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19.08.2022

16:49

Mailänder Großbank

Übernahmen auf Eis: Regierungskrise in Italien wird für Unicredit zum Problem

Von: Christian Wermke

Unicredit-Chef Orcel braucht die Zustimmung aus Rom für neue Zukäufe. Aber im September wird gewählt – mit unklaren Folgen für Italiens Stabilität und den Mutterkonzern der Hypovereinsbank.

Er wurde auch fürs M&A-Geschäft geholt. Bisher hat er in dem Bereich noch kaum geliefert. Unicredit

Unicredit-Chef Andrea Orcel

Er wurde auch fürs M&A-Geschäft geholt. Bisher hat er in dem Bereich noch kaum geliefert.

Rom Es hätte sein erster großer Deal sein sollen: Vergangenes Jahr wollte Unicredit-Chef Andrea Orcel dem italienischen Staat die Krisenbank Monte dei Paschi di Siena (MPS) abkaufen. Die Verhandlungen waren weit gediehen, für die Regierung in Rom war die Übernahme durch die Mailänder Großbank die perfekte Lösung.

Doch dann platzte das Geschäft auf der Zielgeraden. Orcel soll damals eine zu hohe Kapitalerhöhung durch den Staat gefordert haben: Die von ihm angepeilten 6,5 Milliarden Euro waren doppelt so viel, wie Rom bereit war zu zahlen.

Für die Regierung war das Scheitern unangenehm: Eigentlich hatte die EU-Kommission Italien eine Frist bis Ende vergangenen Jahres gegeben, um die Bank aus Siena wieder zu privatisieren.

Seit 2017 gehört MPS dem Finanzministerium, das das Institut damals vor der Pleite rettete. Rom musste in Brüssel um eine Verlängerung der Deadline bitten und weiter Kapital nachschießen: 2,5 Milliarden frisches Geld braucht MPS, für 1,4 Milliarden Euro. Dafür müssen wohl die Steuerzahler aufkommen.

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    Das Verhältnis zwischen Bank und Staat gilt seitdem als angeknackst, auch wenn das niemand aus der Regierung offiziell bestätigt. Nun soll Orcel hochkarätige PR-Leute engagiert haben, um die Wogen zu glätten. Wie Bloomberg berichtete, soll Gianluca Comin dabei die Federführung haben. Der Unternehmensberater gilt als Kommunikationsprofi, er hat die römische PR-Agentur Comin & Partners gegründet. Von Unicredit gab es dazu auf Nachfrage keinen Kommentar.

    Orcel machte Italien zur Chefsache

    Sinn machen würde die Imagepflege: Die Muttergesellschaft der Hypovereinsbank (HVB) will weiter auf dem Heimatmarkt wachsen. Orcel hat immer wieder die Wurzeln der Bank betont – und Italien zuletzt gar zur Chefsache erklärt. Das Italiengeschäft, das bislang gut die Hälfte der Umsätze ausmacht, hat der CEO in seinen eigenen Verantwortungsbereich gezogen.

    Orcel agiert derzeit aus einer Position der Stärke. Seit gut anderthalb Jahren ist er in Mailand an der Macht und konnte zuletzt starke Zahlen präsentieren. Obwohl das Russlandgeschäft auf den Gewinn drückt, konnte der 59-Jährige das „beste Ergebnis der vergangenen Dekade“ verkünden.

    Das zweite Quartal war mit knapp zwei Milliarden Euro Nettogewinn sogar ein Rekordquartal. Die harte Kernkapitalquote (CET 1) erhöhte sich auf 15,73 Prozent. Für das laufende Jahr werden nun vier Milliarden Euro Nettogewinn angepeilt – 700 Millionen Euro über den bisherigen Planungen.

    Orcel wurde aber auch für das eher stockende M&A-Geschäft geholt. Sein Vorgänger Jean-Pierre Mustier war zu zögerlich bei möglichen Aufkäufen. Orcel ist vom Typ her eher ein Dealmaker, ein Investmentbanker alter Schule. Doch ausgerechnet bei den Übernahmen hat er bisher keine Erfolge vorzuweisen.

    Denn auch der zweite große Deal scheiterte: Unicredit wollte die kleinere Banca Popolare di Milano übernehmen. BPM ist die drittgrößte Bank Italiens. Durch den Zusammenschluss hätte Orcel zum italienischen Marktführer Intesa Sanpaolo aufschließen können, der besonders im wirtschaftsstarken Norden weit mehr Filialen betreibt als Unicredit.

    Fusionen nannte Orcel in einem seiner seltenen Interviews „einen Weg, um das Wachstum zu beschleunigen“ – ging aber nicht auf konkrete Übernahmen ein. Unicredit sehe sich weiterhin als Käufer, erklärte er der Zeitung „La Repubblica“ vor ein paar Wochen – aber „zu den richtigen Bedingungen“.

    Das rechte Lager liegt in Umfragen vorn

    Für künftige Übernahmen im Inland braucht Orcel die Unterstützung der Regierung. Allerdings ist diese nur noch kommissarisch im Amt: Mario Draghis Kabinett trat vor vier Wochen zurück und kann sich derzeit nur noch um „dringende Geschäfte“ kümmern. Am 25. September wird ein neues Parlament gewählt. Bislang hat das rechte Lager eine Mehrheit in den Umfragen. Giorgia Meloni von der postfaschistischen Partei „Fratelli d’Italia“ könnte die nächste Ministerpräsidentin werden.

    Die Politikerin der „Fratelli d’Italia“ könnte die nächste Ministerpräsidentin werden. IMAGO/Matteo Gribaudi

    Giorgia Meloni

    Die Politikerin der „Fratelli d’Italia“ könnte die nächste Ministerpräsidentin werden.

    Das Timing der politischen Krise sei „nicht ideal“, erklärte Orcel im Interview. Aber welche Regierung auch immer an die Macht komme: „Sie kann nicht zu sehr von der aktuellen Fahrtrichtung abweichen.“ Er glaubt nicht, dass sich in der Substanz viel ändern werde, vor allem in Bezug auf die Reformen.

    Die Draghi-Regierung war reformeifrig wie lange keine italienische Koalition mehr. Auch, weil viele der Reformen an Zahlungen aus dem europäischen Wiederaufbaufonds gekoppelt sind. Gleichzeitig versuchten Draghi und seine Minister, die hohe Verschuldung zu begrenzen.

    Italien hat mit 2,766 Billionen Euro zwar so viele Verbindlichkeiten wie nie zuvor. In Relation zur Wirtschaftsleistung ist die Verschuldung in den vergangenen zwei Jahren aber um mehr als zehn Prozentpunkte gefallen, einmalig in der Historie.

    Durch die Regierungskrise und die Ungewissheit, wer nach der Wahl an die Macht kommt, sind die Renditen für Staatsanleihen zuletzt sprunghaft angestiegen. Bis Ende des Jahres müssen rund 146 Milliarden Euro neu finanziert werden – der Schuldendienst des Landes wird sich damit vorübergehend verteuern.

    Unicredit hält italienische Staatsanleihen im Wert von rund 41 Milliarden Euro. Das Analysehaus Jefferies hob ihr Kursziel für Unicredit in dieser Woche trotzdem an: von 16 auf 17 Euro. Er bleibe positiv gestimmt für südeuropäische Banken, schrieb der Analyst Benjie Creelan-Sandford. Politische und wirtschaftliche Unsicherheiten schienen weitgehend eingepreist.

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