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21.08.2020

17:39

Insolventer Zahlungsabwickler

Wirecard verkauft Brasilien-Tochter und Teile des britischen Geschäfts

Von: Felix Holtermann

Zwei Wirecard-Landesgesellschaften haben nun Käufer gefunden. Auch für das US- und das deutsche Kerngeschäft gibt es Interessenten. Die Zeit drängt.

Wirecard ist in einen milliardenschweren Betrugsskandal verwickelt und hat Insolvenz angemeldet. Reuters

Wirecard in Aschheim

Wirecard ist in einen milliardenschweren Betrugsskandal verwickelt und hat Insolvenz angemeldet.

Frankfurt Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé macht erste Fortschritte bei der Verwertung des in einem Bilanzskandal zusammengebrochenen Zahlungsabwicklers. Für die brasilianische Tochter mit gut 200.000 Kunden hat Jaffé mit dem heimischen, an der New Yorker Börse gelisteten Zahlungsdienstleister PagSeguro Digital einen Käufer gefunden. Es wäre der erste Verkauf eines Unternehmensteils nach der spektakulären Pleite Ende Juni.

In Großbritannien steht Wirecard wiederum kurz vor dem Verkauf des operativen Geschäfts der Tochter Wirecard Card Solutions, die vor allem Online-Transaktionen für Finanztechnologie-Unternehmen abwickelt und Kreditkarten ausgibt. Die britische Aufsichtsbehörde FCA hatte dem Unternehmen nach der Insolvenz der Mutter zeitweise den Geschäftsbetrieb untersagt. Kunden können aber inzwischen wieder auf ihr Geld zugreifen. Das Unternehmen bestätigte am Freitag Gespräche mit dem Konkurrenten Railsbank.

Nach Informationen des Handelsblatts hat sich die britische Tochter selbst zum Verkauf gestellt. Inzwischen wurde laut Jaffé eine Grundsatzvereinbarung unterschrieben über den „Verkauf bestimmter Kundenbeziehungen und weiterer Vermögensgegenstände“. Laut der Londoner Zeitung „The Times“ sollen auch Mitarbeiter übernommen werden, das übrige Großbritannien-Geschäft werde abgewickelt.

Die „Times“ zitierte Railsbank-Chef und -Gründer Nigel Verdon mit den Worten, er wolle den Kunden etwas Sicherheit geben und den Ruf seiner Firma nutzen, um das verlorene Vertrauen in den ganzen Payment-Sektor wiederherzustellen.

Die Wirecard Card Solutions ist nicht insolvent und daher weiter autonom handlungsfähig. Der für die Konzernholding und andere Töchter bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé war daher nur mittelbar am Deal beteiligt.

Interessenten für das US-Geschäft

Auch für die US-Tochter und das deutsche Kerngeschäft gebe es Interessenten, teilte Jaffé am Freitag mit. Für das US-Geschäft mit Kreditkarten, das Wirecard 2016 von der Großbank Citi übernommen hatte, würden in Kürze bindende Gebote fällig. Vor allem Finanzinvestoren sollen interessiert sein.

Zu den verbliebenen potenziellen Käufern gehörten die Private-Equity-Gesellschaften KKR sowie Bain und Advent mit ihren Unternehmen Heidelpay und Concardis, erklärten Insider dem Handelsblatt. Außerdem noch an Bord sind demnach die Wettwerber Worldline und Nets sowie der Online-Bezahldienst Paypal. Auch die spanische Großbank Santander sei interessiert.

Die Zeit drängt: Bis Ende August muss Jaffé Klarheit haben, welche Teile von Wirecard sich verwerten lassen oder allein überlebensfähig sind. Zumindest einem Teil der rund 1500 deutschen Mitarbeiter droht dann die Kündigung. Diese organisieren sich derzeit und planen die Gründung von Betriebsräten.

Um den 1. September wird das Insolvenzverfahren über die Wirecard AG und ein halbes Dutzend deutsche Töchter offiziell eröffnet. Vorher muss Jaffé sein Insolvenzgutachten über den Zustand und die Perspektiven des tief gefallenen Unternehmens dem Gericht vorlegen. Nur bis Ende August bekommen die deutschen Mitarbeiter Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur, danach müsste die Belegschaft wieder aus der Firmenkasse bezahlt werden. Doch Jaffé darf keine weiteren Verluste anhäufen, die zulasten der Gläubiger gehen würden.

Die Gewerkschaft Verdi geht davon aus, dass ein Drittel der heimischen Arbeitsplätze gerettet werden kann, wenn Jaffé das Kerngeschäft als Ganzes verkauft bekommt. Der erfahrene Jurist hatte unter anderem das Medienimperium von Leo Kirch und den Chip-Hersteller Qimonda abgewickelt.

Gebündelter Verkauf angestrebt

Der Insolvenzverwalter hat die wichtigsten Firmenteile von Wirecard in Deutschland gebündelt, um sie für einen Verkauf vorzubereiten. „In dieser unübersichtlichen Struktur wäre das für einen Käufer sonst nicht finanzierbar gewesen“, sagte ein Insider der Agentur Reuters. „Es ging darum, das Geschäft auf den realistischen Kern zurückzustutzen.“ Wirecard hat sich vor allem mit der Abwicklung und Absicherung von Zahlungen über Kreditkarten im Internet und an Ladenkassen profiliert.

Eine Sonderrolle nimmt die Wirecard Bank ein, die selbst nicht pleite, aber mit dem Kerngeschäft eng verwoben ist. Sie war unter der Ägide der Finanzaufsicht Bafin von der Wirecard AG abgeschirmt und stabilisiert worden. Ob sie am Ende zusammen mit dem Kerngeschäft oder separat verkauft wird, hänge vom Interesse der möglichen Käufer ab, hieß es in Firmenkreisen. Jaffé sagte nur: „Es gibt mehrere namhafte Interessenten, die indikative Angebote abgegeben haben.“ Für Teile von Wirecard interessierte sich zuletzt auch die Deutsche Bank.

Wirecard musste Ende Juni Insolvenz anmelden, nachdem sich 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz als nicht existent herausstellten. Nach Erkenntnissen der Münchner Staatsanwaltschaft haben die Manager von Wirecard die Bilanz mit Luftbuchungen in Asien über Jahre künstlich aufgebläht und damit Verluste im Kerngeschäft kaschiert. Allein Banken und Investoren seien um mehr als drei Milliarden Euro geprellt worden.

Die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Bilanzen des vermeintlichen Aushängeschilds der Fintech-Branche in Deutschland mehr als zehn Jahre lang testiert hatten, werfen dem Management um Vorstandschef Markus Braun und seinen flüchtigen Vertrauten Jan Marsalek vor, sie bewusst getäuscht zu haben.

Noch vor zwei Jahren war das Unternehmen an der Börse fast 25 Milliarden Euro wert, am Freitag wurde die Aktie zum letzten Mal im Leitindex Dax gehandelt. Von mehr als 190 Euro ist sie auf zuletzt 1,32 Euro abgestürzt. Vom Erlös aus der Zerschlagung werden die Aktionäre voraussichtlich nichts sehen. Denn allein die Gläubiger dürften rund vier Milliarden Euro fordern. Der Verkauf der einzelnen Firmenteile könnte nach Schätzungen von Insidern etwa ein Zehntel davon einbringen. Zum Kaufpreis für Wirecard Brazil äußerte sich PagSeguro nicht.

Mit Material von Reuters.

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