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17.11.2022

16:03

KfW-Kreditmarktausblick

Rekord statt Flaute: Das Neugeschäft mit Firmen-Krediten boomt

Von: Yasmin Osman, Andreas Kröner

Trotz drohender Rezession und schlechterer Konditionen machen Banken mehr Geschäft mit Unternehmensfinanzierungen. Die Krise schlägt sich an anderer Stelle nieder.

„In diesem Ausmaß hat uns der Anstieg im Neugeschäft überrascht“, sagt die KfW-Chefvolkswirtin. imago images/photothek

Fritzi Köhler-Geib

„In diesem Ausmaß hat uns der Anstieg im Neugeschäft überrascht“, sagt die KfW-Chefvolkswirtin.

Frankfurt Deutsche Unternehmen und Selbstständige leihen sich nach wie vor in großem Umfang Geld bei Banken und Sparkassen. Das Kreditneugeschäft dürfte im dritten Quartal sogar rekordverdächtig stark gestiegen sein. Das geht aus dem jüngsten Kreditmarktausblick hervor, den die staatliche Förderbank für das Handelsblatt exklusiv berechnet.

Schon im zweiten Quartal dürfte das Kreditneugeschäft im Vergleich zum Vorjahr um „immense 21,3 Prozent“ gestiegen sein – das ist laut KfW ein Rekordhoch. Für das dritte Quartal geht die Förderbank sogar von einem weiteren Anstieg aus. „In der Spitze könnte das Kreditneugeschäft um 25 bis 35 Prozent wachsen“, heißt es im Kreditmarktausblick. Dabei hatten viele Geldhäuser ihre Kreditvergabekriterien im dritten Quartal eher verschärft.

Mit dieser Entwicklung hat die Förderbank nicht gerechnet. So sagt KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib: „In diesem Ausmaß hat uns der Anstieg im Neugeschäft überrascht.“

Für die Ermittlung des Kreditneugeschäfts analysiert die KfW vierteljährlich die Veränderungen des von der Bundesbank erhobenen Kreditbestands und trifft Annahmen über die planmäßigen Tilgungen, die dann hinzugerechnet werden. Wohnungsbaudarlehen und Kredite an Versicherer und Finanzierungsinstitutionen rechnet die KfW aus den Bundesbank-Daten heraus.

Ursprünglich hatte die Förderbank im zweiten Halbjahr mit einer Abschwächung des dynamischen Kreditwachstums gerechnet. Stattdessen wächst das Neugeschäft in Dimensionen, wie es sie zuletzt im ersten Quartal 2008 gab, als sich viele Firmen wegen der heraufziehenden Finanzkrise ein möglichst dickes Liquiditätspolster zulegten. „Der Zuwachs liegt damit sogar noch über den Werten zu Beginn der Coronapandemie“, betont Köhler-Geib.

Auch Commerzbank registriert hohe Nachfrage

Es gibt Sonderfaktoren, die zu den enorm hohen Wachstumsraten beigetragen haben: So tragen die Kredite an Energieversorger, die die KfW im Auftrag des Bundes zur Sicherung der Gasversorgung vergibt, zum hohen Volumen bei. Hinzu kommt ein statistischer Effekt: Im Vorjahr hatte sich die Kreditvergabe relativ schwach entwickelt. „Aber auch ohne diese beiden Sondereffekte wären die Ausreichungen deutscher Banken nach unseren Schätzungen noch immer sehr kräftig um rund zehn Prozent angestiegen“, analysiert die KfW.

Grafik

Das deckt sich mit Aussagen von Branchenvertretern. Im Firmenkundengeschäft sei die Kreditnachfrage weiter hoch, berichtete Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp. Viele Unternehmen hätten im dritten Quartal zur Finanzierung von Lagerbeständen oder zu anderen Zwecken kurzfristig Liquidität aufgenommen. „Wir gehen davon aus, dass wir hier weitere Nachfrage sehen“, sagte Orlopp.

Orlopps Aussagen decken sich mit den Ergebnissen der jüngsten Bank Lending Survey der Bundesbank, eine vierteljährliche Umfrage der Notenbank unter Banken zum Kreditgeschäft. Sie kam zu dem Schluss, dass viele Unternehmen „angesichts instabiler Lieferketten bei Vorprodukten und in Erwartung weiter steigender Kosten ihre Lagerhaltung vergrößert und hierfür verstärkt auf Bankkredite zurückgegriffen“ haben.

Gerade das große Interesse an solchen Betriebsmittelkrediten ist damit aber auch eine Folge der aktuellen Krise: „Hier spiegeln sich vor allem die immer weiter steigenden Kosten für Vorleistungsgüter und die massive Verteuerung von Energie wider, die die Liquiditätsplanung der Unternehmen unter Stress setzen“, schreibt die KfW.

