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17.06.2022

13:28

McKinsey-Studie

„Höchste Zeit zu handeln“ – Deutsche Fintech-Landschaft verliert Anschluss an Konkurrenz

Von: Dennis Schwarz

Laut einer Studie wird der Abstand deutscher Digital-Finanzunternehmen immer größer. Vier Faktoren sorgen für die schlechte Performance der deutschen Gründungen.

Die Hauptstadt ist bei deutschen Fintechs gefragt. Imago/Westend61

Skyline von Berlin

Die Hauptstadt ist bei deutschen Fintechs gefragt.

Frankfurt Die Deutsche Fintech-Landschaft hängt im europäischen Vergleich zurück: Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Zwar zählten Finanz-Start-ups (Fintechs) hierzulande bereits zu den wertvollsten Finanzdienstleistern überhaupt. Doch der Rückstand gegenüber Wettbewerbern anderer europäischer Länder, insbesondere aus Großbritannien, Schweden und den Niederlanden, sei mittlerweile erheblich, heißt es weiter.

Der Appell: Es ist jetzt „höchste Zeit zu handeln“. Sonst drohten gravierende Folgen wie etwa eine Entmutigung von Gründern. Außerdem sei es eine verpasste Gelegenheit in Bezug auf zusätzliche Investitionen, Finanzierungen sowie Tausende Arbeitsplätze der nächsten Generation wie etwa Data Scientists.

Die Autoren der Studie sehen vier Faktoren für das schlechte Abschneiden: die Gründungsquote, die Skalierung, die Finanzierung sowie die Regulierung.

Gründungsquote

Die Zahl der Firmengründungen – im Allgemeinen und im Fintech-Sektor – lägen deutlich unter der in anderen Ländern, heißt es in der Studie. So komme Deutschland bei der Zahl der Fintechs pro Kopf nur auf sieben Fintechs pro eine Million Einwohner. Zum Vergleich: Großbritannien oder die USA liegen bei 26 beziehungsweise 21.

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Standort erkennen

    „Die niedrige Zahl der Firmengründungen ist zum einen kulturell bedingt, zum anderen auch auf den bürokratischen Aufwand zurückzuführen“, sagt Max Flötotto, McKinsey-Partner und Co-Autor der Studie im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bereits im vergangenen Jahr kritisierte der geschäftsführende Gesellschafter des Inkubators Flying Health Markus Müschenich: „Beim Thema Fördergelder ist Deutschland komplett durchbürokratisiert.“

    Und ein weiteres Problem zeichnet sich ab: Denn standardmäßig zählt Deutschland eigentlich zu den Ländern mit den höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. 2020 lag der Anteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei etwa 3,14 Prozent. Doch während Unternehmen etwa in den USA und China in dem Bereich 2020 laut Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Ausgaben massiv gesteigert haben, investierte die deutsche Industrie 6,3 Prozent weniger als zuvor.

    Grafik

    Skalierung

    Zwar habe Deutschland laut der McKinsey-Studie mehr Fintechs mit einem Unternehmenswert zwischen 50 Millionen und einer Milliarde Dollar (etwa 50) als etwa Frankreich (etwa 40) oder Schweden (etwa 30), aber beim Wachstum über die Marke von einer Milliarde Dollar hinaus „gibt es offenbar Schwierigkeiten“. Start-ups mit einer Bewertung über einer Milliarde Dollar werden auch als Einhörner bezeichnet. Die begrenzte Größe hänge laut den Autoren direkt mit der Internationalisierung und damit mit einem schwächeren Wachstumspotenzial zusammen.

    Die Unterschiede sind bereits bei den größten Akteuren sichtbar. Erst Ende des vergangenen Jahres gab Deutschlands wertvollstes Fintech N26 den Rückzug aus den USA bekannt und ist damit derzeit nur noch auf dem europäischen Markt aktiv. Künftig will N26 aber auch in Brasilien starten. Zum Vergleich: N26-Konkurrent Revolut ist etwa auch in den USA, Japan oder Singapur vertreten.

