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27.07.2022

15:06

Credit Suisse

Kahlschlag im Investmentbanking: Wie die zweitgrößte Schweizer Bank aus der Krise kommen will

Von: Jakob Blume

Hohe Verluste in den wichtigsten Sparten, dazu neue Strafzahlungen: Die Credit Suisse gerät stärker in Schieflage. Helfen soll nun ein neuer Chef – und ein radikaler Schritt.

Auch am Hauptquartier in Zürich drohen Einschnitte. Bloomberg via Getty Images

Zentrale der Credit Suisse in Zürich

Auch am Hauptquartier in Zürich drohen Einschnitte.

Zürich Quartalsbilanzen zu kommentieren gehört eigentlich nicht zu den Aufgaben eines Chefaufsehers. Trotzdem stellte sich Axel Lehmann, der Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, am Mittwoch persönlich den Fragen der Analysten. Zu weitreichend waren die Entscheidungen, die Lehmann unmittelbar vor der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen getroffen hatte – und zu unsicher deren Auswirkungen für die Zukunft der seit Jahren in der Krise steckenden Bank.

Lehmann kündigte eine „umfassende Überprüfung“ der Strategie der Bank an. Konzernchef Thomas Gottstein wird an deren Umsetzung jedoch nicht weiterarbeiten: Der seit Anfang 2020 amtierende CEO tritt zurück. Sein Nachfolger wird Ulrich Körner, wie die Bank am Mittwoch bekannt gab. Körner ist bislang Chef des Asset-Managements, des Anlagegeschäfts mit professionellen Investoren.

Der Zeitpunkt für die Ablösung kam für viele Mitarbeiter überraschend. Zwar galt Gottstein schon seit geraumer Zeit als angeschlagen. Doch ein Aus zu den Halbjahreszahlen hatte bis vor Kurzem kaum jemand bei der Credit Suisse auf der Rechnung, wie Gespräche mit Insidern verdeutlichen. Der scheidende CEO deutete auch persönliche Motive für seinen Rücktritt an. Er habe den Entschluss auch aus „privaten und gesundheitlichen“ Gründen getroffen, sagte Gottstein am Mittwoch.

Nötig geworden war der Schritt, weil die Bank erneut einen Verlust in Höhe von 1,6 Milliarden Franken einräumen musste, weit mehr als von Analysten erwartet. Schlimmer noch: Das Ergebnis ließ sich nur teilweise aus steigenden Kosten für Rechtsstreitigkeiten oder einmaligen Abschreibungen erklären.

Vielmehr geriet das Kerngeschäft unter Druck. Die reichen Kunden zogen Milliarden ab, die wiederkehrenden Erträge in der Vermögensverwaltung schrumpften, und das Investmentbanking kollabierte. „Unsere Bank steht zweifellos vor einer großen Transformation“, so Lehmann. „Die enttäuschende Performance hat die Dringlichkeit zu handeln noch verschärft.“ Es gehe darum, den Prozess, der unter Gottstein angestoßen wurde, zu beschleunigen.

Investmentbank rückt in den Blickpunkt

Im Fokus des Umbaus steht die Investmentbank. Sie solle in ein „kapitalschonendes, beratungsorientiertes Bankgeschäft und ein stärker fokussiertes Marktgeschäft“ verwandelt werden. Damit folgt Lehmann dem Vorbild der UBS. Der Prozess, Kapital aus der Investmentbank abzuziehen und in weniger riskante Geschäftsmodelle zu stecken, soll ebenfalls beschleunigt werden. Doch mit welchen Auswirkungen?

„Die enttäuschende Performance hat die Dringlichkeit zu handeln noch verschärft.“ Axel Lehmann, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse

Die Credit Suisse versteht sich seit jeher als Unternehmerbank, die an der Seite ihrer unternehmerisch denkenden Kunden bereit ist, größere Risiken als andere einzugehen. Das bedeutet jedoch auch: Sie begleitet etwa riskante Firmenübernahmen durch Private-Equity-Fonds und stellt das nötige Fremdkapital bereit.

Die Skandale von Credit Suisse

Der Beschattungsskandal

Im Februar 2020 setzte der Verwaltungsrat Bankchef Tidjane Thiam vor die Tür, nachdem die Beschattung des ehemaligen Topmanagers Iqbal Khan aufgeflogen war. Khan war zur Erzrivalin UBS gewechselt, und die Bank wollte herausfinden, ob er Kunden mitgenommen hatte. Thiam erklärte, keine Kenntnisse von der Beschattung gehabt zu haben.

