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04.09.2020

17:48

Filmfinanzierung

Deutsche Filmproduzenten bangen um internationalen Anschluss

Von: Mareike Müller

Die Coronakrise erschwert der Filmbranche nicht nur Dreh und Produktion: Experten fürchten vor allem, bei der Finanzierung vom Ausland abgehängt zu werden.

Filmszene aus Wes Andersons "The French Dispatch" imago images/ZUMA Press

Filmfinanzierung

Filmszene aus Wes Andersons "The French Dispatch"

Frankfurt Frankreich, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im fiktiven Örtchen Ennui-sur-Blasé: Eine Gruppe von Autoren aus den USA gibt ein Magazin heraus, doch schon bald müssen sie es wieder einstellen. Zum Abschluss wollen sie eine letzte Ausgabe veröffentlichen, mit den besten drei Geschichten: Es geht um einen Künstler im Gefängnis, Studentenunruhen und eine Entführung.

Die Geschichte stammt aus Wes Andersons neuestem Film „The French Dispatch“, zu Deutsch etwa „Die französische Ausgabe“, und hätte bereits im Juli in den USA über die Leinwände laufen sollen, in Deutschland im September. Dann die Ernüchterung: Aufgrund von Corona wurde der Starttermin erst verschoben, dann abgesagt. Für die 25-Millionen Dollar-Produktion mit Schauspielgrößen wie Léa Seydoux, Owen Wilson und Tilda Swinton ist das aus finanzieller Sicht eine Katastrophe.

Das Beispiel zeigt: Corona erschwert in der Filmbranche nicht nur die Produktion, denn der Film ist längst fertig. Große Produktionsfirmen und Banken, die die Zwischenfinanzierung stellen, sorgen sich mittlerweile vor allem um die langfristige Finanzierung von Filmen und Serien. Gerade in Deutschland befürchten Experten, von anderen Staaten abgehängt zu werden – denn im Ausland sind einige der großen Finanzierungsfragen vielerorts bereits geklärt.

Doch wie genau verändert Corona die Finanzierung von Filmen und Serien „made in Germany“, und welche Folgen drohen für den Filmstandort Deutschland?

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    In der Finanzierung von Filmen zählt nur perfektes Timing: Selbst wenn die Entwicklung des Inhalts und der Drehbücher gerade erst begonnen hat, müssen sich die Produzenten zeitgleich um die Beschaffung des Kapitals zur Herstellung bemühen. Bei Fernsehfilmen ist das vergleichsweise unkompliziert: Sie werden meist als Auftragsproduktion bestellt und schöpfen ihre finanziellen Mittel aus den Zahlungen der Auftraggeber, meist den Sendern.

    Bei Kinofilmen hingegen ist der Prozess komplexer. Den größten Unterschied erklärt Carl Woebcken, selbst Produzent und Geschäftsführer des Filmstudios Babelsberg: „Die Filmförderung ist für unser Geschäftsmodell der wichtigste Bestandteil.“ Denn während in den USA noch immer das Modell Eigenfinanzierung vorherrscht, kommt in Europa kaum eine Kinofilmproduktion ohne staatliche Fördermittel aus. Dazu zählen in erster Linie die Mittel der Länder und des Bundes. Ergänzt werden diese teilweise von privat aufgelegten geschlossenen Film- und Medienfonds.

    Laut Nico Hofmann, Regisseur, Produzent und Geschäftsführer des Filmunternehmens Ufa, macht sich das in der aktuellen Krise besonders bemerkbar: „Der Kinomarkt ist von Corona viel stärker betroffen als der Fernsehfilm.“

    Produktion wird durch Corona teurer

    Der zentrale Baustein der Förderung für Kinofilme führt nun aber zu Problemen. Zwar will der Staat im Rahmen eines Hilfspakets einen Fonds von 50 Millionen Euro zur Absicherung von Filmproduktionen auflegen. Doch Hofmann kritisiert: „Andere Länder haben viel größere Ausfallfonds, zum Beispiel Großbritannien und Österreich.“ So stellte die britische Regierung 500 Millionen Pfund zur Verfügung, das entspricht über 550 Millionen Euro – also mehr als ein Elffaches der Summe hierzulande.

    Das Problem: Corona mache die Produktion teurer und lasse die Risiken ansteigen, erklärt Hofmann: „Wir testen ununterbrochen, momentan dreimal pro Woche.“ Die Kosten tragen die Unternehmen: „Wir haben zum Beispiel sehr hohe Hygieneausgaben.“ Außerdem verlängere sich die Produktionszeit durch die Auflagen.

    Gerade kleine und mittlere Unternehmen seien deshalb dringend auf die Ausfallfinanzierung angewiesen. Für junge Filmemacher und Start-ups sei der Ausfallfonds essenziell, so Hofmann: „Wenn der nicht kommt, wird die Lage sehr brenzlig.“ Zudem hätten viele Akteure in der Branche große Angst, dass die aktuelle Krise zwar kurzfristige staatliche Unterstützung bringe, langfristig aber zu einer Kürzung der Fördermittel im Haushalt von Bund und Ländern führen könnte. Denn die Finanzierungshilfe der Filmförderungsanstalt und der Länderförderungen galt nur bis Ende Juni.

