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28.06.2022

17:52

M&A Expert Days

Der Markt für Fusionen und Übernahmen schwächelt – aber wie lange noch?

Von: Luisa Bomke

Branchenvertreter diskutieren über die Herausforderungen des M&A-Marktes. In Zeiten von Krieg und steigenden Zinsen wird vor allem die Finanzierung der Deals erschwert.

Branchenvertreter ordnen die Situation auf dem Markt für Fusionen und Übernahmen ein.

Handelsblatt-Tagung M&A Experts Days

Branchenvertreter ordnen die Situation auf dem Markt für Fusionen und Übernahmen ein.

Düsseldorf Sechs Trillionen Dollar haben Fusionen und Übernahmen (M&A) im Jahr 2021 umgesetzt – ein Rekord. Im Jahr 2022 hingegen sind die Anzahl der Transaktionen und das Volumen um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Grund dafür sind nicht nur Lieferengpässe und der Ukrainekrieg, sondern vor allem die volatilen Märkte und die Zinswende.

Zwar zeigen Deals wie die 1,5 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Softwarespezialisten Brightly durch Siemens, dass es auch aktuell noch große Transaktionen gibt. Der M&A Expert Day des Handelsblatts zeigt aber: Insgesamt blickt die Branche vorsichtig auf die kommenden Monate. Unterschiedliche Auffassungen herrschen hingegen darüber, wie lange diese Schwächephase anhält.

Dieter Veit, Leiter des M&A-Geschäfts bei Société Générale, sagt: „Wir müssen erst mal gucken, wohin die Situation in den kommenden sechs Monaten geht.“ Vorher sei es schwierig, eine Prognose zu treffen. Berthold Fürst, M&A-Leiter der Deutschen Bank, geht von einer temporären Schwächephase im M&A-Markt aus. „Die Zinsen steigen schneller als erwartet. Das wird die Situation kurzfristig erschweren – so lange, bis die Unsicherheiten bereinigt sind.“

Im März hat der Ukrainekrieg das lange boomende Geschäft mit Fusionen und Übernahmen abrupt gebremst. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben sich kaum Unternehmen zugetraut, große Übernahmen zu stemmen, und wenn doch, dann haben Käufer und Verkäufer beim Preis nur schwer zueinander gefunden. Laut einer Analyse des Informationsdienstleisters Refinitiv hingen Mitte März rund 350 Transaktionen im Wert von 10,7 Milliarden Dollar mit russischer Beteiligung in der Schwebe.

Dennoch sagt Tibor Kossa, Co-Leiter des M&A-Geschäfts bei Goldman Sachs: „Die Ukraine ist ein schreckliches Ereignis. Aber für den M&A-Markt viel weniger wichtig, als oft gesagt wird.“ Viel gravierender seien die Auswirkungen der Zinswende sowie der sehr volatilen Märkte auf das M&A-Geschäft.

Wichtiger Einfluss der Zinswende

Vor allem die Finanzierung der Transaktionen wird schwieriger: Die Eigenkapitalmärkte sind zu, Exits über die Börse sind derzeit unmöglich, und auch die Fremdkapitalangebote sind deutlich restriktiver geworden. Immer häufiger werden bei Übernahmen und Fusionen die Fremdkapitalkomponenten nicht von den Banken, sondern von Kreditfonds zur Verfügung gestellt.

In den vergangenen Jahren sorgten zum Beispiel rekordniedrige Zinsen der Notenbanken dafür, dass Übernahmefinanzierungen günstig blieben. Hinzu kamen prall gefüllte Kassen der Finanzinvestoren, die immer mehr und immer größere Transaktionen tätigten.

Aktuell straffen Notenbanken weltweit ihre Geldpolitik und entziehen dem Markt so Liquidität. Damit nimmt auch das Risikobewusstsein vieler Investoren zu – und führt dazu, dass viele Akteure ihre Aktivität vorerst reduzieren. Strategisches M&A werde laut Holger Knittel, Leiter der M&A in der Dach-Region der Citibank, weiterhin stattfinden. „In bestimmten Sektoren wird es M&A geben. Für die Vielzahl der Bereiche sehe ich das aber nicht.“

Birger Berendes von der Bank of America hingegen relativiert die Situation: „Wir sehen in allen Bereichen Transaktionsaktivitäten, vor allem im Infrastrukturbereich stehen alle Ampeln auf Grün“, sagt der Experte. Innerhalb eines eher schwachen makroökonomischen Umfelds bringen Infrastrukturinvestitionen die notwendigen kalkulierbaren und defensiven Investmenteigenschaften, die von vielen Investoren gerade dann gesucht werden.

Generell stehen Transaktionen mit einem Bezug zu erneuerbaren Energien oder dem Rückzug aus fossilen Brennstoffen ganz oben auf der Agenda. Das Ziel, von russischer Energie unabhängig zu werden, verstärkt diesen Fokus. Unternehmen mit mehreren Segmenten müssten sich jetzt überlegen, wo sie die größte Preissetzungsmacht haben, so Berendes. Das sei gerade in einem inflationären Markt zentral.

Der Experte von der Bank of America ist trotz des aktuellen Marktumfelds optimistisch.

Birger Berendes

Der Experte von der Bank of America ist trotz des aktuellen Marktumfelds optimistisch.

Zunehmen dürften laut Berendes transatlantische M&A Transaktionen. Schon in der Vergangenheit gab es in Perioden eines vergleichsweise starken US-Dollar einen Anstieg von Übernahmen in Großbritannien und Kontinentaleuropa durch US-Investoren. „Meist sind die Unternehmen schon vorher an einer Übernahme interessiert. Der Wechselkurs ist dann einer der ausschlaggebenden Punkte“, macht Berendes deutlich.

Das könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass sich der M&A-Markt trotz Finanzierungsengpässen schneller erholt als erwartet. Mit Blick auf die aktuelle Krise sagt Dr. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): „Es gibt Zeichen dafür, dass wir schon am Wendepunkt der Krise sind, wenn wir uns den Aktienmarkt angucken. Auch weil wir nicht von einer Rezession ausgehen.“

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