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06.12.2020

19:04

Corona-Risiken

Große Sorge wegen Kreditausfällen: EZB schreibt Brandbrief an Großbanken

Von: Andreas Kröner, Dietmar Neuerer

Die EZB fordert die Institute auf, Kreditrisiken in der Coronakrise stärker zu beachten – und befeuert damit die Debatte über eine neue Bankenkrise.

Der oberste EZB-Bankenaufseher Andrea Enria ist empört, wie lax etliche Geldhäuser in der Coronakrise mit drohenden Kreditausfällen umgehen. dpa

Europäische Zentralbank

Der oberste EZB-Bankenaufseher Andrea Enria ist empört, wie lax etliche Geldhäuser in der Coronakrise mit drohenden Kreditausfällen umgehen.

Frankfurt Andrea Enria schlägt Alarm. Der oberste Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) ist empört, wie lax etliche Geldhäuser in der Coronakrise mit drohenden Kreditausfällen umgehen. Deshalb hat er die Vorstandschefs der größten europäischen Institute am Freitag in einem Brief aufgefordert, bei der Messung von Kreditrisiken höchste Sorgfalt walten zu lassen.

Mit seinem Schreiben heizt Enria die Debatte an, ob aus der Coronakrise früher oder später auch eine Bankenkrise wird. Bisher sind die meisten Bankmanager, Finanzaufseher und Analysten optimistisch, dass es dazu nicht kommt – doch die Gefahren sind durch das erneute Herunterfahren der Wirtschaft in vielen Ländern gestiegen. 2021 dürften die Firmenpleiten deutlich steigen – und damit auch die Kreditausfälle bei den Banken.

Weil die Geldhäuser im Vergleich zur Finanzkrise 2008 dickere Kapitalpuffer haben, sei das Finanzsystem als Ganzes zwar robust, sagte Felix Hufeld, der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, kürzlich im Handelsblatt-Interview. „Einige der schwächsten Banken werden die Krise aber vermutlich nicht überstehen.“

Im Bankensektor kommen solche Warnungen nicht überall gut an. Die Finanzaufsicht dürfe keine Bankenkrise herbeireden, findet Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied beim Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR).

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    „Bankenaufseher haben in dieser Phase eine besondere Verantwortung bei öffentlichen Äußerungen“, mahnt Hofmann, der einst selbst viele Jahre für die Deutsche Bundesbank gearbeitet hat. „Hinweise auf höhere Risiken sind nachvollziehbar. Es sollte aber nicht der Eindruck vermittelt werden, die nächste systemische Krise des Banken- beziehungsweise Finanzsektors stehe unmittelbar bevor.“ Hofmann rechnet 2021 mit einem Anstieg der Firmeninsolvenzen um 20 bis 30 Prozent. Die daraus resultierenden Belastungen für den Bankensektor sind aus seiner Sicht verkraftbar.

    Die EZB hat jedoch festgestellt, dass europäische Banken mit den drohenden Belastungen sehr unterschiedlich umgehen und bei der Vorsorge für ausfallgefährdete Kredite zum Teil nicht alle Risiken ausreichend berücksichtigen. Dabei sei es für die Institute angesichts der Pandemie „immer wichtiger, sicherzustellen, dass das Risiko in ihren Bilanzen angemessen beurteilt, eingestuft und bemessen wird“, schrieb Enria in seinem Brief an die Bankchefs. Nur so könnten zeitnah Lösungen für finanziell angeschlagene Schuldner gefunden werden.

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    Das Vorgehen der Banken lässt sich laut Enria grob in drei Kategorien einteilen: Die erste Gruppe von Instituten habe bei jedem Kunden überprüft, ob es wegen Corona ein erhöhtes Ausfallrisiko gebe. Die zweite Gruppe habe vorsorglich viel pauschale Risikovorsorge gebildet, ohne jeden Kunden einzeln zu durchleuchten. Die dritte Gruppe warte einfach ab, was passiert – und bringt die Finanzaufsicht damit gegen sich auf. Die betroffenen Institute will sich die EZB nun vorknöpfen.

