Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

07.07.2022

17:52

Frankfurt Reuters

Bankenskyline in Frankfurt

Die Bundesbank sieht den Sektor mit neuen Risiken konfrontiert.

Finanzinstitute

Bundesbank-Vorstand warnt deutsche Banken: „Dimension der Probleme nicht unterschätzen“

Von: Andreas Kröner

Zinswende, Inflation und Wirtschaftsabkühlung könnten Deutschlands Banken stärker belasten, als diese glauben. Der oberste Bankenaufseher der Bundesbank mahnt deswegen zur Vorsicht.

Frankfurt Auf Deutschlands Banken kommen neue Probleme zu. Die Bundesbank mahnt die deutschen Finanzinstitute angesichts hoher Inflationsraten, der Zinswende und der wachsenden Angst vor einer Wirtschaftskrise zur Vorsicht. „Manche Banken könnten die Dimension der Probleme unterschätzen, die auf sie zukommen“, sagte Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling im Gespräch mit dem Handelsblatt.

„Die Zinswende ist mittelfristig zwar positiv für die deutsche Bankenbranche, führt bei vielen Kreditinstituten aber zunächst zu Belastungen“, erklärte Wuermeling, der im Bundesbank-Vorstand für die Bankenaufsicht zuständig ist.

Darüber hinaus hätten sich die Prognosen für das Wirtschaftswachstum deutlich eingetrübt, und die Inflation belaste private Haushalte und Unternehmen. „Damit steigt die Gefahr von Kreditausfällen. Die Banken müssen sich auf einigen Gegenwind einstellen.“

In den Vorstandsetagen der Geldhäuser ist die Nervosität derzeit entsprechend groß. In den ersten beiden Quartalen lief das Geschäft der meisten Firmenkunden noch gut. Bei einem russischen Gaslieferstopp könne sich das aber schlagartig ändern und die Kreditausfälle nach oben treiben, warnt der Vorstand eines großen deutschen Instituts. „Dann wird es so schlimm wie im ersten Coronajahr.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing ist wegen der Gefahren durch Inflation, Zinswende, Krieg in der Ukraine, Corona sowie Engpässe am Arbeitsmarkt alarmiert. „In den mehr als 30 Jahren, die ich mittlerweile im Bankgeschäft bin, habe ich noch nie eine vergleichbare Ansammlung von Risiken gesehen wie derzeit“, sagte er am Montag.

    Joachim Wuermeling, Deutsche Bundesbank

    Joachim Wuermeling

    „Die Zinswende ist mittelfristig zwar positiv für die deutsche Bankenbranche, führt bei vielen Kreditinstituten aber zunächst zu Belastungen“, sagt der Bundesbank-Vorstand.

    (Foto: Deutsche Bundesbank)

    Die Stimmung im Bankensektor hat sich innerhalb weniger Monate drastisch verschlechtert. Anfang des Jahres herrschte bei vielen Geldhäusern wegen der sich abzeichnenden Zinswende in Europa noch Euphorie. Seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine Ende Februar ist davon jedoch kaum noch etwas zu spüren.

    Grafik

    Die Aktienkurse von großen Geldhäusern wie der Deutschen Bank und der Commerzbank haben zuletzt deutlich nachgegeben. „Die große Diskussion unter Investoren ist nun: Überwiegen die positiven Effekte durch Zinserhöhungen oder die negativen Effekte durch den potenziellen Anstieg der Kreditausfälle?“, sagt die renommierte Bankenanalystin Magdalena Stoklosa von Morgan Stanley.

    Sie rechnet im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 mit einer Rezession – und dann auch mit einem Anstieg der Kreditausfälle. Sollte Russland nach der Wartung der Ostseepipeline Nord Stream 1 Ende Juli die Gaslieferungen nach Deutschland nicht wieder aufnehmen, erwägen manche Banken Finanzkreisen zufolge, bereits im Rahmen des Halbjahresabschlusses zusätzliche pauschale Kreditrisikovorsorge zu bilden.

    Wuermeling: „Institute müssen wachsam bleiben“

    Aus Sicht von Bundesbank-Vorstand Wuermeling ist die Situation unabhängig von einem drohenden Gaslieferstopp kritisch. „Die meisten Banken haben ausreichend dicke Kapitalpuffer und können einige Belastungen wegstecken“, sagte er. „Aber die Institute müssen aufgrund der angespannten Rahmenbedingungen wachsam bleiben.“
    Die Bundesbank hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2022 im Juni von 4,2 auf 1,9 Prozent gesenkt. „Weltweit gibt es durchaus Rezessionsgefahren“, so Wuermeling. „Das wird Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen und damit am Ende auch bei den Banken.“

    Grafik

    Sorgen bereiten dem obersten Bankenaufseher der Bundesbank auch die hohen Preise, die in Deutschland im Juni 7,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats lagen. „Die gestiegene Inflation kann dazu führen, dass bei einigen Haushalten am Ende des Monats das Geld nicht mehr reicht“, betonte Wuermeling. „Auch hoch verschuldete Unternehmen können Probleme bekommen, wenn ihre Finanzierungskosten steigen.“