Die Schweizer Finanzaufsicht Finma attestierte der Credit Suisse nach einer Untersuchung später schwere Mängel in der Organisation. Das Ausmaß der Affäre war demnach weitaus größer als zunächst angenommen. Zwischen 2016 und 2019 sollen insgesamt sieben Menschen beschattet worden sein, auch im Ausland. Ein Insider sagte, unter den Spitzenmanagern habe eine „Kultur der Angst und des Misstrauens“ geherrscht.

Der Greensill-Skandal

Im März 2021 fror die Bank überraschend zusammen mit der Investmentgesellschaft Greensill Capital aufgelegte Fonds im Volumen von zehn Milliarden Dollar ein. Berater der Credit Suisse hatten jahrelang Geld von Investoren eingeworben und es in dem als risikoarm geltenden Fonds angelegt. Sie warben damit, dass die dahinterstehenden Kredite voll versichert seien. Als Versicherungsfirmen ihren Schutz entzogen, musste die britisch-australische Greensill Capital Insolvenz anmelden.

Credit Suisse gab eine externe Untersuchung zu dem Vorfall in Auftrag, will die Ergebnisse aber nicht veröffentlichen. Mehrere Mitarbeiter wurden entlassen oder müssen eine Geldstrafe zahlen. Zahlreiche Investoren haben die Credit Suisse zudem verklagt. Das Institut hat inzwischen nach eigenen Angaben 6,75 Milliarden Dollar an Investoren zurückbezahlt.

Der Archegos-Skandal

Nur wenige Wochen nach dem Greensill-Schock folgte der nächste Paukenschlag: Die Bank musste einen Verlust von fünf Milliarden Franken einräumen, weil der Kunde Archegos Capital Management in die Insolvenz rutschte. Fast der gesamte Halbjahresgewinn wurde deshalb aufgefressen. Der Hedgefonds hatte sich mit Aktienwetten verspekuliert, die mit Krediten finanziert waren. Auch Banken in den USA waren davon betroffen, keine aber so stark wie die Credit Suisse.

Erneut stellte ein externes Gutachten dem Institut ein vernichtendes Urteil aus: Credit Suisse sei länger und intensiver bei Archegos involviert gewesen als andere Geldgeber, und mehrere Warnsignale seien ignoriert worden. Es habe massive Versäumnisse bei Kontrollen im Investmentbanking gegeben.

Der Mosambik-Skandal

Behörden in den USA und Großbritannien brummten der Credit Suisse im Oktober 2021 eine Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar auf, um ein Bestechungs- und Betrugsverfahren im Zusammenhang mit Krediten an Mosambik beizulegen. Die Bank bekannte sich schuldig, Investoren wegen eines Darlehens in Höhe von 850 Millionen Dollar an das Land betrogen zu haben. Das Geld sei zur Finanzierung einer Thunfischfangflotte bestimmt gewesen.

Doch rund 200 Millionen Dollar davon sollen als Kick-back-Zahlungen an Credit-Suisse-Banker und Mitarbeiter der Regierung in Mosambik geflossen sein.

Der Quarantäneskandal

Nach nur acht Monaten im Amt erklärte Verwaltungsratschef António Horta-Osório wegen Verstößen gegen Quarantäneregeln am 17. Januar seinen Rücktritt. Der Portugiese hatte selbst gegen Quarantänebestimmungen in der Schweiz verstoßen, indem er das Land zu früh verließ. Wenige Wochen später berichtete Reuters, dass Horta-Osório im Juli bei einer Reise nach England zum Wimbledon-Endspiel britische Covidregeln missachtet hatte.

Horta-Osório hatte immer betont, dass die Unternehmenskultur in der skandalgeplagten Bank reformiert werde, ausgerichtet auf Verantwortung und Rechenschaftspflicht. Zudem gab es Insidern zufolge Konflikte mit Konzernchef Thomas Gottstein. Nachfolger an der Spitze des Verwaltungsrats wurde Mitglied Axel Lehmann.

