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29.06.2022

15:21

Handelsblatt-Umfrage

Deutsche Banken wollen weiter Bargeld am Schalter ausgeben – trotz hoher Kosten

Von: Andreas Kröner, Elisabeth Atzler

Im Gegensatz zur Deutschen Bank wollen viele Finanzinstitute an dem Service festhalten. Dabei ist das reine Schaltergeschäft längst defizitär.

Die Institute halten trotz hoher Kosten an dem Service fest, wie eine Umfrage des Handelsblatts ergeben hat. dpa

Sparkassenmitarbeiterin an einem Schalter in München

Die Institute halten trotz hoher Kosten an dem Service fest, wie eine Umfrage des Handelsblatts ergeben hat.

Frankfurt Als die Deutsche Bank kürzlich durchblicken ließ, dass sie in den meisten Filialen am Schalter mittelfristig keine Geldscheine mehr ausgeben will, war der Aufschrei groß. Im Gegensatz zur Deutschen Bank wollen denn auch viele Kreditinstitute in den bestehenden Niederlassungen weiterhin die Einzahlung und Abhebung von Bargeld am Schalter anbieten – gerade Sparkassen sogar in allen Filialen. Das ergab eine Handelsblatt-Umfrage unter mehreren deutschen Geldhäusern.

In Deutschland wird Bargeld noch intensiver genutzt als in vielen anderen Ländern. Im vergangenen Jahr zahlten die Bundesbürger gut 60 Prozent ihrer Einkäufe mit Scheinen und Münzen. Die allermeisten besorgen sich das Bargeld am Automaten.

Zahlreiche deutsche Banken haben in den vergangenen Jahren die Zahl ihrer Filialen und damit auch ihrer Geldausgabestellen reduziert. Dabei beziehen gerade ältere Kundinnen und Kunden Bargeld jedoch nach wie vor am Schalter. Wenn Auszahlungen dort abgeschafft werden, käme das bei ihnen nicht gut an. Darüber hinaus nutzen auch viele Gewerbetreibende Einzahlungen und Auszahlungen am Schalter. Viele Kreditinstitute halten an dem Service deshalb trotz hoher Kosten fest.

„In allen unseren 116 Filialen haben Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, über die Kasse Geld abzuheben“, erklärte beispielsweise die Kreissparkasse Köln. „Eine Reduzierung ist derzeit nicht geplant.“ Ähnlich äußerte sich die Hamburger Sparkasse (Haspa). Dort kann in allen der rund 100 Nachbarschaftsfilialen Bargeld ein- und ausgezahlt werden.

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    Bei der Frankfurter Volksbank können Kunden derzeit in 73 von 90 mit Mitarbeitern besetzten Geschäftsstellen Bargeld abheben. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine Planungen, diesen Service einzuschränken“, erklärte ein Sprecher.

    Auch die Commerzbank hat nach eigenen Angaben keine Pläne, die Zahl der Filialen, in denen Kunden Geld am Schalter abheben können, weiter zu reduzieren. Allerdings gibt es bei Deutschlands zweitgrößter Privatbank bereits heute nur noch in rund 100 ihrer insgesamt 550 Niederlassungen eine Kasse.

    Banken verdienen vor allem mit der Beratung

    Die Oldenburgische Landesbank (OLB) hat die Zahl ihrer Filialen von einst 180 auf 40 reduziert. „Aktuell planen wir nicht, das Abheben oder Einzahlen von Bargeld am Schalter komplett abzuschaffen“, sagte OLB-Chef Stefan Barth dem Handelsblatt. „Aber natürlich ist die Bargeldversorgung von Filialen oder Geldautomaten in der Bewirtschaftung teuer.“

    Dies ist auch das Hauptmotiv, warum die Deutsche Bank Scheine von den Bankschaltern verbannen will. „In der Zukunft möchte ich kein Bargeld mehr in den Filialen anbieten, denn das Vorhalten von Bargeld verursacht Kosten“, sagte der Chef des heimischen Privatkundengeschäfts Lars Stoy Ende Mai auf einer Investorenkonferenz.

