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10.05.2022

15:55

Girokonto

ING verabschiedet sich als erste große Privatkundenbank von Negativzinsen

Von: Elisabeth Atzler, Dennis Schwarz

PremiumDie Onlinebank schafft Verwahrentgelte für fast alle Kunden in Deutschland ab, der Freibetrag steigt auf 500.000 Euro. Sie setzt damit die Konkurrenz unter Druck, ihr zu folgen.

Mit der Erhöhung des Freibetrags auf dem Giro- und Extra-Konto entfällt das Verwahrentgelt für 99,9 Prozent der ING Kunden. imago images/Belga

ING

Mit der Erhöhung des Freibetrags auf dem Giro- und Extra-Konto entfällt das Verwahrentgelt für 99,9 Prozent der ING Kunden.

Frankfurt Die Direktbank ING Deutschland mit neun Millionen Kunden schafft Negativzinsen ab und setzt damit ein Zeichen in der deutschen Finanzbranche. Die Onlinebank hebt zum 1. Juli die Freibeträge für Guthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten von derzeit 50.000 auf 500.000 Euro an, wie die Bank am Dienstag mitteilte. „Mit der Erhöhung des Freibetrags für Guthaben auf dem Giro- und Extra-Konto entfällt das Verwahrentgelt für 99,9 Prozent unserer Kundinnen und Kunden“, sagte Vorstandschef Nick Jue.

Die Bank gibt damit nach eigenen Angaben die positive Zinsentwicklung an den Kapitalmärkten und die zuversichtliche Markterwartung an ihre Kunden weiter. Seit Februar 2021 hatte die ING Verwahrentgelte für Neukunden ab 100.000 Euro verlangt. Im Juni folgte die Ausweitung auf Bestandskunden sowie ein Absenken des Freibetrags auf 50.000 Euro je Konto.

„Wir haben als eine der letzten Banken ein Verwahrentgelt eingeführt und schaffen es als eine der ersten quasi wieder ab.“ dpa

Nick Jue, Vorstandschef der ING in Deutschland

„Wir haben als eine der letzten Banken ein Verwahrentgelt eingeführt und schaffen es als eine der ersten quasi wieder ab.“

Der Schritt der ING könnte der Beginn einer Trendwende sein. Denn die Erwartung steigt damit, dass weitere Geldhäuser in Kürze die Bedingungen bei den Verwahrentgelten lockern. Oliver Maier, Geschäftsführer beim Vergleichsportal Verivox, betrachtet die Ankündigung der ING als ein „deutliches Signal“ für die gesamte Branche. „Wenn große Häuser wie die ING ihre Konditionen verbessern, steigt automatisch der Druck auf die Wettbewerber, ebenfalls aktiv zu werden.“

Laut Verivox haben zuletzt bereits mehrere Geldhäuser die Freibeträge für die Berechnung von Minuszinsen angehoben. In den vergangenen zwei Wochen waren es demnach vier Banken: die PSD Bank Kiel, die Oldenburgische Landesbank, die Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau und die Volksbank Stendal. Bei der Oldenburgischen Landesbank stieg jüngst die Freigrenze von 100.000 Euro auf 500.000 Euro, wobei der Negativzins, so Verivox, bei Überschreiten der Freigrenze auf das gesamte Guthaben berechnet wird.

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    Experten erwarten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli eine Zinswende einleiten wird. Derzeit liegt der Leitzins noch bei null Prozent. Der Einlagenzins, zu dem Geschäftsbanken Geld bei der EZB parken, beträgt sogar minus 0,5 Prozent. Mehrere Top-Notenbanker haben bereits angedeutet, dass die EZB im Sommer eine Wende in der Geldpolitik vollziehen könnte. Die Marktzinsen sind daraufhin bereits gestiegen.

    Viele Banken zögern noch

    Doch unmittelbar folgen wollten Wettbewerber der ING zunächst nicht, wie eine Umfrage des Handelsblatts unter mehreren Geldinstituten ergab. Die Commerzbank erklärte: „Wir schauen uns die Entwicklung genau an und werden reagieren, wenn sich die steigenden Zinsen als nachhaltig erweisen.“

    Auch andere Banken hielten sich bedeckt. Die Onlinebank DKB erklärte, dass es aktuell „keine Pläne zur Anpassung der Freigrenzen“ gebe. Ähnlich klingt es auch bei der Berliner Volksbank, der größten Volksbank in Deutschland: „Da die EZB noch keine Entscheidung getroffen hat, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Antwort dazu geben.“

    Die Banken begründen Verwahrentgelte von in der Regel 0,5 Prozent meist mit der Geldpolitik der EZB. Einige Geldhäuser haben ihre Minuszinsen für Privatkunden allerdings direkt an den negativen Einlagenzins der Notenbank gekoppelt, dies teils sogar vertraglich festgeschrieben. Die EZB hatte die Strafzinsen 2014 eingeführt, seit Herbst 2019 betragen sie minus 0,5 Prozent.

    So teilte die Deutsche Bank mit, dass sich die Höhe des Verwahrentgelts nach dem Einlagenzins, der sogenannten Einlagenfazilität, der EZB richte. „Wenn die EZB den Satz der Einlagenfazilität ändert, werden wir im Privatkundengeschäft das Entgelt kurzfristig anpassen und für den Fall einer Einlagenfazilität von null oder größer vollständig auf die Erhebung eines Verwahrentgelts verzichten“, sagte eine Sprecherin der größten deutschen Privatkundenbank.