    Es müsse verhindert werden, dass es zu Klippeneffekten komme, wenn zahlreiche Kredite ausfallen und die Banken zuvor nicht genügend Risikovorsorge gebildet haben, erklärte Enria. Bedeutende Institute müssten über gut strukturierte Verfahren zur Kreditwürdigkeitsprüfung verfügen, „damit sie zeitnah und effektiv sowie gegebenenfalls auf Einzelfallbasis tragfähige von nicht tragfähigen Schuldnern unterscheiden können“, schrieb der oberste EZB-Bankenaufseher. „Dabei sollte auch das Auslaufen der bestehenden staatlichen Unterstützungsmaßnahmen berücksichtigt werden.“

    Die Führungsgremien der Banken müssen nun bis Ende Januar auf das EZB-Schreiben antworten und darlegen, wie sie mit Kreditrisiken künftig umgehen. Die Kontrolleure wollen zudem genau nachverfolgen, ob sich die Institute an ihre Vorgaben halten, und dabei „eine breite Palette von Aufsichtsinstrumenten“ einsetzen.

    Mehrere Wellen Kreditausfälle erwartet

    Enrias Äußerungen zeigen, dass die Sorgen der EZB um die Geldhäuser in den vergangenen Wochen nochmals zugenommen haben. Bereits Anfang Oktober hatte Enria im Handelsblatt-Interview gewarnt, dass das Volumen fauler Kredite im Extremfall auf bis zu 1,4 Billionen Euro steigen könnte. Das wäre mehr als nach der Finanzkrise 2008.

    Aus Sicht der Ratingagentur Moody’s steht der Finanzsektor weltweit vor gewaltigen Herausforderungen. „Die Wahrscheinlichkeit einer Finanzkrise ist niedrig, aber wir gehen mit erheblichen Risiken ins Jahr 2021“, sagt Moody’s-Finanzexpertin Sophie Lee. Die Ratingagentur hat deshalb aktuell mehr als drei Viertel aller Banksysteme mit einem negativen Ausblick versehen – verglichen mit gerade einmal 14 Prozent im vergangenen Jahr.

    Durch den Wiederanstieg der Zahl der Corona-Fälle und Lockdowns in vielen Staaten könne die Wirtschaft noch stärker einbrechen als befürchtet, warnt Moody’s. „Diese Unsicherheit, kombiniert mit dem Auslaufen von Hilfsprogrammen, stellt ein großes Risiko für die Banken dar.“

    Lesen Sie auch, wie sich Bafin-Chef Felix Hufeld im Handelsblatt äußert: „Einige Banken werden die Krise nicht überstehen“

    Moody’s befürchtet außerdem, dass der Anstieg der faulen Kredite die Ergebnisse der Geldhäuser belasten wird „und möglicherweise das Vertrauen in Banken untergräbt, wie wir es bei früheren Krisen beobachtet haben“. Besonders gefährdet sind aus Sicht der Ratingagentur Banken in Italien und Indien.

    Deutsche Institute sind auch dank umfangreicher staatlicher Hilfsmaßnahmen für Unternehmen bisher relativ gut durch die Krise gekommen. Ab dem kommenden Jahr müssen sich die Institute jedoch auf mehrere Wellen von Kreditausfällen einstellen, warnt Bafin-Chef Hufeld. „Die erste könnte es Anfang 2021 geben, wenn die Insolvenzantragspflicht wieder voll greift.“

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    Auch der Linken-Finanzpolitiker Fabio De Masi warnt: „Eine neue Bankenkrise ist bislang nicht eingetreten, weil Staaten teilweise die fehlenden Umsätze der Unternehmen auf die Bilanz genommen haben.“ Die aktuell bessere Ausstattung der Banken mit Eigenkapital schütze nur so lange, wie es nicht gleichzeitig bei vielen Banken zu Kreditausfällen und einer systemischen Krise komme, sagte De Masi. Eine neue Bankenkrise lasse sich daher nur abwenden, wenn die Finanzminister durch „mittelfristige Hilfen“ eine Pleitewelle der Unternehmen verhinderten und die EZB das billionenschwere Pandemie-Anleihekaufprogramm PEPP noch lange weiterführe. „Die Rückkehr zur Schuldenbremse wäre ein Brandbeschleuniger für eine erneute Finanzkrise.“

    Die Bundesbank geht davon aus, dass im ersten Quartal 2021 deutlich mehr Firmen pleitegehen werden – und dass in der Folge auch die Zahl der ausfallgefährdeten Darlehen steigt. Die Kreditausfälle der deutschen Banken dürften sich auf 0,8 Prozent des Kreditbestands vervierfachen, schätzt die Bundesbank. Die Belastungen würden sich damit insgesamt auf rund 13 Milliarden Euro summieren.

