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07.01.2020

10:40

Negativzinsen

Immer mehr Banken berechnen Minuszinsen

Von: Elisabeth Atzler, Andreas Kröner

Die Zahl der Geldhäuser mit Negativzinsen oder Extragebühren für Tagesgeld steigt weiter. Zugleich horten die Kreditinstitute zusehends Bargeld.

Die Zahl der Banken, die Minuszinsen veranschlagen, steigt. Die Minuszinsen greifen meist nur bei vermögenden Kunden. imago/Christian Ohde

Negative Zinsen

Die Zahl der Banken, die Minuszinsen veranschlagen, steigt. Die Minuszinsen greifen meist nur bei vermögenden Kunden.

Frankfurt Immer mehr Banken berechnen Privatkunden ab einer bestimmten Anlagesumme Minuszinsen – und legen das auch in ihren Preisverzeichnissen fest. Dem Vergleichsportal Verivox zufolge ist die Zahl der Kreditinstitute, die laut Preisaushang für Tagesgeld Minuszinsen von meist 0,5 Prozent veranschlagen, von zuletzt 25 auf nun 30 gestiegen.

Bei den fünf zusätzlichen Häusern handelt es sich jeweils um Genossenschaftsbanken. Weitere sieben Geldhäuser verlangen eine Gebühr für Tagesgeld – wobei zwei der Banken zugleich Minuszinsen berechnen. Verivox verweist zudem auf 21 Banken und Sparkassen, bei denen private Kunden laut Berichten verschiedener Medien, darunter dem Verbraucherportal Biallo, unter Umständen Minuszinsen berappen müssen.

In der Regel verlangen die Geldhäuser Negativzinsen nur von vermögenden Privatkunden – oft ab Einlagen von 100.000 Euro, 500.000 Euro oder einer Million Euro. Daneben gibt es einige wenige Banken, die schon ab dem ersten Euro Minuszinsen berechnen oder eine Extragebühr verlangen. Teils gilt das jedoch nur für Neukunden. Diese Kreditinstitute versuchen so, hohe Mittelzuflüsse neuer Kunden abzuwehren.

Hinter dem Vorgehen verbirgt sich nichts anderes als die Absicht der Institute, die Strafzinsen, die ihnen die Europäische Zentralbank (EZB) berechnet, an ihre Privatkunden weiterzugeben. Im September hat die Notenbank den Strafzins für Einlagen der Geldhäuser auf 0,5 Prozent erhöht. Der EZB-Strafzins führt dazu, dass die deutschen Institute laut Berechnung der Branche pro Jahr rund 1,9 Milliarden Euro Strafzinsen an die EZB zahlen müssen.

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    Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox Finanzvergleich, rechnet damit, dass in den nächsten Wochen und Monaten weitere Banken ihre Preisaushänge anpassen. Und: „Wir wissen, dass tatsächlich sogar noch deutlich mehr Institute Negativzinsen von privaten Tagesgeldanlegern verlangen.“

    Grafik

    „Diese Banken veröffentlichen ihre Konditionen entweder nicht online oder haben mit ihren vermögenden Privatkunden individuelle Vereinbarungen getroffen“, so Maier. Viele Banken versuchen, mit vermögenden Kunden Einzelabsprachen für die Berechnung von Negativzinsen bei kurzfristigen Einlagen wie Girokonten und Tagesgeld zu treffen.

    Besonders Firmenkunden von Strafzinsen betroffen

    Das hatte kürzlich eine Erhebung der Bundesbank ergeben: Laut dem Monatsbericht der Notenbank für November 2019 meldeten 23 Prozent der befragten Banken einen „negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz“ für ihre Sichteinlagen. Das entspricht einem Viertel der gesamten Einlagen privater Haushalte bei deutschen Banken.

    „Negative Zinsen werden hier vor allem von Großbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken berechnet“, schreibt die Bundesbank, die für ihre Berechnungen 220 Geldhäuser befragt hat. Die Notenbank hält die Ergebnisse aber für repräsentativ für den gesamten deutschen Bankensektor.

    Für Firmenkunden sind Strafzinsen noch verbreiteter. 58 Prozent der von der Bundesbank befragten Institute hätten einen negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz auf Sichteinlagen von Unternehmen gemeldet, heißt im Bundesbankbericht.

    Commerzbank und Comdirect ändern Festgeld-Angebote

    Neben der Weitergabe von Negativzinsen passen einige Banken auch ihre Kontoangebote an die gegenwärtige Zinspolitik an. Die Onlinebank Comdirect bietet Tagesgeldkonten für Neukunden seit November nicht mehr als eigenständiges Produkt an, sondern nur noch in Kombination mit einem Girokonto. „Da der Zinssatz bei allen Anlagekonten bei 0,0 Prozent lag, machte eine Trennung in unterschiedliche Kontotypen keinen Sinn mehr“, erklärte eine Sprecherin am Dienstag und bestätigte damit eine Meldung von „Finanzszene.de“.

    Der Comdirect-Mutterkonzern Commerzbank bietet Tagesgeldkonten für Neukunden seit November nicht mehr kostenlos, sondern nur noch für Nutzer des sogenannten „Premium-Kontos“. Dabei handelt es sich um die Kontovariante mit einer Gebühr von 12,90 Euro pro Monat. Festgelder biete die Bank nur noch in US-Dollar und britischen Pfund an.

    Neben Firmenkunden müssen bei der Commerzbank bisher lediglich sehr vermögende Privatkunden Negativzinsen bezahlen. Die Bank habe begonnen Kunden anzusprechen, „die alle deutlich über eine Million haben“, sagte Finanzchef Stephan Engels im November. Comdirect hat ein Verwahrentgelt von 0,5 Prozent nach eigenen Angaben bisher „nur individuell mit ausgewählten Bestandskunden mit sehr hohen Sichteinlagen von mehr als 250.000 Euro“ vereinbart.

    Deutsche Banken horten mehr als 40 Milliarden Euro

    Die Geldhäuser reagieren auf die EZB-Strafzinsen auch, indem sie mehr Bargeld horten. Nach Bundesbank-Zahlen hielten deutsche Kreditinstitute per Ende November Bargeld im Wert von 40,1 Milliarden Euro. Das sind neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor und 43 Prozent mehr als vor zwei Jahren. Im August und somit vor der EZB-Zinsentscheidung lag die Summe noch bei 38,3 Milliarden Euro.

    Grundsätzlich benötigen Finanzinstitute einen gewissen Kassenbestand, um den Zahlungsverkehr abzuwickeln und Kunden mit Bargeld zu versorgen. Der kräftige Anstieg dürfte aber vor allem daran liegen, dass die Geldhäuser Negativzinsen vermeiden wollen.

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