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21.05.2019

09:15

Ausblick

Börsen unter Druck: Wie sich die Europawahl auf die Finanzmärkte auswirken könnte

Von: Andrea Cünnen

Der Aufstieg der Populisten bei den EU-Parlamentswahlen dürfte die Börsen weiter belasten. Einen massiven Einbruch erwarten Experten allerdings nicht.

Die hohe Staatsverschuldung Italiens beunruhigt die Anleger. Bloomberg

Börse Mailand

Die hohe Staatsverschuldung Italiens beunruhigt die Anleger.

Frankfurt „Schicksalswahl“. „Politisches Erdbeben“. „Gefahr für Europa“. Die Wahlen zum Europaparlament in dieser Woche bestimmen die politischen Schlagzeilen. Der voraussichtliche Aufstieg der populistischen Parteien schürt Ängste mit Blick auf den Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union.

Das beschäftigt auch Investoren an den Finanzmärkten. „Der Aufstieg der Europaskeptiker ist ein Risiko für die Märkte“, betont Philippe Ferreira, Stratege bei Lyxor Asset Management. Auch Frank Engels, Fondschef bei Union Investment, erwartet rund um die Wahlen steigende Unsicherheit und weiteren Druck auf die Börsen.

Rechts- und Linkspopulisten werden Umfragen zufolge etwa 30 Prozent der Abgeordneten im neuen Europaparlament stellen, wobei das Gros davon auf das extrem rechte Lager entfallen wird. „Der von den Rechtspopulisten geforderte Rückzug ins Nationale, die Abschottung und die Fragmentierung stellen wichtige Grundpfeiler der EU infrage“, sagt dazu Engels.

Was heißt das für Anleger? Bedeutet dies, dass Europas Aktienmärkte nach den Wahlen abrupt einbrechen werden? Experten meinen: nein. „Ängste vor einer Übernahme des EU-Parlaments durch die Populisten sind übertrieben“, ist Engels überzeugt. Eine „krisenhafte Zuspitzung“ sei nach der Wahl nicht zu erwarten, auch nicht an den Kapitalmärkten.

Das sieht auch Ferreira so: „Solange die euroskeptischen Parteien nicht in der Lage sind, eine Mehrheit zu bilden, dürften die direkten Auswirkungen der Wahlen an den Märkten zunächst nur von kurzer Dauer sein.“ Gründe dafür gibt es mehrere. Zum einen sind die populistischen Parteien – auch die Rechtsaußen – in vielen Fragen uneins: „Bei Themen wie Staatsschulden, EU-Solidarität oder Geldpolitik gibt es wohl nirgends eine Chance auf Konsens“, betont Professor Friedrich Heinemann, Ökonom am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

Hinzu kommt, dass die Macht des Europäischen Parlaments begrenzt ist. Die Parlamentarier können zum Beispiel keine Gesetzesvorschläge machen, dieses sogenannte Initiativrecht hat nur die EU-Kommission. „Von daher dürften die Populisten kaum die Richtung der europäischen Politik ändern können“, erklärt David Mackie, europäischer Chefvolkswirt bei der US-Großbank JP Morgan.

Allerdings wird es im Europaparlament voraussichtlich künftig schwerer, eine Mehrheit zu finden. Die bisher dominierenden großen Parteienzusammenschlüsse der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) und der sozialdemokratischen SPE werden laut den Prognosen zusammen nur 42 Prozent der Abgeordneten und damit nicht mehr die Mehrheit stellen.

Dies wäre das erste Mal so, seit das Parlament 1979 von den Bürgern direkt gewählt wird. Aus Deutschland gehören CDU/CSU zur EVP und die SPD zur SPE. Zusammen mit der Allianz der Liberalen und Demokraten und der französischen En Marche von Frankreichs Regierungschef Emmanuel Macron sowie den Grünen hätten indes die proeuropäischen Kräfte noch die klare Mehrheit. Die antieuropäischen Kräfte könnten von daher stets überstimmt werden, beruhigt Mackie.

Sorge um Italien

Angespannter ist die Lage in einzelnen Nationalstaaten. „In Mitgliedsländern wird oft die Verantwortung für heimische Versäumnisse auf Brüssel geschoben, und EU-Initiativen werden blockiert“, sagt Engels von Union Investment. Bei Wahlsiegen der Populisten dürfte dieses Muster zunehmen. Besonders gefährdet in dieser Hinsicht ist Italien.