    Die Zinswende sei für die Banken zwar grundsätzlich positiv, weil die Institute dann keine Negativzinsen mehr bezahlen müssten und ihre Zinsmarge tendenziell ausweiten könnten. „Aufgrund der gestiegenen Marktzinsen haben sich die Refinanzierungen von Kreditinstituten jedoch bereits verteuert, während niedrig verzinste Kredite erst mal weiterlaufen“, sagte Wuermeling. „Zudem ist der Wert vieler Aktien und Anleihen in den Bankbilanzen gesunken.“

    Enria warnte ebenfalls vor Folgen der Rezession

    Andrea Enria, der oberste Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB), forderte die Banken am Donnerstag ebenfalls auf, sich auf eine Rezession vorzubereiten – und sich bei Dividendenzahlungen entsprechend zurückzuhalten. „Wir haben die Banken gebeten, ihre Kapitalplanungen zu überprüfen und dabei angemessen konservative und an das adverse makroökonomische Umfeld angepasste Szenarien zu berücksichtigen“, sagte Enria. Die Banken sollten die Kapitalplanungen mit ihren Aufsichtsteams abstimmen und diese bei ihrer Ausschüttungspolitik berücksichtigen.

    Zu Beginn der Coronakrise hatte die EZB den Banken die Ausschüttung von Dividenden ganz untersagt. Auf diese Weise wollte sie sicherstellen, dass die Institute genügend Puffer haben, um Verluste wegzustecken und Unternehmen mit Krediten zu unterstützen. Die Banken haben dieses pauschale Verbot scharf kritisiert – unter anderem weil es aus ihrer Sicht Investitionen in Bankaktien für Investoren weniger attraktiv macht.

    Im Bankensektor hoffen bisher viele, dass es trotz des erwarteten Wirtschaftsabschwungs nicht zu einer Welle von Kreditausfällen kommt. Bisher seien die Zahlen bei den Unternehmen noch gut, sagte Lutz Diederichs, Deutschlandchef der französischen Großbank BNP, Anfang der Woche bei einer Bankenkonferenz.

    „Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass die Gewinne kleiner werden.“ Auch die Ratings der Unternehmen könnten sich leicht verschlechtern – doch das sei kein großes Problem. „Die deutschen Unternehmen kommen von einem sehr hohen Gewinnniveau. Da ist ein bisschen Puffer und Luft drin, bevor sie über Wertberichtigungen reden.“ Sollte es zu einem Energieembargo kommen, werde sich die Situation jedoch grundlegend ändern, warnte Diederichs. Dann sei eine Rezession unausweichlich.

    „Und wenn wir über eine Rezession reden, reden wir auch darüber, dass Banken höhere Wertberichtigungen sehen werden.“ Grundsätzlich gehen viele Banker davon aus, dass der deutsche Staat – wie schon in der Coronakrise – Hilfsmaßnahmen ergreifen wird, um Unternehmen zu unterstützen, die wegen Gasknappheit in Schwierigkeiten geraten. Aktuell bereitet der Bund ja bereits einen möglichen Einstieg beim Gashändler Uniper vor.

    Rückmeldungen sind oft positiv

    Zudem gehen Banken derzeit ihre großen Firmenkunden durch und besprechen mit ihnen, was ein Gaslieferstopp für sie bedeuten würde. Die Rückmeldungen sind dabei häufig positiver als erwartet. Viele Unternehmen seien international aufgestellt und könnten bei Bedarf die Produktion im Ausland hochfahren, sagt ein Bankvorstand. „Sollte es zu einem Gaslieferstopp kommen, wäre das für die Aktionäre und Arbeitnehmer vieler Unternehmen ein schlechter Tag, aber nicht unbedingt für ihre Kreditgeber.“

    Morgan-Stanley-Analystin Stoklosa hat derzeit vor allem Konsumenten, kleine und mittelgroße Firmen sowie hoch verschuldete Firmen im Blick. Die Expertin geht davon aus, dass Privatkunden zwar weniger konsumieren werden, aber dass es nicht unbedingt zu Kreditausfällen kommen wird, weil der Arbeitsmarkt recht robust ist.

    Mittelständler werden aus ihrer Sicht unter dem Wirtschaftsabschwung leiden. Auf der anderen Seite seien viele Unternehmen noch ausreichend finanziert, weil sie sich nach dem Ausbruch von Corona umfangreiche Kredite gesichert hätten. „Für hoch verschuldete Unternehmen ist die Situation schwieriger, denn viele von ihnen können sich schlicht nicht mehr finanzieren“, sagt die Analystin. Im zweiten Quartal sei die Emissionstätigkeit im sogenannten „High-Yield-Markt“ für riskantere Firmenanleihen im Vergleich zum Vorjahr um rund 80 Prozent eingebrochen.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×