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Antwort auf Libra

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Laut Weltbank leben 13 Prozent der Chinesen ohne Bankkonto

In einer Rede sprach Mu davon, dass die Digitalwährung auf einem zweigliedrigen System basieren soll. Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance, interpretiert dies so, dass dies heißen würde, „dass die Digitalwährung von der chinesischen Notenbank ausgegeben und garantiert wird. Die Geschäftsbanken und andere Zahlungsdienstleister würden die Guthaben aber im Auftrag der Notenbank verwalten.“ Mu begründet das unter anderem damit, dass die Zentralbank die Verantwortung für die Ausgabe nicht allein übernehmen will. China sei ein großes Land mit einer komplexen Wirtschaft und einer großen Bevölkerung. Eine Währung unter solchen Bedingungen auszugeben sei ein „komplexes Projekt“, so Mu.

Was die technologische Basis für die Digitalwährung sein wird, lässt die Zentralbank offen. Sicher ist nur, dass sie nicht allein auf Blockchain basieren soll. Der Grund: Blockchain würde die enorme Anzahl an Transaktionen schlicht nicht bewältigen könnten. Um in China auch nur im Privatkundenbereich zu funktionieren, müsste das System laut Mu 300.000 Transaktionen pro Sekunde bewältigen können.

China baue massiv auf neue Technologien, so Demary. Eine staatliche Digitalwährung passe gut in die Digitalisierungsstrategie der Volksrepublik. So könne China, wenn es den Wettlauf mit den Amerikanern und Europäern gewinne, schnell zum Technologieführer im Zahlungsbereich aufsteigen. „Ein digitaler Yuan hätte für die Regierung eine Reihe an Vorteilen“, so Demary „Er könnte die ländliche Entwicklung beschleunigen, die Bürger transparenter machen und die Stabilität des Bankensystems erhöhen.“

Laut Zahlen der Weltbank leben 13 Prozent aller Menschen ohne Bankkonto in China. Vor allem in ländlichen Provinzen nutzen sie aktuell Bargeld und Smartphone-Dienste für Transaktionen, eine staatliche Digitalwährung könnte den Rückstand beenden. Kritiker sehen jedoch auch die Gefahr, dass die Digitalwährung das Zahlungsverhalten jedes Bürgers gläsern machen.

„Theoretisch wäre es [damit] möglich, sämtliche Transaktionen in der Volkswirtschaft in Echtzeit zu beobachten“, sagt Peterson-Experte Chorzempa. Auch Sinolytics-Expertin Meißner blickt kritisch auf die Bestrebungen der chinesischen Zentralbank. „Die Transparenz von Transaktionen ist eines der zentralen Motive hinter Chinas Ambitionen, eine Digitalwährung einzuführen“, sagt die Chinaexpertin. Geldwäsche und Steuerhinterziehung stünden dabei in offiziellen Verlautbarungen an erster Stelle. „Eine solche Währung wird, falls sie sich erfolgreich durchsetzt, die staatliche Kontrolle von Unternehmen und Bürgern erhöhen.“

Bereits heute sammeln allerdings einige wenige Techfirmen wie Tencent (WeChat) oder Alibaba (Alipay) enorme Datenmengen über die chinesischen Bürger. „Man muss das in Relation setzen“, sagt Deutsche-Bank-Chefanalyst Chan. Geschäftsbanken werden in dem Umfang Zugriff auf Daten zum Verbraucherverhalten haben, wie sie ihn auch heute schon haben – und über die auch WeChat und Alipay bereits verfügen. Und die chinesische Zentralbank, so Chan, wäre wahrscheinlich mehr an makroökonomischen Aspekten interessiert als an den Ausgaben des Einzelnen.

Tatsächlich bietet ein digitaler Yuan ganz neue Möglichkeiten zur Feinsteuerung der Wirtschaft. Sollte sich die Digitalwährung durchsetzen, könnte die Notenbank zum Beispiel Kapitalflüsse zwischen Banken und Schattenbanken erfassen, was heute, wenn überhaupt, mit großer zeitlicher Verzögerung möglich ist. Außerdem ließen sich bestimmte Transaktionen einschränken oder ihre Kosten variieren, zum Beispiel im Immobiliensektor, wenn befürchtet wird, dass sich dort eine Blase aufbaut.

