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18.11.2022

19:35

Kreditvergabe

Banken zahlen unerwartet wenig EZB-Billigkredite zurück

Von: Yasmin Osman, Andreas Kröner, Elisabeth Atzler, Dennis Schwarz

Beim Tilgungstermin fällt die Resonanz der Institute gering aus – obwohl die Darlehenskonditionen bald deutlich schlechter werden. Dafür könnte es vor allem zwei Gründe geben.

Die EZB hat die Konditionen eines Langfristkredit-Programms verschlechtert. Doch beim ersten Rückzahlungstermin gab es eine Überraschung. dpa

Skyline Frankfurt mit der EZB

Die EZB hat die Konditionen eines Langfristkredit-Programms verschlechtert. Doch beim ersten Rückzahlungstermin gab es eine Überraschung.

Frankfurt Die Erwartungen waren klar formuliert. Er rechne mit „beträchtlichen“ vorzeitigen Rückzahlungen, gab EZB-Vize Luis de Guindos noch vor wenigen Tagen zu Protokoll. Doch das erwies sich als Irrtum. Seit Freitag ist klar, dass die Banken in der Euro-Zone trotz schlechterer Konditionen deutlich weniger von den umstrittenen Billigdarlehen vorzeitig zurückzahlen als gedacht.

Nach Angaben der EZB haben die Institute der Euro-Zone angekündigt, im November nur 296 Milliarden Euro der ausstehenden Darlehenssumme von 2,1 Billionen Euro zu überweisen. Ökonomen hatten mit rund 600 Milliarden Euro gerechnet.

Für die Zurückhaltung könnte es vor allem zwei Gründe geben: Hochrangige Banker glauben, dass manche Geldhäuser angesichts der unsicheren Rahmenbedingungen lieber etwas dickere Liquiditätspuffer vorhalten. Zudem hänge von der Rückzahlung der Kredite auch ab, ob Banken Gewinne aus den Programmen 2022 oder erst 2023 verbuchen können.

Für Kreditnehmer ist es eher eine gute Nachricht, wenn sich die Banken mit den Rückzahlungen Zeit lassen. „Eine umfangreiche vorzeitige Rückzahlung hätte die Liquidität im Markt sehr stark reduziert“, sagt Jens Eisenschmidt, Europaökonom der US-Investmentbank Morgan Stanley. „Das würde sich auch auf die generellen Kreditkonditionen auswirken und zu steigenden Zinsen für Kunden führen.“

Die EZB hatte am 27. Oktober entschieden, die Regeln für die in den vergangenen Jahren ausgereichten Billigkredite nachträglich zu ändern. Um eine Kreditklemme zu vermeiden, hatte der EZB-Rat ein Refinanzierungsprogramm zu extrem vorteilhaften Konditionen aufgelegt, im Fachjargon TLTRO genannt, von dem aktuell das Dritte läuft. Die einzige Bedingung: Die teilnehmenden Banken sollten den Kreditfluss an Unternehmen aufrechterhalten, um die Konjunktur zu stabilisieren.

Doch durch die Zinswende konnten die Banken zuletzt dieses günstige Geld zu stark steigenden Zinsen einfach bei den Notenbanken parken – und damit risikolose Sondergewinne einfahren. Die Bürgerbewegung Finanzwende sprach von „Geldgeschenken für Banken“. Mit der nachträglichen Änderung ab diesem Monat macht die EZB dies nun deutlich unattraktiver – was viele Banken kritisch sehen.

Banken verlieren wichtige Ertragsstütze

„Es ist richtig, dass die EZB die Konditionen geändert hat“, sagt Ökonom Eisenschmidt. „Sie hatte das während der Laufzeit der TLTROs aus geldpolitischen Erwägungen heraus bereits zwei Mal zugunsten der Banken getan, diesmal eben zu ihren Lasten.“

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Ohne die Änderungen der EZB hätten Banken im vierten Quartal mithilfe der EZB-Darlehen 7,9 Milliarden Euro mehr verdienen können als im zweiten Quartal, haben die Analysten der Jeffries Financial Group ausgerechnet. Für einige Institute waren die Billigkredite eine wichtige Ertragsstütze: Die Ratingagentur Moody’s schätzt, dass TLTRO-Kredite bei den Landesbanken BayernLB, Helaba und LBBW 2021 einen Anteil von einem Fünftel bis einem Viertel am Vorsteuergewinn hatten.

Entsprechend groß ist der Frust bei vielen in der Finanzbranche. „Wir sind tief enttäuscht über diese Entscheidung, nachträglich die Konditionen zu verändern“, sagte der Finanzvorstand der Deutschen Bank, James von Moltke, bei Vorlage der Quartalszahlen. So undiplomatisch reden Topmanager selten über die Notenbank, immerhin ist die EZB auch oberste Bankenaufseherin für die Geldhäuser der Euro-Zone.