    Nun soll ein Ausfallfonds „für pandemiebedingte Abbrüche von Dreharbeiten“ eingerichtet werden, besonders um Kinofilme und High-End Serien zu unterstützen, so eine Sprecherin von Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien: „Momentan werden die letzten Details der Ausgestaltung des Fonds in enger Abstimmung mit der Branche geklärt.“ Aus Grütters' Büro heißt es, man gehe davon aus, „dass der Ausfallfonds im Laufe des Septembers starten wird“, zurzeit erfolgte noch die finale Abstimmung mit der Filmförderungsanstalt, die den Ausfallfonds abwickeln soll.

    Druck durch Streaminganbieter

    Große Studios könnten die steigenden Kosten zurzeit noch gut abfedern. Doch was noch schwieriger ist: „Wir haben nach wie vor keinen Versicherungsschutz“, sagt Hofmann. „Die Versicherungen decken alles Mögliche ab, aber keine Ausfälle und Schäden durch Corona.“

    Er schätzt, dass für rund 80 Prozent der Produktionen am deutschen Markt zurzeit der Ausfallfonds und der Versicherungsschutz fehlen. Vonseiten Grütters heißt es allerdings: „Da es sich bei der Coronakrise um ein globales Phänomen handelt und die Herausforderungen in den unterschiedlichen Staaten vergleichbar sind, sehen wir den Filmstandort Deutschland nicht spezifisch benachteiligt.“

    Zudem machen sich viele deutsche Produzenten Sorgen über den Druck der Konkurrenz durch neue Akteure auf dem Markt. Babelsberg-Chef Woebcken erklärt: „Der Druck durch die Streamingdienste hat sich durch die Coronakrise verstärkt.“ Einerseits habe das etwas Positives: „Es gibt zurzeit eine sehr hohe Nachfrage nach Serien“, immer häufiger bekommen deutsche Studios Anfragen von großen US-Streaminganbietern wie Amazon, Sky oder Netflix.

    Auch hier spielt die Pandemie eine Rolle: Da in Deutschland – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – bei Einhaltung der Auflagen trotz Corona gedreht werden darf, produzieren nun einige US-Unternehmen verstärkt in Deutschland. Andererseits glaubt Woebcken aber nicht, dass das langfristig so bleiben wird: „Der Effekt wird vielleicht ein halbes Jahr halten.“ Dann ist der Standort Deutschland darauf angewiesen, vermehrt eigene Serien zu produzieren.

    Doch auch solche neuen Produktionen stehen momentan vor besonderen Hürden: Wichtige Partner in der Finanzierung erleiden derzeit selbst „erhebliche Einnahmeausfälle oder anderweitige finanzielle Verluste“, heißt es aus Grütters“ Büro. Zudem flössen Fördermittel, die für neue Produktionen vorgesehen waren, nun in laufende Projekte, deren Finanzierung laut Plan eigentlich schon abgeschlossen sein müsste. Für die neuen Produktionen bedeutet das, dass nun noch weniger Fördermittel zur Verfügung stehen.

    Bisher keine Kreditausfälle

    Ein Schritt bei der Finanzierung fällt nun besonders ins Gewicht: Die Produktion muss auch dann sichergestellt werden, wenn das öffentliches Fördergeld noch nicht ausgezahlt ist und die Erlöse noch nicht eingegangen sind. Bei diesem Schritt helfen Menschen wie Andreas Brey. Brey ist Experte für Filmfinanzierung bei der DZ Bank, dem Marktführer unter den Banken in diesem Bereich. Er schätzt den Marktanteil seines Hauses auf 60 bis 70 Prozent und gibt sich insgesamt gelassen.

    Auch er bestätigt die Macht der Streaminganbieter – aber aus einem anderen Grund: Der Filmmarkt ist nach Sprachräumen aufgeteilt, und der deutsche Sprachraum umfasst etwa 100 Millionen Menschen, Österreich und die Schweiz eingerechnet. Diese Aufteilung habe einen Haken, sagt Brey: „Traditionell kommt auch nur aus diesem Markt heraus die Finanzierung.“ Durch das Streaming ändere sich das derzeit.

    Angst um sein eigenes Geschäftsmodell hat Brey indes nicht: Von Corona sei sein Geschäft bisher kaum betroffen, denn bereits im Februar und März hätten viele Produktionen ihre Dreharbeiten beschleunigt, sodass es bisher nicht zu Kreditausfällen gekommen sei.

    Auch den Streaminganbietern begegnet er gelassen: „Wir haben langjährige Beziehungen zu unseren Kunden, teilweise schon seit zehn oder 20 Jahren. Da wachsen keine neuen Firmen aus dem Boden, die plötzlich die riesigen Deals mit Netflix oder Amazon bekommen.“ Für das kommende Jahr erwartet er sogar einen „regelrechten Produktionsboom“. Zwar wird die Krise die Kinos besonders hart treffen, doch Brey vertraut auf die Besucher: „Die Leute haben einfach die Sehnsucht, wieder Popcorngeruch in der Nase zu spüren.“

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