    Aus dem Lager der deutschen Großbanken verlautete am Wochenende, man verstehe nicht, warum die EZB sich offenbar immer größere Sorgen um die Banken mache. Die Kreditrisikovorsorge sei solide kalkuliert. Auch ausländische Topbanker warnen vor zu viel Schwarzmalerei, etwa Philippe Brassac, der Chef der französischen Großbank Crédit Agricole. Er sagte ebenfalls im Handelsblatt-Interview: „Natürlich gibt es etwas höhere Risiken, aber diese Risiken halte ich für beherrschbar.“

    Schwieriges, aber stabileres Umfeld erwartet

    Zudem stimmen Brassac die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung zuversichtlich, dass die Pandemie bald eingedämmt werden kann. „Ich bin überzeugt, dass wir uns langsam, aber sicher dem Ende der Krise nähern.“ Verhalten optimistisch äußert sich auch die Ratingagentur Fitch. „2021 wird erneut ein herausforderndes Jahr für die westeuropäischen Banken werden, aber wir erwarten, dass sich die Rahmenbedingungen nach dem schwierigen Jahr 2020 stabilisieren“, erklärte Fitch-Bankenexpertin Olivia Perney Guillot.

    Alle großen europäischen Banken haben in den ersten neun Monaten des Jahres deutlich mehr Geld für drohende Kreditausfälle zurückgelegt, obwohl die Zahl an tatsächlichen Ausfällen vielerorts noch überschaubar ist. Deutsche-Bank-Finanzchef James von Moltke ist der Ansicht, dass das Institut den Höhepunkt bei der Risikovorsorge bereits hinter sich hat.

    Analysten sehen das ähnlich. Sie kalkulieren, dass Deutschlands größtes Geldhaus im laufenden Jahr eine Risikovorsorge von gut zwei Milliarden Euro bilden muss und 2021 dann nur noch von 1,8 Milliarden Euro. Ein Update könnte die Deutsche Bank am Mittwoch bei ihrem mit Spannung erwarteten Investorentag geben.

    Beim Konkurrenten Commerzbank sieht es ähnlich aus – auch dort gehen Experten von einem fallenden Trend aus: 2020 erwarten Analysten eine Risikovorsorge von 1,5 Milliarden Euro und im kommenden Jahr dann von 1,3 Milliarden Euro. Die Commerzbank hat allerdings ein viel größeres Geschäft mit dem klassischen deutschen Mittelstand – der von der Coronakrise besonders heftig getroffen wurde.

    Hoffen auf Ende des Dividendenverbots

    Bis zum Jahresende steht eine weitere wichtige Entscheidung der EZB-Bankenaufseher an: Es geht um die Frage, ob die europäischen Großbanken ihre Dividendenzahlungen wieder aufnehmen dürfen. Die Ausschüttungen an die Aktionäre wurden im Frühjahr – auf dem ersten Höhepunkt der Coronakrise – mit einem moralischen Appell von ganz oben praktisch eingefroren.

    Die Aufseher wollten sicherstellen, dass die Banken genug Kapital vorhalten, um den Kreditfluss für strauchelnde Unternehmen im Fluss zu halten. Im Gegenzug griffen viele Staaten den Geldhäusern unter die Arme, etwa mit Kreditgarantien für ausgewählte Kundengruppen.

    Immer mehr Banken im Euro-Raum hoffen inzwischen, dass der Dividendenbann bald aufgehoben wird, um nicht noch die letzten Investoren zu verschrecken – zumal etwa die Schweizer Großbanken schon wieder mit Ausschüttungen locken.

    EZB-Chefbankenaufseher Enria machte den Häusern zuletzt aber wenig Hoffnung. Ins gleiche Horn bläst nun Ed Sibley, ein Mitglied des Aufsichtsgremiums der EZB in einem Bloomberg-Interview: Die anhaltende Unsicherheit sowie die Notwendigkeit, dass die Banken Kapital für die Kreditvergabe und für Reputationsfragen vorhalten, sprächen für eine Verlängerung der bestehenden Empfehlung, erklärte er. „Insgesamt wäre es besser, wenn wir uns noch weitere sechs Monate zurückhalten würden.“

    Der Text wurde mit Stimmen aus der Branche und der Politik aktualisiert.

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