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14.10.2021

22:00

Auskunftei

Finanzinvestor EQT steigt bei der Schufa ein

Von: Martin Murphy, Arno Schütze, Michael Verfürden

Der Finanzinvestor EQT kauft sich in den Aktionärskreis der Schufa ein. Die Schweden wagen sich damit in ein heikles Feld vor – und wollen die Auskunftei gründlich umbauen.

Der Finanzinvestors EQT steigt bei der Wirtschaftsauskunftei ein. dpa

Schufa in Berlin

Der Finanzinvestors EQT steigt bei der Wirtschaftsauskunftei ein.

Berlin, Düsseldorf Der schwedische Finanzinvestor EQT steht vor dem Einstieg bei Deutschlands größter Wirtschaftsauskunftei, der Schufa. Der Investor erwirbt von der französischen Großbank Société Générale einen Anteil von knapp zehn Prozent zu einer Bewertung von mehr als zwei Milliarden Euro, wie das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfuhr. Dazu sei eine exklusive Vereinbarung getroffen worden.

In einem weiteren Schritt will EQT Anteile von anderen Schufa-Gesellschaftern kaufen und im besten Fall auf eine Mehrheit an der Gesellschaft aufstocken. Dazu führen die Schweden bereits Gespräche mit Vertretern der Deutschen Bank, der Commerzbank und weiterer Firmen aus dem Eigentümerkreis, die sich ebenfalls von ihren Anteilen trennen wollen.

Die Aktien der Wiesbadener Auskunftei sind breit gestreut. Zu den Eignern gehören laut ihrer Website neben Kreditbanken auch Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Einzelhandelsunternehmen. Die Kreditbanken halten mit rund 35 Prozent aber den größten Anteil. Darauf folgen die Sparkassen mit etwa 26 Prozent und die Privatbanken mit knapp 18 Prozent. Genauere Angaben macht die Schufa nicht. Auch wie sie Kredit- und Privatbanken unterscheidet, sagt die Auskunftei nicht.

Die Schufa ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 200 Millionen Euro und einer operativen Marge von knapp einem Drittel zwar hochrentabel. Allerdings zählt die Firma bei den meisten Aktionären nicht zum Kerngeschäft, weswegen sie ihre Beteiligung zum Verkauf gestellt haben.

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    EQT und die Schufa äußerten sich auf Handelsblatt-Anfrage nicht zu dem Deal. Der Vorstand der Auskunftei wurde über die Veränderung im Aktionärskreis am Donnerstag informiert.

    Das Angebot an die Aktionäre ist attraktiv: Die Bewertung für die Schufa liegt bei der EQT-Transaktion bei mindestens zwei Milliarden Euro, wie es in Finanzkreisen hieß. Das ist mehr als das Dreißigfache des operativen Gewinns. Die Beteiligten begründen die Bewertung mit dem Potenzial der Gesellschaft.

    Wie EQT die Schufa umbauen will

    Auch andere Finanzinvestoren hatten Interesse an einer Schufa-Beteiligung. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete im März, dass unter anderem der US-Investor Hellman & Friedman Gespräche führe. Auch ein Komplettverkauf stand demnach zur Debatte. Mit dem Erwerb der Aktien von Société Générale hat EQT nun den ersten Schritt gemacht.

    Das Kerngeschäft von Auskunfteien wie der Schufa ist es, die Bonität von Menschen zu bewerten. Ihre Informationen verkaufen sie an Unternehmen und Privatpersonen – etwa an Banken, Vermieter oder Mobilfunk-Anbieter.

    Will ein Verbraucher einen Kredit abschließen, eine Wohnung mieten oder ein Smartphone mit Vertrag kaufen, stellen die Auskunfteien ihren Kunden innerhalb weniger Sekunden einen sogenannten Score-Wert zur Verfügung. Bei der Schufa liegt er zwischen null und 100. Je niedriger der Wert, desto schlechter schätzt sie die Kreditwürdigkeit des Verbrauchers ein.

