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14.03.2021

15:12

Finanzskandal

Greensill-Rettung ist gescheitert – Aufstieg und Fall eines Fintech-Stars

Von: Jakob Blume, Andreas Kröner, Carsten Volkery

Der Verkauf des einst gefeierten Finanz-Start-ups ist geplatzt, die Insolvenz der Banktochter steht bevor. Der Fall Greensill wird wie Wirecard in die Geschichte eingehen.

Beim insolventen Bremer Institut hatten auch viele öffentliche Institutionen und Unternehmen Millionen angelegt. Bloomberg

Sitz der Greensill Bank

Beim insolventen Bremer Institut hatten auch viele öffentliche Institutionen und Unternehmen Millionen angelegt.

Zürich, Frankfurt, London So abrupt hat sich Lex Greensill das Ende wohl nicht vorgestellt. Zwei Wochen nach der Zahlungsunfähigkeit seiner Firma in Australien wird in dieser Woche der Insolvenzantrag der deutschen Tochter, der Bremer Greensill Bank, erwartet. Auch der Resteverkauf an den US-Finanzinvestor Apollo ist gescheitert. Am Freitag brach die Private-Equity-Firma die Gespräche ab. „Game over“, sagte ein Insider. Damit ist das einst gefeierte Fintech des australischen Bauernsohns endgültig Geschichte.

Die Implosion des britisch-australischen Lieferkettenfinanzierers löst Schockwellen rund um den Globus aus. Namhafte Firmen wie Softbank und Credit Suisse hängen tief im Strudel, das ganze Ausmaß des Finanzskandals ist noch nicht absehbar. Der Rechtsstreit zwischen Gläubigern, Investoren und Versicherern wird voraussichtlich Jahre dauern. Klar ist bereits, dass in Deutschland Dutzende Kommunen vor Millionenverlusten stehen.

Auch könnten zahlreiche Greensill-Kunden noch in die Insolvenz rutschen, wenn sie keine alternativen Finanzierungsquellen finden. Die Regierungen in Großbritannien, Frankreich und Australien sind akut besorgt um Tausende Arbeitsplätze in den Stahlwerken des größten Greensill-Kunden Sanjeev Gupta. Der Unternehmer, dessen GFG Alliance Greensill rund fünf Milliarden Dollar schuldet, verhandelt derzeit über ein Stillhalteabkommen. Er braucht Zeit, um neue Kreditgeber zu finden.

Eine Insolvenz von GFG könnte auch den britischen Steuerzahler hart treffen: Laut „Financial Times“ hat der Staat für verschiedene Gupta-Firmen insgesamt Kreditgarantien von mehr als einer Milliarde Pfund abgegeben.

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    Nahezu jeden Tag kommen neue Details des Skandals ans Licht. So hat sich Greensill Capital laut „FT“ im Juli 2020 eine Kreditlinie über 110 Millionen Euro von der eigenen Bank in Bremen gesichert – und damit möglicherweise gegen Aufsichtsregeln verstoßen.

    Der rasante Absturz von Greensill zeigt, wie in der Finanzwelt alles mit allem vernetzt ist. Kritiker fragen, wie es so kurz nach dem Wirecard-Skandal zum nächsten großen Fintech-Kollaps kommen konnte. In Deutschland und Großbritannien wächst der Druck auf die Aufseher, den Schattenbanksektor schärfer zu regulieren. Denn rückblickend gab es mehrere Punkte, an denen sie früher hätten stutzig werden können. Eine Rekonstruktion.

    Der Aufstieg

    Die Geschichte von Greensill beginnt im Jahr 2011, als der australische Investmentbanker Lex Greensill sich in London selbstständig macht. Er hatte einige Jahre in der Lieferkettenfinanzierung bei den Großbanken Morgan Stanley und Citi gearbeitet. Nun tritt er an, um mit seinem Start-up das Geschäft „fairer“ zu machen.

    Das Modell ist simpel: Greensill Capital streckt Firmen Barmittel vor und bezahlt ihre Rechnungen bei Lieferanten sofort. Für die prompte Zahlung gibt es einen kleinen Discount von gewöhnlich einem Prozent. Später fordert Greensill den vollen Rechnungsbetrag vom Kunden zurück und steckt den Gewinn ein. Der Kunde freut sich über mehr Flexibilität beim eigenen Cashflow. Zusätzlich verpackt Greensill die relativ kurzfristigen Forderungen in Wertpapiere. Diese bietet er Anlegern zum Kauf an und generiert so Liquidität für das laufende Geschäft.

