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23.06.2022

04:00

Technologieaktien

Die Star-Investoren sind entzaubert – woran sich Tech-Fondsmanager jetzt orientieren

Von: Ingo Narat

PremiumDie offensiven Strategien von Cathie Wood, Jan Beckers oder Frank Thelen führten zu hohen Verlusten. Experten setzen jetzt auf robuste Firmen mit guten Gewinnen.

Alle drei Tech-Investoren müssen Verluste hinnehmen. (Credit: dpa, Patrick Dessbrosses, Reuters)

Die Investoren

Alle drei Tech-Investoren müssen Verluste hinnehmen. (Credit: dpa, Patrick Dessbrosses, Reuters)

Frankfurt Der bekannte Fondsmanager Jens Ehrhardt hat sein Urteil gefällt: Für ihn ist Cathie Wood nur noch „eine ehemalige Starinvestorin“. Die populäre US-Expertin hatte viele Milliarden Dollar für ihren „ARK Innovation ETF“ eingesammelt, in riskante Tech-Aktien wie Zoom oder Tesla gesteckt – und lange enorme Gewinne erzielt. Doch seit seinem Höchststand im vergangenen Jahr verlor der Fonds weit mehr als die Hälfte an Wert. Momentan steckt das meiste Geld in Coinbase, Roku, Teladoc – und in den beiden genannten Firmen.

Nicht nur Wood, die ihre Strategie auch in Europa unter dem Namen „Nikko AM ARK Disruptive Innovation Fund“ anbietet, hat Verluste hinnehmen müssen. Auch andere sehr offensiv investierende Tech-Produkte und ihre Anhänger sind betroffen. Aus der deutschen Perspektive sind das Strategen wie Jan Beckers und Frank Thelen, die selbst aus der Tech-Szene kommen.

Gerade ihre aggressiven Ansätze leiden unter der Zinswende, die dem jahrelangen Boom der Tech-Titel ein jähes Ende setzte. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist Thelen mit seinem rund 70 Millionen Euro kleinen Fonds „10XDNA Disruptive Technologies“ 38 Prozent unter Wasser, Beckers mit seinem noch 340 Millionen Euro großen „BIT Global Internet Leaders 30 R“ sogar 43 Prozent.

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    Typische Indizes für Wachstumstitel und darauf basierende Indexfonds kommen besser weg. Im bisherigen Jahresverlauf fielen etwa Produkte auf den MSCI World Information Technology oder die US-Messlatte Nasdaq 100 um rund 18 Prozent. Der Grund für die höheren Abschläge bei den Produkten der erwähnten Investoren sind die riskanteren Positionen in den Fonds.

    Weil die Kursgewinne auf den erwarteten künftigen Gewinnen beruhten, sind diese mit höheren Marktzinsen nach der Zinswende der Notenbanken in der Gegenwart weniger wert. Je weiter entfernt in der Zukunft und je höher die dann erwarteten Gewinne sind, umso stärker sind die oft teuer bewerteten Aktien unter Druck gekommen.

    Cathie Wood beschwert sich bei der Notenbank

    Vergangenen Sonntag beschwerte sich Wood per Tweet bei der US-Notenbank, dass diese die Inflation überschätze, während die Wirtschaft schon in die Rezession geschlittert sei. Gerade ihr Fonds mit vielen Hoffnungswerten ist extrem von der aggressiven Zinswende der Währungshüter belastet.

    Nach den enormen Verlusten stellt sich die Frage: Ist jetzt ein guter Zeitpunkt für einen billigeren Nachkauf bei den offensiven Fonds? Die Tech-Protagonisten sehen das durch die Bank so. Ganz anders Ali Masarwah, Fondsexperte bei der Onlineplattform envestor.de. „Alle drei sind kein Kauf, man sieht an den Verlusten, wer bisher ohne Badehose schwimmen war“, sagt er.

    Beim Discount-Argument des preiswerteren Einstiegs winkt er ab: „Nicht alles, was gefallen ist, wird allein schon dadurch attraktiv.“ Wood, Beckers und Thelen seien oft in die kleinen Unternehmen investiert, die Cash verbrennen würden.

    Grafik

    Abschreiben will Masarwah das Tech-Thema aber nicht – im Gegenteil. Durch die Zinswende habe sich das Umfeld zwar verändert. „Doch Technologie wird weiter gebraucht, der Digitalisierungstrend bleibt“, sagt er. Dem Experten ist die richtige Firmenauswahl wichtig: „Die Unternehmen in der Internetblase um die Jahrtausendwende waren oft Luftnummern, aber heute sind Konzerne wie Amazon und Meta wahre Cash-Maschinen.“

    Daraus leitet der Fachmann auch seine Empfehlungen ab. „Billiger nachkaufen kann man die großen Tech-Konzerne, die Gewinner des allgemeinen Trends sind“, sagt er. Masarwah rät dafür zu aktiv betreuten Fonds, die breit investiert seien. Indexfonds auf Messlatten wie Nasdaq 100 oder den MSCI World Information Technology seien teilweise viel enger zugeschnitten. Vor allem die MSCI-Messlatte mit allein 38 Prozent Anteil von Apple und Microsoft sei „unglaublich konzentriert“.