    Auch die Hamburger Sparkasse und die Berliner Sparkasse richten sich bei Negativzinsen für ihre Kunden nach dem EZB-Einlagensatz. Die Frankfurter Volksbank verweist darauf, dass dies bei ihr entsprechend festgeschrieben sei: „Die vertraglichen Regelungen sehen vor, dass die Höhe des Verwahrentgelts direkt an den Zinssatz der EZB gekoppelt ist und sich bei Veränderungen der EZB entsprechend anpasst.“

    455 Geldhäuser mit Negativzinsen

    Noch ist die Zahl der Kreditinstitute groß, die Verwahrentgelte verlangen. Verivox registriert mit Blick auf die Preisaushänge derzeit 455 Geldhäuser mit Negativzinsen für Privatkunden. Das entspricht gut einem Drittel der untersuchten Kreditinstitute. Ende März waren es 450 Banken und Sparkassen, zu Jahresbeginn 423. Tatsächlich dürfte die Zahl noch höher liegen, weil nicht alle Bankenkonditionen im Internet frei zugänglich veröffentlicht werden.

    23 Geldhäuser veranschlagen zudem eine Gebühr für das üblicherweise kostenfreie Tagesgeldkonto, teils zusätzlich zu Negativzinsen. Meist greifen die Minuszinsen oberhalb eines Freibetrags von 100.000 oder 50.000 Euro, mitunter auch schon ab 10.000 Euro.

    Betroffen sind davon Neu- wie Bestandskunden. Bei neuen Kunden führen Kreditinstitute Negativzinsen über die Regelungen im Preisverzeichnis ein. Bei Bestandskunden versuchen sie, für die Erhebung von Verwahrentgelten eine explizite Zustimmung zu erhalten.

    Grafik

    Verbraucherschützer glauben allerdings, dass Verwahrentgelte auf Giro- und Tagesgeldkonten grundsätzlich nicht erlaubt seien. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) klagt deshalb gegen mehrere Banken und hat vor Landgerichten auch teils bereits recht bekommen. Die Fälle gehen nun in die nächste Instanz.

    ING-Deutschland-Chef Jue hatte Mitte Februar im Gespräch mit dem Handelsblatt bereits angekündigt, keine Verwahrentgelte für Privatkunden mehr zu erheben, sobald die EZB sich von ihrer Minuszinspolitik verabschiede. Nun kommt die ING Deutschland dieser Entscheidung sogar zuvor.

    Bei der ING Deutschland, die zur niederländischen Großbank ING gehört, hat die Senkung des Freibetrags auf 50.000 Euro offenbar zuvor Wirkung gezeigt. Die Kundeneinlagen gingen deutlich zurück. In den ersten drei Monaten 2022 sanken sie auf 129 Milliarden Euro – ein Rückgang von fast 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal.

    ING Deutschland: „Überwiegende Mehrheit“ hat AGBs bereits zugestimmt

    Wie viele Kunden zuletzt Negativzinsen zahlen mussten und wie viele genau künftig betroffen sind, wollte die ING Deutschland nicht sagen. „Nur ein kleiner Teil unserer Kundinnen und Kunden zahlt ein Verwahrentgelt, demzufolge sind die Einnahmen aus Verwahrentgelten verhältnismäßig gering“, sagte ein ING-Sprecher.

    Die Bank geht davon aus, dass ihr der höhere Freibetrag auch an anderer Stelle hilft. Sie erwartet nach eigenen Angaben, durch die Erhöhung der Freibeträge auch jene Kunden zu überzeugen, die den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) inklusive Verwahrentgelt noch nicht zugestimmt haben. Sie setzt darauf, dass „die Bank damit weniger Kunden kündigen wird als zuletzt geplant“. Insgesamt führt das Geldhaus rund sieben Millionen Girokonten sowie andere Konten.

    Bislang habe die überwiegende Mehrheit der Kunden den AGBs aber bereits zugestimmt, erklärte die ING. Je nach Kundengruppe sei die Bank unterschiedlich nah an einer Zustimmungsquote von 100 Prozent, so der Sprecher weiter.

    Hintergrund ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom April 2021. Demnach müssen Geldhäuser bei Änderungen der allgemeinen Geschäftsbedingungen, zum Beispiel bei Preiserhöhungen, die ausdrückliche Zustimmung ihrer Kunden einholen (Az. XI ZR 26/20). Geklagt hatte der VZBV gegen die Postbank, die mehrfach Gebühren angehoben hatte.

    Bis zum Urteil hatten Banken und Sparkassen die Gebühren üblicherweise über die bestehenden Klauseln erhöht. Sie gingen von einer stillschweigenden Zustimmung der Kunden aus, wenn diese einer Änderung nicht binnen zwei Monaten widersprachen. Nun holen branchenweit zahlreiche Kreditinstitute die Einwilligung zu den aktuellen AGBs im Nachhinein ein.

    Die ersten Geldhäuser haben Kunden, die AGBs oder Negativzinsen nicht zustimmten, bereits gekündigt. Die ING wird nun einer mittleren zweistelligen Zahl an Kunden eine Kündigung aussprechen, wie der Sprecher sagte.

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