    Grafik

    Der heute 44-Jährige ist ein begnadeter Verkäufer. Gerne erzählt er, wie er als Teenager auf der elterlichen Farm in Australien den ersten Anschauungsunterricht mit säumigen Rechnungszahlern erhielt. Im Herzen sei er ein Bauer geblieben, am liebsten sitze er auf einem Trecker, behauptet der Londoner Finanzmanager. Deshalb wolle er mit seiner Technologie helfen, dass kleine Unternehmen sich zu den gleichen Bedingungen finanzieren können wie Staaten und Konzerne. Es ist eine dieser schönen Fintech-Geschichten.

    Deutsche Spareinlagen als solide Basis

    Bald berät er den damaligen britischen Premierminister David Cameron, um die Lieferbeziehungen der Behörden effizienter zu machen. Und er freundet sich mit dem Unternehmer Gupta an, der weltweit Stahlwerke aufkauft und für die Expansion immer neue Finanzmittel sucht.

    Um Kapital zu verleihen, braucht Greensill selbst verlässliche Geldquellen. 2013 steigt das Fintech daher beim Institut NordFinanz Bank in Bremen ein und benennt sie ein Jahr später in Greensill Bank um. Das Bremer Geldhaus schlittert seit Jahren von einer Krise in die andere. Der Einstieg des schillernden Aufsteigers Greensill weckt bei vielen die Hoffnung, dass die Bank nun endlich die Wende hinbekommt.

    Für Greensill ist das Institut, das er im November 2017 komplett schluckt, ein Glücksfall. Die Einlagen deutscher Sparer bilden fortan eine solide Finanzierungsbasis für sein Geschäft. Mit relativ hohen Zinssätzen lockt das Institut Neukunden an, darunter auch die Kämmerer etlicher deutscher Städte. Von 2017 bis 2019 verzehnfacht sich die Bilanzsumme des Instituts auf 3,8 Milliarden Euro.

    Zudem erschließt Lex Greensill 2017 in der Schweiz eine noch größere Finanzierungsquelle. Die Großbank Credit Suisse legt mehrere Lieferketten-Fonds auf, die ausschließlich die von Greensill verpackten Forderungen kaufen. In den Unterlagen für Anleger werden sie als Produkt mit geringem Risiko beworben, weil die Forderungen durch Ausfallversicherungen geschützt seien.

    Für das scheinbar geringe Risiko und die kurze Laufzeit scheinen die Fonds eine ordentlich verzinste Alternative zu Bargeld oder Geldmarktfonds zu sein. Daher stecken niedrigzinsgeplagte Profianleger und vermögende Privatkunden Milliardensummen in die Produkte.

    Der Unternehmensgründer ist auf einer Farm in Australien aufgewachsen und nach eigenen Angaben im Herzen Bauer geblieben. Ian Tuttle/Shutterstock

    Lex Greensill

    Der Unternehmensgründer ist auf einer Farm in Australien aufgewachsen und nach eigenen Angaben im Herzen Bauer geblieben.

    In Großbritannien wird Greensill als eines der erfolgreichsten Start-ups gefeiert, der Chef hält sich eine eigene Flotte von vier Gulfstream-Jets. 2018 erreicht das Unternehmen den begehrten Einhorn-Status: Das Fintech ist nun 1,6 Milliarden Dollar wert, nachdem der Risikokapitalgeber General Atlantic 250 Millionen Dollar investiert hat.

    Dieser Vertrauensbeweis ruft einen noch größeren Investor auf den Plan: Die japanische Softbank steigt 2019 mit 1,5 Milliarden Dollar ein und treibt die Bewertung von Greensill auf vier Milliarden Dollar.

    Erste Zweifel

    Zu diesem Zeitpunkt sind jedoch schon erste Zweifel an Greensills Geschäften aufgetaucht. Der Prüfungsverband deutscher Banken beginnt im April 2019, die Greensill Bank auf Klumpenrisiken zu untersuchen. Die Berliner Ratingagentur Scope warnt in einem Bericht, dass zwei Drittel der Kredite in der Bilanz an Gupta-Firmen vergeben wurden. In der Öffentlichkeit spricht Greensill stets von Millionen kleinen Kunden. Doch offenbar konzentriert er den Großteil seiner Kredite auf wenige Großkunden. 

    Auch in der Schweiz gibt es erste Warnzeichen. Der Vermögensverwalter GAM entlässt bereits 2018 den Star-Fondsmanager Tim Haywood wegen Missmanagement, weil er auf Greensills Vermittlung hin massiv in illiquide Zinspapiere der GFG Alliance investiert hatte. Haywoods Fonds werden abgewickelt. Es ist ein Vorgeschmack darauf, was kommen wird.