Der Kokainhändlerskandal

Ende Juni sprach das Schweizer Bundesstrafgericht die Credit Suisse in einem Geldwäschefall schuldig und brummte dem Institut eine Buße von zwei Millionen Franken auf. In dem Prozess musste das Gericht in Bellinzona darüber entscheiden, ob die Bank und eine ehemalige Mitarbeiterin genug unternommen hatten, um Geldwäsche eines mutmaßlichen bulgarischen Kokainhändlerrings in den Jahren 2004 bis 2008 zu vereiteln.

„Das Unternehmen hätte den Verstoß verhindern können, wenn es seinen organisatorischen Pflichten nachgekommen wäre“, sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung. Die frühere Kundenberaterin wurde zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten sowie zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Bank kündigte Berufung an. Credit Suisse habe die Vorkehrungen zur Verhinderung von Geldwäsche inzwischen verstärkt.

Suisse Secrets

Medienberichten zufolge soll die Credit Suisse über viele Jahre hinweg korrupte Politiker und Autokraten, mutmaßliche Kriegsverbrecher sowie Menschenhändler, Drogendealer und andere Kriminelle als Kunden akzeptiert haben. Die der „Süddeutschen Zeitung“ und anderen Medien zugespielten Unterlagen geben Aufschluss über mehr als 18.000 Konten mit einem Gesamtvermögen von über 100 Milliarden Dollar, hinter denen mehr als 30.000 Kunden stehen sollen.

Die Finanzmarktaufsicht Finma hat sich die Bank deswegen vorgeknöpft. Die Credit Suisse wies die Vorwürfe zurück und erklärte, die Berichterstattung basiere auf unvollständigen, fehlerhaften oder selektiven Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen seien. Rund 90 Prozent der geprüften Konten seien geschlossen oder im Begriff, geschlossen zu werden.

Der Betrug am georgischen Premier

Ende März brummte ein Gericht auf den Bermudas der Bank eine Schadenersatzzahlung von über 500 Millionen Dollar auf, weil ein ehemaliger Kundenberater den früheren georgischen Premierminister Bidsina Iwanischwili und seine Familie über Jahre betrogen hatte. Die Credit Suisse hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Iwanischwili, der von 2005 bis 2015 Kunde der Bank war, soll Hunderte von Millionen an Verlusten erlitten haben, weil der mit der Verwaltung seines Vermögens betraute Banker Transaktionen gefälscht haben soll. Der Berater war 2018 von einem Genfer Gericht wegen Betrugs, Fälschung und kriminellen Missmanagements zu fünf Jahren Haft und zur Zahlung von Schadenersatz in Höhe von rund 130 Millionen Dollar verurteilt worden.

Dieses sogenannte Leverage-Finance-Geschäft kam die Bank zuletzt teuer zu stehen. Sie muss darauf einen dreistelligen Millionenbetrag abschreiben. Hinzu kommt: Das Kapitalmarktgeschäft der Credit Suisse kam praktisch zum Erliegen. Auch der traditionell starke Anleihehandel schwächelte. Ziel sei es, das Kapitalmarktgeschäft in Zukunft besser mit den Bedürfnissen der Kunden in der Vermögensverwaltung in Einklang zu bringen, so Lehmann.

Eine Aussage, die sich wie eine Kritik an dem derzeitigen Investmentbanking-Chef Christian Meissner anhört. Er war vor etwas mehr als einem Jahr angetreten, um Investmentbanking und Vermögensverwaltung stärker zu verzahnen. Meissner gilt als großer Verlierer der Umstrukturierung, zumal er zwei Co-Leiter für die Bereiche Banking und Markets an die Seite gestellt bekommt. Die „Financial Times“ berichtete bereits, dass der Topbanker vor dem Abschied steht.

Ulrich Körner: Erfahrener Turnaround-Manager

Dass Meissners Zeit bei der Credit Suisse zu Ende zu gehen scheint, ist ebenfalls eine Überraschung. Der Österreicher mit langjähriger Wall-Street-Erfahrung galt als Bindeglied zwischen der schweizerisch geprägten Vermögensverwaltung und der amerikanisch dominierten Investmentbank. „Der hält den Laden zusammen“, sagt ein hochrangiger CS-Banker. Mancher traute ihm gar zu, eines Tages Gottstein zu beerben.