    „Die Hauptaufgabe der Filiale ist der Verkauf“, erklärte Stoy. „Die Beratung der Kunden bei Anlagen, Hypotheken, bis zu einem gewissen Grad bei Konsumkrediten und Versicherungen. Dann werden Filialen auch wieder profitabel sein.“

    Den Plänen zufolge will Deutschlands größtes Finanzinstitut Bargeld nur noch in einigen großen Zentren anbieten. In den meisten Deutsche-Bank-Filialen wird es Scheine dann ausschließlich am Geldautomaten geben.

    Auch OLB-Chef Barth hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sein Institut das Privatkundengeschäft profitabler gestalten kann. Das Ergebnis: Er will trotz der drastischen Reduktion der Niederlassungen mehr Kredite an Privatkunden vergeben und das Wertpapier- und Versicherungsgeschäft ausbauen.

    „Geld verdienen lässt sich im Filialgeschäft vor allem mit der Beratung, beispielsweise bei Baufinanzierungen, oder dem Wertpapiergeschäft“, sagte Barth. „Das reine Schaltergeschäft ist dagegen leider defizitär und nicht zuletzt tendenziell auch weniger nachgefragt.“

    Die allermeisten Kunden nutzen Geldautomaten

    Angesichts der Kosten verlangen zahlreiche Geldhäuser, abhängig vom Kontomodell, inzwischen Gebühren für Aus- und Einzahlungen am Schalter. Die meisten Kunden besorgen sich Bargeld auch deshalb nicht mehr an der Kasse.

    Im genossenschaftlichen Finanzsektor finden mittlerweile 96,7 Prozent aller Abhebungen am Geldautomaten und lediglich 3,3 Prozent am Kundenschalter statt, wie der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) erklärte. Auch bei der Commerzbank laufen mehr als 90 Prozent aller Bargeldabhebungen über Selbstbedienungsgeräte.

    „Daher liegt der Fokus auf der Modernisierung dieser Geräte und dem Ausbau der Einzahlmöglichkeiten über Selbstbedienungsterminals“, erklärte die Commerzbank. Sie betreibt aktuell rund 1600 Geldautomaten – an 900 davon sind auch Einzahlungen möglich. „Eine Reduzierung der Geräte ist nicht geplant“, betont das Frankfurter Geldhaus.

    Die Sparkassen-Finanzgruppe betreibt insgesamt sogar 23.000 Geldautomaten – und beobachtet ebenfalls, dass der Schalter „für die reine Bargeldversorgung der Bevölkerung eine zunehmend untergeordnete Rolle“ spielt.

    „Er wird insbesondere dann, wenn Sorten oder größere Geldbeträge benötigt werden, in Anspruch genommen“, erklärte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). „Firmenkunden von Sparkassen nutzen im Vergleich zu Privatpersonen häufiger Services zum Bargeld am Schalter – einfach, weil sie häufiger mit größeren Summen in bar umgehen.“

    Commerzbank beobachtet „Renaissance des Bargelds“

    Grundsätzlich habe Bargeld in Deutschland nach wie vor eine hohe Bedeutung, betonte der DSGV. Allerdings gewinne – nicht zuletzt bedingt durch die Coronakrise – kartenbasiertes und hierbei insbesondere kontaktloses Bezahlen an Bedeutung.

    Die Hoffnung mancher Banker, dass sich der Trend zum bargeldlosen Bezahlen wie in den ersten Monaten der Coronakrise fortsetzt und Bargeld bald kaum noch gebraucht wird, scheint sich allerdings nicht zu erfüllen.

    Bei der Commerzbank seien die Geldautomaten in den Selbstbedienungscentern inzwischen wieder gut frequentiert, sagte Vizechefin Bettina Orlopp kürzlich in einem Podcast des Portals „Finanz-Szene“. Die Deutschen seien nun mal „Liebhaber des Bargelds“ – und man könne feststellen, „dass es wieder so eine kleine Renaissance gibt“.

    Orlopps Fazit: „Das Bargeld ist ein wichtiger Teil vom Bankgeschäft – und ich habe nicht das Gefühl, dass sich das kurzfristig ändern wird.“

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