    Bei den führenden Neobrokern sowie B2B-Fintechs ergebe sich ein ähnliches Bild, heißt es in der Studie. B2B-Fintechs haben einen Fokus auf Geschäftskunden (Business-to-Business).

    Finanzierung

    2021 war ein neues Rekordjahr: Investoren steckten insgesamt 4,6 Milliarden Euro in Fintechs in Deutschland. Das ist fast 2,6-mal so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2019, wie Comdirect und Barkow Consulting ermittelt haben.
    Das Problem: „Über 80 Prozent des Geldes kommt aus dem Ausland“, sagt Flötotto. Diese anhaltende Abhängigkeit von ausländischen Investoren könne laut der Studie vor dem Hintergrund der wachsenden Volatilität an den internationalen Märkten zu potenziellen Reputations- und Regulierungsrisiken führen.

    Erst kürzlich erweiterte etwa der Münchener Neobroker Trade Republic seine letzte Finanzierungsrunde um 250 Millionen Euro. Angeführt wird das neue Investment vom kanadischen Lehrerpensionsfonds OTPP.

    „Große deutsche und europäische Kapitalquellen werden aufgrund von restriktiven Regulierungsvorschriften nicht ausreichend genutzt“, heißt es in der Studie. Während etwa schwedische Pensionsfonds bis zu 40 Prozent ihres Kapitals in illiquide Anlagen investieren dürften, seien es in Deutschland gerade einmal 7,5 Prozent. Illiquide Anlagen können kurzfristig nur schwer gegen Geldmittel eingelöst werden.

    Zudem würden laut der Studie nur zwölf Prozent der Investitionen in Fintechs in Early-Stage-Start-ups fließen. Early-Stage-Start-ups beschreiben Start-ups in frühen Gründungsphasen. Dieser ohnehin geringe Anteil konzentriere sich zudem auf einige wenige prominente Scale-ups.

    „Dieses Ungleichgewicht droht, die Pipeline auszutrocknen, denn dadurch haben Fintechs in frühen Phasen weniger Zugang zu Kapital, als das Gesamtfinanzierungsvolumen suggeriert“, warnen die Autoren.

    Regulierung

    Auch im regulatorischen Umfeld sehen die Autoren Handlungsbedarf: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern läge der Fokus bei der Definition und Umsetzung von Regulierungsvorschriften häufig stärker auf Risikovermeidung als auf Innovation oder Kundenerfahrung.

    Zudem sei die Form der Zusammenarbeit insbesondere für kleine Fintechs nicht immer optimal gestaltet. So fehle etwa für kleine Unternehmen unter Umständen eine klar definierte Kontaktperson, heißt es weiter.

    „In Frankreich wird programmatisch über die Förderung von Fintechs gedacht und gehandelt“, sagt Flötotto. So gibt es dort etwa ein eigenes Gremium, das Fintechs helfen soll, sich im Regulierungssystem zurechtzufinden, und sie an die relevanten Behörden verweist.

    Doch die Autoren heben auch Maßnahmen der deutschen Finanzaufsicht Bafin hervor: 2021 habe sie etwa die erste Lizenz für das Erbringen des Kryptoverwahrgeschäfts erteilt und damit Deutschland als „kryptofreundliches“ Land etabliert.

    An einem Strang ziehen

    Trotz vieler Kritikpunkte: „Die Fintech-Branche hat eine ganze Menge erreicht und traditionelle Banken in gewissen Bereichen vor sich hergetrieben“, sagt Flötotto. Die Ergebnisse sind unabhängig vom aktuellen Marktumfeld, sagt der Co-Autor der Studie.
    Ukrainekrieg, Inflation und Zinswenden setzen die Fintechs derzeit bereits unter Druck.

    Die Forderung von Flötotto: „Die Politik und die Fintech-Branche muss kurzfristig auf die Krise reagieren, aber die langfristigen strukturellen Veränderungen bleiben wichtig, um das Potenzial wirklich auszuschöpfen.“ Auch in der Studie schreiben die Autoren: Wenn Deutschland wieder Boden gutmachen wolle, müssten die Fintech-Stakeholder hierzulande jetzt handeln und an einem Strang ziehen.

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