    Kurz nach dem Kollaps der GAM-Fonds beginnen die Credit-Suisse-Fonds plötzlich enorm zu wachsen. Das größte Produkt, der „Credit Suisse Supply Chain Finance Fund“, vervierfacht das verwaltete Vermögen in weniger als zwölf Monaten auf über sechs Milliarden Dollar. Einen Zusammenhang zwischen den beiden Entwicklungen bezeichnet die Credit Suisse als „Spekulation“.

    Immer häufiger gerät die unheilvolle Dreiecksbeziehung zwischen Greensill, Softbank und Credit Suisse in die Schlagzeilen. Im Frühjahr 2020 berichten „Financial Times“ und „Wall Street Journal“, dass Softbank die Credit-Suisse-Fonds für ein fragwürdiges Karussell benutzt: Der Investor schleust 1,5 Milliarden Dollar über diesen Umweg in die eigenen Portfolio-Firmen, um sie in der Coronakrise mit kurzfristiger Liquidität zu versorgen. Nach den Medienberichten zieht sich Softbank aus den Fonds zurück.

    Das Ende

    Der entscheidende Wendepunkt kommt im Sommer 2020. Da teilt der japanische Versicherer Tokio Marine Greensill in einem Schreiben mit, dass er die wichtigste Versicherungspolice am 1. März 2021 auslaufen lassen wird. Damit tickt die Uhr, denn ohne Versicherungsschutz versiegen die Finanzierungsquellen. Greensill versucht, einen neuen Versicherer zu finden, doch alle winken ab.

    Obendrein beginnt die deutsche Bankenaufsicht Bafin mit einer forensischen Sonderprüfung der Bank in Bremen. Die Kontrolleure gehen dem Verdacht nach, dass viele Forderungen, die Greensill aufgekauft hat, in Wirklichkeit gar nicht existieren. Als sich dieser Verdacht erhärtet, verbieten die Kontrolleure der Bank, weitere Forderungen von Greensill und Gupta aufzukaufen.

    Der Firmengründer versucht sich zu retten, indem er neue Investoren auftreibt. Er wolle die Firmenbewertung von Greensill auf sieben Milliarden Dollar verdoppeln, berichtet das „Wall Street Journal“ im Oktober. Doch für Greensill hagelt es Absagen. Nur Softbank gewährt ihm im Dezember eine Wandelanleihe über 400 Millionen Dollar.

    Greensill selbst lässt sich von dem drohenden Unheil nichts anmerken. Auf einer Fintech-Konferenz in Singapur erklärt er: „Covid hat unser Geschäft beschleunigt.“ Der Konzern habe die Mitarbeiterzahl im Corona-Jahr auf 1200 verdoppelt und sehe viele Gelegenheiten.

    Doch am 1. März fällt dann der Vorhang: Der Versicherungsschutz von Tokio Marine läuft wie angekündigt ab, eine Greensill-Klage auf Verlängerung weist der Supreme Court in Sydney ab. Daraufhin friert Credit Suisse die Lieferketten-Fonds ein. Die Bafin verhängt ein Moratorium über die Greensill Bank und stoppt damit alle Ein- und Auszahlungen. Greensill muss Insolvenz in Australien und Großbritannien beantragen.

    Unmut in Frankfurt

    Die Folgen des Zusammenbruchs werden alle Beteiligten noch lange beschäftigen. Softbank hat Berichten zufolge das gesamte Investment bereits abgeschrieben. Die Credit Suisse hat mehrere Manager von ihren Aufgaben entbunden, darunter den Chef der Vermögensverwaltung (Asset-Management) in der Schweiz. Auch Compliance-Vorständin Lara Werner steht unter Druck.

    Die Bank hat mit der Rückzahlung des Kapitals an die Anleger begonnen. Wie hoch die Verluste ausfallen, wird davon abhängen, ob die Greensill-Kunden, allen voran GFG, zahlungsfähig bleiben – und welche Ausfälle die Versicherung übernimmt.

    Bei der Greensill Bank müssen sich rund 50 Bundesländer und Kommunen auf Verluste einstellen. Allein vom Land Thüringen stehen 50 Millionen Euro auf dem Spiel, von der Stadt Monheim 38 Millionen Euro. Insgesamt belaufen sich die ungedeckten Einlagen auf rund 500 Millionen Euro.

    Private Investoren, die unter anderem über Plattformen wie „Weltsparen“ und „Zinspilot“ rund drei Milliarden Euro bei Greensill angelegt haben, kommen dagegen wohl mit dem Schrecken davon. Sie werden ihr Geld vom Einlagensicherungsfonds des Privatbankenverbands BdB zurückerhalten.

    Große heimische Geldhäuser wie die Deutsche Bank und die Commerzbank sind über die Entwicklung alles andere als erfreut. Denn sie werden den Einlagensicherungsfonds nach der Pleite der Greensill Bank wieder auffüllen müssen.

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