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09.06.2022

16:55

Banken

Fast jede Nacht knallt es: Geldautomaten-Sprengungen steuern auf neuen Höchststand zu

Von: Elisabeth Atzler

Betroffen ist vor allem Nordrhein-Westfalen. Banken und Polizei prüfen das Risiko aller Geldautomaten. Die Niederlande zeigen, wie wirksamer Schutz aussieht.

Mehrfach in der Woche fliegt in Nordrhein-Westfalen ein Geldautomat in die Luft. IMAGO/Jochen Tack

Gesprengter Geldautomat in Mühlheim an der Ruhr

Mehrfach in der Woche fliegt in Nordrhein-Westfalen ein Geldautomat in die Luft.

Frankfurt/Düsseldorf Die Druckwelle hinterlässt ein Bild der Verwüstung. Der Geldautomat auf dem Gelände eines Einkaufszentrums in Borken ist völlig zerstört. Augenzeugen beobachten nur noch, wie die Täter nach der Sprengung kurz vor Pfingsten in ein rotes Auto springen und mit hohem Tempo davonfahren. Für die Ermittler werden solche Vorfälle allmählich Routine.

Fast jede Nacht wird irgendwo in Deutschland ein Geldautomat gesprengt oder zumindest angegriffen. Besonders betroffen ist Nordrhein-Westfalen. Bis zum 30. Mai gab es dort bereits allein 91 Angriffe auf Geldautomaten, gezählt werden dabei Sprengungen und Sprengungsversuche. Borken ist in dieser Zahl also noch nicht einmal enthalten.

Auf der Frühjahrs-Innenministerkonferenz kündigte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius vor wenigen Tagen eine Initiative im Kampf gegen die stetig zunehmenden Geldautomaten-Sprengungen an. Die Bundesländer müssten enger zusammenarbeiten, forderte der SPD-Politiker – und die die Geldhäuser mehr tun.

Das scheint auch nötig zu sein. Denn geht es so weiter, drohen im größten und am meisten betroffenen deutschen Bundesland NRW so viele Sprengungen und Sprengversuche wie noch nie. Im Gesamtjahr 2020 registrierte das Landeskriminalamt (LKA) den bisherigen Rekordstand von 176 Taten, 2021 gab es 150 Fälle. Kommt es 2022 weiterhin jeden Monat zu 18 Attacken wie bisher im Schnitt, würden es zum Jahresende nahezu 220 sein.

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    Ähnlich ist die Situation in Pistorius‘ Heimatland Niedersachsen: Bis Anfang Juni gab es dort 33 Angriffe auf Geldautomaten. Im Gesamtjahr 2021, dem bisherigen Höchststand, erfasste das dortige LKA 55. Obendrein stiegen die erbeuteten Summen. Für 2020 bezifferte das Bundeskriminalamt (BKA) den Beuteschaden von gut 400 Attacken auf rund 17 Millionen Euro, 2019 waren es 15 Millionen Euro gewesen.

    Nicht nur die Zahl und das Ausmaß der Attacken wachsen, sie werden auch immer brutaler. Zwar kommen die Täter nicht immer an die Scheine aus den Automaten, doch die Wucht der Sprengungen ist groß. Sie zerstören auch Teile der Gebäude, in denen sich die Filialen von Banken und Sparkassen im Erdgeschoss befinden sowie in den oberen Etagen häufig Wohnungen. Laut LKA NRW sind in manchen Fällen Feuerwehr und Statiker nötig, um zu beurteilen, ob für die betroffenen Gebäude Einsturzgefahr bestehe.

    Der Grund dafür: Die Täter nutzen inzwischen fast immer festen Sprengstoff, im Fachjargon „Explosivstoffe“ oder konkreter „Blitz-Knall-Körper“ genannt. Bis 2018 sprengten sie die Geldautomaten meist mit Hilfe von Gas, was weniger große Schäden anrichtete.

    Brutale Sprengung, rücksichtslose Flucht

    Auch auf der Flucht verhalten sich die Täter, die nach den Angriffen meist mit enormer Geschwindigkeit über die Autobahnen in Richtung Niederlande rasen, zunehmend rücksichtslos. Das verdeutlicht ein aktueller Fall: Nach einer Automatensprengung Ende Mai im westfälischen Ibbenbüren ermittelt die Polizei nun sogar wegen versuchten Mordes.

    Dort sperrte die Polizei nach eigenen Angaben nach einer Sprengattacke eine Autobahnauffahrt zur A30 in Richtung Amsterdam mit Streifenwagen ab. Ein Auto, das sich kurz darauf in hohem Tempo näherte, sei auf einen Grünstreifen ausgeschert und auf einen dort stehenden Polizeibeamten zugefahren. Dieser habe sich nur durch einen Sprung zur Seite retten können.

    Die Grenze zu den Niederlanden ist der Grund dafür, dass es besonders viele Angriffe auf Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gibt. Das LKA NRW geht davon aus, dass der Großteil der Taten von einer mehreren Hundert Mann starken kriminellen Szene aus den Niederlanden verübt wird. Die Täter stammten überwiegend aus marokkanisch-niederländischen kriminellen Gruppen, „die vorwiegend in und um Utrecht, Rotterdam und Amsterdam leben“.