Auch die chinesischen Beschränkungen von Devisentransfers ins Ausland ließen sich leichter umsetzen. Zudem könnte die Notenbank bei Bedarf leichter die Zinsen in den negativen Bereich senken. Bislang ist ihr Spielraum dafür eingeschränkt, da es sich irgendwann lohnt, Bargeld zu horten.

„Wir dürfen das Thema nicht verschlafen“

In Deutschland wächst vor diesem Hintergrund die Sorge, dass Europa langfristig abgehängt werden könnte. Heimische Beobachter fürchten, dass Europa gleich doppelt ins Hintertreffen gerät. Da sich dezentral geschaffene Kryptowährungen wie Bitcoin nicht in der Breite durchgesetzt haben, gehe es nun um die Frage, ob Währungen wie „Libra“, die unter der Kontrolle einzelner Konzerne stehen, das Rennen machten oder doch digital aufgewertete nationale Währungen wie zum Beispiel ein „E-Yuan“.

„Wir sind in einem knallharten geostrategischen Wettbewerb“, sagt Thomas Heilmann, Digitalexperte der CDU-Bundestagsfraktion. „Die Ausgabe einer staatlich kontrollierten Digitalwährung bringt viele Vorteile. So kann die Dominanz einer nationalen Währung ins digitale Zeitalter verlängert werden.“ Seine Befürchtung: „Europa könnte schnell ins Hintertreffen geraten, wenn wir das Thema den Chinesen und US-Amerikanern überlassen.“

Hoffnung setzt der Parlamentarier auf die EU. „Die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank sind bereits in Gesprächen. Ich denke, man ist sich einig, dass wir das Thema nicht verschlafen dürfen.“ Heilmann gilt als Vertrauter der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die in ihrer Antrittsrede in Brüssel überraschenderweise die Blockchain als Zukunftstechnik herausstellte. Auch mit mehreren Bundesbank-Vorständen ist der Parlamentarier im Gespräch.

Zentralbanker hatten lange Einwände gegen eine staatliche Digitalwährung geäußert. „Die Einführung digitalen Zentralbankgeldes sollte auf jeden Fall wohlüberlegt sein“, erklärte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann noch Ende Mai. Digitales Zentralbankgeld für jedermann könne die Geschäftsmodelle von Banken und die Finanzstabilität gefährden. Mit ihm gäbe es eine zusätzliche, sehr liquide und sichere Anlagealternative. Ein „Bankrun“, also ein massenhafter Umtausch von Bankguthaben in Zentralbankgeld, werde damit denkbarer.

Der Hintergrund: Während Bankguthaben im Fall einer Bankpleite in Deutschland grundsätzlich nur bis 100.000 Euro je Kunde gesetzlich garantiert sind, ist das von der EZB ausgegebene Bargeld, also Euro-Scheine und -Münzen, pleitesicher. Würde Letzteres digitalisiert, könnten Bankkunden versucht sein, ihr komplettes Vermögen in die staatliche Digitalwährung umzuschichten – den Banken würden damit die Einlagen wegbrechen.

Also besser doch keine eigene europäische Digitalwährung ausrollen? Es gibt Kritiker, die tatsächlich gar nichts von derlei Gedankenspielen halten. „Bargeld ist ein Stück Freiheit, das uns vor der nächsten Stufe der finanziellen Repression schützt“, warnt Frank Schäffler. Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Kryptoexperte befürchtet, dass die Einführung einer staatlichen Digitalwährung – im Unterschied zum dezentralen Bitcoin und zu unternehmenseigenen Währungen – nur eine Vorstufe zu einer totalen Bargeldabschaffung sein könnte. „Digitales Zentralbankgeld wäre der Weg in die finanzielle Knechtschaft und die Unmündigkeit“, so seine drastische Prognose. 

Der Wettlauf um das digitale Bezahlen der Zukunft ist indes längst eröffnet.

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