Der Chef der Asset-Management-Sparte der Schweizer Großbank wird neuer Chef des Konzerns. dpa

Ulrich Körner

Der Chef der Asset-Management-Sparte der Schweizer Großbank wird neuer Chef des Konzerns.

Diesen Job muss nun Ulrich Körner ausfüllen. Er gilt als erfahrener Turnaround-Manager. Bis 2009 leitete er das Schweizgeschäft der Credit Suisse, bevor er zum Konkurrenten UBS wechselte. Die Neuausrichtung des Asset-Managements bei der UBS zählt als sein Meisterstück. Ähnliches sollte er auch bei der Credit Suisse bewirken. Er war Anfang 2021 als Chef des Asset-Managements zurückgekehrt.

Nun ist seine Aufgabe ungleich größer: Denn auch die Vermögensverwaltung, das wichtigste Geschäftsfeld der Credit Suisse, rutschte im zweiten Quartal deutlich ins Minus. Ein Grund war eine Reihe von Abschreibungen. Doch selbst auf bereinigter Basis, bei der diese Einmaleffekte ausgeklammert werden, betrug der Rückgang des Vorsteuergewinns in der Sparte 74 Prozent.

Auch die von Körner verantwortete Sparte Asset-Management steht alles andere als gut da: Zwar profitierte sie von einem gewinnbringenden Verkauf an einer Beteiligung in Japan, die den Vorsteuergewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdreifachte. Doch rechnet man diesen Sondereffekt heraus, steht unter dem Strich ein Einbruch des Vorsteuergewinns um 56 Prozent. Zudem ist die Sparte mit 400 Milliarden Franken verwaltetem Vermögen im Branchenvergleich eigentlich zu klein.

Der Zeitpunkt seiner Ablösung kam für viele Mitarbeiter überraschend. © 2019 Bloomberg Finance LP

Scheidender Bankchef Thomas Gottstein

Der Zeitpunkt seiner Ablösung kam für viele Mitarbeiter überraschend.

Und dann ist da noch das Problem der Refinanzierung: Eine Nachfolge für den scheidenden Finanzchef David Mathers ist noch nicht gefunden. Gleichzeitig will die Bank sogenannte AT1-Anleihen im Milliardenwert ausgeben, weil diese auch dem Eigenkapital zugerechnet werden können. Für diese Zinspapiere musste die Bank zuletzt Zinsen von über neun Prozent berappen. Zudem prüft sie einen Teilverkauf des profitablen, aber kapitalintensiven Geschäfts mit strukturierten Produkten, etwa mit Optionsscheinen und Derivaten.

Die Analysten bleiben skeptisch: „Viel Erfolg dabei, Kapital für das Geschäft mit strukturierten Produkten zu beschaffen“ spottete JP-Morgan-Analyst Kian Abouhossein. Anke Reingen, Analystin von RBC Capital Markets, sagte: „Strategische Veränderungen ergeben Sinn.“ Doch die Bank habe angesichts ihrer Kernkapitalquote von 13,5 Prozent wenig Flexibilität.

Diese Flexibilität will Lehmann jedoch mit einem „rigorosen Fokus auf die Kosten“ schaffen, wie er sagt. Die operativen Kosten sollen von derzeit 16,8 Milliarden Franken auf unter 15,5 Milliarden Franken sinken. Wie viele Jobs das kosten wird, darauf wollte sich Lehmann jedoch nicht festlegen.

Einen strategischen Vorteil hat die neu formierte Führungsriege um Axel Lehmann und Ulrich Körner: Sie kennt sich jahrelang aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der UBS. Mit Markus Diethelm als Chefjurist spielt noch ein dritter Ex-UBSler eine wichtige Rolle beim Konzernumbau, muss er doch die juristischen Altlasten aus dem Weg räumen. Das erleichtere die Arbeit im Vorstand, heißt es in Branchenkreisen.

Eine Übernahme durch den Konkurrenten UBS, über die in Zürich immer mal wieder spekuliert wurde, wird dadurch jedoch nicht wahrscheinlicher. UBS-Chef Ralph Hamers sieht die größten Wachstumsmöglichkeiten in der US-Vermögensverwaltung – ein Markt, in dem die Credit Suisse notorisch schwach ist. Warum also, fragen sich Brancheninsider, sollte sich die UBS eine solch riskante Übernahme antun?

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