Aus Sicht der Förderbank sind auch die Probleme in den Lieferketten ein wichtiger Faktor. „Weltweit zeichnet sich in diesem Punkt eine Entspannung ab, aber in Deutschland sorgt dieser Faktor hartnäckig für Probleme“, betont Köhler-Geib.

Weltweit zeichnet sich in diesem Punkt eine Entspannung ab, aber in Deutschland sorgt dieser Faktor hartnäckig für Probleme. KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib

„Wir befinden uns in einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation. Das erklärt, warum sich Unternehmen trotz der heraufziehenden Rezession in ungewöhnlichem Ausmaß zusätzlich verschulden“, resümiert die KfW.

Wie sehr Betriebsmittelkredite das Neugeschäft prägen, zeigt auch ein Blick auf die Laufzeiten der Finanzierungen. „Den Löwenanteil des Neugeschäftsanstiegs machen kurz- und mittelfristige Darlehen aus“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib. Solche Laufzeiten sind typisch für Finanzierungen der Lagerhaltung oder des Wareneinkaufs. Für Investitionen vereinbaren Unternehmen dagegen typischerweise längerfristige Laufzeiten.

KfW beobachtet bei langfristigeren Krediten „gewissen Aufwärtstrend“

Das bedeutet nicht, dass Investitionsfinanzierungen vollkommen ausbleiben würden. Grundsätzlich bestehe bei vielen Firmenkunden wegen der digitalen und nachhaltigen Transformation der Wirtschaft „ein großer Investmentbedarf“, sagt Commerzbank-Managerin Orlopp. Sie hat den Eindruck, dass diese Themen für viele Unternehmen trotz diverser anderer Krisen weiterhin große Bedeutung haben.

Auch die KfW beobachtet bei längerfristigen Krediten „noch einen gewissen Aufwärtstrend“, obwohl viele Mittelständler Investitionsprojekte verschieben wollen. KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib hält es aber für möglich, dass diese längerfristigen Kredite Investitionsvorhaben finanzieren, die sich bereits in der Umsetzung befinden – und die durch die Inflation teurer geworden sind.

Auch wenn sich der aktuelle Kreditboom damit womöglich hartnäckiger hält, als die ökonomische Lage erwarten lässt, auf längere Sicht rechnet Köhler-Geib mit einem Abflauen der Kreditvergabe. Bei neuen Investitionen dürften Unternehmen in der Rezession vorsichtiger werden.

Die Bundesbank beobachtet in ihrer Bankenumfrage bereits, dass die Investitionsbereitschaft der Unternehmen – und damit die Nachfrage nach langfristigen Krediten – gesunken ist. KfW Research schätzt, dass mittelständische Unternehmen ihre geplanten Investitionen in diesem Jahr um rund 60 Milliarden Euro reduzieren werden.

Auch David Lynne, Chef des Firmenkundengeschäfts der Deutschen Bank, sagte: „Die schwache Konjunktur dürfte die Nachfrage nach klassischen Unternehmenskrediten dämpfen.“ Kompensiert wird das aus seiner Sicht „aber durch einen wachsenden Bedarf an Finanzierungen für Infrastrukturprojekte sowie Investitionen für den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft“.

Das Kreditgeschäft der Institute hat laut KfW zuletzt zugelegt. IMAGO/Jan Eifert

Frankfurter Bankenskyline

Das Kreditgeschäft der Institute hat laut KfW zuletzt zugelegt.

Hinzu kommt, dass viele Banken derzeit noch strengere Vorgaben für das Kreditgeschäft planen. Der wichtigste Grund für die Geldhäuser: Aus ihrer Sicht sind die wirtschaftlichen Risiken, die mit der Kreditvergabe verbunden sind, gestiegen. Schon heute sagen die Geldhäuser deshalb auch mal „Nein“: „Die Quote von Kreditablehnungen nahm gegenüber dem Vorquartal spürbar zu“, berichtet die Bundesbank.

Deutsche Banken befinden sich damit in einer Zwickmühle: Seit die Zinsen wieder steigen, trägt das Kreditgeschäft wesentlich dazu bei, dass viele deutsche Geldhäuser im laufenden Jahr sehr gut verdient haben. Andererseits steigt in einer Rezession die Gefahr, dass Unternehmen ihre Finanzierungen nicht mehr zurückerstatten können. Auf einer Tagung in Frankfurt warnte der Chef der Bankenaufsicht EZB, Andrea Enria, daher vor Kurzem: „Wenn man jetzt eine Momentaufnahme macht, sieht alles glänzend und stolz aus. Aber wenn man nach vorne schaut, ist Vorsicht geboten.“

Mit Prognosen darüber, wann die düsteren Wirtschaftsausblicke das Kreditgeschäft abflauen lassen könnten, ist KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib allerdings vorsichtig. „Die Prognoseunsicherheit ist derzeit sehr hoch, unter anderem weil wir solche Inflationsraten seit den 1970er-Jahren nicht mehr gesehen haben“, sagt sie.

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