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11.01.2022

07:31

Fintech

Britische Neobank Revolut weitet Geschäft mit eigener Banklizenz aus – und fällt wohl künftig unter die direkte EZB-Aufsicht

Von: Elisabeth Atzler

Europas wertvollste Digitalbank will mit Einlagenschutz und Kreditvergabe nun auch in Deutschland neue Kunden anlocken. Die Zulassung dafür kommt aus Litauen.

Fintechs gelten bei Experten als besonders anfällig für überhöhte Bewertungen. obs

Debit-Karte von Revolut

Fintechs gelten bei Experten als besonders anfällig für überhöhte Bewertungen.

Frankfurt Die britische Neobank Revolut wächst rasant. Die Zahl ihrer Kundinnen und Kunden beziffert sie auf 18 Millionen, rund 70 Prozent davon in der EU, eine halbe Million in Deutschland.

Das zentrale Angebot des Finanz-Start-ups (Fintech) Revolut ist eine Finanz-App. Doch erst jetzt startet die als „Neobank“ oder „Smartphone-Bank“ bezeichnete Firma auch in Deutschland mit einer eigenen Banklizenz, wie das Unternehmen gerade bekannt gab. Die Banklizenz dafür stammt aus Litauen und ist EU-weit nutzbar. Bisher hat Revolut in Deutschland nur mit einer Zulassung als Zahlungsfirma, einer sogenannten E-Money-Lizenz, gearbeitet.

Angesichts der Größe von Revolut wird es aber wahrscheinlich nicht bei einer Kontrolle durch die litauische Aufsicht bleiben. Oliver Schreiber, Finanzchef der Bank, sagte dem Handelsblatt: „Wir rechnen damit, dass die Revolut Bank nach der Fusion mit Revolut Payment in Litauen eine systemrelevante Bank wird. Damit könnte sie zu einem späteren Zeitpunkt unter die direkte Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) fallen.“

Die EZB beaufsichtigt 115 Banken in der Euro-Zone direkt – besonders große Kreditinstitute und Geldhäuser, die eine erhebliche Rolle auf dem Heimatmarkt spielen, weil beispielsweise ihre Bilanzsumme mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes beträgt. Die kleineren Banken werden in erster Linie durch die nationalen Aufsichtsbehörden überwacht.

Vorbereitung auf direkte Kontrolle durch die EZB

Revolut wird das erste prominente, europaweit agierende Fintech sein, das sich der EZB-Aufsicht unterwirft. „Wir bereiten uns schon jetzt darauf vor“, sagte Schreiber. Auch die litauische Aufsicht sei „sehr professionell“.

Eine weitere Besonderheit ist, dass das Führungsteam der Revolut Bank vor allem virtuell zusammenkommt. Die Bank hat sechs Geschäftsführer in vier verschiedenen Ländern: Großbritannien, Irland, Deutschland und Litauen. Schreiber selbst war im vergangenen Herbst vom deutschen Wettbewerber N26 zu Revolut gewechselt, zuvor war er für die HSH Nordbank tätig.

Revolut, gegründet 2015, gilt als europäischer Marktführer unter den Neobanken. Im vergangenen Juli hatte das Unternehmen, an dessen Spitze Co-Firmengründer Nikolay Storonsky steht, 900 Millionen Dollar eingesammelt. Mit einer Bewertung von 33 Milliarden Dollar (29 Milliarden Euro) ist Revolut die wertvollste Neobank in Europa.

Schon länger wird über einen Börsengang des Fintechs spekuliert. Er würde wohl in den USA erfolgen. Storonsky äußerte sich kürzlich: „Wenn ein Aktienmarkt in den USA hundert Mal größer ist als in Großbritannien, könnte das natürlich der Hauptgrund sein, warum viele Firmen für ihren Börsengang die USA wählen.“

Auch in den USA will Revolut eine Banklizenz beantragen. Für den Heimatmarkt Großbritannien ist das schon passiert.

Harter Wettbewerb der Neobanken

Der Wettbewerb allerdings ist überall hart. Traditionelle Banken versuchen, Apps und Onlinebanking zu modernisieren. Daneben buhlen Onlinebanken – in Deutschland etwa ING und DKB – sowie andere Neobanken wie N26 aus Berlin vor allem um junge Kunden.

Anders als Revolut arbeitet N26, das mit acht Milliarden Euro bewertet wird, schon seit 2016 mit einer eigenen Banklizenz. Zu Beginn nutzte das 2013 gegründete Fintech eine Lizenz der Wirecard-Bank, die damals zu dem mittlerweile insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard gehörte. Etliche andere Smartphone-Banken, die in Deutschland agieren, greifen auf die Banklizenz der Solarisbank zurück.

Revolut indes nutzte erst als Zahlungsfirma die Lizenz. Über eine litauische Spezialbanklizenz verfügt Revolut seit dem Jahr 2018. Seit 2021 setzt das Fintech sie ein. Ende vergangenen Jahres erhielt es auch eine sogenannte Vollbanklizenz, die weitere Geschäfte zulässt. Die Zahl der Länder hat es bei der Nutzung der Banklizenz nach und nach erweitert – inzwischen EU-weit.

Ziel ist es, unter anderem auch in Deutschland weitere Produkte anzubieten und beispielsweise Kredite zu vergeben und Kreditkarten auszugeben. Bislang nutzen deutsche Kunden Schreiber zufolge in erster Linie die Revolut-Debitkarte in Verbindung mit der App.

Revolut soll zur „Super-App“ für Finanzen werden

Auch eine deutsche IBAN für hiesige Konten soll folgen. Zudem kann Revolut mit der Banklizenz Kundinnen und Kunden Einlagenschutz zusichern – über das entsprechende litauische System sind Einlagen bis zu 100.000 Euro abgesichert. Bei der bisherigen E-Money-Lizenz muss Revolut Payment nach eigenen Angaben zwar Einlagen der Kundinnen und Kunden auf einem Sicherheitskonto bei einer Bank deponieren. Damit ist aber keine gesetzliche Einlagensicherung verbunden, die sich an den einzelnen privaten Kunden richtet.

Revolut erklärte auf Anfrage, die Bank verfüge in Litauen über ein eigenes Kernbankensystem. Zudem arbeite man mit Cloud-Diensten.

Firmenchef Storonsky zielt darauf ab, Revolut zu einer „Super-App“ für Finanzdienstleistungen zu machen. Gemeint ist damit, dass Kunden die App ständig und für viele verschiedene Services nutzen – im Zuge der Banklizenz womöglich auch zusehends als Gehaltskonto. Das Fintech bietet unter anderem neben günstigen Multiwährungskonten auch Aktien- und Kryptohandel. Als Kunden zählt Revolut nur diejenigen, die sich vollständig registriert und deren Identität bei der Anmeldung geprüft wurde, wie das Unternehmen erklärt.

Der starke Wachstumskurs ließ allerdings auch die Verluste bei Revolut ansteigen. 2020 vergrößerte sich der Nettoverlust um 57 Prozent auf 168 Millionen Pfund (gut 200 Millionen Euro). Das lag vor allem an deutlich erhöhten Personal- und Verwaltungskosten. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei anderen großen Fintechs wie Klarna aus Schweden und N26. Der bereinigte Umsatz von Revolut stieg damals um 34 Prozent auf 222 Millionen Pfund. Die Investoren unterstützen den Expansionskurs jedoch, wie die große Finanzierungsrunde im Sommer zeigte.

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