Wenn die rechte Lega bei den Wahlen gestärkt wird, könnte Lega-Chef Matteo Salvini versuchen, sich seines ungeliebten linkspopulistischen Koalitionspartners Fünf Sterne zu entledigen und Neuwahlen anzustreben. Zuletzt verunsicherte Salvini Investoren mit der Aussage, dass Italien seine Staatsverschuldung auf 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochtreiben könne.

An den Anleihemärkten zeigt sich die Nervosität der Investoren mit Blick auf Italien bereits deutlich. Die Risikoaufschläge für zehnjährige italienische Staatsanleihen sind auf 2,8 Prozentpunkte gegenüber Bundesanleihen gestiegen. Bevor Lega und Fünf Sterne im April 2018 in Rom an die Macht kamen, lag der Risikoaufschlag mit 1,3 Prozentpunkten deutlich niedriger.

Und das ist es nicht allein. „In Frankreich zum Beispiel würde es für Macron schwierig, das Budgetdefizit zu verringern, wenn die Gelbwesten gestärkt aus den Wahlen hervorgehen“, warnt Jean-Marie Mercadal, Chefanlagestratege beim französischen Asset-Manager OFI. Dies könnte laut Mercadal auch Frankreich zumindest kurzfristig an den Märkten unter Druck bringen.

Grafik

Schon zuletzt musste Macron den Protesten der Gelbwesten nachgeben. „Die Erhöhung der Treibstoffsteuer blieb aus, und staatliche Mittel sollen zur Erhöhung des Mindestlohns aufgewendet werden“, zählt Hetal Mehta, Europaökonomin bei Legal & General Investment Management, auf. Selbst das „sonst so umsichtige Deutschland will die Steuern senken und die Ausgaben erhöhen“, meint Mehta.

Auch Engels von Union Investment blickt nach Deutschland: „Der Wahlausgang könne dafür sorgen, dass die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD zerbricht. Ein solches Szenario würde deutsche Aktien wohl belasten.“ Dies alles zeigt: Nach den Wahlen zum Europaparlament geht der politische Stress für die Börsen in Europa weiter.

Das liegt auch daran, dass nach den Wahlen ein neuer EU-Kommissionspräsident und ein neuer EU-Ratspräsident gefunden werden muss, ebenso wie bis spätestens November ein neuer Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) als Nachfolger für Mario Draghi.

Dazu kommen andere politische Themen wie der immer noch nicht geklärte Brexit und die Verhandlungen im Zollstreit zwischen den USA und Europa. Bei allen Handelsfragen muss das Europäische Parlament zustimmen. Eine schwierigere Mehrheitsbildung bei einem Aufstieg der populistischen Parteien würde von daher die Verhandlungsposition Europas schwächen, warnt Andrea Iannelli, einer der Anleihestrategen beim Asset-Manager Fidelity International. Die Vollendung von Bankenunion und Finanzmarktintegration könnte sogar vollends infrage gestellt werden, fürchtet Iannelli.

Anhaltende Unsicherheit

Die Unsicherheit rund um die Entwicklungen in Europa wird damit auch nach den Wahlen zum Europarlament noch anhalten. Das schreckt gerade internationale Investoren ab, für die die Lage in Europa ohnehin undurchsichtig ist. OFI-Chefanlagestratege Mercadal hat das schon oft erfahren: „Ich treffe viele Investoren in Asien und den USA, und die verstehen häufig nicht einmal, warum es den Euro noch gibt, obwohl so viele Staaten gegen die in den Verträgen von Maastricht festgelegten Schuldenkriterien verstoßen“, sagt er. Wie das europäische Parlament und die europäische Politik funktionieren, sei daher erst recht für viele internationale Investoren ein Rätsel.

Die Folge: Internationale Investoren ziehen viel Geld ab, vor allem aus europäischen Aktienfonds. Seit mehr als zehn Jahren hinken europäische Aktien den amerikanischen Märkten hinterher (siehe Grafik). Engels wagt eine Prognose: Ausländische Investoren könnten jetzt noch stärker das Interesse an Europa verlieren. Und das bedeutet für den Fondschef von Union Investment vor allem eins: „Die chronische Underperformance europäischer Aktien dürfte sich im Vergleich zu amerikanischen Aktien fortsetzen.“

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