Manche Banken haben nun Extrakosten statt Extragewinne

Doch für die Banken geht es um viel. Nach den Anpassungen durch die EZB fallen bei einigen Banken statt Extragewinnen nun zusätzliche Kosten an: Manche Institute hatten die EZB-Darlehen nämlich mit Derivaten gegen Zinsschwankungen abgesichert. Diese Versicherungen müssen sie nun teuer wieder auflösen.

Bei der niederländischen ING belaufen sich die Extrakosten auf 315 Millionen Euro, bei der italienischen Unicredit auf 313 Millionen Euro. Bei der Wiesbadener Aareal Bank geht es laut Quartalsbericht um einen niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

„Einige Banken müssen nun Zusatzbelastungen schultern, und ihnen entgeht ein gewisser Teil an Einnahmen“, räumt Morgan-Stanley-Experte Eisenschmidt ein. „Aber die durch die steigenden Zinsen stark verbesserten Ertragsaussichten können das insgesamt mehr als ausgleichen. Die geänderten Bedingungen für den TLTRO sind da mehr ein Ärgernis, das bei den meisten nicht wirklich ins Gewicht fällt.“

In einzelnen Geldhäusern kocht die Wut über die EZB-Entscheidung dennoch so hoch, dass sogar über Klagen gegen die Notenbank nachgedacht wurde. Der EZB war bewusst, dass sie mit ihrem Schritt Rechtsrisiken eingeht. Das habe man abgewogen, hatte EZB-Präsidentin Lagarde nach der Entscheidung eingeräumt. Bislang ist aber noch kein Fall bekannt, in dem ein Geldhaus die Notenbank deswegen vor Gericht gezogen hätte.


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Der Vertrauensverlust in der Finanzbranche ist dennoch groß. „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass Gesetze gehalten werden“, sagte Lutz Diederichs, Chef der BNP Paribas in Deutschland, vor Kurzem auf einer Finanzkonferenz. Mit ihrem Vorgehen stelle die EZB die Rechtssicherheit in der Euro-Zone infrage, wetterte der Topmanager. „Das ist ein Beispiel, das auch Investoren abschreckt, wenn sie sehen, dass ex-post Dinge verändert werden, die vereinbart waren.“

Große Nachfrage gab es vor allem aus Frankreich und Italien

In den vergangenen Jahren haben Banken in unterschiedlichem Ausmaß die Billigkredite der EZB in Anspruch genommen. Von den aktuell noch ausstehenden 2,1 Billionen Euro liegen 459 Milliarden Euro bei französischen Banken, weitere 431 Milliarden Euro bei italienischen Instituten. Deutsche Geldhäuser liegen mit zusammen 399 Milliarden Euro auf Rang 3.

Welche Auswirkungen die Verteuerung der TLTRO-Darlehen auf die Ertragslage der Banken hat, ist höchst unterschiedlich. „Die Unterstützung durch den TLTRO III waren und bleiben wesentlich für französische Banken“, schrieb die Ratingagentur Scope im September.

Auch italienische Banken haben sich umfangreich TLTRO-Mittel gesichert. Die Analysten von Scope hatten damit gerechnet, dass nun viele italienische Banken diese TLTRO-Darlehen vorzeitig zurückzahlen würden. Sie hatten aber auch darauf verwiesen, dass die Billigdarlehen auch nach dem 23. November eine günstige Refinanzierungsquelle sein dürften. Daher würden die Institute die TLTRO-Mittel nicht vollständig zurückzahlen.

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Auch viele deutsche Häuser haben die EZB-Darlehen genutzt. Bei der Deutschen Bank waren es Ende September 2022 noch 44,7 Milliarden Euro, die in den ersten neun Monaten 253 Millionen Euro eingebracht hatten. Bei der DZ Bank waren es 32,4 Milliarden Euro, die im ersten Halbjahr 78 Millionen Euro einbrachten. Die Aareal Bank, die bislang noch 5,3 Milliarden Euro geliehen hatte, kündigte in ihrem Quartalsbericht an, 4,3 Milliarden Euro davon vorzeitig an die EZB zurückzugeben.

Die Commerzbank hatte sich insgesamt 35,9 Milliarden Euro geliehen. Auf einen Teil hat sie aufgrund der veränderten Konditionen nun verzichtet: „Die Commerzbank wird am 23. November einen ersten Teil der Gelder aus dem TLTRO-III-Programm der Europäischen Zentralbank zurückzahlen und von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen“, sagte ein Sprecher. Über weitere vorzeitige Rückzahlungen werde die Bank noch entscheiden.

Aus Sicht der Commerzbank zeigen die TLTRO-Anpassungen, dass Banken grundsätzlich vorsichtig vorgehen sollten, wenn sie mit Einnahmen infolge geldpolitischer Maßnahmen kalkulieren. Die Zinspolitik der EZB könne sich schließlich – genauso wie die Bedingungen von Kreditprogrammen – ändern, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp kürzlich. „Konservativ rangehen hilft manchmal.“

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