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23.05.2022

15:52

Dax-Sentiment

Zwischen Weltuntergangsstimmung und Übertreibung: Anleger werden immer pessimistischer

Von: Andreas Neuhaus

Der deutsche Leitindex Dax hat sich stabilisiert. Die Stimmung am Aktienmarkt hellt sich aber nicht auf – im Gegenteil. Was das für Anleger bedeutet.

Dax-Umfrage: Anleger sehen Kursniveau als Kaufchance dpa

Bulle und Bär vor der Börse Frankfurt

Es ist eine von hoher Unsicherheit geprägte Marktphase.

Düsseldorf Der deutsche Leitindex Dax ist binnen zwei Wochen um mehr als fünf Prozent gestiegen und notiert wieder über der Marke von 14.000 Punkten. Dennoch ist die Stimmung am Aktienmarkt am Boden und das Kaufinteresse gering, wie die Handelsblatt-Umfrage „Dax-Sentiment“ unter mehr als 7000 Privatanlegerinnen und -anlegern zeigt.

„Stellen Sie sich vor, wir haben eine Rally – und keiner geht hin“, kommentiert Sentimentexperte Stephan Heibel vom Analysehaus AnimusX die Lage.

Denn entgegen der sich stabilisierenden Kurse bleiben die Investoren vorsichtig. „Die Stimmung hellt sich noch immer nicht auf. Im Gegenteil, sie wird schlechter“, stellt Heibel fest, der die wöchentliche Umfrage für das Handelsblatt auswertet.

Das Anlegersentiment, das anhand mehrerer Indikatoren die Stimmung am Markt misst, verharrt bei einem Wert von minus 4,8. Werte ab einem Niveau von minus vier implizieren extreme Niedergeschlagenheit unter den Anlegern. Negativ ist das Sentiment seit nunmehr 20 Wochen.

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    Jeder zweite Befragte sieht den Dax aktuell weiterhin in einem Abwärtsimpuls. Die Gruppe derer, die eine Bodenbildung ausmachen und damit glauben, das Schlimmste sei nun vorüber, ist dagegen weiter gesunken auf 14 Prozent.

    Nicht einmal zwei positive Börsenwochen in Folge haben die Stimmung heben können, weil niemand weiß, wie nachhaltig die Erholung ist. „Hinsichtlich der weiteren Entwicklung am Aktienmarkt sind Anleger neutral gestimmt. Man könnte auch sagen, sie haben keine Meinung“, sagt Heibel.

    So verharrt die Zukunftserwartung bei einem Wert von null. Nur jeder fünfte Befragte erwartet, dass sich der Dax in drei Monaten in einem Aufwärtsimpuls befindet. Dagegen glauben vier von zehn Befragten, dass der Index in drei Monaten noch immer fällt oder gerade erst seine tiefsten Kurse erreicht.

    Immerhin ist die extreme Verunsicherung aus der Vorwoche etwas zurückgegangen, von 5,8 auf 4,5. Fast jeder zweite Befragte hatte den Verlauf der vergangenen Woche so oder so ähnlich erwartet.

    Allerdings bleibt das Kaufinteresse mit einem Wert von 1,6 gering und liegt weiterhin im neutralen Bereich. An Wendepunkten der Kurshistorie lag es bei fünf und höher. Aktuell will aber nur knapp jeder vierte Befragte in den nächsten beiden Wochen kaufen.

    Für Verunsicherung sorgen gleich mehrere Faktoren: In der vergangenen Woche haben in den USA die wichtigsten Indizes Dow Jones und S&P 500 weiter nachgegeben. Der Dow Jones legte damit die achte Verlustwoche in Serie hin – zuletzt gab es das vor 99 Jahren. Für den S&P war es die siebte Verlustwoche hintereinander – das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nur drei weitere Male.

    Hintergrund für die Verluste sind die zunehmenden Zweifel daran, dass es der US-Notenbank Fed gelingt, die Inflation von derzeit mehr als acht Prozent in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent zu senken, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. Denn höhere Zinsen verteuern die Investitionen und verkleinern den Investitionsspielraum von Staaten und Unternehmen.

    In den USA macht sich daher Ohnmacht breit, beobachtet Heibel: „Inflationsbekämpfung, ohne eine Rezession zu riskieren, ist nicht mehr möglich.“

    Diese Sorgen haben an den Märkten aktuell den Ukrainekrieg als wichtigstes Thema abgelöst. Gleichwohl bleibt der Konflikt weiter präsent und hält die Nervosität an den Märkten hoch. Hinzu kommen die Unsicherheit um die strikte Null-Covid-Politik in China und die offene Frage, wie sich die dortigen Lockdowns auf die Weltwirtschaft auswirken.

    All diese Unsicherheitsfaktoren finden Ausdruck in einer Liste an Superlativen, die Heibel aufstellt:

    • Die längste Phase mit negativer Stimmung beim Dax-Sentiment seit Beginn der Umfrage im Jahr 2014.
    • In den USA ist die Zahl der optimistischen Privatanleger (Bullen) so niedrig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Nur jeder vierte Anleger ist optimistisch, dafür jeder zweite pessimistisch.
    • Die US-Fondsanleger haben sich nahezu komplett vom Markt zurückgezogen. Ihre Investitionsquote ist auf 19,5 Prozent gefallen. Seit der großen Finanzkrise 2007 bis 2009 war der Wert nur im Coronacrash 2020, der Euro-Krise 2015 und der Griechenlandkrise 2011 unter 20 Prozent.
    • Die Investitionsquote der internationalen Fondsanleger ist so niedrig wie seit dem Coronacrash nicht mehr, zeigte zuletzt die Umfrage der Bank of America.
    • Am Anleihemarkt ist die Investitionsbereitschaft quasi gar nicht mehr vorhanden, wie eine erweiterte Umfrage von AnimusX zeigt. „Die Ergebnisse befinden sich aktuell außerhalb des Anzeigespektrums, das die vergangenen 15 Jahre ausgereicht hatte“, erklärt Heibel.

    Für Anleger sollte die Entwicklung aber kein Grund sein, sich komplett vom Markt zurückzuziehen, sagt Heibel. „Wer jetzt verkauft, der wird es spätestens in zwei Jahren bereuen.“

    Er empfiehlt, Positionen zu halten oder moderat nachzukaufen, um durch die fallenden Kurse die durchschnittlichen Einstiegsniveaus zu senken: „Sollte die Welt nicht untergehen, wie es in den vergangenen vielen Tausend Jahren immer wieder der Fall war, dann möchte ich nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden.“

    Grafik

    Sollte sich dagegen die geopolitische Lage verschlimmern und sich etwa der Konflikt des Westens mit Russland ausweiten, gebe es wahrscheinlich ohnehin dringendere Probleme als die eigene Anlagestrategie, sagt Heibel: „Da interessiert es mich dann wenig, ob ich mit einer zu zurückhaltenden Investitionsstrategie falsch gelegen haben sollte.“

    Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment mit mehr als 6500 Teilnehmern stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anlegerinnen und Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anlegerinnen und Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

    Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren, und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.

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