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14.07.2022

17:14

Berichtsaison

Die neue Ära an der Wall Street beginnt – Großbanken melden deutliche Gewinneinbrüche

Von: Astrid Dörner

JP Morgan und Morgan Stanley haben im zweiten Quartal deutlich weniger verdient. Eine Vielzahl von Faktoren trübt die Stimmung – doch es gibt einen Lichtblick.

Enttäuschender Start in die Berichtssaison. AP

Blick auf New York

Enttäuschender Start in die Berichtssaison.

Denver Im Juni hatte Jamie Dimon mit einer düsteren Prognose für Schlagzeilen gesorgt. Er sehe einen „Hurrikan“ auf die Wirtschaft zusteuern, es sei nur noch nicht klar, ob es ein Supersturm oder nur ein kleineres Unwetter werde, so der JP-Morgan-Chef. Die Ausläufer des Sturms sind nun an der Wall Street angekommen.

JP Morgan, Amerikas größte Bank, meldete am Donnerstag einen Gewinneinbruch von 28 Prozent auf 8,6 Milliarden Dollar im zweiten Quartal. Das Institut setzte auch das 30 Milliarden Dollar schwere Programm für Aktienrückkäufe vorübergehend aus. Bei Morgan Stanley, die ebenfalls Zahlen vorlegte, sank der Nettogewinn im Quartal um 30 Prozent auf 2,4 Milliarden Dollar.

Damit hat eine neue Ära an der Wall Street begonnen. Die Banken waren die großen Gewinner der Pandemie. Sie profitierten von billionenschweren Rettungsprogrammen der Regierung und der Notenbank Federal Reserve (Fed), die sowohl die Verbraucher als auch die Märkte stützten. Gerade im Vorjahresquartal meldeten viele Finanzhäuser Rekorde und profitierten von einem globalen Boom bei Fusionen und Übernahmen sowie von einem starken Geschäft mit Börsengängen.

Nun jedoch trübt eine ganze Reihe an Faktoren die Stimmung. Das Investmentbanking bei beiden Instituten war schwach. Die Gebühren aus dem Geschäft brachen bei JP Morgan mit 54 Prozent stärker ein, als Analysten erwartet hatten. In der Größenordnung lag auch der Rückgang bei Morgan Stanley. Analysten gehen davon aus, dass andere Banken in den kommenden Tagen ein ähnliches Bild zeichnen werden. Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen sei branchenweit um 24 Prozent eingebrochen, wie aus Berechnungen des Analysehauses Dealogic hervorgeht.

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    Noch schlimmer ist die Stimmung bei Börsengängen – einst ein lukratives Geschäft für die Finanzinstitute, gerade mit Blick auf die einst so beliebten und milliardenschweren Tech-IPOs. Doch die steigenden Zinsen haben zu einer Krise in der Tech-Branche geführt, für die es seit 2008 eigentlich immer nur aufwärtsging. Das schlägt sich in abgesagten Börsenplänen, deutlich niedrigeren Bewertungen und Entlassungswellen nieder. Auch der Krieg in der Ukraine drückt auf die Stimmung. Daher ist der Markt für Börsengänge praktisch zum Erliegen gekommen.

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    JP Morgan sah sich gezwungen, auch deshalb die Risikovorsorge um 428 Millionen Dollar zu erhöhen. Das spiegele eine „moderate Verschlechterung im wirtschaftlichen Ausblick wider“, teilte die Bank mit. Vor einem Jahr noch hatte das Institut drei Milliarden Dollar an Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite abgebaut, weil die Folgen der Pandemie weniger gravierend ausgefallen waren als befürchtet.

    Die hohe Inflation, steigende Zinsen und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine „werden sehr wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die globale Wirtschaft haben“, so Bankchef Dimon. „Wir sind vorbereitet auf alles, was kommt, und werden für unsere Kunden auch in den schwierigsten Zeiten da sein.“ Dimon ist der am längsten amtierende CEO einer Wall-Street-Bank und hat das Institut bereits erfolgreich durch die Finanzkrise geführt.

    Er betonte am Donnerstag auch, dass die Verbraucher, ein wichtiger Motor der Wirtschaft, derzeit noch in guter Verfassung seien. Zwar würden sie mehr mit ihren Kredit- und Debitkarten zahlen und gerade in den untersten Einkommensschichten falle auf, dass die Kunden verstärkt ihre Ersparnisse aufbrauchen. Doch die Ausfallrate sei mit 1,5 Prozent weiter sehr gering.

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    Insgesamt ist die Lage jedoch uneinheitlich: Der Arbeitsmarkt zeigte sich zuletzt überraschend robust. Die Preise stiegen im Juni allerdings erneut stärker als erwartet. Daher erwarten Ökonomen einen noch härteren Kurs der Notenbank. Das wiederum erhöht das Risiko einer Rezession, worunter Banken tendenziell stark leiden.

    Die Investoren reagierten nervös auf die Quartalsergebnisse. Die Aktie von JP Morgan lag im frühen New Yorker Handel in einem insgesamt schwachen Markt gut vier Prozent im Minus und hat in diesem Jahr bereits ein Drittel an Wert verloren. Das Papier von Morgan Stanley lag knapp zwei Prozent im Minus und büßte seit Anfang Januar rund 27 Prozent ein. Octavio Marenzi von der Kapitalmarktberatung Opimas nannte die Ergebnisse von JP Morgan „gemischt und leicht enttäuschend“. Es gebe „keine klare Richtung für die Bank insgesamt, und das wird wohl in den kommenden ein bis zwei Quartalen so bleiben.“

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    Ein Lichtblick war indes das Handelsgeschäft. JP Morgan konnte die Handelsumsätze um 15 Prozent auf 7,8 Milliarden Dollar steigern. Die Volatilität „hilft dem Handel mit Aktien und Anleihen“, sagte Morgan Stanleys Finanzchefin Sharon Yeshaya. Besonders der Anleihehandel war stark und verbuchte ein Plus von 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Handelsumsätze insgesamt stiegen um sieben Prozent auf fünf Milliarden Dollar.

    Auch die Citigroup erwartet hier Aufwind. Die Handelsumsätze der Bank, die am Freitag ihre Quartalsergebnisse vorlegt, könnten um mehr als 25 Prozent zugelegt haben, glauben Analysten. „Die Volatilität ist unser Freund“, stellte Andy Morton, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts der Citigroup, auf einer Konferenz im Juni klar. Und die Volatilität gebe es nicht nur in einer oder zwei Assetklassen, sondern praktisch überall – bei Aktien, Anleihen und Rohstoffen.

    Rückenwind bekommen die Institute auch durch die Zinserhöhungen der Notenbank. Die Fed hat in diesem Jahr bereits drei Mal den Leitzins angehoben, zum Teil ungewöhnlich stark. Der Leitzins liegt nun bei einer Spanne von 1,5 bis 1,75 Prozent. Bei der kommenden Sitzung Ende Juli könnte er erneut um 0,75 Prozentpunkte oder gar um einen ganzen Prozentpunkt steigen.

    Das führt branchenweit zu steigenden Nettozinseinkommen. Damit ist die Differenz zwischen den Zinsen, die Banken für Guthaben zahlen, und den Zinsen auf Kredite gemeint. JP Morgan verbuchte hier ein Plus von 19 Prozent auf 15,1 Milliarden Dollar. Insgesamt jedoch müssen sich Anleger in den kommenden Tagen auf weitere Gewinneinbrüche bei den Wall-Street-Häusern einstellen.

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