5,8 aus der Vorwoche, befindet sich aber weiterhin im extrem negativen Bereich. „Die Anleger sind niedergeschlagen und resigniert“, erklärt Heibel.

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    Auch die Verunsicherung bleibt mit einem Wert von minus 5,8 (Vorwoche minus 8,1) groß. Denn die Märkte entwickeln sich anders, als von den Anlegerinnen und Anlegern erwartet. Bei fast jedem sechsten Befragten haben sich in der vergangenen Woche die Erwartungen gar nicht oder nur kaum erfüllt. Dementsprechend groß dürften die Verluste gewesen sein.

    So schmerzhaft das für die Betroffenen ist, für den gesamten Markt ist diese Entwicklung ein Hoffnungsschimmer, erklärt Heibel: „Angst und Panik sind Anzeichen dafür, dass nun auch die letzten Verkaufswilligen ihre Aktien verkauft haben.“ Der Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX verweist dabei nicht nur auf die historisch längste Negativphase im Sentiment. Auch andere Indikatoren bilden die extrem schlechte Stimmung am Markt ab.

    So haben Fondsmanager in den USA ihre Investitionsquote auf 24 Prozent reduziert, sie haben sich also nahezu komplett vom Markt zurückgezogen und halten stattdessen Cash vor, berichtet Heibel: „Mir fallen nur der Corona-Crash 2020, die Euro-Krise 2011 und die Finanzkrise 2008 ein, wo die Investitionsquote noch kleiner war.“ Zudem ist weniger als ein Viertel der US-Anleger derzeit optimistisch (bullish) eingestellt. Das ist die niedrigste „Bullen-Quote“ seit 40 Jahren.

    Viele Anleger haben bereits verkauft

    Die Zahlen zeigen, dass viele Marktteilnehmer sich entweder bereits komplett zurückgezogen oder den größten Teil ihres Portfolios verkauft haben. Es dürften derzeit also kaum noch Verkäufer am Markt sein, die die Kurse noch viel weiter nach unten drücken können. „Das und noch viele andere Indikatoren sprechen dafür, dass wir zumindest vorläufig einen Boden gefunden haben“, sagt Heibel. Beim Dax liegt das Jahrestief bei 12.439 Punkten, das jüngste Verlaufstief lag bei 13.381 Zählern.

    „In der Vergangenheit führten extrem negative Stimmungswerte, wie wir sie diese Woche sehen, zu einem Kursgewinn im Dax von durchschnittlich zehn Prozent in den kommenden sechs Monaten“, sagt Heibel. Sollte in den kommenden Tagen kein Negativ-Ereignis eintreten, das über die Ereignisse der vergangenen Monate hinausgeht, erwartet er daher steigende Kurse. „Negative Ereignisse können die Aussage der Sentiment-Umfrage aber zunichtemachen“, warnt der Experte.

    Gegen einen weiteren Kursrutsch abgesichert

    Gegen weitere Kursverluste haben sich die Anleger allerdings abgesichert, wie das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt. Zwar ist dieses von minus sechs auf minus drei gestiegen, zeigt damit aber immer noch einen Überhang von Put- gegenüber Call-Produkten auf den Dax in den Depots an. Put-Optionen auf den Dax steigen im Wert, wenn die Notierungen des Index sinken, dienen also zur Absicherung gegen Kursverluste.

    Bei institutionellen Anlegern, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, ist die Absicherung durch Puts sogar kräftig gestiegen. Gleiches gilt für die US-Anleger, die an der Chicagoer Terminbörse handeln.

    „Die hohe Put-Absicherung der institutionellen Anleger in Deutschland sowie der Anleger in den USA zieht einen Boden unter dem aktuellen Kursniveau ein“, sagt Heibel. „Sollten die Kurse tiefer fallen, werden Put-Absicherungen aufgelöst, was zu einer Nachfrage führt, die ein weiteres Abrutschen verhindert.“

    Zukunftserwartung hellt sich auf

    Put-Optionen funktionieren praktisch wie Leerverkäufe. Das bedeutet vereinfacht formuliert: Kauft ein Anleger ein Put-Produkt auf den Dax, muss die Bank im Hintergrund den Dax verkaufen. Und beim Verkauf des Derivats muss der Dax wieder zurückgekauft werden. Das erhöht die Nachfrage und stabilisiert die Kurse.

    Was zudem Hoffnung macht: Bei den Umfrageteilnehmern ist die Erwartung an die Aktienmarktentwicklung der kommenden drei Monate leicht ins Positive gedreht und von minus 0,6 auf plus 0,1 gestiegen.

    Aktuell sieht zwar noch mehr als die Hälfte der Befragten den Dax in einer Abwärtsbewegung. In der Vorwoche waren es aber noch deutlich mehr. Der Anteil derer, die eine Bodenbildung ausmachen, hat sich dagegen erhöht.

    Ein Unterschied zwischen der aktuellen Situation und dem Corona-Crash ist die unsichere Gemengelage aus Ukrainekrieg, steigenden Zinsen und Konjunktursorgen in China. Das erklärt auch die Entwicklung der Investitionsbereitschaft, die mit einem Wert von 1,7 (Vorwoche 2,0) moderat ist. Nur jeder vierte befragte Privatanleger will in den nächsten beiden Wochen handeln. Der Großteil ist noch unentschlossen.

    Zum Vergleich: Während des Corona-Crashs hatte die Investitionsbereitschaft rund um die Tiefststand Werte von fünf und mehr erreicht. Das Kaufinteresse für eine nachhaltige Erholung scheint also noch nicht vorhanden zu sein.

    Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment mit mehr als 6500 Teilnehmern stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anlegerinnen und Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anlegerinnen und Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

    Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren, und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.

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