    Pro Tag erteile die Schufa im Schnitt 490.000 Auskünfte an andere Unternehmen, heißt es auf der Website der Auskunftei. Ihr Datenbestand zähle inzwischen mehr als eine Milliarde Informationen über 68 Millionen Personen und sechs Millionen Unternehmen.

    Damit ist die Schufa, die 900 Mitarbeiter an sechs Standorten beschäftigt, die größte deutsche Auskunftei. Zu den bekannten Konkurrenten gehören Crif Bürgel, Creditreform Boniversum und Infoscore Consumer Data. Auch Fintechs wie Bonify mischen im Markt mit.

    Aus Sicht des Finanzinvestors EQT lässt sich das Geschäft der Schufa deutlich ausweiten. Die Schweden planen, das Unternehmen durch Akquisitionen in Europa breiter aufzustellen und so zu stärken. Auch könnte das Geschäft mit der Kreditwürdigkeit von Firmen selbst ausgeweitet werden.

    Dafür müsste die Schufa allerdings investieren. Die Alteigentümer dürften daran wenig Interesse haben, da sie lediglich die Dividende aus dem Gewinn der Gesellschaft einstreichen wollten. Deshalb habe EQT sich bereit erklärt, das Geschäft mit eigenem Geld zu erweitern, sagte eine mit dem Deal vertraute Person dem Handelsblatt.

    Wird die Schufa transparenter?

    Der Finanzinvestor wagt sich damit in ein heikles Feld. Die Schufa gilt unter Verbraucherschützern als sammelwütige Datenkrake. Um den Score-Wert eines Kunden zu ermitteln, kombiniert sie Namen, Geburtsdatum und Anschrift mit Informationen zu Bankkonten, Kreditkarten und Ratenkrediten. Außerdem erfasst sie Daten von Mobilfunk- und Versandhandelskonten.

    Für Kritik sorgte zuletzt ein Pilotprojekt mit dem Mobilfunkanbieter Telefónica/O2. Die Idee: Zunächst abgelehnten Kunden einen Vertrag ermöglichen – vorausgesetzt, sie gewähren der Schufa einen detaillierten Blick auf ihr Konto, um eine möglicherweise bessere Bewertung ableiten zu können. Datenschützer liefen Sturm, die Schufa will das Projekt überarbeiten.

    Wie sie aus ihrem bisherigen Datenbestand Score-Werte bildet, verrät die Auskunftei nicht. Auch dafür steht sie schon lange in der Kritik. Der Bundesgerichtshof hat 2014 jedoch bestätigt, dass die Auskunftei ihre Methoden nicht offenlegen muss – obwohl Verbraucher sich immer wieder wundern, wie ihre Bewertung zustande gekommen ist.

    EQT wolle diesen Makel bereinigen, wie eine mit der Transaktion vertraute Person sagte. Vertreter des Finanzinvestors hätten schon im Vorfeld der Beteiligung mit Politikern und Verbraucherschützern über deren Bedenken gesprochen.

    Die Schweden hätten auf dieser Basis Vorschläge erarbeitet, was künftig besser laufen soll. So will EQT eine besser Übersicht geben, welche Daten die Schufa speichert und wie sie zur Bewertung der Kreditwürdigkeit beitragen. „Volle Transparenz“ sei dafür nötig, hieß es. Auch eine engere Einbindung von Verbraucherschützern sei geplant.

    EQT wolle so Bedenken entgegentreten, die mit der Verkündung der Beteiligung auftauchen können, sagte eine mit der Transaktion vertraute Person. Denn wenn eine Auskunftei, die schon eine Milliarde intime Daten der Deutschen verwaltet, unter der Eigentümerschaft eines Finanzinvestors ihr Geschäft ausweitet, könnte das Sorgen um den Datenschutz befeuern.

    EQT-Vertreter beteuerten daher prophylaktisch, dass die Daten sicher blieben. Eine Speicherung von Datensätzen außerhalb von Europa werde es nicht geben, hieß es aus den Reihen des Investors. EQT sehe sich als schwedisches Unternehmen Werten wie Transparenz verpflichtet.

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