Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2022

17:41

Klage gegen Markus Braun und andere

Wirecards Insolvenzverwalter verklagt frühere Manager wegen Darlehen über 140 Millionen Euro

Von: René Bender, Felix Holtermann, Lars-Marten Nagel, Michael Verfürden, Volker Votsmeier

Kurz bevor Wirecard zusammenbrach, flossen Millionen an die Firma Ocap aus Singapur. Nun fordert Insolvenzverwalter Michael Jaffé das Geld zurück.

Hier sollen Wirecard-Darlehen über 140 Millionen Euro versickert sein. Der Insolvenzverwalter verklagt deshalb den Vorstand und zwei Aufsichtsräte. imago images/NurPhoto

Skyline von Singapur

Hier sollen Wirecard-Darlehen über 140 Millionen Euro versickert sein. Der Insolvenzverwalter verklagt deshalb den Vorstand und zwei Aufsichtsräte.

Düsseldorf Wirecards Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat die früheren Vorstände und zwei ehemalige Aufsichtsräte wegen möglicher Pflichtverletzungen bei der Vergabe dreistelliger Millionenkredite verklagt. Das hat das Landgericht München I dem Handelsblatt am Donnerstag bestätigt. Konkret geht es um Darlehen in Höhe von insgesamt 140 Millionen Euro.

Besonders im Fokus steht dabei ein Kredit über 100 Millionen Euro, den der damalige Dax-Konzern der Firma Ocap aus Singapur im März 2020 gewährte – nur wenige Monate bevor der Konzern zusammenbrach.

Wirecard rutschte im Juni 2020 in die Insolvenz, nachdem der Konzern aus Aschheim Scheinbuchungen in Milliardenhöhe eingestehen musste. Jaffé geht davon, dass auch das Geld, das an Ocap floss, veruntreut wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen bandenmäßigen Betrugs, Untreue und Marktmanipulation, unter anderem gegen Wirecards ehemaligen CEO Markus Braun, der zurzeit in Untersuchungshaft sitzt.

Die Klage des Insolvenzverwalters ist kurz vor Weihnachten beim Gericht eingegangen und dort unter dem Aktenzeichen 5 HK O 17452/21 vor der 5. Zivilkammer anhängig. Sie richtet sich gegen Braun, den seit mehr als eineinhalb Jahren flüchtigen Jan Marsalek sowie die beiden früheren Vorstände Susanne Steidl und Alexander von Knoop. Außerdem werden die ehemaligen Aufsichtsräte Wulf Matthias und Stefan Klestil verklagt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Insolvenzverwalter Jaffé hat zudem Arrestbeschlüsse gegen Braun (140 Millionen Euro) sowie dessen MB Beteiligungsgesellschaft (35 Millionen Euro) erwirkt. Unklar ist, wie viel Geld er auf diesem Wege überhaupt noch sichern kann. Insolvenzverwalter Jaffé wollte sich am Donnerstag nicht zu der Klage äußern.

    Ex-CEO Braun weist Ansprüche zurück

    Der Sprecher von Braun sagte, sein Mandant habe Anfang des Jahres von der Klage erfahren. „Dr. Braun weist die geltend gemachten Ansprüche vollumfänglich zurück und wird sich gegen die Klage verteidigen.“ Die Klageschrift unterstelle einen Sachverhalt, der nicht zutreffe und durch Fakten widerlegt sei, teilte der Sprecher mit. „Die rechtliche Begründung trägt nicht im Ansatz.“

    Der Anwalt von Marsalek gab an, ihm sei die Klage nicht bekannt, im Übrigen wolle „unser Mandant keine Stellungnahme dazu abgeben“. Ein Sprecher von Klestil teilte mit, dass sein Mandant die Klageschrift noch nicht kenne, der Schritt aber „zu erwarten“ gewesen sei. Jaffé gehe es darum, „an das Geld aus der D&O-Versicherung zu kommen“.

    Klestil sei „da ein dankbares Ziel, denn er ist nicht beschuldigt“. Das gelte für viele andere frühere Wirecard-Verantwortliche nicht. „Und bei vorsätzlichen Straftaten zahle die Versicherung nicht“, so der Sprecher. Die Anwälte der übrigen Manager reagierten auf die kurzfristige Handelsblatt-Anfrage zunächst nicht.

    Ocap war nicht irgendein Empfänger. Das Unternehmen aus Singapur befasste sich bis 2018 mit dem Großhandel von Ölprodukten sowie Dienstleistungen für Schiffe. Dann übernahm Carlos H. die Firma, ein ehemaliger Mitarbeiter von Ex-Wirecard-Chef Markus Braun. Plötzlich widmete sich Ocap der Zwischenfinanzierung für Onlinehändler – und erhielt von Wirecard im November 2018 erstmals ein Darlehen über 100 Millionen Euro.

    Schon dieser Kredit wurde bei Wirecard heiß diskutiert und Ocap bediente ihn in der Folge zwischenzeitlich nicht. Trotzdem bekam das Unternehmen aus Singapur Ende März 2020 noch einmal 100 Millionen Euro. Neben den Experten aus dem eigenen Haus warnte auch ein Anwalt einer extern eingeschalteten Kanzlei vor „sehr weitgehenden Haftungsfreistellungen zugunsten des Issuers“.

    Streit um den Liquidator

    Ocap hat Mitte Dezember 2020 einen Antrag auf Einleitung eines Liquidationsverfahrens nach dem Recht von Singapur gestellt und einen Liquidator bestellt. Jaffé vertraute diesem jedoch nicht und schaltete seinerseits eine lokale Kanzlei ein. Mit deren Hilfe ließ er einen eigenen Liquidator wählen.

    Der Ocap-Gesellschafter und der ursprüngliche Liquidator stellten sich jedoch quer. Erst im März 2021 konnte sich Jaffé vor einem Gericht in Singapur durchsetzen. Sein Liquidator konnte die Arbeit aufnehmen. „Die Erkenntnisse daraus haben bereits Eingang in andere Arbeitsbereiche gefunden“, notierte der Insolvenzverwalter in seinem jüngsten Sachstandsbericht von Ende November.

    Die kurze Episode zeigt, wie schwierig es sich für den Insolvenzverwalter Jaffé gestaltet, in Drittländern die Interessen der Gläubiger durchzusetzen. Dabei spielten die Kredite an Ocap „eine zentrale Rolle in Bezug auf die Gesellschaften, über die Gelder aus dem Wirecard-Konzern abgeflossen sind“, wie Jaffé in seinem Bericht festhielt. Insgesamt schulde das Unternehmen aus Singapur den Wirecard-Gesellschaften 230 Millionen Euro.

    Dem Handelsblatt liegen Dokumente zur Kreditvergabe vor. Sie zeigen, dass der Geschäftsmann Henry O’Sullivan zu den Hintermännern von Ocap zählt. Der Brite ist ein enger Vertrauter von Asienvorstand Marsalek. Er steht zurzeit in Singapur wegen mutmaßlichen Urkundenfälschungen im Zusammenhang mit Wirecard vor Gericht.

    Wörtlich heißt es in den Unterlagen, dass Darlehen an die Firma vor einem „strategischen Hintergrund“ vergeben worden seien. Ausschlaggebend seien dabei Geschäftspartner gewesen, mit denen Wirecard schon in anderen Bereichen eng zusammengearbeitet habe. „Dies war vorliegend ebenfalls in Person von Henry O’Sullivan der Fall.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×