    Jan Beckers und Frank Thelen sehen Chancen

    Die deutschen Protagonisten offensiver Tech-Investments sehen ihr Anlagemodell in keiner Weise gefährdet. „Die Risiken mit Blick auf Zinsen und Geopolitik wurden neu bewertet“, kommentiert Jan Beckers den Kursverfall. Er sagt aber auch: „Die Nasdaq-Gewinne seit 2017 sind verloren gegangen, jede dritte Aktie an dieser Börse hat über 80 Prozent verloren – das ist eine klare Übertreibung nach unten.“

    Er ist sich sicher: „So günstig wie momentan wird man in den nächsten Jahren keine Tech-Aktien mehr kaufen können.“ Aus dem eigenen auf 30 Aktien konzentrierten Fonds hätten Anleger praktisch kein Geld abgezogen. Der 39-Jährige legt nach: „Privat hab ich mit meinem Geld nachgekauft.“ Nach den Verlusten lockt er mit seinem Renditeversprechen: 15 Prozent jährlicher Ertrag mit dem Fonds.

    Der Unternehmer Jan Beckers hat auch privat Tech-Aktien nachgekauft. Steffen Roth / Agency Focus

    Jan Beckers

    Der Unternehmer Jan Beckers hat auch privat Tech-Aktien nachgekauft.

    Konkret kaufte Beckers nach eigenen Angaben vor kurzer Zeit wieder Amazon. Aufgestockt habe er die Anteile am Cybersecurity-Spezialisten Palo Alto Networks sowie an dem Videospielhersteller Sea Limited. Guter Dinge ist er auch für die Silicon Valley Bank, den Online-Sprachlerndienst Duolingo und Opendoor, eine internetbasierte US-Immobilien-Handelsplattform. Gehalten habe er die Position am chinesischen Fintech 360 Digitech.

    Frank Thelen als Gründer der eigenen Risikokapitalgesellschaft Freigeist Capital will sich in seinem Fonds ähnlich wie Beckers auf wenige Aktien ausrichten. „Wir konzentrieren uns auf Wachstumsfirmen, die oft klein sind, das ist nahe am Venture-Capital-Gedanken“, sagt Thelen. Und er gesteht zu: „Die Verluste stressen unsere Anleger, aber es ist auch sehr viel Angst im Markt und viel Irrationalität.“

    Der durchaus umstrittene Investor hat nach eigenen Angaben den Softwarespezialisten Shopify neu im Fonds. Nach der Viertelung des Kurses sei er eingestiegen. Ebenfalls zugegriffen habe er bei Vulcan Energy Resources. Er sei sehr optimistisch für die Gesellschaft, die eine umweltfreundliche Lithium-Gewinnung im Rheinland plane. Die Aktie von Palantir, einer US-Firma zur Analyse großer Datenmengen, habe er trotz der hohen Kursverluste gehalten. Ein kleiner Teil der Fondsgelder stecke weiterhin in den Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum.

    Fidelity ist robust in der Krise

    Besser als Wood, Thelen und Beckers sehen in der Ertragsbilanz einige ganz große Tech-Fonds aus. Auffällig ist der 13 Milliarden Euro schwere „Fidelity Funds – Global Technology Fund“ mit einem Abschlag von moderaten elf Prozent in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. „Wir haben einige der früheren Highflyer nicht gehabt, die dann unter die Räder kamen“, erklärt Manager Hyun Ho von Fidelity International. Sich von reiner Marktstimmung leiten zu lassen könne eben in die Irre führen und den wahren Wert einer Firma verschleiern.

    Der Fondsmanager hält die Preissetzungsmacht der Unternehmen in Inflationszeiten für entscheidend. Und die finde er gerade im Technologiebereich. So profitierten Halbleiterhersteller davon, dass ihre Produkte Kernbestandteile vieler neuer Technologien seien. Im Softwaregeschäft seien die Konditionen der Verträge oft an die Inflationsrate gebunden.

    Zu den ganz großen Angeboten zählt auch der acht Milliarden Euro schwere „Franklin Technology Fund“. Fondsmanager Jonathan Curtis von Franklin Templeton Investments prognostiziert: „Wir sind bei den Tech-Werten nahe am Boden, wenn die Notenbank die Inflation einhegen kann.“ Von der langfristigen Erfolgsstory ist er überzeugt. Curtis greift dabei auch den Rezessionsgedanken von Wood auf: „Dann will man solche Tech-Unternehmen haben, die von starker aufgestauter Nachfrage profitieren und vom langfristigen Wachstum.“

    Das langfristige Wachstum sei von der unumkehrbaren digitalen Transformation getrieben. Stichworte sind für ihn etwa der neue Mobilfunkstandard 5G, Datensicherheit, das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und Quantencomputer. Für den Fonds habe er zuletzt beispielsweise Oracle, Snowflake, Bill.com oder Cloudflare gekauft. Die Aktienkurse dieser Softwarespezialisten hatten sich binnen eines halben Jahres teilweise geviertelt.

    Den Anteilspreisverlust des eigenen Fonds von 30 Prozent in diesem Jahr will Curtis übrigens nicht beschönigen: „Manche meiner Konkurrenten waren da besser.“

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