    Gefahrenbewertung für jeden der 11.000 Geldautomaten in NRW

    Die Banken haben längst auf die steigende Zahl der Fälle reagiert: Sie rüsteten ihre Automaten auf, machten sie zum Beispiel mit sogenannten Explosionsmatten resistenter gegenüber Angriffen. Das Problem: Je stärker die Geldhäuser ihre Automaten vor Überfällen schützen, desto gewalttätiger gehen die Täter vor.

    Grafik

    Angesichts des Anstiegs der Zahl und Brutalität der Angriffe nehmen Polizei und Banken einen neuen Anlauf, gegenzusteuern. Die gemeinsame Interessenvertretung der Banken und Sparkassen, die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), teilte auf Anfrage mit: „Derzeit bemühen sich Polizei und Banken sowie Sparkassen vielfach um eine noch einmal vertiefte Risikoanalyse für einzelne Standorte von Geldautomaten.“

    Kreditinstitute und Polizei tauschen sich bereits seit Langem dazu aus, wie man Angriffe auf Geldautomaten vorbeugen kann. Dabei gehe es unter anderem um eine Risikoanalyse, seit gut zwei Jahren wird dafür laut DK ein bundesweit einheitliches Raster genutzt. Um Sprengungen zu verhindern, werden etwa eine Einbruchmeldetechnik, Videoübertragungssysteme, Abriss- und Erschütterungsmelder sowie spezielle Sicherungen von Fenstern und Zugangstüren eingesetzt.

    Zudem ist es möglich, das erbeutete Geld im Fall einer Sprengung unbrauchbar zu machen - zum Beispiel durch das Einfärben oder das Verkleben der Scheine. Allein durch Einfärbesysteme würden sich die Täter aber nicht abhalten lassen, so die DK.

    Um die Sprengungen gezielt zu bekämpfen, hat das NRW-Innenministerium im Mai eine Sonderkommission (Soko) eingesetzt: Ziel der Soko BEGAS (Bekämpfung und Ermittlung von Geldausgabeautomaten-Sprengungen) sei es, die bisherigen Ermittlungs-, Fahndungs- und Präventionsansätze zu analysieren und neue Standards zu setzen, um das Delikt einheitlich und effizient anzugehen. BEGAS ermittele nicht selbst, sondern prüfe, „ob das, was wir machen, gut genug ist, wo wir besser werden können, was wir ändern müssen“, sagte Innenminister Herbert Reul (CDU).

    „Es war bislang pures Glück, dass kein Mensch bei einer Sprengung oder bei einer Verfolgungsfahrt gestorben ist“, sagte Reul. „Ich will handeln, bevor es Tote gibt – auch deshalb setzen wir jetzt die Sonderkommission ein.“

    Im Februar hatten Polizei sowie Banken und Sparkassen bereits beschlossen, für jeden der 11.000 Geldautomaten in NRW eine „Gefahrenbewertung“ zu erstellen. Eine signifikante Anzahl von Kreditinstituten habe die umfangreichen Informationen bereitgestellt. „Die übrigen Institute erheben die Daten derzeit noch und werden in Kürze anliefern“, hieß es seitens des Innenministeriums. Auch Hessen will die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Sicherheitsexperten der Geldhäuser verstärken und hat im Mai eine entsprechende Initiative gestartet.

    Aus der Bewertung in NRW könnte zum Beispiel folgen, dass die Zufahrt zu den Automaten stärker geschützt und die Innenräume besser überwacht werden. Ebenso ist der Abbau von Geldautomaten an „Risikostandorten“ laut Innenministerium denkbar.

    Niederlande als Vorbild im Kampf gegen Sprengungen

    Ein Blick in die Niederlande zeigt, dass die Banken den Angriffen etwas entgegensetzen können. Als wesentlicher Schritt gilt das nächtliche Abschalten der Geldautomaten. So sind die meisten Geldautomaten seit Ende 2019 zwischen 23 Uhr abends und 7 Uhr morgens geschlossen. Einige viel frequentierte Geräte sind ab zwei Uhr nachts außer Betrieb. Diese Art des technischen Abschaltens sorgt offenbar auch dafür, dass Sprengungen kaum mehr erfolgreich sind.

    Auch die niederländischen Banken setzen darauf, das Geld nach einer Sprengung unbrauchbar zu machen. Das alles kostet Geld. Laut dem heimischen Bankverband Nederlandse Vereniging van Banken haben die Geldhäuser Millionen Euro investiert, damit Sprengungen scheitern, Geld unbrauchbar wird und um die Chancen, dass die Täter gefasst werden, zu erhöhen.

    Die Attacken jedenfalls sind in den Niederlanden drastisch zurückgegangen. Während es der Bankenvereinigung zufolge 2019 noch 71 Fälle von „Plofkraken“ gab, waren es 2020 noch 28 und 2021 sogar nur drei.

    Auch die Zahl der Geldautomaten ist angesichts der geringen Bargeldnutzung in den Niederlanden deutlich gesunken. Ende 2021 zählte die niederländische Notenbank gut 4900 Geräte - also deutlich weniger als in NRW, wo ähnlich viele Menschen leben. Häufig sind Geldautomaten in den Niederlanden obendrein in direkt in Hauswände eingelassen.

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